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Anna und der Schmerz in unseren Köpfen
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24. Mai 2013 von Helmuth Santler

„Die Essenz der Kunst ist etwas Metaphysisches und hat nichts mit Stil, Technik oder sogar Inhalt zu tun.“ Gottfried Helnwein, der Schocker, der Bilder gewordene Aufschrei, der bluttriefende Schmerz in Öl, der brutale Hyperrealist: Bescheiden, fast schüchtern wirkt es, wenn er sich öffentlich eingesteht, dem eigentlichen Wesen seines Tuns noch immer nicht wirklich auf den Grund gekommen zu sein. Natürlich hat er sich mit seinen Bilder aufgebäumt gegen die graue Erstarrung, die Vertuschung, die Bevormundung; hat die Finger auf die Wunden der Gesellschaft gelegt, nicht ohne sie zuvor kräftig in Salz getaucht zu haben; hat den Verlust der (kindlichen) Unschuld angeprangert, das Erlöschen ihres unverstellten Blicks; hat das Grauen gezeigt und übersteigert. Dabei ging und geht es ihm aber nicht einfach darum, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen: Erreichen will er es, seine Botschaft zu ihm durchdringen lassen. Am geeignetsten dafür erwies sich sein weltberühmt gewordener, plakativ-hyperrealistischer Stil, weshalb er sich dafür entschied: „Ich bin kein Fan von Realismus. Das ist einfach für meine Zwecke die richtige Art, um die Aussage zu transportieren.“

Ob es nun an der Botschaft oder doch eher der Verpackung lag: Helnwein wurde zu einem der bedeutendsten österreichischen Künstler der Gegenwart, der nun, nach 40 (!) Jahren, wieder in der Albertina ausgestellt wird. Die umfassende Werkschau mit über 200 Exponaten reicht von seinem ersten Aquarell Osterwetter (1969) bis zu Arbeiten aus diesem Jahr. Und auch wenn er immer wieder zu seinen Themen – Kindheit, Nationalsozialismus, Schmerz und Gewalt – zurückkehrt und sich in Stil und Technik treu bleibt, wird in der Zusammenstellung auch ein großer Wandel deutlich: „Helnweins Bilder werden im Gegensatz zur immer plakativeren Welt immer stiller.“ (Klaus Albrecht Schröder)

Wann und warum „funktioniert“ Kunst? Helnweins lebensverändernde Begegnung mit Malerei ereignete sich beim Anblick zweier Rembrandt-Gemälde: Die Nachtwache und vor allem Porträt der Vorsteher der Tuchmacherzunft. „Sechs Herren in Schwarz versammeln sich und schauen fad; eine Auftragsarbeit, die auch irgendein anderer hätte machen können. Ich hatte keinerlei Bezug zu diesen Personen oder ihrem Tun. Und stand erschüttert davor.“

Da ist das frühe Der Eingriff: Einem festgeschnallten Mädchen steckt ein Abflussrohr im Mund – und mir ein Bildstachel im Gehirn. Sentimental sehe ich James Dean beim Durchschreiten des Boulevard of Broken Dreams zu: Ein Poster dieses Bilds zierte einst meine Studentenbude. Blackout, natürlich, das vielleicht bekannteste Helnwein-Bild überhaupt: Sein Selbstporträt mit Kopfverband, Gabeln in den Augen, den Mund zum ultimativen Aufschrei aufgerissen, brachte es auf die Titelseite des Zeit-Magazins und aufs Cover der gleichnamigen Scorpions-LP. Überall Schmerzen, Verstümmelung, Krankheit, Blut und Tod. Nur die angelegentliche, durchs Bild spazierende Ente sorgt mitunter für ein wenig Comic Relief: Die Begegnung mit Micky Maus und Donald Duck als Fünfjähriger war für den kleinen Gottfried ein bunter, hoffnungsfroher Lichtstrahl in einer grauen, tristen Welt gewesen.

Und dann: Anna. Nur ihr Kindskopf ist zu sehen, riesig, übermenschlich. Er liegt auf der Seite und sie schaut mir mit dem einen sichtbaren Auge tief auf den Grund meiner Seele. „Warum?“, scheint sie mich zu fragen. „Warum das alles? Begreift ihr nicht? Alles ist da. Alles ist Sein. Ja, auch du hast mitgemacht. Oder nichts gemacht. Oder nichts als gemacht.“

In diesem Bild ist kein Schmerz – und aller Schmerz der Welt. Er entsteht direkt in meinem Kopf: die Essenz der Kunst.

Er hat es also doch getan.

Retrospektive Gottfried Helnwein: 25. Mai 2013 bis 13. Oktober 2013 in der Albertina, täglich ab 10 Uhr

 

 

Komplex oder sperrig?
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21. Mai 2013 von Helmuth Santler

Andrea Cort, die ebenso brillante wie misanthrope Ermittlerin, steht vor ihrer schwersten Aufgabe – denn nicht weniger als das Schicksal zweier intelligenter Spezies steht auf dem Spiel. Die eine ist ihre eigene – die Menschen. Die andere nennt sich Vlhani und gilt als intelligenteste sämtlicher intelligenten Arten – was ein Grund dafür ist, dass sie niemand wirklich versteht. Der andere: Sie kommunizieren mithilfe von Bewegungen ihrer zahlreichen peitschenartigen Fortsätze. Ihre größte kulturelle Errungenschaft besteht in einem alljährlichen Tanz von Tausenden von ihnen, der mit der rituellen Zerstückelung sämtlicher Teilnehmer endet …
Im dritten Teil der SF-Thriller-Reihe treibt Castro seine dystopischen Fantasien auf die Spitze, was für zahlreiche beeindruckend düstere Bilder sorgt, dem Ganzen aber die rechte Sogwirkung nimmt. Auch wird wiederholt Unfassliches in den Raum gestellt, ohne dass auch nur der Versuch einer Antwort erfolgt.
Komplex oder sperrig? Sicherlich beides; kein ungetrübtes Leseabenteuer zum (vorläufigen?) Abschluss der Trilogie.

Adam-Troy Castro: Sturz der Marionetten. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2010. Tb., 414 S., € 14,40 (A)

Kindle-Edition

Leda und der Schwan …
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4. Mai 2013 von Helmuth Santler

… in der nicht jugendfreien Version. Auf rund 30 Seiten wird die bekannte griechische Göttersage nacherzählt: Zeus verwandelt sich in einen Schwan (übrigens der Vogel mit dem größten Penis allen Flügelgetiers), um die selbstverständlich junge und atemberaubend schöne Königin Spartas zu verführen. Hera schäumt mal wieder, beschließt in dieser Version aber, ausnahmsweise nicht die alles duldende Ehefrau zu spielen, sondern geht zum Gegenangriff über. Flott erzählte Bettlektüre im engeren Sinn des Wortes.

Andrea Leccara: Leda. Kindle-E-Book, ca. 33 S., ca. 10 Illustrationen. € 1,69

Holpriger Ride
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29. April 2013 von Helmuth Santler

Es gibt also stehende, extrem niederfrequente elektromagnetische Wellen rund um die Erde: ein als Schumann-Resonanz (mir bisher nicht bekanntes) Phänomen und ein wissenschaftliches Faktum, wie Christopher Ride zufolge auch deren zunehmender Anstieg.

Die verderbliche Dynamik, die dieses Thrillerdebüt storytechnisch in Gang bringt, ist folgende: Der Anstieg der Schumann-Frequenz ist der Grund für die ständig wachsende Gewaltbereitschaft und überhaupt das suizidale, ausbeuterische, mörderische Verhalten der Menschheit. Wie gut, dass man schon Jahrtausende zuvor über all dies Bescheid wusste und ein paar Schalter eingebaut hat, mit deren Umlegen alles wieder in Ordnung kommt – untergebracht in weltbekannten historischen Stätten.

Ein Problem gibt es allerdings: Das Umlegen der Schalter muss Jahrzehnte in der Vergangenheit – unserer Gegenwart – stattfinden. Warum eigentlich? Aber egal, auch dafür wird eine überraschende Lösung an den Haaren aus dem Hut gezaubert: die Jesaja-Qumran-Rolle. Weiß man die richtig zu lesen, ist der Bau einer Zeitmaschine nur noch eine Frage von Zeit und Geld.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Die Welt übersteht’s. Und wird mit dem Schlussabsatz gleich auf den nächsten Einsatz des Helden vorbereitet.

Die als “geniale Mischung aus Dan Brown, Michael Crichton und Indiana Jones” gepriesene Story ist durchaus kurzweilig zu lesen; das Problem ist, dass hier schon fast zwanghaft versucht wird, Mystery und Science miteinander in eine Schachtel zu pressen und dann noch sämtliche üblichen Verdächtigen unterzubringen, Superbösewicht, Love Interest, Mad Scientist, weltbeherrschende Corporation … Die Mystery-Elemente verlangen der Haarsträube-Toleranz des Lesers wirklich einiges ab, die Scienceteile sind bis zur Unverständlichkeit technisch. Als Thriller ist das Ganze medioker – an der Bildhaftigkeit und mitreißenden Rasanz seiner Schreibe muss Herr Ride noch feilen. Aber trotz aller Logiklöcher, Unausgewogenheit und insgesamt niedrigem Anspruchsniveau: Man kann es wirklich schlechter erwischen mit der Strandlektüre.

Christopher Ride: Die Fequenz. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 526 S. € 9,30 (A) bei amazon kaufen

Kindle-Edition € 7,49

Respektloses Mystery-Debüt
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9. April 2013 von Helmuth Santler

Als nach einem eigentlich unmöglichen Erdbeben vom Berliner Alexanderplatz nur noch ein riesiger Krater übrig bleibt, sind Engel und Dämonen gezwungen, zusammenzuarbeiten. Um herauszufinden, was genau passiert ist, schicken die uralten Feinde zwei ihrer entbehrlichsten Leute: die Magierin Amanda, die unter der Knute des Dämons Balthasar steht, und den ausgestoßenen, flügellosen Engel Jul. Das Geheimnis, das sie entdecken, hat mit dem ewigen Widerstreit von Licht und Dunkel zu tun; die Existenz der Welt selbst ist bedroht.
Ein genretypischer Erstling, der doch mit seiner frischen Schreibe und den gut herausgearbeiteten Charakteren aus der Masse hervorragt. Besonders angetan haben es mir aber die zentralen Inhalte, die in die packende Story eingebettet wurden: En passant wird so manchem Glaubensdogma der Boden unter den Füßen weggezogen, allen voran dem Monotheismus. Andrea Bottlinger ist so respektlos wie ihre Heldin und hat keinerlei Scheu davor, Götter von ihrem Thron zu stoßen; letztlich beschenkt sie uns mit einem Plädoyer für die Freiheit und den Willen, eigene Entscheidungen zu treffen, verpackt in einen gelungenen Mystery-Schmöker.
Die eine oder andere Ungereimtheit im Ablauf gab es noch, deshalb “nur” vier Sterne. Man darf gespannt sein, wie es mit dieser Autorin weitergeht.

Andrea Bottlinger: Aeternum. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2013. Tb., 572 S., € 13,40 (A)

Kindle-Edition: € 10,99

Absurdistan in Neuseeland
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9. April 2013 von Helmuth Santler

Im Zentrum der Story steht die junge, hübsche Dalia mit dem widerlichen Job: Sie verpackt Rindsschädel in einer Industrie-Schlachterei. In die Schlagzeilen kommt sie allerdings mit ihrer Behauptung, von Aliens entführt worden zu sein und mit diesen einvernehmlichen Sex gehabt zu haben. Sicher ist: Dalia ist schwanger.
Weitere Zutaten zu dieser unlustigen Gesellschaftssatire: ein Bürgermeister, der mit der gewaltigsten Wasserrutsche aller Zeiten seine Stadt zu nie geahnter Größe erheben will; die Weltwirtschaftskrise in Form der Schließung des einzigen bedeutenden Arbeitgebers am Ort, besagter Schlachterei; ein junger Mann, der sich in Dalia verschaut, während er versucht, die örtliche Bibliothek wiederaufzubauen; ein abstoßender junger Mechaniker, der ausschließlich nervt, vor allem Dalia; sensationsgeile Medien, ruhmsüchtige Teenager und eine plattgedrückte Kuh.
Es ist ein halbgares Absurdistan, das McCarten hier bevölkert, ein Sammelsurium schräger Ansätze, die allerdings humorfrei bleiben. Ihr einziger wirklicher Zusammenhang ist letztlich der Schauplatz: die Kleinstadt Opunake. Um als Roman überzeugen zu können, ist das deutlich zu wenig.

Anthony McCarten: Liebe am Ende der Welt. Diogenes, Zürich 2012. Tb., 360 S., € 11,20 (A)

Kindle-Edition: € 9,99

Das Recht auf Schafott und Podium
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15. März 2013 von Helmuth Santler

Von der Wiege bis zur Bahre, in dem Fall die Guillotine, begleitet diese Bild-Biografie eine der bedeutendsten Vordenkerinnen für die Rechte der Frau und die Abschaffung der Sklaverei: Olympe de Gouge.
Welch scharfer Geist hier seine spitze Zunge wetzte, welch unerschrocken selbstironische Polemikerin hier zu Werke ging, wird im folgenden Zitat deutlich (aus Art. X in Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin): Die Frau hat das Recht, aufs Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen.
Bocquet hat ein atemloses Szenario geschaffen und damit einem atemlosen Leben ein würdiges Denkmal gesetzt. Mit Fortdauer der komplexen, sich überschlagenden Ereignisse ist es allerdings keinesfalls immer leicht, den Rollen der zahlreichen Protagonisten zu folgen, ohne über detaillierte Kenntnisse der französischen Revolution zu verfügen. Leider weist nichts auf den ausführlichen und überaus nützlichen Biografieteil im Anhang hin (Korrektur: es gibt ein Inhaltsverzeichnis, es ist das Letzte in diesem Buch), der in der Reihenfolge des Auftretens genau jene Einordnung der Haupt- und Nebenfiguren ermöglicht, die das Lesen auf einer tiefergehenden Ebene erst möglich macht. Zudem sind die Biografien auch in Sachen Orthografie, Grammatik und sogar Daten fehlerhaft. Ganz im Gegensatz zur Bild-Biografie selbst übrigens, welche nicht zuletzt auf der Textebene mit aller Sorgfalt behandelt wurde, die einer großen historisch-biografischen Arbeit, ja im Grunde jedem Buch zusteht.
Für deren kunstvolle grafische Umsetzung sorgte die Partnerin Bocquets, Catel Muller, die nach “Kiki von Montparnasse” nunmehr zum zweiten Mal eine besondere Frau mit ihrem charakteristischen Zeichenstil aus harten Kontrasten und weichen Linien in Szene setzt. Ihr Strich ist minimalistisch, wirkt mitunter etwas naiv, bildet aber ein ganzes, pralles Leben in einem Gesicht ab. Er mag nicht in jedem einzelnen Panel die maximale emotionale Tiefe erreichen, doch wer solches verlangt, hat das Medium Comic missverstanden, in dem Texte (auch) illustrieren und Bilder (sehr viel) Handlung voranzutreiben haben.

Catel & Bocquet: Die Frau ist frei geboren. Olympe de Gouge. Splitter, Bielefeld 2013. Geb., 480 S., € 37,80 (A)

Köln-historisches light
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7. März 2013 von Helmuth Santler

Köln, im Jahre des Herrn 1378. Die Buchbinderin Alena schickt die junge Päckelchesträgerin Mirte mit einer dringenden Nachricht zum Ratsherrn: Ein Gewitter werde es geben, der Blitz werde in einen Kirchturm einschlagen und eine Feuersbrunst auslösen.
Zwar glaubt der Ratsherr der geheimnisvollen Frau und kann mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen Schlimmeres verhindern, aber Alena hat sich Feinde gemacht. Die nützen die Gelegenheit, ihre “Hellseherei” als Ausdruck schwarzer Magie und die Buchbinderin als “Zaubersche” zu brandmarken; und wer mit den gottlosen Mächten zu tun hat, soll gesteinigt werden, so steht es im Buch der Bücher … Doch es gibt einen noch viel unglaublicheren Grund für Alenas Kenntnisse.
Andrea Schacht bleibt ihrem Erfolgsrezept treu: Flott geschriebenes Lesefutter für den leichten Genuss, angesiedelt im mittelalterlichen Köln. Romantik und Frauen-Power stehen im Vordergrund, natürlich spielt auch eine besonders kluge Katze wieder eine Rolle, historische Fakten bilden ein karges Gerüst, das Setting ist dafür umso liebevoller recherchiert und dargestellt. In Die Blumen der Zeit mengt sie noch eine gewaltige Portion Mystery hinzu; zur Glaubensfrage sollte man den Schmöker nicht machen, sondern so konsumieren, wie es gedacht ist: zur unterhaltsamen Entspannung.

Andrea Schacht: Die Blumen der Zeit. Blanvalet, München 2012. Tb., 286 S., € 9,30 (A)
Kindle-Edition € 7,49

Bilder einer düsteren Ausstellung
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24. Februar 2013 von Helmuth Santler

Erledigt. Dass dieses Wort am besten mein Empfinden nach dem Lesen von Band 2 von Cronins Trilogie beschreibt, sagt schon sehr viel. Cronin machte es der Leserschaft nie leicht, aber was in Teil 1 komplex wirkte, erweckt hier den Eindruck von Sperrigkeit; was Teil 1 an gesellschaftskritischem Subtext zu bieten hatte, weicht hier großteils einer rein fiktiven Zustandsbeschreibung, die kaum über ihren Tellerrand zu blicken versteht. Die Figuren bleiben vage, die Zusammenhänge sind schwer fassbar – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor sich in seiner Schreibe zuallererst nach den aktuellsten Empfehlungen für zeitgeistiges creative writing richtet. Wichtigstes Merkmal: Bloß keinen widerstandsfreien Erzählfluss zulassen. Nun mag ein langer, ruhiger Fluss die Gefahr von Eintönigkeit und Langeweile in sich bergen, das mitunter willkürlich anmutende Einstreuen von Brüchen, Hindernissen und Ablenkungen verhindert indes recht zuverlässig das Entstehen einer echten Sogwirkung. So hantelt man sich von einer interessanten Szene zur nächsten, das größere Bild will sich aber nicht einstellen und Spannung kommt so gut wie gar nicht auf – sieht man vom eigentlichen Showdown auf den letzten 50 Seiten ab.

Einzelschicksale vermögen immer wieder zu fesseln, doch kein Licht ohne Schatten: Manch Nebenhandlungsstrang wird einfach gekappt und bleibt letztlich für das große Ganze ohne Belang. Das Buch atmet Düsterkeit, und eine lose Folge dunkler Blüten kann durchaus eine gewisse Faszination ausüben. Allerdings mag die Frage erlaubt sein, warum man, wenn dies die Handlungsmaxime des Autors gewesen sein soll, als Medium nicht besser eine Ausstellung gewählt hat als einen Roman.

Justin Cronin: Die Zwölf. Goldmann, München 2012. Geb., 832 S., € 23,65 (A)
Kindle-Edition (E-Book) € 18,99

Worte und Wahrnehmung
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19. Februar 2013 von Helmuth Santler

“Ich spreche Spanisch zu Gott, Italienisch zu den Frauen, Französisch zu Männern und Deutsch zu meinem Pferd.” So fasste Karl V. seine Überzeugung zusammen, dass jede Sprache für eine eigenständige Version der Welt steht. Diese Auffassung – Sprache als Verbalisierung von Weltanschauung, diese prägend oder sogar bedingend – wird gemeinhin als gegeben hingenommen. Guy Deutscher, Linguist und Mathematiker aus Tel Aviv, stellt der Volksmeinung die harten, sprachwissenschaftlichen Fakten entgegen, wobei er uns auf den verschlungenen Pfaden wissenschaftlicher Erkenntnis zunächst einmal gekonnt durch die Irrungen und Wirrungen der einschlägigen Wissenschaftshistorie führt. Deutscher ist als Pfadfinder großartig: Nicht nur verliert er trotz labyrinthischer Kurssetzung nie das Ziel aus den Augen, er weiß sich seiner Leserschaft auch an jeder schwierigen Weggabelung oder potenziell lang(weilig)en Geraden mit Beispielen und Anekdoten zu versichern. Der an der Universität Manchester Lehrende ist ein unnachgiebiger Analytiker, der den korrekten wissenschaftlichen Erkenntnisweg unbeirrbar bis zum Ende geht – und steckt dabei voller sprühendem Humor.
Wer wissen will, “Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht”, ist mit Deutschers Arbeit bestens bedient: Sie ist präzise, hinterfragt Klischees, klärt Missverständnisse, liefert viele kluge Antworten und präsentiert all dies auf so erfrischende und geistreiche Art, dass hier tatsächlich ein Sachbuch vorliegt, das zugleich ein wahrer Lesegenuss ist.

Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht. dtv, München 2012. Tb., 320 S., € 13,30 (A)