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Norwegen
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23. April 2012 von Helmuth Santler

Norwegen, der mit Abstand gelungenste Entwurf von Slarti Bartfass, beheimatet ein ausgesprochen sportliches Volk. Möglicherweise ist man beim Michael-Müller-Verlag davon ausgegangen, dass Norwegen-Reisende ähnlich veranlagt sind, als man Herrn Tima sich auf 720 Seiten über die Heimstätte der Nachfahren der Wikinger verbreiten ließ; denn der Buchziegel bringt knapp ein Kilo auf die Waage und macht sich im Wanderrucksack fitnessfördernd oder, je nachdem, schmerzhaft bemerkbar.
Ich sehe ein, dass man hier vor mehreren Dilemmata steht: Man will natürlich möglichst umfassend sein, zugleich aber kompakt; man will schöne Fotos auf geeignetem Papier abdrucken und die Produktqualität so hoch halten, dass einer der meistbelasteten Büchertypen überhaupt garantiert zumindest die Dauer des Urlaubs in einem Stück übersteht; andererseits gilt es, nicht den Preisrahmen zu sprengen und, speziell bei wanderfreudigen Reisezielen, keinen Klotz in der Tasche zu produzieren.
Der vorliegende Norwegen-Führer ist für meinen Geschmack etwas zu viel des (sehr) Guten geworden. Ja, es steht nach bestem Wissen und Gewissen alles drin, was Reisende über Norwegen wissen wollen könnten, und die Informationen – so viel Kredit hat der MMV schon lange bei mir – dürften weitestgehend akurat und aktuell sein; nur, wie viele bereisen auch nur ein Viertel dieses langgestreckten Landes und schleppen ergo drei Viertel nutzlosen Ballast mit sich? Eine Aufteilung in zwei oder drei Führer über Teilgebiete sollte im Wege von Mutationen nicht allzu schwierig herzustellen sein. (Es gibt “Südnorwegen”, ein Schritt in der hier geforderten Richtung.)
Um es ganz klar zu sagen: Geht es nur um den Inhalt, ist dieser Reiseführer Sonderklasse. Und ich gestehe: Meine larmoyante Kritik rührt vielleicht auch daher, dass der Norwegen-Guide alles leistet, was man sich erhoffen darf – bloß leistbarer kann er eine Nordlandreise auch nicht machen. (Als interrailreisender Jungspund habe ich mich sogar einmal in einer Gefängniszelle in Narvik einsperren lassen, um die Übernachtungskosten einzusparen. Die Option hat jenseits der 40 aber schon deutlich an Attraktivität eingebüßt.) Also bleibt es für diesmal beim Schmökern im Reiseführer; so gesehen sollte ich mich nicht beklagen, sondern glücklich schätzen: Mehr kann über Norwegen in einem Buch schwerlich stehen. Und meinem Bücherregal ist es herzlich egal, wie viel es wiegt.

Armin Tima: Norwegen. 720 S., 235 Farbfotos, 45 Übersichtskarten, herausnehmbare Karte. Michael-Müller-Verlag, Erlangen 2010.
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Meilenstein der Comic-Geschichte
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23. März 2012 von Helmuth Santler

Jean Giraud ist weitergezogen. Sein Werk ist alles, was uns auf dieser Sphäre von ihm bleibt. Und dank der verlegerischen Verve von Splitter, dem neuerdings bedeutendsten deutschsprachigen Comic-Verlag (dessen Website-Banner ich mir hier ausgeborgt habe), ist das vielleicht Allergroßartigste aus dem Œuvre von Mœbius (Girauds Pseudonym für seine fantastischen Arbeiten) endlich wieder verfügbar.

Die Rede ist vom sechsteiligen Science-Fiction-Zyklus John Difool, nach dem drittklassigen Privatdetektiv, der zum Helden des Universums wird. Oder zumindest zu dessen Hülle, denn der eigentliche Star ist der Incal, eine geheimnisvolle Macht in Prismenform. Unter diesem Namen ist das Meisterwerk denn auch weit eher bekannt, unter diesem Namen bringt es Splitter neu heraus: Der Incal. Teil 1: Der schwarze Incal.

Szenarist des Abenteuers/des Erleuchtungsmythos/des psychoanalytischen Berichts/des Entwicklungsromans/der Traummaschine ist Alejandro Jodorowsky, ein chilenischer Autor und Regisseur mit ausgeprägtem Hang zum Mystischen und Esoterischen. Der Name seines Helden und die Struktur des Zyklus (auf den schwarzen folgt “Der Incal des Lichts”, die Bände drei und vier tragen die Titel “In tiefsten Tiefen” bzw. “In höchsten Höhen”) zeigen ganz deutlich, worum es Jodorowsky geht: Polarität. Oder eigentlich um deren Überwindung, denn der Name Difool, “übersetzbar” in etwa als “gespaltener Narr”, stellt unmissverständlich klar, was der Autor von der scheinbar so unüberwindlichen Dualität des Daseins hält. Und was anderes ist Erleuchtung als die Überwindung eben dieser Spaltung und die Wiedererlangung der All-Einheit?

Sollte das jetzt nach Hare Krishna und Entrückung geklungen haben, keine Sorge: Der Incal ist eine irre Geschichte, spannend, oft ironisch-witzig, eine Gesellschaftssatire, eine abenteuerliche Achterbahnfahrt… ungemein vielschichtig und dabei blendend unterhaltend. Und natürlich, last but not least, ein Bilderfeuerwerk der Sonderklasse.

Wie alle wirklich herausragenden Kunstwerke ist es letztendlich nicht beschreibbar, sondern nur erfahrbar. Seine Qualität macht es zum idealen Sammelobjekt, das man immer wieder gerne zur Hand nehmen und aufs Neue erleben will.

Die comic-historisch ebenso anspruchsvolle wie ehrenwerte Aufgabe, den Incal-Zyklus neu herauszubringen, hat Splitter mit der vorliegenden, restlos gelungenen Collectors Edition bravourös gemeistert und damit sich und Jean Giraud ein Denkmal gesetzt. Die Hardcover im Kingsize-Format mit schön gestaltetem Vorsatzpapier und den so angenehm respektvollen, verlagsübergreifenden Werkschauen der jeweils beteiligten Künstler enthalten neben dem eigentlichen Comic auf insgesamt 64 Seiten diverse reich illustrierte Sekundärtexte, in Band 1 z.B. einen von Alejandro Jodorowsky selbst. Krönung der bibliophilen Ausgabe ist der auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels eingelegte Kunstdruck einer Mœbius-Illustration.

Mœbius, Alejandro Jodorowsky: John Difool – Der Incal. Je Band € 15,80
Zum gesamten Incal-Angebot im Splitter Online-Shop.

Bereits erschienen:
Band 1 – Der schwarze Incal | Band 2 – Der Incal des Lichts | Band 3 – In tiefsten Tiefen
Demnächst: Band 4 – In höchsten Höhen (Juli 2012) | Band 5 – In weiter Ferne (Oktober 2012)
Abschlussband 6 – In nächster Nähe (erscheint voraussichtlich Anfang 2013)

 

E.T. auf der Schwäbischen Alb
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27. Februar 2012 von Helmuth Santler

Der junge Kelwitt vom Planeten Jombuur geht auf Orakelfahrt – und landet außerplanmäßig auf der Erde. Nicht, wie es sich für solche Gelegenheiten hollywoodtauglich gehörte, in den Vereinigten Staaten, sondern im Heuschober des Wirts von Blaukirch mitten auf der Schwäbischen Alb. Er kommt bei der Familie Mattek unter, doch trotz größter Diskretion sind am Ende der Bundesnachrichtendienst, Alien-Jäger, Geschäftemacher und Weltuntergangspropheten hinter ihm her. Und die Zeit läuft gegen den Außerirdischen, denn die Erde scheint ihm nicht gut zu bekommen…
Man muss sich schon auf die märchenhaft naive, mit Klischees sonder Zahl nicht immer restlos überzeugend spielenden Science-Fiction-Geschichte einlassen, wird aber mit einer herzigen und immer wieder ausgesprochen witzigen Erzählung um die letzten Tage des vergangenen Jahrtausends belohnt. Eschbachs moralischer Imperativ lässt die Gelegenheit nicht aus, die großen Sünden der Menschheit anzuprangern. Aus der gänzlich unverbrauchten Perspektive eines jungen Außerirdischen liest sich das indes wie ein einziges großes Staunen ob der Offensichtlichkeit der Fehler bei gleichzeitiger unerschütterlicher Blindheit selbigen gegenüber. Und welche Rolle spielen die Samen der Augenöffner-Blume, die bei Kelwitts Landeanflug verstreut wurden?

Andreas Eschbach: Kelwitts Stern. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1999, 5. Aufl. 2009. Tb., 429 S.

Kalte Krieger im Storynebel
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19. Februar 2012 von Helmuth Santler

“Meisterhaft konstruiert” wurde dem dieser Graphic Novel zugrundeliegenden Krimi von Jean-Patrick Manchette attestiert. Als Comic rückt leider zweiteres Attribut deutlich mehr in den Vordergrund.
Durchaus interessante Figuren, allen voran die zwischen Unerschrockenheit und Todessehnsucht lavierende Fotografin Ivory Pearl, beleben die Szenerie. Die zeichnerische Umsetzung ist, gemäß dem Wunsch des Herausgebers Doug Headline, dem Sohn Manchettes, “stark und sensibel”, kann jedoch gegen ein Grundproblem des Genres auch nicht an: rennen allzu viele men in black or grey in der Gegend herum, wird die visuelle Zuordnung schwierig bis unmöglich. Nun passt dies zwar durchaus zur paranoiden Undurchsichtigkeit der Story selbst, in der alle im Vordergrund mehr oder minder am Gängelband von kalten Kriegern der geheimen Sorte hängen; ich finde allerdings, dass solche Geschichten, die als Roman funktionieren können, auch wenn sie im Grunde auf nichts hinauslaufen, schlechte oder wenigstens schwierige Vorlagen für Filme oder Comics abgeben, weil es zu viele zu ähnliche Bilder gibt, um diese wirklich sprechen lassen zu können. Durch die Wahl eines kleinen Formats wurde diese Grundproblematik massiv verstärkt.
Die Blutprinzessin, eine auf zwei Teile angelegte Comicadaption eines Noir-Krimifragments, ist ambitioniert und anspruchsvoll, aber etwas bemüht (bzw., wie oben schon gesagt, konstruiert): Es war vielleicht keine gute Idee, gerade den Sohn, der sich offenbar zu extrem hoher Werktreue verpflichtet fühlte, zum Herausgeber zu machen. Adaptionen in anderen Medien müssen in hohem Maße originäre Neuschöpfungen sein, andernfalls laufen sie Gefahr, zur zwangsläufig schlechteren Kopie zu werden.

Max Cabanes, Jean-Patrick Manchette, Doug Headline: Blutprinzessin. Schreiber&Leser noir, München 2011. Geb., 162 S.
P.S.: Schreiber&Leser. Feine Comics für Erwachsene. Genau so ist es; warum also steht auf der amazon-Seite von Blutprinzessin “Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14–17 Jahre”?

Böse Schweden, demütige Finnen
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16. Februar 2012 von Helmuth Santler

Es beginnt mit einem Streit: Roni Arias, Nachwuchs-Rennfahrer, stürzt sich blind vor Zorn auf seine Freundin und würgt sie. Als sie kein Lebenszeichen mehr zeigt, flüchtet er in Panik. Wenig später erfährt er: Julia ist tot.
Beim Versuch, den Mord zu vertuschen, hilft ihm sein Vater Tero, ein ehemaliger Polizist. Auf ihrer immer rasender und verzweifelter werdenden Flucht kommen sie einem der bestgehüteten Geheimnisse Schwedens und Finnlands auf die Spur: den Hintergründen um den Untergang des Fährschiffs Estonia, bei dem in den 1990er-Jahren mehr als 850 Menschen ums Leben kamen. Julia, deren Großeltern zu den Ertrunkenen zählten, hatte in dieser Richtung immer wieder nachgebohrt; dabei war sie offensichtlich auf etwas höchst Gefährliches gestoßen. War Roni am Ende gar kein Mörder, sondern Julia ein Opfer ihrer Neugier geworden? Doch welches Verschwörungsszenario konnte, mehr als 15 Jahre nach dem Schiffsunglück, so aktuell sein, um die Beseitigung einer unliebsamen Zeugin zu rechtfertigen?

Ilkka Remes hat es wieder getan: Wie bei seinem für mich nach wie vor besten Buch, Das Erbe des Bösen, nimmt er eine ebenso geheimnisumwitterte wie historisch verbürgte Tatsache – die, gelinde gesagt, Ungereimtheiten um das Unglück der Estonia, im Anhang sogar mit diversen Dokumenten belegt –, spinnt die darin sich abzeichnenden Staatsverbrechen – Schmuggel von russischer Waffentechnik nach Schweden – weiter und reichert das Ganze mit Sympathieträgern und Charakteren zum Mitfiebern an. Heraus kommt ein Spannungsroman erster Güte, bei dem man so nebenbei vieles über das Estonia-Ereignis und über wenig bekannte, ausgesprochen dunkle Seiten der Schweden erfährt: Das nordische Herrenvolk ist einer der weltweit wichtigsten Produzenten von Hitech-Kriegsgerät.

Man spürt richtiggehend, wie Remes, Erbe einer gedemütigten finnischen Knechtseele, es genießt, den arroganten Schweden ans Bein zu pinkeln. Klar bekommen auch die Finnen ihr Fett weg, schließlich machen sie bei der Scharade eifrig mit, aber die treibende Kraft ist eindeutig der Russland-paranoide große Nachbar. Alles in allem ein bemerkenswertes Buch: Info, Thrill und Amusement vom Feinsten.

Ilkka Remes: Tödlicher Sog. dtv, München 2010. Tb., 458 S.

Das Wundersorgenkind
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9. Februar 2012 von Helmuth Santler

“Atombombe des Geistes”, “Wahnsinnsdroge”, “Erleuchtungsmolekül”: Die Entdeckungs- und Wirkungsgeschichte des LSD ist mit das spannendste Stück Wissenschaftshistorie, das das 20. Jahrhundert geschrieben hat. 3 Jahre nach Albert Hofmanns Tod ist nun eine umfassende, enorm materialreiche und reich bebilderte “Doppel-Biografie” erschienen. Sie zeichnet das 102-jährige, bewegte Leben des Schweizer Chemikers nach, der Spiritualität, Mystizismus und Naturwissenschaft zu verbinden wusste, und erzählt die Geschichte seiner Entdeckungen, allen voran natürlich jene seines “Sorgenkinds”, wie er selbst das LSD in seinem 1978 erschienen Buch bezeichnete.
Hofmann legte Wert auf die Klarstellung, dass er mit dieser Bezeichnung das Augenmerk nicht auf die Probleme mit dem potentesten Halluzinogen aller Zeiten legen wollte, sondern auf den Umstand, dass man sich des Lysergsäurediäthylamids mit besonderer Obsorge anzunehmen habe. Er selbst zweifelte nie daran, dass es sich vielmehr um ein “Wunderkind” handelte, und erlebte zu seiner großen Freude noch die Rückkehr des Psychedelikums in den Schoß der Wissenschaft, nach 35 Jahren nahezu weltweiter Illegalität. Das LSD, von dem er stets sagte, es habe ihn gefunden und nicht umgekehrt, betrachtete er als “Hilfsmittel, uns in das zu verwandeln, was wir sein sollen. Die wohl wertvollste Erkenntnis besteht ja darin, wieder zu wissen, wohin man gehört; ein Teil zu sein der lebendigen Natur. Ich glaube, es war in der Entwicklung der Menschheit nie so notwendig, diese Substanz zu haben”.
Ohne das LSD wäre unsere Welt eine andere; beileibe nicht nur psychedelische Kunst und die Flower-Power-Bewegung fanden in ihm ihren wichtigsten Treibstoff, auch nobelpreiswürdige Ideen hat es nachweislich befördert und seinen bedeutenden Anteil an der Entstehung der Computergeneration. Der Mann dahinter erwarb sich die Freundschaft und den tiefen Respekt zahlreicher großer Geister; am schönsten drückte es wohl der Schweizer Bundespräsident Moritz Leuenberger in einem sehr persönlichen Schreiben zu seinem 100. Geburtstag aus: “Gäbe es in der Schweiz einen Rat der Weisen, würden Sie ganz bestimmt dazugehören.”

Dieter Hagenbach, Lucius Werthmüller: Albert Hofmann und sein LSD. Ein bewegtes Leben und eine bedeutende Entdeckung. Mit einem Vorwort von Stanislav Grof. AT-Verlag, Aarau und München 2011. Geb., 404 S.

Die Eier des Lebens
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1. Februar 2012 von Helmuth Santler

Catherine “Cathy” Jamison, ideal und glänzend besetzt mit Laura Linney (Das Leben des David Gale, Die Geschwister Savage, John Adams, The Mothman Prophecies), erhält zum Auftakt der Serie die niederschmetternde Diagnose: Krebs! Unbehandelbar; Prognose: 6 Monate.

Die Collegelehrerin verleugnet erst einmal alles, gesteht weder sich noch sonst jemandem ein, wie es um sie steht. Einzig die misanthropische Nachbarin, selbst schon mit einem Fuß im Grab, durchschaut die Sache. Dann aber beschließt die etwas verhuschte Lehrerin, dass jetzt endlich einmal sie an der Reihe ist. Mit dem Leben. Schließlich steht das Verfallsdatum vor der Tür …

Herrlich unsentimental, schwarzhumorig, politisch unkorrekt, makaber, direkt, drastisch und bei all dem stets glaubwürdig und lebensnah. Nicht selten zum Brüllen komisch, immer wieder aber auch tief berührend, lebt The Big C abgesehen vom starken Skript und dem sardonischen Tonfall, den Laura Linney perfekt trifft, vor allem von den schrägen Charakteren: Cathys Bruder Sean, der manisch-depressive, aus dem Müll essende Obdachlosen-Guru; die fette, schwarze Andrea, die allen über den Mund fährt und dabei total sensibel ist und von einer Karriere als Modedesignerin träumt (Gabourey Sidibe, bekannt aus Precious – Das Leben ist kostbar); Marlene, die selbst todkranke Nachbarin, mit ihrem Humor aus dem Leichenschauhaus… Prominente Gastauftritte (Idris Elba, Star der ebenso düsteren wie großartigen Brit-Crime-Serie Luther; Liam Neeson [96 Hours, Unknown Identity, Under Suspicion - Unter Verdacht, Rob Roy, Schindlers Liste]) vervollständigen den überaus positiven Gesamteindruck.

Die erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Showtime-Serie geht im Original ab 8. April 2012 in die dritte Staffel; Staffel 1 ist auf deutsch erhältlich.

Ein Killer ist ein Mensch wie jeder andere auch. Er hat Rechte.
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29. Januar 2012 von Helmuth Santler

Ein kriegstraumatisierter Kroate mutiert vom staatlich sanktionierten Serbentöter zum wesentlich besser bezahlten Auftragskiller in Diensten der kroatischen Mafia. Das geht so lange (sehr) gut, bis eines seiner Opfer sich als FBI-Mann entpuppt; “Toxic” will in die Heimat flüchten, doch stattdessen verschlägt es ihn nach Island, getarnt als Fernsehprediger Father Friendly. Der echte Prediger bleibt in einer New Yorker Flughafentoilette zurück, von der Last des Lebens befreit…
Schräge Krimikomödie voller absurder Gestalten, offensiver Rhetorik und mitunter genialen Wortschöpfungen (“titolitär” für Ex-Jugoslawien; Kompliment an dieser Stelle für Kristof Magnusson, der als Übersetzer ins Deutsche fungierte). Wirklich witzig, wie der Berufsethos eines ehrlichen Auftragsmörders, der nie jemandem etwas zuleide tun wollte und deshalb alle seine Morde so schnell und schmerzlos wie möglich erledigt hat, mit den Untiefen des christlichen Fundamentalismus kollidiert; zweimal Wahnsinn mit Methode ergibt eine bei allem Irrsinn plausible Gleichung. Den Weg dorthin nützt der Autor, um alles durch den Kakao zu ziehen, was in seine Griffweite gerät.
Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen. dtv, München 2011. Tb., 272 S.
Taschenbuch
Gebundene Ausgabe
Kindle-Edition

Person of Interest: If your number comes up …
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22. Januar 2012 von Helmuth Santler

Der Endsieg des Überwachungsregimes moderner Bauart ist Wirklichkeit: Ein geheimes System wertet sämtliche Überwachungsdaten aller Kameras, Mikros, E-Mails usw. aus und setzt sie miteinander in Beziehung – um Bedrohungen schon zu verhindern, bevor sie eintreten. Bei dieser futuristischen, proaktiven Antiterrormaßnahme fallen jedoch auch Normalos auf, die in irgendeiner Weise in gefährliche Situationen geraten werden; für die Regierung sind sie irrelevant, der Erfinder des Systems, Harold Finch (Michael Emerson, Lost) ist jedoch nicht willens, diese “Kollateraldaten” ebenso zu übergehen. Er findet sich im mysteriösen Mr. Reese (Jim Caviezel, Frequency, Unknown, Die Passion Christi) den richtigen Mann fürs Grobe. Gemeinsam greifen sie in das von ihrem Hi-Tech-Orakel prophezeite Schicksal unbekannter Menschen ein – ohne je zu wissen, ob ihre jeweilige Person of Interest Opfer(in) oder Täter(in) ist …

Prominenz vor und hinter der Kamera zeichnet die Science-Fiction-Thriller-Crime-Serie aus: Harold Finch, der paranoide Billionär und Programmierer des Systems, wird von Michael Emerson gespielt, bekannt als Anführer der Anderen in der Mystery-Serie Lost, und wie dort ist er als hochgefährliche Person, die den Anschein größtmöglicher Unbedarftheit zu erwecken versteht, ideal besetzt. Die Verbindung zu Lost ist produzentenseits gegeben: Da wie dort ist es J. J. Abrams, der für die künstlerische Oberhoheit der Serien Alias – Die Agentin und Fringe – Grenzfälle des FBI sowie der Kinofilme Super 8 und Star Trek (2009) verantwortlich zeichnet.

Was Finch braucht ist ein Mann “with the skills to intervene”: Er findet sie in Gestalt von Mr. Reese: tragische persönliche Vergangenheit, reichlich Erfahrung mit Kriegs- und Spionagehandwerk, lakonisch und desillusioniert. Jim Caviezel scheint mit dieser Rolle seine Bestimmung als Schauspieler gefunden zu haben; seine Präsenz ist geradezu verstörend.

Neben der überzeugend paranoiden Grundidee, den ideal besetzten Hauptrollen, stark inszenierter Action und visuell gelungener Umsetzung punktet Person of Interest mit seinem überdurchschnittlich starken Script, insbesondere auch in Bezug auf die Charakterzeichnungen. Womit wir beim kreativen Mastermind angelangt wären: Jonathan Nolan, der Bruder von Christopher Nolan. Letzterer machte aus Jonathans Kurzgeschichte “Memento Mori” den genialen Thriller Memento, mit dem er vom Geheimtipp zum Regiestar aufstieg. Der Arbeitsaufteilung Script Jonathan Nolan, Regie Christopher Nolan verdanken wir ferner die Streifen Prestige – Die Meister der Magie und vor allem The Dark Knight. Wenn im Laufe des aktuellen Kinojahrs 2012 The Dark Knight Rises ist es dann wieder soweit, Nolan/Nolan am Werk erleben zu können.

Die seit September 2011 von CBS ausgestrahlte Serie bekam in Testscreenings die höchsten Ratings für einen Serien-Pilot seit 15 Jahren, übernahm den Sendeplatz von CSI und erreichte eine Quote von über 13 Millionen Zusehern.

Breathe Out
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22. Januar 2012 von Helmuth Santler

Teil 2 der nervenzerfetzenden Science-Fiction-Mär um die Bildung der sogenannten Kohärenz – einem Zusammenschluss von Hunderttausenden von Menschen zu einem (nahezu) allwissenden, allmächtigen und allgegenwärtigen, aber seelen- und emotionslosen Gehirnkollektiv.
Spannung pur ist eine Untertreibung: Hat es in Black*Out noch eine Weile gedauert, um die Bühne zu bereiten, geht es in Hide*Out von der ersten Seite an mit Vollgas los. Ein Pageturner erster Güte, der im Tonfall nun 100%-ig auf Linie ist und die mitunter ein wenig irritierende Schlaksigkeit des Auftaktbands vollends abgelegt hat.
Flucht ist das bestimmende Thema von Hide*Out: Nur eine Handvoll Aussteiger weiß von der Kohärenz, die gerade deshalb unbarmherzig daran ist, diesen Keim des Widerstands im Ansatz zu zermalmen. Das Gefühl, ständig verfolgt zu sein, stellt sich auch beim Lesen ein: Man wagt es kaum, den Band aus der Hand zu legen, denn nur durch unausgesetztes Durchrasen des Textes erhält sich das Gefühl, das Geschehen unter Kontrolle zu haben. Aber natürlich hat Eschbach noch ein paar Pfeile im Köcher und ist der einzige, der hier etwas unter Kontrolle hat …

Andreas Eschbach: Hide*Out. Arena-Verlag, Würzburg 2011. Geb., 450 S.
Time*Out, der Abschlussband, ist für Juni 2012 angekündigt.