Alle Artikel in der Rubrik ‘Roman’

Sound der Gebärden

Mittwoch, 5. Juni 2013

Liebesnöte von Teenagern gehören eher nicht zu meinen bevorzugten Themen, weshalb ich besonders froh bin, im Fall von Freak City eine Ausnahme gemacht zu haben: Der Sound dieser ungewöhnlichen Lovestory ist frisch, frech und stimmig und ein echtes Lesevergnügen. Das ist aber „nur“ die Verpackung für einen in dieser Form absolut einzigartigen Inhalt: Denn Lea, Mikas Love Interest, nachdem die göttliche und unvergessliche Sandra in hat sitzen lassen, ist gehörlos. Nach und nach führt uns der Roman in eine vollkommen eigene Welt: jene von gehörlosen Jugendlichen. Je tiefer Mika eintaucht, desto mehr Schwierigkeiten tun sich auf; und auch Lea muss über ihren eigenen Schatten springen und einen von den Hörenden, die auf einem gänzlich anderen Planeten leben, an sich heranlassen.
War es anfangs Trotz gegenüber seiner Verflossenen, wird Mika bald von der temperamentvollen Lea in den Bann geschlagen – und nicht zuletzt vom abschätzigen Unverständnis aller anderen immer stärker zu ihr hingetrieben.
Der mehrfach preisgekrönte Jugendroman (u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert) ist das erste und einzige Werk im deutschsprachigen Raum überhaupt, das sich der Situation gehörloser Jugendlicher annimmt und ihr eine authentische Stimme verleiht. Im Zusammenhang mit der Taschenbuchveröffentlichung erfolgte gewissermaßen auch die offizielle Anerkennung seitens der Gehörlosenwelt: Die Leipziger Theaterfachschule Bongôrt-v. Roy ist die erste Schauspielschule im deutschsprachigen Raum, die auch gehörlose Schüler zu professionellen Schauspielern ausbildet. Typisch für die Schule sind zweisprachige Inszenierungen: Lautsprache und DGS (Deutsche Gebärdensprache). In einer solchen Form wird ab Sommer 2013 auch eine dramatisierte Fassung von Freak City mit zwei Schauspielern auf den Spielplan genommen, mit 45 Minuten Spieldauer eigens auf den Schulbetrieb abgestimmt. (Bei Interesse: info@schauspielschule.info [Holger-Hoppla Pester/ Roy Meißner])

Kathrin Schrocke: Freak City. Carlsen, Hamburg 2013. Tb., 236 S., € 7,20 (A)

Absurdistan in Neuseeland

Dienstag, 9. April 2013

Im Zentrum der Story steht die junge, hübsche Dalia mit dem widerlichen Job: Sie verpackt Rindsschädel in einer Industrie-Schlachterei. In die Schlagzeilen kommt sie allerdings mit ihrer Behauptung, von Aliens entführt worden zu sein und mit diesen einvernehmlichen Sex gehabt zu haben. Sicher ist: Dalia ist schwanger.
Weitere Zutaten zu dieser unlustigen Gesellschaftssatire: ein Bürgermeister, der mit der gewaltigsten Wasserrutsche aller Zeiten seine Stadt zu nie geahnter Größe erheben will; die Weltwirtschaftskrise in Form der Schließung des einzigen bedeutenden Arbeitgebers am Ort, besagter Schlachterei; ein junger Mann, der sich in Dalia verschaut, während er versucht, die örtliche Bibliothek wiederaufzubauen; ein abstoßender junger Mechaniker, der ausschließlich nervt, vor allem Dalia; sensationsgeile Medien, ruhmsüchtige Teenager und eine plattgedrückte Kuh.
Es ist ein halbgares Absurdistan, das McCarten hier bevölkert, ein Sammelsurium schräger Ansätze, die allerdings humorfrei bleiben. Ihr einziger wirklicher Zusammenhang ist letztlich der Schauplatz: die Kleinstadt Opunake. Um als Roman überzeugen zu können, ist das deutlich zu wenig.

Anthony McCarten: Liebe am Ende der Welt. Diogenes, Zürich 2012. Tb., 360 S., € 11,20 (A)

Kindle-Edition: € 9,99

Das Recht auf Schafott und Podium

Freitag, 15. März 2013

Von der Wiege bis zur Bahre, in dem Fall die Guillotine, begleitet diese Bild-Biografie eine der bedeutendsten Vordenkerinnen für die Rechte der Frau und die Abschaffung der Sklaverei: Olympe de Gouge.
Welch scharfer Geist hier seine spitze Zunge wetzte, welch unerschrocken selbstironische Polemikerin hier zu Werke ging, wird im folgenden Zitat deutlich (aus Art. X in Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin): Die Frau hat das Recht, aufs Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen.
Bocquet hat ein atemloses Szenario geschaffen und damit einem atemlosen Leben ein würdiges Denkmal gesetzt. Mit Fortdauer der komplexen, sich überschlagenden Ereignisse ist es allerdings keinesfalls immer leicht, den Rollen der zahlreichen Protagonisten zu folgen, ohne über detaillierte Kenntnisse der französischen Revolution zu verfügen. Leider weist nichts auf den ausführlichen und überaus nützlichen Biografieteil im Anhang hin (Korrektur: es gibt ein Inhaltsverzeichnis, es ist das Letzte in diesem Buch), der in der Reihenfolge des Auftretens genau jene Einordnung der Haupt- und Nebenfiguren ermöglicht, die das Lesen auf einer tiefergehenden Ebene erst möglich macht. Zudem sind die Biografien auch in Sachen Orthografie, Grammatik und sogar Daten fehlerhaft. Ganz im Gegensatz zur Bild-Biografie selbst übrigens, welche nicht zuletzt auf der Textebene mit aller Sorgfalt behandelt wurde, die einer großen historisch-biografischen Arbeit, ja im Grunde jedem Buch zusteht.
Für deren kunstvolle grafische Umsetzung sorgte die Partnerin Bocquets, Catel Muller, die nach “Kiki von Montparnasse” nunmehr zum zweiten Mal eine besondere Frau mit ihrem charakteristischen Zeichenstil aus harten Kontrasten und weichen Linien in Szene setzt. Ihr Strich ist minimalistisch, wirkt mitunter etwas naiv, bildet aber ein ganzes, pralles Leben in einem Gesicht ab. Er mag nicht in jedem einzelnen Panel die maximale emotionale Tiefe erreichen, doch wer solches verlangt, hat das Medium Comic missverstanden, in dem Texte (auch) illustrieren und Bilder (sehr viel) Handlung voranzutreiben haben.

Catel & Bocquet: Die Frau ist frei geboren. Olympe de Gouge. Splitter, Bielefeld 2013. Geb., 480 S., € 37,80 (A)

Köln-historisches light

Donnerstag, 7. März 2013

Köln, im Jahre des Herrn 1378. Die Buchbinderin Alena schickt die junge Päckelchesträgerin Mirte mit einer dringenden Nachricht zum Ratsherrn: Ein Gewitter werde es geben, der Blitz werde in einen Kirchturm einschlagen und eine Feuersbrunst auslösen.
Zwar glaubt der Ratsherr der geheimnisvollen Frau und kann mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen Schlimmeres verhindern, aber Alena hat sich Feinde gemacht. Die nützen die Gelegenheit, ihre “Hellseherei” als Ausdruck schwarzer Magie und die Buchbinderin als “Zaubersche” zu brandmarken; und wer mit den gottlosen Mächten zu tun hat, soll gesteinigt werden, so steht es im Buch der Bücher … Doch es gibt einen noch viel unglaublicheren Grund für Alenas Kenntnisse.
Andrea Schacht bleibt ihrem Erfolgsrezept treu: Flott geschriebenes Lesefutter für den leichten Genuss, angesiedelt im mittelalterlichen Köln. Romantik und Frauen-Power stehen im Vordergrund, natürlich spielt auch eine besonders kluge Katze wieder eine Rolle, historische Fakten bilden ein karges Gerüst, das Setting ist dafür umso liebevoller recherchiert und dargestellt. In Die Blumen der Zeit mengt sie noch eine gewaltige Portion Mystery hinzu; zur Glaubensfrage sollte man den Schmöker nicht machen, sondern so konsumieren, wie es gedacht ist: zur unterhaltsamen Entspannung.

Andrea Schacht: Die Blumen der Zeit. Blanvalet, München 2012. Tb., 286 S., € 9,30 (A)
Kindle-Edition € 7,49

Ein schmerzhafter Spiegel

Donnerstag, 1. November 2012

Pagford: Kirche, Schule, Delikatessenladen, viktorianische Häuser, gepflegte Vorgärten, friedliches Einvernehmen. Unter der nippeslastigen Fassade brodelt es aber, freilich zitronenmundig und im Verborgenen. Im Land wo die Neurosen blühen ist Offenheit verpönt, den Schein zu wahren die gültige Währung; möglichst viele Stiche unerkannt ins Kreuz der detailversessen gepflegten Lieblingsfeinde zu versenken erscheint als die einzige Möglichkeit, das Spiel zu gewinnen. Das Spiel, das ist das Leben im Zentrum des Universums: Pagford.

Es ist nicht leicht, dieses Buch zu mögen: Kaum eine Figur eignet sich als Sympathieträger, alle sind irgendwie deformiert (die Alten), befinden sich auf direktem Irrweg dorthin (die Jungen) oder geraten unschuldig zwischen die Mühlsteine aus Generationen, Konventionen und Illusionen (die Kinder). Was auch schon alles über die Zukunftsperspektiven sagt, mit denen Rowlings radikale Abkehr von Harry Potter die Leser letztlich entlässt: Erstarrung mit Fortsetzung.

Pottermaniacs seien dringendst gewarnt: Natürlich hat die Autorin der erfolgreichsten Buchreihe der Geschichte etwas ganz anderes gemacht; die meisten sehr negativen Kritiken beziehen ihren Groll aus der naiven und konsequent enttäuschten Annahme, hier ihrem Zaubereridol wiederzubegegnen – in irgendeiner Form. Am besten würde man dieses Werk lesen, ohne die Autorin zu kennen. Dann fände man sich auch nicht in ihrem anfänglich ab und an etwas gezwungen wirkenden Kampf um Abgrenzung von ihrer selbst erschaffenen magischen Fiktion wieder.

Unbarmherzig sucht Rowling der Reihe nach die Pagforder in ihren Wohn- und Schlafzimmern auf, darunter die Spitzen der Gesellschaft und die Säulen der Gemeinschaft, aber auch der menschliche Ausschuss, Junkies, gewaltbereite Väter, Vergewaltiger, seziert ihre Gedanken und Motivationen, konterkariert Sein und Schein; das ist befremdlich, skurril, Mitgefühl erweckend, Zorn schürend, zynisch witzig – und mit Sicherheit furchtbar schmerzhaft für alle (Konservativen), die sich in der einen oder anderen kleingeistigen Kleinbürger-Szene ertappt fühlen. Einigermaßen fordernd für den Leser ist es, in die bei aller realen Enge fiktional komplexe Pagforder Community so weit einzutauchen, dass den Geschehnissen mit der für ein Leseerlebnis nötigen emotionalen Anteilnahme gefolgt werden kann. Ist das jedoch erst einmal geschehen, taucht man in einen brillant beschriebenen, plastischen Mikrokosmos ein, bevölkert von sich selbst überschätzenden, unterschätzenden oder schlicht völlig falsch einschätzenden Menschen: pandemischer Selbstbetrug als soziales Fundament.

Rowling legt die moderne (britische) Gesellschaft unter das Vergrößerungsglas; zum Vorschein kommt eine großkoalitionär erstarrte, sich selbst befriedigende (oder auch quälende) Sozietät, in der aktive Verantwortlichkeit eitler Nabelschau gewichen ist. Eine Tragikomödie solle es sein: Vor allem aufgrund des Schlusses blieb in meiner Wahrnehmung die Tragik deutlich im Vordergrund. Auch weil es keinerlei Katharsis, keine Lösung, keinen Ausweg gibt. Offener Widerstand ist ebenso zweck- und ergebnislos wie der Versuch, sich der Gemeinschaft zu entziehen. Es werden wohl noch viele Unschuldige, falsch Eingeschätzte, Vorverurteilte zu leiden haben, bis die Nabelschau ein Ende hat und die Ersten beginnen, den Schleier der Selbstlüge zu lüften.

Nein, es ist nicht einfach, dieses Buch zu mögen: Sein Realismus schmerzt zutiefst, und beide großen ideologischen Lager bekommen ihr Fett weg. Die rechte Hälfte wird bloßgelegt, die linke desillusioniert. Wir alle sind nur ganz gewöhnliche Menschen. Hier, um unseren Platz zu finden – uns selbst zu finden – und Verantwortung zu übernehmen, für uns und andere. In diesen Spiegel zu blicken ist nicht einfach, aber unerlässlich und lohnend. Wie das Lesen dieses Buches, auch wenn es nicht der ganz große Wurf geworden ist.

J.K. Rowling: Ein plötzlicher Todesfall. Carlsen, Hamburg 2012. 575 S., EUR 25,60 bei amazon kaufen
Ein plötzlicher Todesfall – Kindle-E-Book-Edition EUR 19,99

J.K. Rowling: The Casual Vacancy. Little, Brown and Company, London 2012. 504 p., EUR 22,50 bei amazon kaufen
The Casual Vacancy – Kindle E-Book-Edition EUR 15,99

Nachbemerkung: Ich habe das Buch im Original gelesen und die Übersetzung lediglich zum schnelleren Verständnis schwieriger Passagen hinzugezogen. Dem Vernehmen nach soll die Übersetzung in einem fensterlosen Raum in London in extrem kurzer Zeit (kolportiert werden unfassbare zwei Wochen) von zwei Übersetzerinnen durchgepeitscht worden sein. Jedenfalls fehlt ihr die Liebe zum Detail, was angesichts der Umstände natürlich verständlich, aber nichtsdestotrotz sehr bedauerlich ist. Ein Beispiel: Samanthas Laden für übergroße BHs heißt “Over the Shoulder Boulder Holder”; für mich der witzigste Einfall des gesamten Buches, den ich, nach einigem Überlegen, mit “Gerüste für robuste Brüste” wiedergegeben hätte. Und nicht stinkfade als “Busenwunder”. Der danach beschriebene Lachanfall von Sams Schwiegervater wirkt in der Übersetzung einfach nur peinlich.
Sehr oft hatte ich den Eindruck, dass der von Rowling beabsichtigte Tonfall verfehlt wurde. So etwa in einer Passage, in der von hormongetriebenen, vor Geilheit sabbernden Teenagern als “hard-ons” die Rede ist – was sich als “Dauererigierte” oder härter als “Schwanzgesteuerte” übertragen ließe, wohl kaum aber als “geile Lümmel”.
Schließlich bleibt das Slangproblem – auch Figuren in Harry Potter wurde immer mal wieder ein deftiger Dialekt in den Mund gelegt, umso mehr ist dies in “The Casual Vacancy” der Fall. Davon bleibt, erkennbarem Bemühen zum Trotz, so gut wie nichts übrig.
Die Leserschaft scheint es aber nicht gestört zu haben: Die deutsche Fassung erzielt noch den besten amazon-Leser-Wert: 3,4 (UK 3,2, US 3,0).

Wirklich ist, was wir für wirklich halten

Dienstag, 2. Oktober 2012

Edward Cohen erlebt eine turbulente Kindheit, geprägt von der großen zweiten Liebe seiner Mutter, einem Hallodri und Elvis-Verschnitt, der dem Jungen mit acht das Rauchen beibringt. Einen anständigen Beruf erlernt er nicht, verlottert sein Studentenleben und fällt schließlich doch auf die Butterseite, indem er eine schräge Idee in einen Kult-Verkaufsschlager ummünzt. Doch dann holt ihn die Vergangenheit eines anderen ein: Adam, der Bruder seines Großvaters, dem Vernehmen nach ein Dieb und Taugenichts und jedenfalls das schwarze Schaf der Familie. Edward sieht diesem Unbekannten verblüffend ähnlich, was ihm das Leben in der Familie nie erleichtert hat. Nach dem Tod der sittenstrengen Großmutter fällt ihm ein Manuskript in die Hände, von eben diesem Adam, gerichtet an jemanden namens Anna Guzlowski.
Adam Cohen, erfahren wir, war wohl ein Taugenichts, der nie einen richtigen Beruf erlernt hat, aber sicher kein schlechter Kerl; überhaupt gibt es viel mehr Parallelen zwischen Edward und ihm als die äußerliche Ähnlichkeit. Vor allem da auch Adam ein Träumer war, der für die Liebe lebte, weil sie ihm als die eine Oase der Sinnhaftigkeit in einer Welt erschien, die täglich ein Stück mehr dem Wahnsinn anheimfiel: das Berlin der 30er-Jahre und die darauf folgenden Gräuel des Zweiten Weltkriegs.
Nicht dass Adam sich gefürchtet hätte: Der mit Abstand wichtigste Mensch seiner Kindheit ist die exzentrische Großmutter Edda Klingmann, die von Hitler grundsätzlich nur als dem “August” spricht, eine Fotowand mit den führenden Köpfen des NS-Regimes anlegt, um damit Adam in die Kunst des Gesichtslesens einzuführen, und bis tief in den Krieg hinein eine Freundschaft zu einem Sturmbannführer pflegt. Sie bringt Adam alles bei, was man aus ihrer Sicht zum Leben braucht. Furcht ist kein Teil davon, weshalb Adam, als seine angebetete Anna in der Reichskristallnacht spurlos verschwindet, auf einen wahnwitzigen Plan verfällt, um die große Liebe seines Lebens zu retten.

Astrid Rosenfeld legt mit ihrem Debütroman eine berührende, heitere und von der Liebe als Wert für sich durchdrungene Erzählung vor. Egal ob im Berliner Zoo oder im Warschauer Ghetto: keine Gelegenheit wird ausgelassen, leichtfüßig tänzelnd über der Schwere und Plumpheit, dem Grauen und der Verzweiflung der Realität zu schweben. Ja, es gibt Momente, vor allem natürlich in Adams Leben, in denen alles zu viel wird, in denen die Träumer hart auf der Erde landen und die gnadenlose Kälte der Wirklichkeit durch die zerrissene Kleidung, die löchrigen Schuhe dringt. Doch was bleibt den Menschen, wenn ihnen alles genommen wird? Wenn selbst die Hoffnung nicht mehr atmen kann? Man nimmt sein Schicksal an. Trägt es mit einem Rest von Würde. Und unternimmt alles, um es vor dem Vergessen zu bewahren.
“Adams Erbe” bewahrt eine Erinnerung vor dem Vergessen, die der Roman selbst erschafft. Erinnerungen sind wie Träume: real und irreal zugleich, untrennbar miteinander verwoben. Wirklich ist, was wir für wirklich halten. “Adams Erbe” ist ein sehr lesenswertes Buch. Wirklich.

Astrid Rosenfeld: Adams Erbe. Diogenes, Zürich 2011. Geb., 384 S., € 22,90
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Astrid Rosenfeld: Adams Erbe. Diogenes, Zürich 2012.Tb., 400 S., € 10,–
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Eschbach, mittel bis prächtig

Sonntag, 8. Januar 2012

Hiroshi und Charlotte sind ein unmögliches Paar: er Sohn einer Hausangestellten, sie Tochter des französischen Botschafters in Japan. Und doch entwickelt sich eine Kinderfreundschaft zwischen den beiden. Klassenschranken sind aber unbarmherzig und der 10-jährige Bub erkennt das Problem: Es gibt Reiche und Arme. Also lässt er sich etwas einfallen, wie alle Menschen reich sein können …
Andreas Eschbach genießt bei mir jeden Kredit; umso schwerer fällt es mir, öffentlich einzugestehen, dass ich den jüngsten Wurf des Meisters für misslungen halte. Herr aller Dinge ist Technikthriller, Science Fiction, Abenteuerroman, Beziehungskiste, Jugendliteratur, adult fiction, Crimestory, Mystery, Historienschinken… Es wirkt, als habe der Autor versucht, sich zum “Herrn aller Genres” aufzuschwingen und den Beweis zu erbringen, dass sich alles mit allem verbinden lässt. Das ist, Eschbach-typisch, gewagt und innovativ und phasenweise auch spannend und unterhaltsam, in Summe aber schwer verdaulich. Zu vieles bleibt unausgegoren, verläuft im Sande oder erweist sich als irrelevant; Eschbachs Erklärung schließlich, warum noch keine Aliens aufgetaucht sind, soll vielleicht den ultimativen Zynismus darstellen, wirkt aber einfach nur an sich sträubenden Haaren herbeigezogen. Weniger wäre weit mehr gewesen: Z.B. ein Eschbach-typisch bestens recherchierter, utopisch-gesellschaftskritischer Nanotechnik-Thriller, in dem für das Nichterscheinen der Aliens keine abstrus-paranoide Universumsverschwörungstheorie konstruiert zu werden braucht.
Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Der Roman ist lässig geschrieben und gehört natürlich zu den 10 besten Prozent der Neuerscheinungen. Da Eschbach aber letztlich nur mit Eschbach verglichen werden kann …
Andreas Eschbach: Herr aller Dinge. Gustav Lübbe Verlag, Köln 2011. Gebundene Original-Printausgabe, 687 S.
Auch als E-Book, gekürzte Audiofassung (~10 Std., CD oder Download) oder ungekürzte Hörbuchfassung (~24 Std., nur als Download) erhältlich.

Crack-Junkies, Egoschweine, Sexsüchtige, …

Montag, 21. November 2011

… bewohnte Müllkippen, tödliche Hinterhöfe – der “Sound von New York”, den dieses Buch einer Buchkritik zufolge atmet, ist ein Sound der Ausweglosigkeit und Verzweiflung, ein Sound so voller Gewalt und wütender Blindheit, dass sich beim Lesen ein Abwehrreflex einstellt. Kann es wirklich so sein? Oder bedient Starr hier lediglich sämtliche New-York-kaputter-Moloch-Klischees, derer er habhaft werden konnte? Der Text lädt definitiv nicht dazu ein, selbst vorbeizuschauen und die Probe aufs Exempel zu machen. Starr wuchs selbst in Brooklyn auf…
Brooklyn Brothers ist möglicherweise Starrs persönlichster Text, sicherlich aber nicht sein bester. Der auf knallharte Psychothriller spezialisierte New Yorker Autor weicht hier von seinem Erfolgsschema ab und erzählt eine Geschichte um Liebe, Eifer- und Rachsucht, zerplatzte Träume und große Illusionen, in deren Zentrum ein Personendreieck steht: Jake, der Baseballstar und gefeierte Heimatbesucher, Ryan, der Gescheiterte, der sich als Anstreicher verdingt, und Christina, die langjährige Verlobte des notorischen Weiberhelden Jake und aktuell heimliche Geliebte Ryans.
Es wird gelogen und betrogen, geschossen, geprügelt, gemordet, gesoffen… Starrs drastisch-deutliche Sprache ist frei von jeglichem Poesieverdacht, temporeich und zupackend, entwickelt aber nicht ganz jenen unentrinnbaren Sog, der seine Antihelden in seinen crimezentrierteren Stories in den unausweichlichen Untergang treibt. Ein Starr für Einsteiger, mit deutlich mehr Anknüpfungspunkten für eine weibliche Leserschaft.
Jason Starr: Brooklyn Brothers. Diogenes, Zürich 2011. Tb., 454 S.

Das Mitternachtskleid. Ein Abschied.

Montag, 20. Juni 2011

Tiffany Weh, mittlerweile offizielle Hexe des Kreidelands, bekommt es in ihrem 4. Auftritt mit dem Tückischen zu tun. Der Tückische, das ist das Gift des Bösen selbst. Es schleicht sich ein, es setzt sich ab, es ist immer da und hat alle Zeit der Welt, auf die Schwäche eines Menschen zu warten: “Hetze findet immer ein Ohr”.
In der physisch kaum präsenten, dafür umso bestialisch stinkenderen Gestalt des vagen Schattens eines längst verstorbenen Hexenjägers, der sich wie ein Körperfresser von einem Opfer zum nächsten bewegt, hat sich der Tückische Tiffany als neuestes Ziel seiner nie endenden Hatz auserkoren. Wie die meisten, die tun, was getan werden muss, sich ehrlich und selbstvergessen um andere kümmern, um Toleranz, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit bemüht sind und mit einem Wort stets danach streben, es “richtig” zu machen, sieht sich auch Tiffany einer letzten schweren Prüfung ausgesetzt, bevor sie mit dem Überstreifen des titelgebenden Mitternachtskleids endgültig zur Vollhexe werden wird.
Es ist, wie alle Bücher mit Junghexe Tiffany, ein Märchen von der Scheibenwelt – spöttisch und voller Weisheit und Witz wie alle Pratchetts, aber eben auch ein wenig verträumter und noch liebevoller als andere Scheibenwelt-Geschichten. Seit der Alzheimer-Diagnose bei (seit 2009) Sir Terence David John “Terry” Pratchett im Jahr 2008 bangt seine riesige Fangemeinde mit jedem Monat mehr darum, ob der Meister noch weiter … kann, will, wird … Mit dem Erwachsenwerden von Tiffany könnte nun tatsächlich das letzte originäre Werk erschienen sein, und dass er es darin literarisch mit dem Bösen selbst aufnimmt, ist so gesehen ein mehr als würdiger Abschluss seines Lebenswerks.
Sir Terry führt nämlich seinen allerletzten Kampf: Terry Pratchett: Choosing to Die hieß eine im Juni 2011 ausgestrahlte BBC-Sendung mit ihm, in der er sich für Sterbehilfe ausspricht. Der große alte Weise möchte seine letzte Reise aus eigenem Entschluss antreten und nicht warten müssen, bis er als demente, geistlose Hülle entsorgt wird.
WARUM MACHST DU DANN NICHT EINFACH EINEN TERMIN?
Einfach so? Und das funktioniert?
DAS WIRST DU DANN JA SEHEN. DU HAST ABER GUTE CHANCEN, DASS ICH MIR DIE ZEIT NEHME. HAB DICH SCHON LÄNGER IM AUGE.
Du hast doch gar kein Auge …
DU WARST AUCH SCHON ORIGINELLER.
Mag sein, aber das gilt auch für deine Metaphern. Liegt das vielleicht daran, dass du schon so lange im Grunde immer dasselbe machst?
WOLLTEST DU NICHT WAS VON MIR?
Ich hätte dich für humorvoller gehalten.
ICH WEISS. ICH HABS GELESEN, ALS ICH DAFÜR NOCH ZEIT HATTE. ABER DER JOB WIRD IMMER STRESSIGER, EHRLICH GESAGT. ICH KOMM DER VERMEHRUNG NICHT MEHR NACH.
Ein Grund mehr, ein bisschen Platz zu schaffen.
AM DONNERSTAGABEND KÖNNTE ICH MIR ZEHN MINUTEN ABZWACKEN.
Sollten wir das nicht mit Handschlag und Spucke besiegeln?
SPUCKE HABE ICH AUCH KEINE. ABER ICH HALTE IMMER WORT.

Terry Pratchett: Das Mitternachtskleid. Manhattan 2011, Tb., 416 S.

Ein Dorf am Meer

Donnerstag, 2. Juni 2011

Eine kleine, fast unscheinbare Geschichte: Emma muss zwei Wochen bei Onkel und Tante verbringen, weil ihr Vater sich einer schweren Operation zu unterziehen hat. Auf diesem denkbar simplen Gerüst ersinnt Paula Fox eine feinsinnige, psychologisch tiefgehende Erzählung über ein Mädchen, das sich in der fremden und, vor allem wegen der unerträglichen Art ihrer Tante, bisweilen abstoßenden Erwachsenenwelt zurechtzufinden versucht.
So viel Zeit wie möglich verbringt sie am nahegelegenen Strand; dort lernt sie auch Bertie kennen, mit der gemeinsam sie das Dorf am Meer zu bauen beginnt – aus nichts als Fundstücken, die die See an Land gespült hat. Es wird ein wahres Kunstwerk. Doch Emma hat nicht mit einem der schlimmsten Gifte gerechnet, die das Erwachsenenleben unerträglich machen können – und unter dem nun auch sie zu leiden hat…
Poetische Schlichtheit und bestechende Sicherheit in der Sichtbarmachung des nach Orientierung strebenden Innenlebens der Heranwachsenden zeichnen diesen Roman der lange Zeit vergessenen US-Autorin aus, die heute als Klassikerin der Moderne gilt. (Die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1988.) Ein Bild von Ivan erhielt 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis als bestes Kinderbuch.
Paula Fox: Ein Dorf am Meer. Boje, Köln 2008. Geb., 128 S.
Paula Fox: Ein Dorf am Meer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011. Tb., 126 S.