Alle Artikel in der Rubrik ‘Hörbuch’

Der Aufguss vom Aufguss

Dienstag, 4. Juni 2013

Sich durch einen Thriller gefühlt durcharbeiten zu müssen, ist an sich schon das vernichtendste Urteil, das sich über Bücher aus dieser Unterhaltungsliteraturgattung sprechen lässt. Stammt das Werk von einem gewissen Dan Brown, ist zudem jegliche Zurückhaltung im Hinblick auf die grundsätzlich gewaltige Leistung, die es darstellt, ein 600-Seiten-Buch zu schreiben, unangebracht: Als einer der meistverkauften Autoren der Gegenwart könnte er sich alles erlauben – z.B. 10 Jahre an einem Buch zu arbeiten wie Thomas Harris oder radikal mit der eigenen schriftstellerischen Vergangenheit zu brechen wie Joanne K. Rowling. Dan Brown hat nichts davon gemacht: Er hat den Aufguss, den er mit Das verlorene Symbol vorgelegt hat, noch einmal aufgegossen. Er hat sein derart bis zur völligen Geschmacksneutralität verwässertes Schreibrezept in keinem Punkt verändert. Nur kommt diesmal keinerlei Spannung auf, die Storylöcher haben sich zu Abgründen ausgewachsen, die Motive der Protagonisten schwanken unentschlossen zwischen wirr und abstrus hin und her. Alles ist auf maximalen Showeffekt angelegt und geht fast durchwegs einfach nur auf die Nerven. Und sollte Dan Brown nach seiner zweiten von Kritik und Publikum bestenfalls durchwachsen aufgenommenen Wiederholungstat nun doch mit einem Genrewechsel liebäugeln: Bitte werden Sie kein Reiseschriftsteller, Herr Brown. Wenn Sie schon einige der spektakulärsten Locations Europas zu Kulissen degradieren, deren Beschreibungen ähnlich emotional ausfallen wie Anweisungen für Bühnenarbeiter, sollten Sie sich zumindest um eine brillante Story verdient machen. Deren Grundidee sorgte indes erst kürzlich in der BBC-Science-Fiction-Serie Utopia in erheblich aufregenderer Umsetzung für Gruselschauer, ist also so neu auch wieder nicht. Und was die Ausführung betrifft … siehe oben.

Dan Brown, Inferno: Thriller Lübbe, Bergisch-Gladbach 2013. Geb., 686 S., € 26,70 (A)
Kindle-Edition € 19,99 | Audiobook € 21,99

Bilder einer düsteren Ausstellung

Sonntag, 24. Februar 2013

Erledigt. Dass dieses Wort am besten mein Empfinden nach dem Lesen von Band 2 von Cronins Trilogie beschreibt, sagt schon sehr viel. Cronin machte es der Leserschaft nie leicht, aber was in Teil 1 komplex wirkte, erweckt hier den Eindruck von Sperrigkeit; was Teil 1 an gesellschaftskritischem Subtext zu bieten hatte, weicht hier großteils einer rein fiktiven Zustandsbeschreibung, die kaum über ihren Tellerrand zu blicken versteht. Die Figuren bleiben vage, die Zusammenhänge sind schwer fassbar – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor sich in seiner Schreibe zuallererst nach den aktuellsten Empfehlungen für zeitgeistiges creative writing richtet. Wichtigstes Merkmal: Bloß keinen widerstandsfreien Erzählfluss zulassen. Nun mag ein langer, ruhiger Fluss die Gefahr von Eintönigkeit und Langeweile in sich bergen, das mitunter willkürlich anmutende Einstreuen von Brüchen, Hindernissen und Ablenkungen verhindert indes recht zuverlässig das Entstehen einer echten Sogwirkung. So hantelt man sich von einer interessanten Szene zur nächsten, das größere Bild will sich aber nicht einstellen und Spannung kommt so gut wie gar nicht auf – sieht man vom eigentlichen Showdown auf den letzten 50 Seiten ab.

Einzelschicksale vermögen immer wieder zu fesseln, doch kein Licht ohne Schatten: Manch Nebenhandlungsstrang wird einfach gekappt und bleibt letztlich für das große Ganze ohne Belang. Das Buch atmet Düsterkeit, und eine lose Folge dunkler Blüten kann durchaus eine gewisse Faszination ausüben. Allerdings mag die Frage erlaubt sein, warum man, wenn dies die Handlungsmaxime des Autors gewesen sein soll, als Medium nicht besser eine Ausstellung gewählt hat als einen Roman.

Justin Cronin: Die Zwölf. Goldmann, München 2012. Geb., 832 S., € 23,65 (A)
Kindle-Edition (E-Book) € 18,99

Und dann hingen sie am Lifehook

Donnerstag, 22. November 2012

Der Showdown steht an, und wie es sich für ein ordentliches Finale gehört, wird erst einmal alles noch schlimmer. Mit einem unwiderstehlichen Angebot angelt sich die Kohärenz die breite Masse: Der Lifehook wird mit einer nie dagewesenen Werbekampagne präsentiert und ist ein durchschlagender Erfolg. Der winzige Chip macht Kommunikation zum zeit- und ortsunabhängigen Gedankenakt, und sehr bald ist bei nichts mehr dabei, wer ihn nicht implantiert hat. Doch dann zeigen sich furchtbare Nebenwirkungen …

Christopher, das junge Computergenie, hält den Kampf endgültig für verloren. Dann aber kommt ihm ein letzter, verzweifelter Einfall, und noch einmal nimmt er es mit der weltumspannenden, allmächtigen Intelligenz auf.

Eschbachs Jugend-Science-Fiction-Thrillertrilogie ist komplett: Nach Black*Out und Hide*Out heißt es jetzt Time*Out. Damit ist jetzt evident, was bisher nur begründete Vermutung war: Der Dreiteiler ist gleichermaßen sagenhaft spannender Lesestoff für Menschen ab 12 bis 14, beklemmend realistisches Nahzukunftsszenario rund um die zunehmende Vernetzung und Verflachung der Welt, hochkarätige Unterhaltung und eine höchst willkommene Aufbesserung des kargen (Schul-)Textsegments “Leseerlebnis mit Anregung zur Diskussion”. In diesem Zusammenhang ist zu hoffen, dass recht bald eine Taschenbuchausgabe auf den Markt kommt, da gebundene Bücher im Budget der Schulen nicht vorgesehen sind.

In bewährter Eschbach-Manier wird die Story bestens verschlingbar erzählt, sodass man sich mitunter bewusst einbremsen muss, um keine der en passant eingestreuten widerspenstigen und tiefsinnigen Gedanken zu verpassen. Leseentwicklungstechnisch gesehen richtet sich das Buch ganz klar an die Antilesergruppe schlechthin: Jungs unter 14. Große, locker gesetzte Schrift verbessert die Lesbarkeit, und das beachtliche Volumen der Bände mag vielleicht eine Zugriffshürde darstellen, dafür dürfen die jungen Leser nach vollbrachter Tat stolz auf drei richtig dicke Wälzer in ihrer Lesegeschichte verweisen. Und auch wenn es ein technisches Szenario ist, das eher Buben ansprechen dürfte (auch so alte wie mich), sollten die Mädchen mindestens einen Blick wagen; auch junge Liebe spielt eine Rolle, es gibt attraktive weibliche Identifikationsfiguren, und das Thema soziale Netzwerke ist ja tendenziell ein feminines.

Andreas Eschbach: Time*Out. Arena-Verlag, Würzburg 2012. Geb., 520 S., € 19,50 – Geb. Ausgabe

Kindle-Edition (€ 14,99) | Audiobook (€ 19,99)

Der größte Hobbit aller Zeiten

Dienstag, 23. Oktober 2012

Mitte Dezember 2012 wird es soweit sein: Teil 1 der lange erwarteten Verfilmung von J.R.R. Tolkiens “Der Hobbit” kommt in die Kinos. Die ideale Gelegenheit, sich mit dem Klassiker erneut und tiefgehend auseinanderzusetzen, bietet “Das große Hobbit-Buch” (“The Annotated Hobbit”) des Tolkien-Forschers Douglas Anderson, das im Mai 2012 auf Deutsch erschienen ist.
Das bibliophil aufgemachte Werk enthält

  • den Text des “Hobbit” in der Neuübersetzung von Wolfgang Krege (“Der Hobbit oder Hin und zurück”)
  • den Text “Die Fahrt zum Erebor” in der bisher ausführlichsten verfügbaren Fassung; er erklärt Gandalfs Beweggründe für den anfangs so irrwitzig anmutenden Plan und warum seine Wahl ausgerechnet auf einen Hobbit bzw. auf Bilbo Beutlin fiel
  • eine textgeschichtliche Einleitung
  • einen Anhang über Runen

Der Haupttext ist reichhaltig kommentiert, er liefert Übersetzungsvergleiche Scherf-Krege, stellt Bezüge zu Tolkien beeinflussenden Texten her, erklärt die Zwergennamen, die allesamt auf dem isländischen Sagenschatz beruhen, und die Etymologie vieler anderer Begriffe, ob aus dem Sindarin-Elbischen, dem Altenglischen oder dem Isländischen stammend. Tolkiens Werk ist letztlich nur in seiner Gesamtheit zu erfassen; es ist die Niederschrift einer zweiten, mythischen Existenzebene, die im Laufe der Jahrzehnte nicht nur wuchs, sondern sich auch veränderte, sich an Stellen in Widersprüchen verhedderte, Dinge offenließ oder nachträgliche Erklärungen lieferte, wie etwa exemplarisch in der “Fahrt zum Erebor”: Dieser Aufsatz entstand knapp 20 Jahre nach dem Hobbit und bindet die Kindergeschichte in den ganz großen, erwachsenen Plan Gandalfs ein, der sich im Herr der Ringe offenbarte.
Auch am Text des Hobbit selbst feilte Tolkien noch Jahrzehnte nach dessen Ersterscheinung 1937: “Der Herr der Ringe” machte da und dort rückwirkende Anpassungen nötig, um den Hobbit nahtloser in das größer gewordene Geschehen einzubinden, aufmerksame Leser wiesen auf kleine und kleinste Ungereimtheiten hin – z.B. der Verwendung des Begriffs “men” für Hobbits und/oder Zwerge, der doch den Menschen als Ethnie vorbehalten war. Zudem sind hunderte Hobbit-Illustrationen und Coverbilder abgedruckt, überwiegend in Schwarz-Weiß mit Ausnahme eines farbigen Mittelteils. Darunter finden sich etliche Kuriositäten: Der russische Illustrator etwa zeichnete Bilbo mit kurzen Hosen und bis zu den Schenkeln stark behaarten Beinen – in der russischen Umgangssprache wird nicht zwischen Füßen und Beinen unterschieden, und niemand hatte den Mann darauf aufmerksam gemacht, dass die so auffällige Hobbit-Fußbehaarung sich auf den Rist konzentriert.
Das Einzige, das dieser Prachtband nicht zu leisten imstande ist: den Originaltext wiederzugeben. Meine Empfehlung für jeden ernsthaften Fan deshalb: Eine billige Taschenbuch-Ausgabe des Originals erwerben und “Das große Hobbit-Buch” dazu, dann ist man auf alle Mittelerde-Eventualitäten bestens vorbereitet.

Apropos nachträgliches Bearbeiten: Als wundersames Kuriosum erschien mir ein mitten im Buch eingelegtes Blatt mit einem Erratum: 17 Zeilen zum Ende des Kapitels XI, “An der Türschwelle”, waren übersehen worden und nicht Teil des Buches. “Aufmerksamen” Lesern war dies aufgefallen, der Verlag hatte sich tausendfach entschuldigt und das Blatt kostenfrei nachgesendet bzw. den noch nicht ausgelieferten Exemplaren beigelegt; in der nächsten Auflage soll der grobe Satzfehler korrigiert werden … Nun, ich melde Zweifel an. Das Folgekapitel trägt nämlich den Titel “AUS GUTUNTTERICHTETER QUELLE”, und genau so steht es auch in den rechtsseitigen Kopfzeilen noch insgesamt zehnmal. Auch “Das große Hobbit-Buch” blieb nicht vom Druckfehlerteufelchen restlos verschont (so wurde aus dem Eilend einmal ein Eiland), ist aber spürbar mit großer Liebe und Sorgfalt erstellt worden – und dann in einer versal gesetzten Überschrift zweieinhalb Rechtschreibfehler in einem Wort (Getrenntschreibung laut Dudenempfehlung)? Und der “Unttericht” teilt sich die Seite auch noch mit einem eingelegten Erratum-Blatt …
Lieber Klett-Cotta-Verlag, ich finde es einfach entzückend, wie hier dem Buch eine eigene Entstehungsgeschichte geschenkt wird; bitte korrigiert die Fehler unbedingt in der nächsten Auflage, damit mein Exemplar zur Kostbarkeit mit dem gewissen Extra wird. Einen Ehrenplatz in meiner Büchersammlung erhält es in jedem Fall.

J.R.R. Tolkien, Douglas A. Anderson: Das große Hobbit-Buch. Hobbit-Presse, Klett-Cotta, Stuttgart 2012. Geb., 418 S., € 30,80 bei amazon kaufen
Der Hobbit: Filmausgabe, € 15,40
Der Hobbit: Oder Hin und zurück: or There and Back Again. Kindle-Edition – E-Book, € 9,99

Der Hobbit: oder Hin und zurück, Hörbuch, gelesen von Gert Heidenreich, MP3, € 13,99 | CD, € 29,95

J.R.R. Tolkien: The Hobbit or There and Back Again. Harpercollins, 75th anniversary ed. (original cover illustration by the author). Paperback, 310 p., € 7,80 bei amazon kaufen
The Hobbit: Kindle Edition – E-Book, € 6,66
The Hobbit: Audiobook (English), € 15,38

Mein Name ist Geiger. Ich spiele Violine. Und ich foltere Menschen.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Geiger, wie der Zähler, nennt sich ein Verhörspezialist, der beste seines Fachs: “Ich hole immer die Wahrheit aus meiner Zielperson heraus.” Der Name passt, denn Geiger ist ein humanoides Präzisions-Messinstrument – auf Kosten seiner eigenen Menschlichkeit, die unter den Schlägen seines Vaters schon in seiner Kindheit verkrüppelt wurde. Hier liegt auch seine einzige Schwäche begründet: Wird seine Routine bedroht, brechen schnell die Dämme, die er gegen seine eigene, innere Hölle errichtet hat. Nur seine Violine und völlige Isolation können ihn dann vor dem Wahnsinn bewahren.
Geiger befolgt mit neurotischer Starre seinen eigenen Kodex; seine Verhöre verlaufen fast immer unblutig, denn er hat erkannt, dass es nur darum geht, in den Geist einzudringen, den Willen zu brechen. Und so sucht und findet er den Hebel bei jedem Einzelnen, inszeniert maßgeschneiderte Tableaus des puren Grauens … und extrahiert wie ein Chirurg die gesuchten Informationen.
Doch eines Tages gerät ein Auftrag in Konflikt mit seinem Kodex: “Die Folgen waren schrecklich. Für meinen Auftraggeber.”

Der Spezialist ist ein Debütroman, jedoch blickt Mark Allen Smith auf jahrzehntelange Schreiberfahrung zurück – Nachrichten, investigative Dokumentationen, Drehbücher. Mit dem “Inquisitor” (Originaltitel) Geiger hat er einen brüchigen, komplexen und faszinierend zwiespältigen Helden geschaffen und rund um diese Figur einen der überzeugendsten und spannendsten (Psycho-)Thriller der letzten Jahre entstehen lassen. Das unlösbare moralische Dilemma, in dem Geiger gefangen ist und das ihn zwingt, sich ein ethisches Konstrukt zurechtzulegen, um nicht den Verstand oder, schlimmer, die Kontrolle zu verlieren, enthält Anklänge an den Serienkiller für die Guten, Dexter – was als großes Kompliment und keinesfalls als Andeutung eines Plagiatsvorwurfs gemeint ist. Zu viele machen das Falsche mit den richtigen Mitteln; der Bedarf an Menschen, die das Richtige mit den (vielleicht) falschen Mitteln tun, ist mit Dexter und Geiger noch lange nicht gedeckt. Speziell natürlich, wenn die Ausführung wie in diesen beiden Fällen so brillant ist. Empfehlung!

Mark Allen Smith: Der Spezialist. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2012. Tb., 352 S., € 15,50 bei amazon kaufen € 11,99 Kindle-E-Book bei amazon kaufen
Mark Allen Smith: Der Spezialist. Audiobook. Gelesen von David Nathan (Synchronsprecher von u.a. Johnny Depp und Christian Bale). Lübbe-Audio 2012. 6 CDs, Spieldauer 436 min., € 14,99 bei amazon kaufen
Mark Allen Smith: The Inquisitor. Simon & Schuster Pb., 324 p., € 11,80 bei amazon kaufen € 10,62 Kindle-E-Book bei amazon kaufen

Das Mitternachtskleid. Ein Abschied.

Montag, 20. Juni 2011

Tiffany Weh, mittlerweile offizielle Hexe des Kreidelands, bekommt es in ihrem 4. Auftritt mit dem Tückischen zu tun. Der Tückische, das ist das Gift des Bösen selbst. Es schleicht sich ein, es setzt sich ab, es ist immer da und hat alle Zeit der Welt, auf die Schwäche eines Menschen zu warten: “Hetze findet immer ein Ohr”.
In der physisch kaum präsenten, dafür umso bestialisch stinkenderen Gestalt des vagen Schattens eines längst verstorbenen Hexenjägers, der sich wie ein Körperfresser von einem Opfer zum nächsten bewegt, hat sich der Tückische Tiffany als neuestes Ziel seiner nie endenden Hatz auserkoren. Wie die meisten, die tun, was getan werden muss, sich ehrlich und selbstvergessen um andere kümmern, um Toleranz, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit bemüht sind und mit einem Wort stets danach streben, es “richtig” zu machen, sieht sich auch Tiffany einer letzten schweren Prüfung ausgesetzt, bevor sie mit dem Überstreifen des titelgebenden Mitternachtskleids endgültig zur Vollhexe werden wird.
Es ist, wie alle Bücher mit Junghexe Tiffany, ein Märchen von der Scheibenwelt – spöttisch und voller Weisheit und Witz wie alle Pratchetts, aber eben auch ein wenig verträumter und noch liebevoller als andere Scheibenwelt-Geschichten. Seit der Alzheimer-Diagnose bei (seit 2009) Sir Terence David John “Terry” Pratchett im Jahr 2008 bangt seine riesige Fangemeinde mit jedem Monat mehr darum, ob der Meister noch weiter … kann, will, wird … Mit dem Erwachsenwerden von Tiffany könnte nun tatsächlich das letzte originäre Werk erschienen sein, und dass er es darin literarisch mit dem Bösen selbst aufnimmt, ist so gesehen ein mehr als würdiger Abschluss seines Lebenswerks.
Sir Terry führt nämlich seinen allerletzten Kampf: Terry Pratchett: Choosing to Die hieß eine im Juni 2011 ausgestrahlte BBC-Sendung mit ihm, in der er sich für Sterbehilfe ausspricht. Der große alte Weise möchte seine letzte Reise aus eigenem Entschluss antreten und nicht warten müssen, bis er als demente, geistlose Hülle entsorgt wird.
WARUM MACHST DU DANN NICHT EINFACH EINEN TERMIN?
Einfach so? Und das funktioniert?
DAS WIRST DU DANN JA SEHEN. DU HAST ABER GUTE CHANCEN, DASS ICH MIR DIE ZEIT NEHME. HAB DICH SCHON LÄNGER IM AUGE.
Du hast doch gar kein Auge …
DU WARST AUCH SCHON ORIGINELLER.
Mag sein, aber das gilt auch für deine Metaphern. Liegt das vielleicht daran, dass du schon so lange im Grunde immer dasselbe machst?
WOLLTEST DU NICHT WAS VON MIR?
Ich hätte dich für humorvoller gehalten.
ICH WEISS. ICH HABS GELESEN, ALS ICH DAFÜR NOCH ZEIT HATTE. ABER DER JOB WIRD IMMER STRESSIGER, EHRLICH GESAGT. ICH KOMM DER VERMEHRUNG NICHT MEHR NACH.
Ein Grund mehr, ein bisschen Platz zu schaffen.
AM DONNERSTAGABEND KÖNNTE ICH MIR ZEHN MINUTEN ABZWACKEN.
Sollten wir das nicht mit Handschlag und Spucke besiegeln?
SPUCKE HABE ICH AUCH KEINE. ABER ICH HALTE IMMER WORT.

Terry Pratchett: Das Mitternachtskleid. Manhattan 2011, Tb., 416 S.

Teil 3 der Serie

Mittwoch, 4. Mai 2011

Der Feuchttraum jedes Buchverlags, der nicht Harry Potter im Programm hat, heißt Dan Brown, und selbiger hat 5 Jahre nach Sakrileg wieder geliefert. In einer beispiellosen Selbstvernichtungsaktion der Übersetzerbranche wurde das 750-Seiten-Teil von einem Kollegium in 3 Wochen durchpflügt, um pünktlich zum Beginn der Frankfurter Buchmesse 2009 am Start zu sein.
Wars das wert? Bedingt. Der neue Dan Brown ist alles andere als neu – getreulich dem Erfolgsschema Robert Langdon, Symbolologe + Rätselrallye + Cliffhanger in Serie + abartig böser Bösewicht + weiblicher Aufputz (schlank, schön, klug, reich) folgend, stellt Das verlorene Symbol vor allem eins dar: Teil 3 der Serie.
Das Ganze ist ein Fanal für die Geisteskraft, die physikalisch messbar und damit naturwissenschaftlich beweisbar geworden sein soll (angeführte wissenschaftliche Fakten entsprechen den Tatsachen, wird eingangs behauptet). Das ist der eine, riesengroße Pluspunkt der Angelegenheit. Der darum herum gestrickte, durchaus spannend abgefasste Thriller hinterlässt aus mancherlei Gründen einen schalen Nachgeschmack: Mr. Langdon hat sich schlichtweg abgenutzt; der Schema-F-Aufbau nervt; der Bösewicht ist echt schön böse, umso bedauerlicher wie der Showdown komplett in den Sand gesetzt wird; der Freimaurerei werden so lange Rosen gestreut, bis man daran zu ersticken glaubt; und last but not least wirkt alles zusammen wie ein gewaltiger Kniefall vor der katholischen Kirche: Ich habe euch mit Illuminati getriezt, mit Sakrileg einen Dolchstoß versetzt, höchste Zeit für etwas Balsam auf die Wunden. Und von wegen etwas.
Ein gut geschriebenes Sachbuch rund um die behaupteten noetischen Erkenntnisse wäre die perfekte Form gewesen, ohne das viele thrillerhafte Beiwerk, das im 3. Aufzug selten ohne spürbare Mühsal daherkommt. Immerhin: So erreicht die Sache natürlich 1.000mal mehr Menschen, bloß – ob viele davon die “Fakten” als solche akzeptieren werden, so ganz ohne Belege?
Dan Brown: Das verlorene Symbol. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Geb., 764 S.

Bartimäus – Der Ring des Salomo

Mittwoch, 27. April 2011

Halleluja! Bartimäus kehrt zurück – rotzfrecher und unverschämter denn je. Zum Zeitpunkt der Handlung dieses eigenständigen Bandes, während der Herrschaft des mächtigen Königs Salomo, hat der Djinn erst bescheidene 2000 Jahre auf dem Plasma und befindet sich in seiner spätpubertären Phase. Da wählt er schon mal als Gestalt ein Nilpferd im Baströckchen und erscheint in der Bartimäus-Trilogie im Nachhinein beinahe schon altersweise…
Wieder versorgt uns Jonathan Stroud mit allem, was zum reich gedeckten Fantasy-Tisch gehört: magische Verwicklungen, gefährliche Abenteuer, exotisches Lokalkolorit. Das alles auf einer schrillbunten Tischdecke, auf der Bartimäus seine Sprüche hinterlassen hat – nervig, witzig und stets so, dass man heilfroh ist, nicht selbst zum Gegenstand seines Spottes zu werden.
Der Band bester All-age-Fantasy-Unterhaltung kann gänzlich unabhängig von der bahnbrechenden Trilogie gelesen werden – als überaus willkommener Nachschlag oder auch als Appetit anregende Vorspeise ist er gleichermaßen geeignet. Und da zwischen Bartimäus Auftreten in diesem Buch und in der Trilogie 3000 Jahre ins Land ziehen, darf die begründete Hoffnung geäußert werden, dass es das noch (lange) nicht gewesen ist…
Jonathan Stroud: Bartimäus – Der Ring des Salomo. cbj, 2010. Geb., 480 S.

Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Dienstag, 26. April 2011

Nathanael, der schlaue, aber auch blutjunge Zauberlehrling, hat die beste Motivation, um sich an seinem selbst entwickelten Plan zu übernehmen: Rache. Dass er ausgerechnet Bartimäus, den 5.000 Jahre alten Dschinn, als Erfüllungsgehilfen bestimmt, erweist sich als beinahe übergroßes Wagnis… Denn alle “Dämonen sind überaus heimtückisch. Sie fallen dir in den Rücken, sobald sich ihnen auch nur die geringste Gelegenheit dazu bietet.” So wurde es ihm von seinem überaus mittelmäßigen Zaubermeister immer und immer wieder eingebläut.
Und dann dieser Auftrag! Bartimäus traut seinen Ohren nicht, als der Junge ihm befiehlt, das Amulett von Samarkand aus dem Haus eines der mächtigsten Zauberer des Landes zu entwenden. Ohne die geringste Ahnung zu haben, welch staatstragende Rolle dieses magische Kleinod spielen soll…
Aus der Perspektive des abgebrühten, listenreichen und alles anders als mundfaulen Dschinns (sagt nicht Dämon zu ihm, das kann er nämlich ganz und gar nicht leiden) Bartimäus erleben wir eine packende, fantastische, magische Abenteuergeschichte, bei der einfach alles stimmt: bildhaft wie ein Film, spannend wie ein Thriller und dank ironischer Fußnoten mit pointiertem (schwarzem) Humor gewürzt, erreicht der erste einer auf drei Bände angelegten Reihe Harry-Potter-Qualitäten der Unterhaltung (das größte Kompliment das dieser Rezensent aussprechen kann). Da die Geschichte allerdings weitaus gruseliger und teils auch düsterer abläuft als die ersten beiden Potter-Bände, sei hiermit eine Lesealterempfehlung ab 12 ausgesprochen. Kaufen, lesen, darin versinken!
Jonathan Stroud: Bartimäus – Das Amulett von Samarkand. Bertelsmann Jugendbuch, München 2004. Geb., 540 S.
P.S.: Ganz neu gibt es das erste Bartimäus-Abenteuer auch als Comic! Siehe das Coverbild rechts unten.

Erschreckendes zur Lage der Menschheit: Der Übergang

Montag, 18. April 2011

“Lesen Sie dieses Buch, und die Welt, wie Sie sie kennen, wird es nicht mehr geben.” Ein solches Zitat von niemand Geringerem als Stephen King zur Bewerbung eines Buches zu bekommen, will schon was heißen – schließlich hat es dieser Erfolgsautor mit Sicherheit nicht nötig, sich irgendwo anzubiedern.
Ich kann ihm nach der Lektüre des 1 020 Seiten starken Wälzers beeindruckt beipflichten: “Von einem Tag auf den anderen rast die Welt dem Untergang entgegen”, ist am Umschlag zu lesen. Alles bis dahin ist Vorgeschichte, die allerdings für sich genommen einen spannenden und herausragend gut erzählten Thriller von knapp 300 Seiten abgibt. Dann ist alles anders, wir machen einen Zeitsprung und befinden uns in einer postapokalyptischen Welt. Und damit geht es von neuem los: Die Menschheit hat es geschafft, sich mittels eines Virus bis auf eine Handvoll zäh ums Überleben kämpfender Überreste so gut wie vollständig auszurotten. Millionen haben sich in lichtscheue, reißende, blutsaugende Bestien verwandelt, ihrer früheren Identitäten beraubt und einer zentral gesteuerten Schwarmintelligenz unterworfen. In der kleinen Menschenkolonie, in der alles seinen zweiten Anfang nimmt, hängt alles davon ab, dass die Lichter nicht ausgehen; doch die nicht erneuerbaren elektrischen Anlagen sind mehr als 90 Jahre alt und langsam dämmert es den Bewohnern, dass sie von geborgter Zeit leben.
Der Übergang als Vampirroman zu bezeichnen ist in Zeiten von Twilight und ähnlichem Schmus eine Beleidigung, auch wenn die mörderischen, in einer Art mentalem Fegefeuer gefangenen Monster einige Attribute von Draculas Sippschaft aufzuweisen haben. Auf der Anklagebank stehen hier aber nicht die ganz und gar unromantischen Bluttrinker, sondern die Menschheit selbst, deren Allmachtsphantasien weder vor moralischen Dilemmata noch vor einem Spiel mit einem Feuer, gegen das die Flammen von Hiroshima und Nagasaki wie das Leuchten von Glühwürmchen erscheinen, halt machen.
Der Übergang ist eine brillant erzählte, packend und mit bemerkenswert hohem literarischem Anspruch geschriebene, in die Tiefe gehende Parabel auf den Zustand der Welt – getan wird, was getan werden kann, und wenn es das Ende des intelligenten Lebens bedeutet. Ist das nicht genau die Maxime, die das Handeln der Mächtigen zu bestimmen scheint?
Eins bleibt noch zu sagen: “Der Übergang ist der erste Teil einer geplanten Trilogie”, wurde irgendwo am hinteren Klappentext angemerkt. Es klingt fast so, als wäre der Verlag nicht überzeugt, dass der Autor, nach vier Jahren Arbeit an diesem Buchmonster, tatsächlich noch die Kraft aufbringen wird, zwei weitere, vermutlich ähnlich umfangreiche Werke abzuliefern. Das bleibt abzuwarten; jedenfalls hat mich dieses Buch nicht mehr in Ruhe gelassen, und obgleich man am Ende in der Etappe stehengelassen wird, war es in jeder Hinsicht erfüllend.
Justin Cronin: Der Übergang. Goldmann, München 2010. Geb., 1 020 S.