Alle Artikel in der Rubrik ‘BUCH’

A Game of Thrones: das Comic

Montag, 17. Juni 2013

Bzw. die “Graphic Novel”, pardon my language. Ist es aber nicht: Da es keinerlei wirkliche Definition für diese Wortschöpfung gibt, nehme ich mir die Freiheit heraus, welche Arbeiten ich als “grafischen Roman” gegenüber dem “Bildchenheft” begrifflich adle. Und leider macht diese Adaption zwar vieles richtig, aber der Zeichenstil ist recht glatt, was für mein Empfinden so gar nicht zu der gerade durch das ausgefeilte, überbordende (schmutzige) Detail überzeugenden Romanreihe passen will. Gerade mit den Bildern der großartigen TV-Serie Game of Thrones vor Augen (und wer, der sich für dieses Comic interessieren könnte, würde die nicht gesehen haben?) hat eine Comic-Adaption natürlich von vorneherein einen schweren Stand; so hat man ganz im Sinne von George Martins Vorwort erst gar nicht versucht, in Konkurrenz zu treten, sondern eine dem Medium Comic würdige Fassung zu schaffen. Das ist durchaus gelungen, führt aber zu der doch eher traurigen Einsicht, dass das Comic, zumindest wenn es sich um eine Adaption einer Romanvorlage handelt, zu nicht mehr taugt als einer “Einstiegsdroge” (GRRM), die manch einen vielleicht dazu bringt, sich am “real thing” zu versuchen – natürlich George R. R. Martins bisher fünfteiligem Zyklus.

Unabhängig davon ist der horrende Preis des Werks zu kritisieren: Selbst diese broschierte Ausgabe kommt in der deutschen Fassung auf 21 Euro (A) und umfasst gerade einmal die Hälfte des ersten Buches. Für dasselbe als Hardcover wären mehr als 40 Euro zu berappen. Und apropos deutsche Fassung: Theon Graufreud? Jon Schnee? Königsmund? Wirklich? Ich war ja erstmal nur entsetzt, dann peinlich berührt, dann wieder entsetzt als mir aufging, dass diese Namensübertragungen im Geist der 1950er-Jahre in allen neu aufgelegten Bänden des Zyklus so gehandhabt wurden. Ich könnte jetzt … aber nein. Das Ganze ist einfach nur unwürdig; lest es einfach im Original, und zwar am besten gleich “the real thing”, das es seit Kurzem um unschlagbare € 25,95 gibt.

Was aber, wenn nach dem Ende der 3. Staffel der Fernsehserie und 2, 3, 4 (?) Jahre vor Erscheinen des nächsten Buches mal wieder der Cold Turkey ausgebrochen ist? Auch dafür gibt es eine Lösung: Der Heckenritter. Diese ebenfalls in Westeros angesiedelte Story spielt etwa 100 Jahre vor den Ereignissen in A Game of Thrones, die Targaryens stellen die Königsdynastie. Erzählt wird die Geschichte von Dunk, dem Knappen eines Heckenritters, der sich nach dem Tod seines Herrn selbst zu Ser Duncan ernennt. Über ein Turnier möchte er sich ritterliches Ansehen erwerben, doch der Sieg im Wettstreit ist bald seine geringste Sorge, legt er sich doch mit den Machthabern an … Doch typisch für die Targaryens scheint zu sein, dass sie nur im Extrem zu haben sind: edelste Gesinnung oder skrupelloser, blutgieriger Wahnsinn, und so bekommt Dunks Problem alsbald eine dynastische Dimension.

Die Zeichnungen gefallen mir besser als die des A Game of Thrones-Comics, die Story ist großteils kurzweilig, wenn auch natürlich der Suchtfaktor, der noch so ziemlich jeden Verschlinger des Hauptepos erwischt hat, fehlt. Für ein Comic, meine einzige negative Kritik, gibt es einige extrem textlastige Passagen, bei denen eine recht intime Kenntnis der Herrscherhäuser mit all ihren offiziellen und weniger offiziellen Namen, Beinamen und Spitznamen und natürlich der Verwandtschaftsverhältnisse gefragt wäre … kurz gesagt, man kennt sich stellenweise einfach nicht aus, wer jetzt wem warum einen Zacken aus der Krone hauen möchte. Mag sein, dass das ein Problem der Comic-Adaption ist; in diesem Fall lohnt evt. die Anschaffung des Prosawerks. Das erscheint allerdings erst am 23. 9. 2013; wer nicht so lange warten möchte und sowieso mehr für die Originalfassung zu haben ist, wird in Dreamsongs Vol. II fündig.

Und der Vollständigkeit halber: Natürlich gibt es The Hedge Knight
auch als Graphic Novel im Original, allerdings momentan nur zu Liebhaberpreisen.

Sound der Gebärden

Mittwoch, 5. Juni 2013

Liebesnöte von Teenagern gehören eher nicht zu meinen bevorzugten Themen, weshalb ich besonders froh bin, im Fall von Freak City eine Ausnahme gemacht zu haben: Der Sound dieser ungewöhnlichen Lovestory ist frisch, frech und stimmig und ein echtes Lesevergnügen. Das ist aber „nur“ die Verpackung für einen in dieser Form absolut einzigartigen Inhalt: Denn Lea, Mikas Love Interest, nachdem die göttliche und unvergessliche Sandra in hat sitzen lassen, ist gehörlos. Nach und nach führt uns der Roman in eine vollkommen eigene Welt: jene von gehörlosen Jugendlichen. Je tiefer Mika eintaucht, desto mehr Schwierigkeiten tun sich auf; und auch Lea muss über ihren eigenen Schatten springen und einen von den Hörenden, die auf einem gänzlich anderen Planeten leben, an sich heranlassen.
War es anfangs Trotz gegenüber seiner Verflossenen, wird Mika bald von der temperamentvollen Lea in den Bann geschlagen – und nicht zuletzt vom abschätzigen Unverständnis aller anderen immer stärker zu ihr hingetrieben.
Der mehrfach preisgekrönte Jugendroman (u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert) ist das erste und einzige Werk im deutschsprachigen Raum überhaupt, das sich der Situation gehörloser Jugendlicher annimmt und ihr eine authentische Stimme verleiht. Im Zusammenhang mit der Taschenbuchveröffentlichung erfolgte gewissermaßen auch die offizielle Anerkennung seitens der Gehörlosenwelt: Die Leipziger Theaterfachschule Bongôrt-v. Roy ist die erste Schauspielschule im deutschsprachigen Raum, die auch gehörlose Schüler zu professionellen Schauspielern ausbildet. Typisch für die Schule sind zweisprachige Inszenierungen: Lautsprache und DGS (Deutsche Gebärdensprache). In einer solchen Form wird ab Sommer 2013 auch eine dramatisierte Fassung von Freak City mit zwei Schauspielern auf den Spielplan genommen, mit 45 Minuten Spieldauer eigens auf den Schulbetrieb abgestimmt. (Bei Interesse: info@schauspielschule.info [Holger-Hoppla Pester/ Roy Meißner])

Kathrin Schrocke: Freak City. Carlsen, Hamburg 2013. Tb., 236 S., € 7,20 (A)

Der Aufguss vom Aufguss

Dienstag, 4. Juni 2013

Sich durch einen Thriller gefühlt durcharbeiten zu müssen, ist an sich schon das vernichtendste Urteil, das sich über Bücher aus dieser Unterhaltungsliteraturgattung sprechen lässt. Stammt das Werk von einem gewissen Dan Brown, ist zudem jegliche Zurückhaltung im Hinblick auf die grundsätzlich gewaltige Leistung, die es darstellt, ein 600-Seiten-Buch zu schreiben, unangebracht: Als einer der meistverkauften Autoren der Gegenwart könnte er sich alles erlauben – z.B. 10 Jahre an einem Buch zu arbeiten wie Thomas Harris oder radikal mit der eigenen schriftstellerischen Vergangenheit zu brechen wie Joanne K. Rowling. Dan Brown hat nichts davon gemacht: Er hat den Aufguss, den er mit Das verlorene Symbol vorgelegt hat, noch einmal aufgegossen. Er hat sein derart bis zur völligen Geschmacksneutralität verwässertes Schreibrezept in keinem Punkt verändert. Nur kommt diesmal keinerlei Spannung auf, die Storylöcher haben sich zu Abgründen ausgewachsen, die Motive der Protagonisten schwanken unentschlossen zwischen wirr und abstrus hin und her. Alles ist auf maximalen Showeffekt angelegt und geht fast durchwegs einfach nur auf die Nerven. Und sollte Dan Brown nach seiner zweiten von Kritik und Publikum bestenfalls durchwachsen aufgenommenen Wiederholungstat nun doch mit einem Genrewechsel liebäugeln: Bitte werden Sie kein Reiseschriftsteller, Herr Brown. Wenn Sie schon einige der spektakulärsten Locations Europas zu Kulissen degradieren, deren Beschreibungen ähnlich emotional ausfallen wie Anweisungen für Bühnenarbeiter, sollten Sie sich zumindest um eine brillante Story verdient machen. Deren Grundidee sorgte indes erst kürzlich in der BBC-Science-Fiction-Serie Utopia in erheblich aufregenderer Umsetzung für Gruselschauer, ist also so neu auch wieder nicht. Und was die Ausführung betrifft … siehe oben.

Dan Brown, Inferno: Thriller Lübbe, Bergisch-Gladbach 2013. Geb., 686 S., € 26,70 (A)
Kindle-Edition € 19,99 | Audiobook € 21,99

Komplex oder sperrig?

Dienstag, 21. Mai 2013

Andrea Cort, die ebenso brillante wie misanthrope Ermittlerin, steht vor ihrer schwersten Aufgabe – denn nicht weniger als das Schicksal zweier intelligenter Spezies steht auf dem Spiel. Die eine ist ihre eigene – die Menschen. Die andere nennt sich Vlhani und gilt als intelligenteste sämtlicher intelligenten Arten – was ein Grund dafür ist, dass sie niemand wirklich versteht. Der andere: Sie kommunizieren mithilfe von Bewegungen ihrer zahlreichen peitschenartigen Fortsätze. Ihre größte kulturelle Errungenschaft besteht in einem alljährlichen Tanz von Tausenden von ihnen, der mit der rituellen Zerstückelung sämtlicher Teilnehmer endet …
Im dritten Teil der SF-Thriller-Reihe treibt Castro seine dystopischen Fantasien auf die Spitze, was für zahlreiche beeindruckend düstere Bilder sorgt, dem Ganzen aber die rechte Sogwirkung nimmt. Auch wird wiederholt Unfassliches in den Raum gestellt, ohne dass auch nur der Versuch einer Antwort erfolgt.
Komplex oder sperrig? Sicherlich beides; kein ungetrübtes Leseabenteuer zum (vorläufigen?) Abschluss der Trilogie.

Adam-Troy Castro: Sturz der Marionetten. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2010. Tb., 414 S., € 14,40 (A)

Kindle-Edition

Leda und der Schwan …

Samstag, 4. Mai 2013

… in der nicht jugendfreien Version. Auf rund 30 Seiten wird die bekannte griechische Göttersage nacherzählt: Zeus verwandelt sich in einen Schwan (übrigens der Vogel mit dem größten Penis allen Flügelgetiers), um die selbstverständlich junge und atemberaubend schöne Königin Spartas zu verführen. Hera schäumt mal wieder, beschließt in dieser Version aber, ausnahmsweise nicht die alles duldende Ehefrau zu spielen, sondern geht zum Gegenangriff über. Flott erzählte Bettlektüre im engeren Sinn des Wortes.

Andrea Leccara: Leda. Kindle-E-Book, ca. 33 S., ca. 10 Illustrationen. € 1,69

Holpriger Ride

Montag, 29. April 2013

Es gibt also stehende, extrem niederfrequente elektromagnetische Wellen rund um die Erde: ein als Schumann-Resonanz (mir bisher nicht bekanntes) Phänomen und ein wissenschaftliches Faktum, wie Christopher Ride zufolge auch deren zunehmender Anstieg.

Die verderbliche Dynamik, die dieses Thrillerdebüt storytechnisch in Gang bringt, ist folgende: Der Anstieg der Schumann-Frequenz ist der Grund für die ständig wachsende Gewaltbereitschaft und überhaupt das suizidale, ausbeuterische, mörderische Verhalten der Menschheit. Wie gut, dass man schon Jahrtausende zuvor über all dies Bescheid wusste und ein paar Schalter eingebaut hat, mit deren Umlegen alles wieder in Ordnung kommt – untergebracht in weltbekannten historischen Stätten.

Ein Problem gibt es allerdings: Das Umlegen der Schalter muss Jahrzehnte in der Vergangenheit – unserer Gegenwart – stattfinden. Warum eigentlich? Aber egal, auch dafür wird eine überraschende Lösung an den Haaren aus dem Hut gezaubert: die Jesaja-Qumran-Rolle. Weiß man die richtig zu lesen, ist der Bau einer Zeitmaschine nur noch eine Frage von Zeit und Geld.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Die Welt übersteht’s. Und wird mit dem Schlussabsatz gleich auf den nächsten Einsatz des Helden vorbereitet.

Die als “geniale Mischung aus Dan Brown, Michael Crichton und Indiana Jones” gepriesene Story ist durchaus kurzweilig zu lesen; das Problem ist, dass hier schon fast zwanghaft versucht wird, Mystery und Science miteinander in eine Schachtel zu pressen und dann noch sämtliche üblichen Verdächtigen unterzubringen, Superbösewicht, Love Interest, Mad Scientist, weltbeherrschende Corporation … Die Mystery-Elemente verlangen der Haarsträube-Toleranz des Lesers wirklich einiges ab, die Scienceteile sind bis zur Unverständlichkeit technisch. Als Thriller ist das Ganze medioker – an der Bildhaftigkeit und mitreißenden Rasanz seiner Schreibe muss Herr Ride noch feilen. Aber trotz aller Logiklöcher, Unausgewogenheit und insgesamt niedrigem Anspruchsniveau: Man kann es wirklich schlechter erwischen mit der Strandlektüre.

Christopher Ride: Die Fequenz. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 526 S. € 9,30 (A) bei amazon kaufen

Kindle-Edition € 7,49

Respektloses Mystery-Debüt

Dienstag, 9. April 2013

Als nach einem eigentlich unmöglichen Erdbeben vom Berliner Alexanderplatz nur noch ein riesiger Krater übrig bleibt, sind Engel und Dämonen gezwungen, zusammenzuarbeiten. Um herauszufinden, was genau passiert ist, schicken die uralten Feinde zwei ihrer entbehrlichsten Leute: die Magierin Amanda, die unter der Knute des Dämons Balthasar steht, und den ausgestoßenen, flügellosen Engel Jul. Das Geheimnis, das sie entdecken, hat mit dem ewigen Widerstreit von Licht und Dunkel zu tun; die Existenz der Welt selbst ist bedroht.
Ein genretypischer Erstling, der doch mit seiner frischen Schreibe und den gut herausgearbeiteten Charakteren aus der Masse hervorragt. Besonders angetan haben es mir aber die zentralen Inhalte, die in die packende Story eingebettet wurden: En passant wird so manchem Glaubensdogma der Boden unter den Füßen weggezogen, allen voran dem Monotheismus. Andrea Bottlinger ist so respektlos wie ihre Heldin und hat keinerlei Scheu davor, Götter von ihrem Thron zu stoßen; letztlich beschenkt sie uns mit einem Plädoyer für die Freiheit und den Willen, eigene Entscheidungen zu treffen, verpackt in einen gelungenen Mystery-Schmöker.
Die eine oder andere Ungereimtheit im Ablauf gab es noch, deshalb “nur” vier Sterne. Man darf gespannt sein, wie es mit dieser Autorin weitergeht.

Andrea Bottlinger: Aeternum. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2013. Tb., 572 S., € 13,40 (A)

Kindle-Edition: € 10,99

Absurdistan in Neuseeland

Dienstag, 9. April 2013

Im Zentrum der Story steht die junge, hübsche Dalia mit dem widerlichen Job: Sie verpackt Rindsschädel in einer Industrie-Schlachterei. In die Schlagzeilen kommt sie allerdings mit ihrer Behauptung, von Aliens entführt worden zu sein und mit diesen einvernehmlichen Sex gehabt zu haben. Sicher ist: Dalia ist schwanger.
Weitere Zutaten zu dieser unlustigen Gesellschaftssatire: ein Bürgermeister, der mit der gewaltigsten Wasserrutsche aller Zeiten seine Stadt zu nie geahnter Größe erheben will; die Weltwirtschaftskrise in Form der Schließung des einzigen bedeutenden Arbeitgebers am Ort, besagter Schlachterei; ein junger Mann, der sich in Dalia verschaut, während er versucht, die örtliche Bibliothek wiederaufzubauen; ein abstoßender junger Mechaniker, der ausschließlich nervt, vor allem Dalia; sensationsgeile Medien, ruhmsüchtige Teenager und eine plattgedrückte Kuh.
Es ist ein halbgares Absurdistan, das McCarten hier bevölkert, ein Sammelsurium schräger Ansätze, die allerdings humorfrei bleiben. Ihr einziger wirklicher Zusammenhang ist letztlich der Schauplatz: die Kleinstadt Opunake. Um als Roman überzeugen zu können, ist das deutlich zu wenig.

Anthony McCarten: Liebe am Ende der Welt. Diogenes, Zürich 2012. Tb., 360 S., € 11,20 (A)

Kindle-Edition: € 9,99

Das Recht auf Schafott und Podium

Freitag, 15. März 2013

Von der Wiege bis zur Bahre, in dem Fall die Guillotine, begleitet diese Bild-Biografie eine der bedeutendsten Vordenkerinnen für die Rechte der Frau und die Abschaffung der Sklaverei: Olympe de Gouge.
Welch scharfer Geist hier seine spitze Zunge wetzte, welch unerschrocken selbstironische Polemikerin hier zu Werke ging, wird im folgenden Zitat deutlich (aus Art. X in Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin): Die Frau hat das Recht, aufs Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen.
Bocquet hat ein atemloses Szenario geschaffen und damit einem atemlosen Leben ein würdiges Denkmal gesetzt. Mit Fortdauer der komplexen, sich überschlagenden Ereignisse ist es allerdings keinesfalls immer leicht, den Rollen der zahlreichen Protagonisten zu folgen, ohne über detaillierte Kenntnisse der französischen Revolution zu verfügen. Leider weist nichts auf den ausführlichen und überaus nützlichen Biografieteil im Anhang hin (Korrektur: es gibt ein Inhaltsverzeichnis, es ist das Letzte in diesem Buch), der in der Reihenfolge des Auftretens genau jene Einordnung der Haupt- und Nebenfiguren ermöglicht, die das Lesen auf einer tiefergehenden Ebene erst möglich macht. Zudem sind die Biografien auch in Sachen Orthografie, Grammatik und sogar Daten fehlerhaft. Ganz im Gegensatz zur Bild-Biografie selbst übrigens, welche nicht zuletzt auf der Textebene mit aller Sorgfalt behandelt wurde, die einer großen historisch-biografischen Arbeit, ja im Grunde jedem Buch zusteht.
Für deren kunstvolle grafische Umsetzung sorgte die Partnerin Bocquets, Catel Muller, die nach “Kiki von Montparnasse” nunmehr zum zweiten Mal eine besondere Frau mit ihrem charakteristischen Zeichenstil aus harten Kontrasten und weichen Linien in Szene setzt. Ihr Strich ist minimalistisch, wirkt mitunter etwas naiv, bildet aber ein ganzes, pralles Leben in einem Gesicht ab. Er mag nicht in jedem einzelnen Panel die maximale emotionale Tiefe erreichen, doch wer solches verlangt, hat das Medium Comic missverstanden, in dem Texte (auch) illustrieren und Bilder (sehr viel) Handlung voranzutreiben haben.

Catel & Bocquet: Die Frau ist frei geboren. Olympe de Gouge. Splitter, Bielefeld 2013. Geb., 480 S., € 37,80 (A)

Köln-historisches light

Donnerstag, 7. März 2013

Köln, im Jahre des Herrn 1378. Die Buchbinderin Alena schickt die junge Päckelchesträgerin Mirte mit einer dringenden Nachricht zum Ratsherrn: Ein Gewitter werde es geben, der Blitz werde in einen Kirchturm einschlagen und eine Feuersbrunst auslösen.
Zwar glaubt der Ratsherr der geheimnisvollen Frau und kann mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen Schlimmeres verhindern, aber Alena hat sich Feinde gemacht. Die nützen die Gelegenheit, ihre “Hellseherei” als Ausdruck schwarzer Magie und die Buchbinderin als “Zaubersche” zu brandmarken; und wer mit den gottlosen Mächten zu tun hat, soll gesteinigt werden, so steht es im Buch der Bücher … Doch es gibt einen noch viel unglaublicheren Grund für Alenas Kenntnisse.
Andrea Schacht bleibt ihrem Erfolgsrezept treu: Flott geschriebenes Lesefutter für den leichten Genuss, angesiedelt im mittelalterlichen Köln. Romantik und Frauen-Power stehen im Vordergrund, natürlich spielt auch eine besonders kluge Katze wieder eine Rolle, historische Fakten bilden ein karges Gerüst, das Setting ist dafür umso liebevoller recherchiert und dargestellt. In Die Blumen der Zeit mengt sie noch eine gewaltige Portion Mystery hinzu; zur Glaubensfrage sollte man den Schmöker nicht machen, sondern so konsumieren, wie es gedacht ist: zur unterhaltsamen Entspannung.

Andrea Schacht: Die Blumen der Zeit. Blanvalet, München 2012. Tb., 286 S., € 9,30 (A)
Kindle-Edition € 7,49