Alle Artikel in der Rubrik ‘SERIEN’

Die Eier des Lebens

Mittwoch, 1. Februar 2012

Catherine “Cathy” Jamison, ideal und glänzend besetzt mit Laura Linney (Das Leben des David Gale, Die Geschwister Savage, John Adams, The Mothman Prophecies), erhält zum Auftakt der Serie die niederschmetternde Diagnose: Krebs! Unbehandelbar; Prognose: 6 Monate.

Die Collegelehrerin verleugnet erst einmal alles, gesteht weder sich noch sonst jemandem ein, wie es um sie steht. Einzig die misanthropische Nachbarin, selbst schon mit einem Fuß im Grab, durchschaut die Sache. Dann aber beschließt die etwas verhuschte Lehrerin, dass jetzt endlich einmal sie an der Reihe ist. Mit dem Leben. Schließlich steht das Verfallsdatum vor der Tür …

Herrlich unsentimental, schwarzhumorig, politisch unkorrekt, makaber, direkt, drastisch und bei all dem stets glaubwürdig und lebensnah. Nicht selten zum Brüllen komisch, immer wieder aber auch tief berührend, lebt The Big C abgesehen vom starken Skript und dem sardonischen Tonfall, den Laura Linney perfekt trifft, vor allem von den schrägen Charakteren: Cathys Bruder Sean, der manisch-depressive, aus dem Müll essende Obdachlosen-Guru; die fette, schwarze Andrea, die allen über den Mund fährt und dabei total sensibel ist und von einer Karriere als Modedesignerin träumt (Gabourey Sidibe, bekannt aus Precious – Das Leben ist kostbar); Marlene, die selbst todkranke Nachbarin, mit ihrem Humor aus dem Leichenschauhaus… Prominente Gastauftritte (Idris Elba, Star der ebenso düsteren wie großartigen Brit-Crime-Serie Luther; Liam Neeson [96 Hours, Unknown Identity, Under Suspicion - Unter Verdacht, Rob Roy, Schindlers Liste]) vervollständigen den überaus positiven Gesamteindruck.

Die erfolgreiche und mehrfach ausgezeichnete Showtime-Serie geht im Original ab 8. April 2012 in die dritte Staffel; Staffel 1 ist auf deutsch erhältlich.

Person of Interest: If your number comes up …

Sonntag, 22. Januar 2012

Der Endsieg des Überwachungsregimes moderner Bauart ist Wirklichkeit: Ein geheimes System wertet sämtliche Überwachungsdaten aller Kameras, Mikros, E-Mails usw. aus und setzt sie miteinander in Beziehung – um Bedrohungen schon zu verhindern, bevor sie eintreten. Bei dieser futuristischen, proaktiven Antiterrormaßnahme fallen jedoch auch Normalos auf, die in irgendeiner Weise in gefährliche Situationen geraten werden; für die Regierung sind sie irrelevant, der Erfinder des Systems, Harold Finch (Michael Emerson, Lost) ist jedoch nicht willens, diese “Kollateraldaten” ebenso zu übergehen. Er findet sich im mysteriösen Mr. Reese (Jim Caviezel, Frequency, Unknown, Die Passion Christi) den richtigen Mann fürs Grobe. Gemeinsam greifen sie in das von ihrem Hi-Tech-Orakel prophezeite Schicksal unbekannter Menschen ein – ohne je zu wissen, ob ihre jeweilige Person of Interest Opfer(in) oder Täter(in) ist …

Prominenz vor und hinter der Kamera zeichnet die Science-Fiction-Thriller-Crime-Serie aus: Harold Finch, der paranoide Billionär und Programmierer des Systems, wird von Michael Emerson gespielt, bekannt als Anführer der Anderen in der Mystery-Serie Lost, und wie dort ist er als hochgefährliche Person, die den Anschein größtmöglicher Unbedarftheit zu erwecken versteht, ideal besetzt. Die Verbindung zu Lost ist produzentenseits gegeben: Da wie dort ist es J. J. Abrams, der für die künstlerische Oberhoheit der Serien Alias – Die Agentin und Fringe – Grenzfälle des FBI sowie der Kinofilme Super 8 und Star Trek (2009) verantwortlich zeichnet.

Was Finch braucht ist ein Mann “with the skills to intervene”: Er findet sie in Gestalt von Mr. Reese: tragische persönliche Vergangenheit, reichlich Erfahrung mit Kriegs- und Spionagehandwerk, lakonisch und desillusioniert. Jim Caviezel scheint mit dieser Rolle seine Bestimmung als Schauspieler gefunden zu haben; seine Präsenz ist geradezu verstörend.

Neben der überzeugend paranoiden Grundidee, den ideal besetzten Hauptrollen, stark inszenierter Action und visuell gelungener Umsetzung punktet Person of Interest mit seinem überdurchschnittlich starken Script, insbesondere auch in Bezug auf die Charakterzeichnungen. Womit wir beim kreativen Mastermind angelangt wären: Jonathan Nolan, der Bruder von Christopher Nolan. Letzterer machte aus Jonathans Kurzgeschichte “Memento Mori” den genialen Thriller Memento, mit dem er vom Geheimtipp zum Regiestar aufstieg. Der Arbeitsaufteilung Script Jonathan Nolan, Regie Christopher Nolan verdanken wir ferner die Streifen Prestige – Die Meister der Magie und vor allem The Dark Knight. Wenn im Laufe des aktuellen Kinojahrs 2012 The Dark Knight Rises ist es dann wieder soweit, Nolan/Nolan am Werk erleben zu können.

Die seit September 2011 von CBS ausgestrahlte Serie bekam in Testscreenings die höchsten Ratings für einen Serien-Pilot seit 15 Jahren, übernahm den Sendeplatz von CSI und erreichte eine Quote von über 13 Millionen Zusehern.

Die Hölle auf Rädern

Freitag, 13. Januar 2012

Unmittelbar fesselnd, drastisch in Handlung und Setting, historisch begründet: Das AMC-Western-Drama “Hell on Wheels” (der Begriff bezog sich im 19. Jahrhundert auf den Tross aus Hurenzelten, Schnapsbuden, Spiel- und Tanzsalons, der die Gleisarbeiter der Union Pacific Railroad begleitete) setzt nach dem Ende des Bürgerkriegs an. 1865 – Lincoln ist tot und “the nation is an open wound”. Cullen Bohannon (Anson Mount) lernen wir in der Eröffnungssequenz als klassisch wortkargen Gunman kennen, der die Absolution auf sehr endgültige Weise erteilt. Was ihn antreibt, werden wir bald erfahren: Rache für den Mord an seiner Frau, die im Bürgerkrieg einem Trupp der nordstaatlichen Unionsarmee zum Opfer gefallen war.
Deshalb macht sich der Ex-Konföderierte auch auf den Weg zur Union Pacific, die den Wettlauf um die Eisenbahn-Erschließung von Osten aus betreibt. Geschickt versteht er es, die spannungsgeladene Ausgangslage zu seinen Gunsten zu nützen: Als ehemaliger Sklavenhalter wird er zum Aufseher über die schwarzen Arbeiter ernannt. Auch dass er sich quasi in “Feindesland” befindet stellt er als Vorteil dar – ist es doch genau die Lage, in der er sich während der gesamten Kriegsjahre befand.
Oberboss der Union Pacific vor Ort ist Thomas “Doc” Durant (Colm Meaney, The Damned United – Der ewige Gegner, Layer Cake, Fisch & Chips, Star Trek – Movies 7-10) – tatsächlich in den 1860er-Jahren im Vorstand der Union Pacific, wie auch in jenem der Credit Mobilier of America, und damit einer der Hauptverantwortlichen für einen der ersten wirklich großen Finanzskandale der (US-amerikanischen) Geschichte.
Ausbeutung, Betrug, Indianerangriffe, Blut, Gewalt, Tod und Schnaps, Huren, Prediger und heimwehkranke Iren, “the fair maiden of the west” und natürlich sich zu Tode schuftende (schwarze) Eisenbahnarbeiter, die zwar keine Sklaven mehr sind, aber dennoch Untermenschen, die noch dazu nicht mehr wissen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist. Der düster-dreckige Cocktail mit dem starken Script wurde generell gut aufgenommen und ist die zweiterfolgreichste AMC-Show nach “The Walking Dead”. Die zehnteilige Season 1 endet noch im Jänner 2012, eine zweite Staffel ist aber bereits beschlossene Sache.

Harrys Gesetz

Mittwoch, 11. Januar 2012

Harriet Korn, best- und starbesetzt mit Oscarpreisträgerin Kathy Bates (Dolores, Misery, Grüne Tomaten, About Schmidt, Love Liza, Wer tötete Victor Fox?), hat so richtig die Schnauze voll von ihrem Job: Als Patentanwältin wurde sie zwar reich, zugleich aber so gelangweilt, dass der Tod wie ein willkommener Ausflug erscheint. Vorerst versucht sie es allerdings mit einem dicken Joint im Büro, woraufhin sie vor die Tür gesetzt wird.
Irgendwie kriegt sie dann doch die Kurve und eröffnet ein eigenes Anwaltsbüro in einem ehemaligen Schuhgeschäft, welches von ihrer Assistentin weiterbetrieben wird. In Staffel 1 nimmt sich die mit reichlich extra-rauem Mutterwitz gesegnete Mittsechzigerin der ganz kleinen Leute in ihrem Viertel an: Die wohlhabende Republikanerin, deren Sarkasmus nur von ihrer Direktheit übertroffen wird, entdeckt ihre soziale Seite. Das gibt vielerlei Gelegenheit zu Klassengrenzen überwindendem Sozialdrama, und auch wenn hier im Grunde so ziemlich jedes einschlägige Klischee bedient wird, macht das dank der Performance von Kathy Bates eine Menge Spaß; und auch die Emotionen kommen sicher nicht zu kurz.
In der Ende Jänner finalisierten 2. Staffel wurde vieles an den Grundlagen geändert: Harriet Korn zieht in den Stock über dem Schuhgeschäft, welchen sie sich mit der größenwahnsinnigen, geldgierigen, narzistischen, skrupellos schmierigen Dauerwitzfigur von Anwalt, Tommy Jefferson (Christopher McDonald), teilt. Es wird professionell – “richtige” Kriminalfälle sind zu gewinnen, anstatt die Streitereien der lokalen Gangs zu schlichten. Der Cast wurde entsprechend angepasst: Mark Valley, All-American Hero und anwaltsserienerprobt (Boston Legal – Empfehlung, btw) wird, sehr zum Leidwesen des naiv-idealistischen Adam (Nate Corddry), als knallharter Starverteidiger Oliver Richard engagiert, und auch die ebenso smarte wie rasiermesserscharfe Junganwältin darf natürlich nicht fehlen (Karen Olivo als Cassie Reynolds).
Auch wenn damit das meiste an speziellem Profil verloren ging, ist das Ergebnis weiterhin sehenswert – allerdings mit der Einschränkung, dass man Anwaltsserien grundsätzlich etwas abgewinnen können muss.

Harry’s Law wird von NBC ausgestrahlt und von den Machern von Boston Legal bzw. The Practice produziert.

Es war einmal …

Dienstag, 10. Januar 2012

Klassische, das heißt in erster Linie Grimm’sche, also deutsche, Märchenfiguren in der Gegenwart: ein Subgenre, das sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Die bedeutendste Initialzündung verdanken wir einmal mehr dem Comic bzw. der Graphic Novel: Unter der Regie des Szenaristen Bill Willingham kam 2002 der erste Band “Fables“, Fabelwesen, heraus: Legends in Exile (siehe Cover links; die deutsche Ausgabe – Cover rechts – ließ bis 2007 auf sich warten).
Die Reihe wurde ein großer Erfolg: Neben der 15-bändigen Hauptserie, mit 14 Eisner Awards ausgezeichnet, sind diverse Spin-offs, Miniseries usw. zu haben. In deutscher Übersetzung erscheint demnächst der vorletzte Band der Hauptserie, Hexen.

Auch am US-Serienmarkt ist es nun soweit: Mit “Once Upon a Time” (dem traditionellen “Es war einmal” im Englischen) startete ABC eine Drama-Fantasy-Serie, bei der die ganze Märchenwelt an einen “schrecklichen Ort” versetzt wurde – Storybrooke, Maine, ein unscheinbares Provinzstädtchen im US-amerikanischen Irgendwo. Alle sind dort zu einem Parallelleben verurteilt, in dem die Zeit stillsteht und niemand über seine wahre, märchenhafte Identität Bescheid weiß. Schuld daran ist natürlich die böse Königin: Nachdem Snow White ihr Leben ruiniert hatte, wollte sie nichts mehr anderes, als das Glück aller zu zerstören – angefangen mit dem von Snow White und Prince Charming, deren Hochzeit sie gleich zum Auftakt gründlich vermiest. Die einzige Möglichkeit, den Fluch zu besiegen, bietet die Tochter der beiden, deren Eingreifen im Alter von 28 prophezeit ist. Auftritt Emma Swan (Jennifer Morrison).
“Once Upon a Time” ist bestes Serienfutter für die Altersgruppe 14 bis 49 und eine der Serien, die vom OK-Piloten an immer besser wird: Die Geschehnisse im Märchenland und in Storybrooke werden geschickt miteinander verwoben, abwechselnd befinden wir uns inmitten von (Medium Dark) Fantasy und gegenwärtigem (Familien-)Drama. Die spannendste Figur ist für mich Mr. Gold alias Rumpelstiltskin, unnachahmlich verschlagen und hinterhältig dargebracht von Robert Carlyle (Ganz oder gar nicht, To End All Wars – Die wahre Hölle am River Kwai, Die Asche meiner Mutter, Trainspotting). Dessen märchenhaften Hintergrund erfahren wir übrigens in der besonders intensiven und gelungenen Episode 8, “Desperate Souls”.

Einen deutlich dunkleren, andererseits aber auch wieder komischeren Tonfall schlägt “Grimm” an, das NBC-Konkurrenzprodukt. Ein “Grimm”, Nachkomme der Gebrüder, ist in der Lage, die Menschen als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: Hexe, Werwolf usw. Da der titelgebende Grimm, Nick, als Detektiv im Morddezernat beschäftigt ist, als er seiner Fähigkeiten gewahr wird, ist die Richtung klar: Crime, Mystery und Fantasy. Die Serie wurde insgesamt weniger positiv aufgenommen als “Once Upon a Time” und dies ganz zu Recht: Es mangelt ihr an Stimmigkeit. Grusel und Witz spießen sich, was sich im Verlauf der Ereignisse noch bessern kann. Ein weiteres Manko jedoch wird unbehebbar bleiben: Der Titelheld vermag wenig in den Bann zu schlagen, und weit und breit ist keine Film- oder Fernsehprominenz zu entdecken, die dem Cast Glanz verleihen könnte. Eher für Vielseher.

Weeds: die schönsten Blumen überhaupt

Freitag, 6. Mai 2011

Schauplatz: Agrestic. Ein bis ins letzte Detail austauschbarer Vorort irgendwo in Kalifornien (“Little boxes on the hillside…”). Parade-MILF Nancy Botwin (Mary-Louise Parker (Der Klient, Roter DracheDie Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford)) hat eben ihren Ehemann verloren und sucht nach einer Chance, sich und ihre beiden Söhne Shane (Alexander Gould) und Silas (Hunter Parrish) durchzubringen. Der einschlägige Bedarf ihres Steuerberaters, dem dauerbedröhnten Doug Wilson (Kevin Nealon), bringt sie auf die Idee, “Kleine Deals unter Nachbarn” (so der Untertitel der deutschen Fassung) zu machen. Als Frau mit moralischer Verantwortung schlägt sie dabei eine konsequente “Nur-Marihuana-Politik” ein. Dennoch droht von allen Seiten Gefahr: Ihr depressive, alkoholproblematisierte Nachbarin Celia Hodes (Elizabeth Perkins (Das Wunder von Manhattan, The Flintstones – Die Familie Feuerstein / Die Flintstones in Viva Rock Vegas)) darf keinesfalls erfahren, was Nancy so treibt, und auch der zum Ende der ersten Staffel in ihr Leben tretende Peter Scottson stellt sie vor ein Dilemma…
Nicht verbergen kann sie ihre Geschäfte vor Andy (Justin Kirk (Angels in America)), dem ebenso großmäuligen wie kleinmütigen Bruder ihrers verstorbenen Mannes, der mit Ritterallüren behaftet auftaucht, um der damsel in distress beizustehen. In Wahrheit nur, weil er sich Hoffnungen macht, seines Bruders Nachfolge im Ehebett antreten zu können; ein Umstand, den Nancy gekonnt zu ihren Gunsten auszunutzen versteht.

Weeds wurde für allzu selbstverständlich in Szene gesetzten Drogenkonsum kritisiert, brach aber dennoch (oder gerade deshalb) alle Showtime-Zuseherrekorde. Der Humor ist abgründig und anarchisch mit Tendenz in Richtung völliger Einschwärzung und spart nicht an Vulgarität und deftigen sexuellen Anspielungen: kräftig zugekifft eben. Ein legendäres Highlight z. B. Andys praxisnahe Masturbations-Anleitungen für den frühreifen Shane, nachdem eine Sperma-Socke den Abfluss verstopft hatte. Stichwort: Bananen sind gesund – und so geschmeidig…

Nancy agiert mit optisch überzeugendem Ganzkörpereinsatz, wobei ihre im Verlauf von bisher 6 Staffeln (Nr. 7 startet im Sommer 2011) wechselnden Liebhaber immer mit Drogenkriminalität zu tun haben. Wer sagt, man könne business and pleasure nicht verbinden? Der für mich einzige Schwachpunkt der Serie besteht in der zunehmenden Kriminalisierung, wodurch Staffel für Staffel ein bisschen Humor für ein wenig mehr Härte verloren geht. Ab etwa Season 4 macht sich das deutlich bemerkbar, aber wer sich davon selbst überzeugt, ist natürlich längst “hooked” und wird der Anarcho-Comedy treu bleiben bis zum letzten Zug…

Chuck vs. Agentenserienfadesse

Dienstag, 19. April 2011

Ok, die erste Staffel ist nicht wirklich der Bringer – “Kinderkram” nannte es ein Freund von mir, vielleicht ein bisschen hart, aber im Grunde zutreffend. (Man beachte auch die Altersfreigabe: 12+ die erste, 16+ alle weiteren Staffeln.)

Der Plot: Chuck Bartowski (Zachary Levi) arbeitet am Nerd Herd des Einkaufstempels Buy More; er wäre zwar intellektuell zu weit Höherem berufen, aber das hat bislang nicht sollen sein. Das Schicksal greift in Form eines Agenten ein, der dem ahnungslosen Chuck den Intersec ins Hirn pflanzt. Damit wird er zu einer Art lebendem Supercomputer auf Abruf und von der CIA in Gestalt der Traumfrau Sarah Walker (Yvonne Strahovski) und dem bärbeißigen und schießwütigen Bullen fürs Grobe John Casey (Adam Baldwin) unter die Fittiche genommen. Sarah wird zur Tarnung seine Freundin, Chuck hätte natürlich gerne vom ersten Moment an mehr.

Wer trotz übermäßiger Jugendfreiheit der ersten Staffel etwas abgewinnen konnte, wird ab der zweiten mit einem ausgereiften Serienkonzept in witziger Ausführung und sexy Verpackung (die natürlich von den “gefährlichen” Stellen nie entfernt wird) belohnt. Die Agentenstoryline kommt wie James Bond nach zwei Achterln rüber, weist dabei aber so viel roten Faden und überzeugende Action auf, dass auch für Spannung gesorgt ist. Der zweite Handlungsstrang spielt sich im und um das Buy More ab, wo insbesondere dank Morgan Grimes (Joshua Gomez), Chucks bestem Freund aus Kindertagen, keine Gelegenheit ausgelassen wird, um sich über Konsumwahn, allgemeine Verblödung und sonstige Auswüchse des American Way of Life lustig zu machen.

Im Verlauf der Ereignisse gesellen sich prominenten Namen zum Cast: Scott Bakula (Enterprise) als Chucks Vater (sehr genial und sehr verfolgt), Timothy Dalton (Die Hure des Königs, James Bond – Lizenz zum Töten) als Alexei Volkoff (sehr böse), Linda Hamilton (Beauty and the Beast, Terminator als Frost (sehr undurchschaubar), Kristin Kreuk (Smallville) als Hannah (sehr love-interesting).

Chuck ist sehr professionell gemacht, nimmt sich keinen Moment ernst und findet spätestens ab der 2. Staffel genau die richtige Mischung aus Spaß und Spannung, Schenkelklopfen und Schenkel verklopfen. Das Suchtpotenzial würde ich eher niedrig einstufen; Chuck ist genau die Art von locker-flockiger Unterhaltung für Zwischendurch, die der erschöpfte Serienjunkie zur Erholung zwischen Battlestar-Galactica-Marathons und Prison-Break-Exzessen willkommen heißt.
Der Erfolg der Serie ist groß: die 24-teilige 4. Staffel endet am 16. Mai 2011 mit der Folge “Chuck vs. the Cliffhanger”. Scheint also noch eine Weile weiterzugehen…

Dollhouse

Mittwoch, 6. April 2011

Joss Whedon scheint ein wenig vom Glück verlassen: Er etablierte sich mit den mediokren Serien Buffy – Im Bann der Dämonen (7 Staffeln) und deren Spin-Off Angel – Jäger der Finsternis (5 Staffeln), erlitt hingegen mit der ebenso skurrilen wie großartigen und unterhaltsamen Science-Fiction-Westernserie Firefly Schiffbruch (der Sturm der Fanentrüstung nach der unverständlichen Einstellung mit Ende der 1. Staffel war so groß, dass zumindest noch ein Spielfilm als versöhnlicher Abschluss produziert wurde: Serenity – Flucht in neue Welten).
Seinem jüngsten Geniestreich war wenig mehr Anerkennung durch die produzierende Fernsehanstalt FOX beschieden: Trotz guter Kritiken und beachtlichem Publikumserfolg wurde während der Ausstrahlung der 2. Staffel die Einstellung bekanntgegeben. Der fixfertige Pilotfilm wurde nie ausgestrahlt. Eine deutsche Synchronfassung liegt bis heute nicht vor.

 

Worum geht’s?
Das Dollhouse ist ein gut versteckter Hitech-Bunker irgendwo in Los Angeles, in dem etliche leere Hüllen “aufbewahrt” werden – Menschen, deren gesamte Identität gelöscht (und archiviert) wurde, um sie für unterschiedlichste Einsätze jeweils perfekt neu programmieren zu können. Das perfekte Date, eine Safeknackerin, eine toughe Ermittlerin, eine Karateexpertin, ein anschmiegsames Wesen mit klassischer Bildung – egal wer oder was, Topher, der hauseigene Nerd, sorgt für die auftragsgerechte Personifikation. Die Kundschaft beschränkt sich auf die Reichsten der Reichen, denn die Dienstleistung ist nicht nur überaus speziell, sondern auch geheim weil verboten.
Anfangs, das wurde auch in den ersten Kritiken bemängelt, fehlt der Serie ein wenig der rote Faden – Produzentin und Hauptdarstellerin Eliza Dushku in der Rolle von Echo ist dem Konzept entsprechend in jeder Folge ein völlig anderer Charakter, und obwohl durchaus spannende Einzelepisoden geliefert werden, scheint der Sache der Überbau abzugehen. Das legt sich rasch, als Echo anfängt, sich trotz der nach jedem Einsatz erfolgten Behandlung, sprich buchstäblichen Komplett-Gehirnwäsche, an ihre Impersonifikationen zu erinnern. Und während von außen der FBI-Agent Paul Ballard (Tahmoh Penikett, Battlestar Galactica) seiner Dollhouse-Obsession nachjagt, brauen sich im Inneren der futuristischen Versklavungseinrichtung einige gewaltige Probleme zusammen…
Starkes Script, ein überzeugendes Paranoia-Szenario, stylishe Präsentation und gelungenes Casting; what more could anybody ask?

Rom

Donnerstag, 24. März 2011

Was für ein prachtvolles Stück Sandalenepos in Serie! Historisch kenntnisreich, mit viel Liebe zum (schmutzigen) Detail in Szene gesetzt und mit höchstem Aufwand ausgeführt (mit 100 Millionen US-$ Produktionskosten ist es die teuerste Serie aller Zeiten, eine Coproduktion von HBO, RAI und BBC) werden die Ereignisse um die letzten Jahre der römischen Republik nachgezeichnet. Die Handlung ist dabei minutiös recherchierter Geschichtsunterricht, auf den man sich beinahe blind verlassen kann (alle historischen Fakten sind getreulich wiedergegeben, lediglich in der Charakterisierung einiger Persönlichkeiten hat man sich die eine oder andere Freiheit erlaubt). Dies trifft insbesondere auf Zenturio Lucius Vorenus und den Legionär Titus 11 DVDs mit beiden StaffelnPullo zu, die die Rollen der Identifikationsfiguren übernehmen und der ganzen Geschichte den rechten persönlichen Touch verleihen. Auch diese beiden hat es wirklich gegeben (nachzulesen in “De Bello Gallico” von Gaius Julius), was ihnen vor dem korrekten historischen Hintergrund so alles widerfährt ist indes frei erfunden.
Die Deftigkeit und Freizügigkeit des Geschehens hat für Kontroversen gesorgt: In einer der allerersten Szenen wird ein Opferstier geschlachtet und die Priesterin badet in einem Schwall von Blut. Damit ist der Standard gesetzt. Gewaltexzesse sind eher die Regel als die Ausnahme, Sex liegt im Grunde immer in der schwülen römischen Luft. Nun, so hatten wir uns das vielleicht immer vorgestellt – und endlich sind unsere orgiastischsten Rom-Phantasien Bildschirmwirklichkeit geworden. So spannend und unterhaltsam war Geschichte noch nie.

 

Battlestar Galactica

Dienstag, 15. März 2011

Battlestar Galactica hat ein einziges Problem: den Namen. Denn der altgediente Science-Fiction-Fan verbindet ihn automatisch mit “Kampfstern Galaktika” aus den späten 1970ern. Und folgerichtig mit hölzerner Handlung und käsigen Special Effects.

Nun setzt die Handlung der neuen Serie zwar 40 Jahre nach den Ereignissen in und um den Kampfstern an und wieder kämpfen Menschen gegen Zylonen, damit enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder. Battlestar hebt mit einem fulminanten, drei(!)stündigen Pilotfilm an, in dem die beinahe vollständige Vernichtung der Menschheit vollzogen wird. Aus dem Nichts kommende Zylonen legen mit einem Computervirus die gesamte Verteidigung lahm, die untereinander vernetzten, hochtechnisierten Battlestars werden zum Abschuss freigegeben, die planetaren Verteidungsanlagen vernichtet. Nur die Galactica, der computertechnisch isolierte Dinosaurier, übersteht mitsamt einer verstreuten Ansammlung von zivilen Raumschiffen die Attacke; um die 50.000 Menschen kämpfen fortan ums nackte Überleben im endlosen Raum.

Diese Ausgangssituation gibt natürlich reichlich Gelegenheit für actionreiche Sequenzen, die auch auf dem heute gewohnten hohen Niveau tadellos ins Bild gesetzt werden. Den eigentlichen Reiz der Serie macht aber die menschliche Seite aus: Kann sich die Demokratie im Angesicht des Untergangs einer Spezies behaupten? Ist es überhaupt anstrebenswert, derartige Ideale in einer Extremsituation hochzuhalten? Welche Rolle kommt dem Glauben zu?

Der genialste Kniff ist freilich die Weiterentwicklung der Zylonen: Neben den intelligenten Maschinen, respektlos “toaster” genannt, gibt es synthorganische Wesen, die absolut nicht von echten Menschen zu unterscheiden sind. Das wirft weitere, tief philosophische Fragen auf: Wenn es aussieht wie ein Mensch, denkt wie ein Mensch und handelt wie ein Mensch – ist es dann nicht auch ein Mensch? Haben die “skin jobs” eine Seele? Und, ganz wichtig für den inneren Zusammenhalt der Restmenschheit: Wem kann man noch trauen, wenn jeder in Wahrheit ein Zylon sein könnte?

Spannung, verblüffende Wendungen, moralische und spirituelle Fragestellungen, Action – und eine vollständige, über 4 Staffeln erzählte abgeschlossene Handlung. Das düstere Set ist bis ins letzte Detail stimmig, das Casting optimal, die schauspielerischen Leistungen in jeder Phase überzeugend. Battlestar Galactica lässt sich kaum genug loben – es hat einfach alles, was eine moderne, großartige Serie auszeichnen kann und ist hochspannende Unterhaltung mit Tiefgang, beileibe nicht nur für Science-Fiction-Fans.
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