Alle Artikel in der Rubrik ‘Biografien’

Das Recht auf Schafott und Podium

Freitag, 15. März 2013

Von der Wiege bis zur Bahre, in dem Fall die Guillotine, begleitet diese Bild-Biografie eine der bedeutendsten Vordenkerinnen für die Rechte der Frau und die Abschaffung der Sklaverei: Olympe de Gouge.
Welch scharfer Geist hier seine spitze Zunge wetzte, welch unerschrocken selbstironische Polemikerin hier zu Werke ging, wird im folgenden Zitat deutlich (aus Art. X in Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin): Die Frau hat das Recht, aufs Schafott zu steigen; sie muss gleichermaßen das haben, ein Podium zu besteigen.
Bocquet hat ein atemloses Szenario geschaffen und damit einem atemlosen Leben ein würdiges Denkmal gesetzt. Mit Fortdauer der komplexen, sich überschlagenden Ereignisse ist es allerdings keinesfalls immer leicht, den Rollen der zahlreichen Protagonisten zu folgen, ohne über detaillierte Kenntnisse der französischen Revolution zu verfügen. Leider weist nichts auf den ausführlichen und überaus nützlichen Biografieteil im Anhang hin (Korrektur: es gibt ein Inhaltsverzeichnis, es ist das Letzte in diesem Buch), der in der Reihenfolge des Auftretens genau jene Einordnung der Haupt- und Nebenfiguren ermöglicht, die das Lesen auf einer tiefergehenden Ebene erst möglich macht. Zudem sind die Biografien auch in Sachen Orthografie, Grammatik und sogar Daten fehlerhaft. Ganz im Gegensatz zur Bild-Biografie selbst übrigens, welche nicht zuletzt auf der Textebene mit aller Sorgfalt behandelt wurde, die einer großen historisch-biografischen Arbeit, ja im Grunde jedem Buch zusteht.
Für deren kunstvolle grafische Umsetzung sorgte die Partnerin Bocquets, Catel Muller, die nach “Kiki von Montparnasse” nunmehr zum zweiten Mal eine besondere Frau mit ihrem charakteristischen Zeichenstil aus harten Kontrasten und weichen Linien in Szene setzt. Ihr Strich ist minimalistisch, wirkt mitunter etwas naiv, bildet aber ein ganzes, pralles Leben in einem Gesicht ab. Er mag nicht in jedem einzelnen Panel die maximale emotionale Tiefe erreichen, doch wer solches verlangt, hat das Medium Comic missverstanden, in dem Texte (auch) illustrieren und Bilder (sehr viel) Handlung voranzutreiben haben.

Catel & Bocquet: Die Frau ist frei geboren. Olympe de Gouge. Splitter, Bielefeld 2013. Geb., 480 S., € 37,80 (A)

Geschenkbuchtipp in eigener Sache 3

Dienstag, 22. November 2011

Der Bestseller meiner Jahrgangsbände und definitiv die Ausgabe mit dem größten Unterhaltungswert. Alle, die es zu einem 50er nicht geschafft haben, diesen Band zu verschenken, können ganz beruhigt sein: Auch zu 51. Geburtstagen ist das schmale, aber inhalts- und bilderreiche Werk eine sicherlich willkommene, launige Reminiszenz an die Zeiten, in denen der Kasperl das Nonplusultra der Fernsehunterhaltung darstellte, der mit Puppen spielende Sohn den Eltern Angstträume bescherte, der Proporz seine schönsten, weil gänzlich unbehinderten Blüten trieb; Zeiten, in die die Heldenzeit Österreichs fällt, mit Klammer, Lauda und Cordoba, wenige Jahre nachdem Staatspreisträger Günther Brus auf die rotweißrote Fahne schiss; in denen die größte Investitionsruine aller alpenrepublikanischen Zeiten entstand, das verhinderte Atomkraftwerk Zwentendorf. Mixed Tapes waren das Coolste, das es gab, die Fernsehserien entwuchsen dem Säuglingsalter, die ZiB hypnotisierte uns…

Helmuth Santler: WIR vom Jahrgang 1961. Kindheit und Jugend in Österreich. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2011. Geb., 64 S., ca. 70 Illustrationen, EUR 14,90

Geschenkbuchtipp in eigener Sache 2

Dienstag, 22. November 2011

“Unsere frühe Kindheit war von Mangel geprägt, unsere Kindheit wurde uns in den Kriegswirren gestohlen, unsere Jugend verbrachten wir inmitten von Trümmern. Wir waren viel zu früh erwachsen geworden, nur sehr wenige wurden so im Leiden geprüft wie wir. Deshalb dürfen wir stolz darauf sein, es geschafft zu haben: Wir haben überlebt. Wir haben gelebt und geliebt und das Nachkriegsösterreich mit jugendlicher Tatkraft wieder aufgebaut. Wir 32er haben aus dem Allerwenigsten das Allermeiste gemacht.”
Soweit ein Auszug aus dem Vorwort zu diesem Jahrgangsband, der meiner Mutter gewidmet ist. Ich will nicht verhehlen, dass die Diskrepanz meiner Absichten und Ansichten als Autor und jener des Verlags, der auf Beschwichtigung und leichte Verdaulichkeit abzielt, bei diesem Band maximal auseinanderklafften. Dennoch ist das Ergebnis sehens- und lesenswert geworden und vermittelt ein gutes Stück weit das, was ich dank der Lebenserinnerungen meiner Mutter an Einblicken und Einfühlung in diese Zeit erfahren konnte.

Helmuth Santler, Brigitte Santler: WIR vom Jahrgang 1932. Kindheit und Jugend in Österreich. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2011. Geb., 64 S., ca. 70 Illustrationen, EUR 14,90

Das Leben, eine Reise

Dienstag, 22. November 2011

“Ich danke der Zeitschrift “WEGE“, dass ich zu diesem wirklich sehr unterhaltsamen Buch gekommen bin! Ich fing zu lesen an – und freute mich schon auf die nächste Lesezeit, um weiterzulesen. Das Schöne an diesem Buch ist, dass ein bisschen Zeitgeschichte, der Werdegang eines Menschen, die intensive Liebe zu einem Menschen, das Zusammenleben, die Herausforderungen des Lebens und sehr, sehr viel Information über andere Länder in einem Werk vereint sind. Das Buch ist sehr flüssig und lebendig geschrieben. Die Ausführungen über andere Länder (besonders natürlich Amerika) waren für mich so eine Art “innere Weltreise”. Ich fand es spannend, über Hintergründe und Ursprünge von vielen Ortsnamen zu erfahren.
Immer wieder erwischte ich mich im Laufe des Lesens dabei, wie ich immer zurückrechnete, wie alt ich war zu diesem oder jenem Zeitpunkt der Lebensgeschichte von Kurt & Trudy. Ich war so verbunden mit der Art ihrer Verbundenheit und Liebe, dass ich am Ende des Buches (als Trudy ihrem Kurt adieu sagen musste) Tränen in den Augen hatte. Ein sehr gelungenes Werk!”
amazon-Rezension von Leserin Christine B.

Jetzt neu auch als Ebook zum Download erhältlich. Wer die traditionelle Printversion vorzieht, schickt mir am besten eine E-Mail, wir finden eine Lösung.

Helmuth Santler: Gertrud Ihne. Kurt & Trudy. Die Reise Leben. KVerlag, Klagenfurt 2010. Geb., 416 S., EUR 19,90, ISBN 978-3-85391-299-7
Helmuth Santler: Gertrud Ihne. Kurt & Trudy. Die Reise Leben. Ein Ebook vom Textmaker, Wien 2011. Kindle-Edition, EUR 9,99, ASIN: B005PXA1UQ

Geschenkbuchtipp in eigener Sache 1

Dienstag, 22. November 2011

Tja, was schreibt man Gutes, aber nicht peinlich Selbstlobendes über diesen Band aus der Reihe WIR vom Jahrgang … Kindheit und Jugend in Österreich? Am besten einfach den U4-Text (also das, was hinten draufsteht, aber mangels Klappe kein Klappentext sein kann…), zumal es sich um einen Auszug des Vorworts handelt:
Wir vom Jahrgang 1942 wurden geboren in einer schrecklichen Zeit. Der Zweite Weltkrieg tobte in all seiner Grausamkeit und fürs Kindsein blieb in diesen Jahren von Zerstörung, Angst und Verfolgung wenig Raum. Unsere Väter waren im Krieg und der tägliche Kampf ums Überleben bestimmte auch in Österreich immer mehr den Alltag. Doch selbst die schwärzeste Stunde enthält ein Fünkchen Licht, und wer könnte dieses Licht besser verkörpern als wir, die Neugeborenen des 42er-Jahres? Nach Kriegsende begann unser Leben erneut. Wir freuten uns darauf!

Noch ein Hinweis zum Band 1942: Co-Autorin Gertrud Ihne ist auch die Titelheldin meiner Romanbiografie “Gertrud Ihne. Kurt und Trudy. Die Reise Leben“, jetzt auch als Ebook-Download verfügbar. Die traditionelle Buchausgabe erhält man am besten von mir oder Trudy persönlich.

Helmuth Santler, Gertrud Ihne: WIR vom Jahrgang 1942. Kindheit und Jugend in Österreich. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2011. Geb., 64 S., ca. 70 Illustrationen, EUR 14,90

 

WIR vom Jahrgang 1941. Kindheit und Jugend in Österreich

Montag, 18. April 2011

“Von Bomben und vom Baden”, “Flucht, Hunger und Angst” – die Titel der beiden ersten Kapitel machen deutlich, mit welchem Erbe dieser Jahrgang geschlagen war. Aber auch in den schlimmsten Zeiten gab es ab und zu etwas zu lachen, und nur wenige Jahre später waren aus den Trümmerkindern tanzkursbegeisterte Backfische und rollerfahrende Mitträger des Wirtschaftswunders geworden.
Neben den für die Jahrgangsbände typischen Alltagsgschichtln punktet 1941 besonders mit Abbildungen von Alltagsdokumenten der Zeit. Eine “Raucherkarte” oder ein “Passierschein der Roten Armee” belegen eindrucksvoll, was durch alle Zeiten und Wirren stets unser Leben bestimmte, heute mehr denn je: die Bürokratie.
Historisch fundierte und dabei leicht gehaltene und anekdotisch gewürzte Minizeitreise in die 40er und 50er Jahre – ein besonderer Geschenktipp für alle, die heuer ihren 70er feiern.
Caroline Klima: WIR vom Jahrgang 1941. Kindheit und Jugend in Österreich. Wartberg, 2011. Geb., über 75 Illustrationen, 64 S.

Wir vom Jahrgang 1961. Kindheit und Jugend in Österreich

Montag, 18. April 2011

“Wir sind zu einer besonderen Zeitenwende auf den Plan getreten, verwurzelt in der alten Zeit, offen für die neue. Von Honigmilch und Schwedenhöschen über Kasperl, Stängeleis und Sunkist fanden wir den oft langen Weg in die Schule, wo es noch rau zuging. Später erlagen wir der ZiB-Hypnose, bretterten über die Skipisten, erhielten Gratis-Schulbücher und kümmerten uns rein gar nicht um die Ölkrise. Und dann begann die große Heldenzeit mit Lauda, Klammer und Córdoba. Mit 18 war uns klar: Wir 61er würden der Welt unseren Stempel aufdrücken.”
Pure comedy und ein tiefer Blick ins Familienalbum – das Schreiben dieses Bandes hat viel Spaß gemacht, den man ihm, so hoffe und glaube ich, auch anmerkt. Am Cover lauter mir bekannte Gesichter (eins davon mein eigenes). Die dazugehörigen Personen haben sich seither ein klein wenig verändert, und dem Woher und Wohin nachzuspüren macht einen Gutteil des Reizes dieser Jahrgangsbände aus.
Helmuth Santler: WIR vom Jahrgang 1961. Kindheit und Jugend in Österreich. Wartberg, 2011. Geb., ca. 75 Illustrationen,64 S.

Wüstenblume

Dienstag, 1. Februar 2011

Diese Biografie beschreibt schonungslos und brutal eines der schlimmsten Geschehnisse unserer Zeit: Genitalverstümmelung. Dieses heute noch viel zu oft existierende Ritual wird vor allem bei Nomadenmädchen angewandt. Waris Dirie war eine von ihnen. Doch durch unglaublichen Mut und Willenskraft hat sie es geschafft, ein internationales Top-Model zu werden. Und als jeder sie kannte, fand sie die Kraft, über die schlimmste Zeit in ihrem Leben zu sprechen. Sie schrieb „Wüstenblume“ (die wörtliche Bedeutung von “Waris”) und bewegte damit Millionen von Menschen.
Waris Dirie gründete die „Waris Dirie Foundation“ gegen FGM (Female Genital Mutilation) und ist seit 1994 UN-Sonderbotschafterin. Sie wird weiterhin für das Recht auf die körperliche Unversehrtheit von Frauen kämpfen, denen wie ihr unter primitivsten Bedingungen Gewalt angetan wurde.
Ich fand das Buch unglaublich, in vielerlei Hinsicht. Diese Geschichte, oft sehr emotionslos erzählt, hat bei mir sehr viele unterschiedliche Gefühle geweckt. Bevor ich das Buch las, wusste ich so gut wie gar nichts über Genitalverstümmelung und schon gar nicht, dass es das im 21. Jahrhundert immer noch gibt. Und in welchem unfassbaren Ausmaß: Ca. 6000 Mädchen und Frauen erleiden TÄGLICH dieses grausame Schicksal. Das hat mich schockiert und zum Nachdenken gebracht. Ich würde sagen, das Buch kann und sollten alle ab 14 lesen. Es ist keine leichte Kost, wirklich nicht, aber niemand hätte diese Geschichte besser schreiben können. (Lena Turek, 14)
Anm: Die vorliegende Ausgabe des 1998 erstmals erschienenen Weltbestsellers enthält neben der Originalübersetzung zahlreiche Fotos der dieser Tage (Sommer 2009) in den Kinos anlaufenden Verfilmung mit dem Topmodel Liya Kebede in der Titelrolle.
Waris Dirie: Wüstenblume – Buch zum Film. Droemer/Knaur, 2009. Tb., 400 S.