Alle Artikel in der Rubrik ‘Spitzfindigkeiten’

Geheimsache Fahrschein

Sonntag, 9. Dezember 2012

Unlängst im Kundenzentrum der Wiener Linien in Erdberg: Einmal mehr deponiere ich meinen Wunsch nach einem Ticketangebot, das meinen Bedürfnissen entgegenkommt. Ich bin Radfahrer, Autofahrer und Öffi-Benützer, in dieser Reihenfolge, und Zeitkarten zahlen sich für mich nicht aus. Also bleiben im Fall der Öffibenützung nur die Einzelfahrscheine hin und zurück; zweimal zwei Euro für zwei Einzelfahrscheine empfinde ich aber als unverschämt teuer. Tagestickets kosten noch mehr. Ich möchte z.B. eine Einzelfahrten-Streifenkarte mit Mengenrabatt – 10 Fahrten zum Preis von 8, 20 zum Preis von 15, irgendsowas.

Ich erzähle das also der Dame vom Kundendienst, die mich fragt, wie viel Zeit zwischen der Hin- und Rückfahrt vergeht – und ob ich schon vom Handy-Singleticket für 90 min. um € 2,20 gehört habe. Hatte ich nicht. Sie drückt mir einen Folder in die Hand: “Haben Sie die Qando-App?” Habe ich auch nicht. “Es geht auch per SMS.” Gut, und an welche Nummer? Das steht nämlich im Folder nicht, wo es stehen sollte, nämlich direkt beim Hinweis auf die SMS-Möglichkeit. Und auch sonst nirgends in dem immerhin sechsseitigen Prospekt. Die Damen am Schalter wissen es auch nicht, sehen aber gerne im Computer nach. Dort kostet das Singleticket plötzlich € 2,50, das Handy-Tagesticket € 4,90 statt € 4,50 wie in dem veralteten Folder. Dafür erfahre ich die Nummer, an die die SMS zu schicken ist: Eine der Damen kritzelt 0828-2020 auf einen Zettel. “Und was muss in der SMS stehen?” frage ich und sehe selbst am Bildschirm nach. Aha, “Wien Single” oder kurz “W S” bzw. “W D” für den ganzen Tag. “Bei der Telefonnummer haben Sie mir aber eine Null unterschlagen”, merke ich an: 0828-20200 müsste die heißen. “Es ist Freitag”, lautet die lapidare Entschuldigung.

Zu guter Letzt erklärt mir die andere Dame die Grundsatzproblematik bei meinen Ticketwunsch: “Es gibt schon so viele verschiedene Tickets.” Offensichtlich mehr, als über das Fassungsvermögen der Kundendienstlerinnen geht. Andererseits sind die ja nur die Gesichter für eine verblüffende PR-Abteilung, deren größter Kommunikationserfolg darin besteht, gezielte Verschleierung als Information zu tarnen.

Übrigens, hier noch ein Infolink für potenzielle Handyticket-Interessenten. Ich hab es allerdings nicht auf einen Versuch mit so einem Fahrschein drauf ankommen lassen, Erfahrungsberichte von mutigen Pionieren werden gerne entgegen genommen.

 

Offener Brief – U-Ausschuss

Donnerstag, 20. September 2012

Sehr geehrter Herr Bundespräsident!

Bitte setzen Sie Ihre gesamte politische und moralische Macht dafür ein, ein Zeichen zu setzen – für ein wahrhaft demokratisches Staatswesen, echte Gewaltenteilung, eine Befreiung des Nationalrats aus der parteipolitischen Geiselhaft und ein Ende der Auffassung, dass vor dem Gesetz keineswegs alle gleich sind.
Stärken Sie der österreichischen Bevölkerung den Rücken, wenn sie sich gegen eine sich selbst autorisierende und Absolution erteilende Politiker-Kaste empört, und geben sie ihr das Gefühl zurück, in diesem Land von Volksvertretern tatsächlich vertreten zu werden.
Ich wende mich an Sie als Gewissen dieser Nation mit der dringenden Bitte, ja Aufforderung: Sprechen Sie sich unmissverständlich gegen das De-facto-Abdrehen des Korruptions-Untersuchungsausschusses aus. Ich weiß mich mit vielen in diesem Land eines Sinnes, wenn ich behaupte: Es reicht.

Mit freundlichen Grüßen

Helmuth Santler

Ghettoschulen und Vorschulunterricht: ein Realkommentar

Donnerstag, 20. September 2012

Claudia Schmied bekommt kein annähernd ausreichendes Budget zugesprochen, um dem durch und durch vernünftigen Vorschlag von Sebastian Kurz nach Vorschul-Deutschunterricht entsprechen zu können (was viel über den Wert der [Aus-]Bildung in Österreich aussagt). Das Grottenniveau des hiesigen Polit-Diskurses bedingt wiederum, dass die Unterrichtsministerin das so natürlich nicht zugeben kann (darf). Also lügt sie einfach die Tatsachen weg und huldigt dem beliebten US-Trendsport “fake it ’til you make it”: Ghettoschulen wollen wir nicht und es klappt ja eh so auch sehr gut.
Die folgende Liste gibt die Muttersprachen-Verteilung in einer 1. Klasse einer Wiener AHS wieder:

6 Türkisch
4 Serbisch
3 Arabisch
3 Bosnisch
2 Polnisch
1 Bengalisch
1 Urdu
1 Rumänisch
1 Punjabi
1 Russisch
1 Slowakisch
1 Indonesisch

Von welchem Deutschniveau in diesem “Ausländer-Ghetto” auszugehen ist, möge der hier abgebildete “Aufsatz” illustrieren.

 

Natürlich ist unter solchen Voraussetzungen nicht an einen “normalen”, also lehrplankonformen Deutschunterricht zu denken; es wird de facto Deutsch für Ausländer gelehrt. Von den Chancen dieser Kinder, im sonstigen Unterricht zu folgen, gar nicht zu reden.
Ich bin mit Frau Schmied völlig einer Meinung: Ghettoklassen wollen wir nicht. Es wäre an ihr, die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, um das auch Wirklichkeit werden zu lassen (z. B. durch eine Beschränkung auf einen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund von 30 %). Und was die Deutschkenntnisse der Kinder anbelangt, ist sie herzlich eingeladen, sich an den hier präsentierten Vorgaben zu messen. Das hätte womöglich einen verblüffenden Nebeneffekt: Die Unterrichtsministerin konfrontiert sich doch tatsächlich einmal mit der Realität des heimischen Bildungswesens!

Was zuletzt nicht in der Zeitung stand

Montag, 17. September 2012

Die Queen weihte anlässlich ihrer 60-jährigen Regenschaft einen eigens dafür entworfenen Pricknickkorb ein. Die herbeigerufenen Winkinger machten ihrem Namen alle Ehre und akklamierten nach Kräften. Zu Ohren kam uns all dies dank der segensreichen Verkündigung durch den allseits geschätzten Pater Handke. Nicht zu verwechseln mit dem bekannten deutschen Schriftsteller

Verwirrt? Keine Sorge: Damit so etwas nicht zu lesen ist, springt ein schwer arbeitendes Lektorat für die Leser in die Patsche :) Es pflegt ein unbeirrbares Feinbild von allen textlichen Dingen und hat es dem enormen Stresslevel zum Trotz geschafft, sich auf ein gesellschaftlich akzeptiertes – weil arbeitstechnisch funktionales – Maß an Drogenkonsum niederzuspiegeln.

John Paul Sartre, Erster Vorsitzender der Bereleken (Bewegung für Respekt vor Lektoratstätigkeiten)

Im Schweinspolkatakt zur Matura

Sonntag, 3. Juni 2012

Wenn die Wiener Stadtschulratspräsidentin und die amtierende Unterrichtsministerin nebst 150 weiteren Erwählten einen gewöhnlichen Montagvormittag mit Blasmusik, Spanferkel und „dem Ausschank alkoholischer Getränke“ begehen, drängt sich die Frage nach dem Grund für die Feierstimmung auf. Wurde endlich die Überlegenheit der Neuen Mittelschule bewiesen? Hat sich die Englisch-Zentralmatura bewährt? Nein: Ein Schulgebäude in Wien Ottakring wird renoviert.

Die prinzipielle Großartigkeit von Wartungsarbeiten steht natürlich außer Diskussion, das Wie und Wann der Erneuerungsfeier ist indes durchaus hinterfragenswert. Während nämlich am Schulvorplatz Tubaklänge Unterleibe zum Vibrieren bringen, versuchen im 3. Stock darüber gerade schweißhändige Schüler und Schülerinnen, die mündliche Matura zu bestehen. Der Geruch nach Spanferkel und Bier erschwert das weiter: Rund 65% der Antretenden, alle muslimischen Glaubens, ekelt es davor, den übrigen ist auch so schon flau im Magen. Immerhin: Haben sie die Matura im Schweinspolkatakt hinter sich, sind sie nicht nur reife-, sondern auch brauchtumsgeprüft. Und damit wohl fit für Österreich.

Sehnsucht nach dem Herzinfarkt

Mittwoch, 11. Januar 2012

“Was für ein Scheißtag!”
“Ich hackle und hackle und hab trotzdem nie ein Geld am Konto.”
“60-Stunden-Job und zur Entspannung das Geschirr spülen …”

Drei Tage nach dem Ende der Weihnachtsferien (extended version) greift schon wieder das allgemeine Genervt-und-gestresst-Sein um sich. Pause, Urlaub, das hilft alles nicht länger, als es dauert. Was wir brauchen, ist ein Herzinfarkt: endlich Ruhe! Endlich mit aller gesellschaftlichen Anerkennung keinen Finger mehr rühren! Denn so ein Herzinfarkt, der hat Prestige, den bekommen nur die eifrigsten Hamsterradler. Und es ist gibt eine ordentliche Diagnose nach dem kinotauglichen Zusammenbruch, nicht wie bei Wischi-Waschi-Leiden wie Burn-out oder gar Depressionen, bei denen man einfach irgendwie in sich zusammenschrumpft und in grauer Unsichtbarkeit verschwindet.

Leistung muss belohnt werden! Ich habe genug gearbeitet und fordere jetzt mein Recht auf substanzielle, tiefenwirksame Erholung ein – her mit meinem Herzinfarkt!