Alle Artikel in der Rubrik ‘SF & Fantasy’

Komplex oder sperrig?

Dienstag, 21. Mai 2013

Andrea Cort, die ebenso brillante wie misanthrope Ermittlerin, steht vor ihrer schwersten Aufgabe – denn nicht weniger als das Schicksal zweier intelligenter Spezies steht auf dem Spiel. Die eine ist ihre eigene – die Menschen. Die andere nennt sich Vlhani und gilt als intelligenteste sämtlicher intelligenten Arten – was ein Grund dafür ist, dass sie niemand wirklich versteht. Der andere: Sie kommunizieren mithilfe von Bewegungen ihrer zahlreichen peitschenartigen Fortsätze. Ihre größte kulturelle Errungenschaft besteht in einem alljährlichen Tanz von Tausenden von ihnen, der mit der rituellen Zerstückelung sämtlicher Teilnehmer endet …
Im dritten Teil der SF-Thriller-Reihe treibt Castro seine dystopischen Fantasien auf die Spitze, was für zahlreiche beeindruckend düstere Bilder sorgt, dem Ganzen aber die rechte Sogwirkung nimmt. Auch wird wiederholt Unfassliches in den Raum gestellt, ohne dass auch nur der Versuch einer Antwort erfolgt.
Komplex oder sperrig? Sicherlich beides; kein ungetrübtes Leseabenteuer zum (vorläufigen?) Abschluss der Trilogie.

Adam-Troy Castro: Sturz der Marionetten. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2010. Tb., 414 S., € 14,40 (A)

Kindle-Edition

Leda und der Schwan …

Samstag, 4. Mai 2013

… in der nicht jugendfreien Version. Auf rund 30 Seiten wird die bekannte griechische Göttersage nacherzählt: Zeus verwandelt sich in einen Schwan (übrigens der Vogel mit dem größten Penis allen Flügelgetiers), um die selbstverständlich junge und atemberaubend schöne Königin Spartas zu verführen. Hera schäumt mal wieder, beschließt in dieser Version aber, ausnahmsweise nicht die alles duldende Ehefrau zu spielen, sondern geht zum Gegenangriff über. Flott erzählte Bettlektüre im engeren Sinn des Wortes.

Andrea Leccara: Leda. Kindle-E-Book, ca. 33 S., ca. 10 Illustrationen. € 1,69

Holpriger Ride

Montag, 29. April 2013

Es gibt also stehende, extrem niederfrequente elektromagnetische Wellen rund um die Erde: ein als Schumann-Resonanz (mir bisher nicht bekanntes) Phänomen und ein wissenschaftliches Faktum, wie Christopher Ride zufolge auch deren zunehmender Anstieg.

Die verderbliche Dynamik, die dieses Thrillerdebüt storytechnisch in Gang bringt, ist folgende: Der Anstieg der Schumann-Frequenz ist der Grund für die ständig wachsende Gewaltbereitschaft und überhaupt das suizidale, ausbeuterische, mörderische Verhalten der Menschheit. Wie gut, dass man schon Jahrtausende zuvor über all dies Bescheid wusste und ein paar Schalter eingebaut hat, mit deren Umlegen alles wieder in Ordnung kommt – untergebracht in weltbekannten historischen Stätten.

Ein Problem gibt es allerdings: Das Umlegen der Schalter muss Jahrzehnte in der Vergangenheit – unserer Gegenwart – stattfinden. Warum eigentlich? Aber egal, auch dafür wird eine überraschende Lösung an den Haaren aus dem Hut gezaubert: die Jesaja-Qumran-Rolle. Weiß man die richtig zu lesen, ist der Bau einer Zeitmaschine nur noch eine Frage von Zeit und Geld.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Die Welt übersteht’s. Und wird mit dem Schlussabsatz gleich auf den nächsten Einsatz des Helden vorbereitet.

Die als “geniale Mischung aus Dan Brown, Michael Crichton und Indiana Jones” gepriesene Story ist durchaus kurzweilig zu lesen; das Problem ist, dass hier schon fast zwanghaft versucht wird, Mystery und Science miteinander in eine Schachtel zu pressen und dann noch sämtliche üblichen Verdächtigen unterzubringen, Superbösewicht, Love Interest, Mad Scientist, weltbeherrschende Corporation … Die Mystery-Elemente verlangen der Haarsträube-Toleranz des Lesers wirklich einiges ab, die Scienceteile sind bis zur Unverständlichkeit technisch. Als Thriller ist das Ganze medioker – an der Bildhaftigkeit und mitreißenden Rasanz seiner Schreibe muss Herr Ride noch feilen. Aber trotz aller Logiklöcher, Unausgewogenheit und insgesamt niedrigem Anspruchsniveau: Man kann es wirklich schlechter erwischen mit der Strandlektüre.

Christopher Ride: Die Fequenz. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 526 S. € 9,30 (A) bei amazon kaufen

Kindle-Edition € 7,49

Respektloses Mystery-Debüt

Dienstag, 9. April 2013

Als nach einem eigentlich unmöglichen Erdbeben vom Berliner Alexanderplatz nur noch ein riesiger Krater übrig bleibt, sind Engel und Dämonen gezwungen, zusammenzuarbeiten. Um herauszufinden, was genau passiert ist, schicken die uralten Feinde zwei ihrer entbehrlichsten Leute: die Magierin Amanda, die unter der Knute des Dämons Balthasar steht, und den ausgestoßenen, flügellosen Engel Jul. Das Geheimnis, das sie entdecken, hat mit dem ewigen Widerstreit von Licht und Dunkel zu tun; die Existenz der Welt selbst ist bedroht.
Ein genretypischer Erstling, der doch mit seiner frischen Schreibe und den gut herausgearbeiteten Charakteren aus der Masse hervorragt. Besonders angetan haben es mir aber die zentralen Inhalte, die in die packende Story eingebettet wurden: En passant wird so manchem Glaubensdogma der Boden unter den Füßen weggezogen, allen voran dem Monotheismus. Andrea Bottlinger ist so respektlos wie ihre Heldin und hat keinerlei Scheu davor, Götter von ihrem Thron zu stoßen; letztlich beschenkt sie uns mit einem Plädoyer für die Freiheit und den Willen, eigene Entscheidungen zu treffen, verpackt in einen gelungenen Mystery-Schmöker.
Die eine oder andere Ungereimtheit im Ablauf gab es noch, deshalb “nur” vier Sterne. Man darf gespannt sein, wie es mit dieser Autorin weitergeht.

Andrea Bottlinger: Aeternum. Knaur Taschenbuch Verlag, München 2013. Tb., 572 S., € 13,40 (A)

Kindle-Edition: € 10,99

Köln-historisches light

Donnerstag, 7. März 2013

Köln, im Jahre des Herrn 1378. Die Buchbinderin Alena schickt die junge Päckelchesträgerin Mirte mit einer dringenden Nachricht zum Ratsherrn: Ein Gewitter werde es geben, der Blitz werde in einen Kirchturm einschlagen und eine Feuersbrunst auslösen.
Zwar glaubt der Ratsherr der geheimnisvollen Frau und kann mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen Schlimmeres verhindern, aber Alena hat sich Feinde gemacht. Die nützen die Gelegenheit, ihre “Hellseherei” als Ausdruck schwarzer Magie und die Buchbinderin als “Zaubersche” zu brandmarken; und wer mit den gottlosen Mächten zu tun hat, soll gesteinigt werden, so steht es im Buch der Bücher … Doch es gibt einen noch viel unglaublicheren Grund für Alenas Kenntnisse.
Andrea Schacht bleibt ihrem Erfolgsrezept treu: Flott geschriebenes Lesefutter für den leichten Genuss, angesiedelt im mittelalterlichen Köln. Romantik und Frauen-Power stehen im Vordergrund, natürlich spielt auch eine besonders kluge Katze wieder eine Rolle, historische Fakten bilden ein karges Gerüst, das Setting ist dafür umso liebevoller recherchiert und dargestellt. In Die Blumen der Zeit mengt sie noch eine gewaltige Portion Mystery hinzu; zur Glaubensfrage sollte man den Schmöker nicht machen, sondern so konsumieren, wie es gedacht ist: zur unterhaltsamen Entspannung.

Andrea Schacht: Die Blumen der Zeit. Blanvalet, München 2012. Tb., 286 S., € 9,30 (A)
Kindle-Edition € 7,49

Bilder einer düsteren Ausstellung

Sonntag, 24. Februar 2013

Erledigt. Dass dieses Wort am besten mein Empfinden nach dem Lesen von Band 2 von Cronins Trilogie beschreibt, sagt schon sehr viel. Cronin machte es der Leserschaft nie leicht, aber was in Teil 1 komplex wirkte, erweckt hier den Eindruck von Sperrigkeit; was Teil 1 an gesellschaftskritischem Subtext zu bieten hatte, weicht hier großteils einer rein fiktiven Zustandsbeschreibung, die kaum über ihren Tellerrand zu blicken versteht. Die Figuren bleiben vage, die Zusammenhänge sind schwer fassbar – man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor sich in seiner Schreibe zuallererst nach den aktuellsten Empfehlungen für zeitgeistiges creative writing richtet. Wichtigstes Merkmal: Bloß keinen widerstandsfreien Erzählfluss zulassen. Nun mag ein langer, ruhiger Fluss die Gefahr von Eintönigkeit und Langeweile in sich bergen, das mitunter willkürlich anmutende Einstreuen von Brüchen, Hindernissen und Ablenkungen verhindert indes recht zuverlässig das Entstehen einer echten Sogwirkung. So hantelt man sich von einer interessanten Szene zur nächsten, das größere Bild will sich aber nicht einstellen und Spannung kommt so gut wie gar nicht auf – sieht man vom eigentlichen Showdown auf den letzten 50 Seiten ab.

Einzelschicksale vermögen immer wieder zu fesseln, doch kein Licht ohne Schatten: Manch Nebenhandlungsstrang wird einfach gekappt und bleibt letztlich für das große Ganze ohne Belang. Das Buch atmet Düsterkeit, und eine lose Folge dunkler Blüten kann durchaus eine gewisse Faszination ausüben. Allerdings mag die Frage erlaubt sein, warum man, wenn dies die Handlungsmaxime des Autors gewesen sein soll, als Medium nicht besser eine Ausstellung gewählt hat als einen Roman.

Justin Cronin: Die Zwölf. Goldmann, München 2012. Geb., 832 S., € 23,65 (A)
Kindle-Edition (E-Book) € 18,99

Und dann hingen sie am Lifehook

Donnerstag, 22. November 2012

Der Showdown steht an, und wie es sich für ein ordentliches Finale gehört, wird erst einmal alles noch schlimmer. Mit einem unwiderstehlichen Angebot angelt sich die Kohärenz die breite Masse: Der Lifehook wird mit einer nie dagewesenen Werbekampagne präsentiert und ist ein durchschlagender Erfolg. Der winzige Chip macht Kommunikation zum zeit- und ortsunabhängigen Gedankenakt, und sehr bald ist bei nichts mehr dabei, wer ihn nicht implantiert hat. Doch dann zeigen sich furchtbare Nebenwirkungen …

Christopher, das junge Computergenie, hält den Kampf endgültig für verloren. Dann aber kommt ihm ein letzter, verzweifelter Einfall, und noch einmal nimmt er es mit der weltumspannenden, allmächtigen Intelligenz auf.

Eschbachs Jugend-Science-Fiction-Thrillertrilogie ist komplett: Nach Black*Out und Hide*Out heißt es jetzt Time*Out. Damit ist jetzt evident, was bisher nur begründete Vermutung war: Der Dreiteiler ist gleichermaßen sagenhaft spannender Lesestoff für Menschen ab 12 bis 14, beklemmend realistisches Nahzukunftsszenario rund um die zunehmende Vernetzung und Verflachung der Welt, hochkarätige Unterhaltung und eine höchst willkommene Aufbesserung des kargen (Schul-)Textsegments “Leseerlebnis mit Anregung zur Diskussion”. In diesem Zusammenhang ist zu hoffen, dass recht bald eine Taschenbuchausgabe auf den Markt kommt, da gebundene Bücher im Budget der Schulen nicht vorgesehen sind.

In bewährter Eschbach-Manier wird die Story bestens verschlingbar erzählt, sodass man sich mitunter bewusst einbremsen muss, um keine der en passant eingestreuten widerspenstigen und tiefsinnigen Gedanken zu verpassen. Leseentwicklungstechnisch gesehen richtet sich das Buch ganz klar an die Antilesergruppe schlechthin: Jungs unter 14. Große, locker gesetzte Schrift verbessert die Lesbarkeit, und das beachtliche Volumen der Bände mag vielleicht eine Zugriffshürde darstellen, dafür dürfen die jungen Leser nach vollbrachter Tat stolz auf drei richtig dicke Wälzer in ihrer Lesegeschichte verweisen. Und auch wenn es ein technisches Szenario ist, das eher Buben ansprechen dürfte (auch so alte wie mich), sollten die Mädchen mindestens einen Blick wagen; auch junge Liebe spielt eine Rolle, es gibt attraktive weibliche Identifikationsfiguren, und das Thema soziale Netzwerke ist ja tendenziell ein feminines.

Andreas Eschbach: Time*Out. Arena-Verlag, Würzburg 2012. Geb., 520 S., € 19,50 – Geb. Ausgabe

Kindle-Edition (€ 14,99) | Audiobook (€ 19,99)

Super-Pulp-Fiction

Dienstag, 6. November 2012

In der zweiten Ausgabe des “Fachblatts für Pulp-Thriller, Horror und Science Fiction”, präsentiert von Dr. Trash und r.evolver, finden sich wie gehabt “3 packende Storys in einem Heft”. Eine davon ist von mir … und genügt anscheinend meinen selbst gestellten Anforderungen an guten Trash:

“Geschichte Nummer Drei ist „Suicide New!“ von Helmut Santler. Das Genre … ich passe, ehrlich gesagt. SF ist es nicht unbedingt, Horror könnte stimmen, trifft es aber nicht ganz. Ist aber auch nicht wichtig, gefallen hat es auf jeden Fall.
Thema der Geschichte ist das Fernsehen … beziehungsweise die Tendenz des Fernsehens, immer krassere Spielarten finden zu müssen, um das Publikum zu halten. Spitzenreiter bei diesen Absurditäten sind die Asiaten, wo die Demütigung der Kandidaten schon viele Jahre vor DSDS und dergleichen Usus war. Die Hauptfigur nun ist ein Produzent, der den ultimativen Kick gefunden zu haben glaubte – eine Fernsehshow um Selbstmorde. Doch die Quoten brechen ein und er muss das Konzept der Sendung umbauen. Mit spitzer Feder und einem feinen schwarzen Humor wird hier der Gesellschaft ein Spiegel vorgehalten, denn ehrlich gesagt bin ich durchaus davon überzeugt, dass derartige Shows irgendwann wirklich produziert und konsumiert werden könnten. Großartig geschrieben, mitreißend und doch überzeichnet genug, um einen zum Nachdenken zu bringen, mit einem durchaus überraschenden Ende.” (Bernd Meyer in FanDom Observer 277)

“Die spannendste und gelungenste Story beobachtet die Entwicklung der Fernsehshow ‚Suicide New!‘. Weil die Serie, die Todeswillige beim Selbstmord zeigt, an Sehern verliert, wird das Konzept überarbeitet und den Zusehern die Entscheidung über den Tod überlassen. Was die Zuschauer nicht wissen: …” (Martin Zellhofer in thegap, Magazin für Glamour und Diskurs, Nr. 127; er schreibt da übrigens noch mehr, das ist mir aber zu viel Spoiling.)

Was ist zu tun? Unter dem Titel “Der irrste Verlag, den ich kenne” gibt G.F. in Ausgabe 5/12 der “Sprechblase” die Antwort: “Wer sich von meinen eindringlichen Warnungen vor diesen Machwerken nicht abschrecken lässt, der sollte sich an www.evolver-books.at wenden und schleunigst das Zeug kaufen. Der Markt gehört endlich von diesem Schandfleck befreit!”

Dr. Trash, r.evolver (Hg.): Super-Pulp 2. Heftl, 40 S., EUR 2,80 bei amazon kaufen
Das  mit der Marktbefreiung ist übrigens seit Neuestem faktisch unmöglich geworden – es gibt Super-Pulp 2 jetzt auch als Kindle-E-Book (amazon) sowie im epub-Format (für alle anderen E-Book-Reader) um noch weniger als wenig Geld zu kaufen: EUR 1,49

Und dank des Engagements von Peter Hiess für das Heben der Trashkultur könnt ihr euch einen Teil meiner Geschichte sogar anhören: Heftldämmerung wurde eine Pulp-Lesung im Wiener Gschwandtner betitelt. Den Anfang des Zwei-Stunden-Videos macht Leo Lukas (Perry Rhodan), meine Wenigkeit kommt so ab Min. 53 ins Bild.

Der größte Hobbit aller Zeiten

Dienstag, 23. Oktober 2012

Mitte Dezember 2012 wird es soweit sein: Teil 1 der lange erwarteten Verfilmung von J.R.R. Tolkiens “Der Hobbit” kommt in die Kinos. Die ideale Gelegenheit, sich mit dem Klassiker erneut und tiefgehend auseinanderzusetzen, bietet “Das große Hobbit-Buch” (“The Annotated Hobbit”) des Tolkien-Forschers Douglas Anderson, das im Mai 2012 auf Deutsch erschienen ist.
Das bibliophil aufgemachte Werk enthält

  • den Text des “Hobbit” in der Neuübersetzung von Wolfgang Krege (“Der Hobbit oder Hin und zurück”)
  • den Text “Die Fahrt zum Erebor” in der bisher ausführlichsten verfügbaren Fassung; er erklärt Gandalfs Beweggründe für den anfangs so irrwitzig anmutenden Plan und warum seine Wahl ausgerechnet auf einen Hobbit bzw. auf Bilbo Beutlin fiel
  • eine textgeschichtliche Einleitung
  • einen Anhang über Runen

Der Haupttext ist reichhaltig kommentiert, er liefert Übersetzungsvergleiche Scherf-Krege, stellt Bezüge zu Tolkien beeinflussenden Texten her, erklärt die Zwergennamen, die allesamt auf dem isländischen Sagenschatz beruhen, und die Etymologie vieler anderer Begriffe, ob aus dem Sindarin-Elbischen, dem Altenglischen oder dem Isländischen stammend. Tolkiens Werk ist letztlich nur in seiner Gesamtheit zu erfassen; es ist die Niederschrift einer zweiten, mythischen Existenzebene, die im Laufe der Jahrzehnte nicht nur wuchs, sondern sich auch veränderte, sich an Stellen in Widersprüchen verhedderte, Dinge offenließ oder nachträgliche Erklärungen lieferte, wie etwa exemplarisch in der “Fahrt zum Erebor”: Dieser Aufsatz entstand knapp 20 Jahre nach dem Hobbit und bindet die Kindergeschichte in den ganz großen, erwachsenen Plan Gandalfs ein, der sich im Herr der Ringe offenbarte.
Auch am Text des Hobbit selbst feilte Tolkien noch Jahrzehnte nach dessen Ersterscheinung 1937: “Der Herr der Ringe” machte da und dort rückwirkende Anpassungen nötig, um den Hobbit nahtloser in das größer gewordene Geschehen einzubinden, aufmerksame Leser wiesen auf kleine und kleinste Ungereimtheiten hin – z.B. der Verwendung des Begriffs “men” für Hobbits und/oder Zwerge, der doch den Menschen als Ethnie vorbehalten war. Zudem sind hunderte Hobbit-Illustrationen und Coverbilder abgedruckt, überwiegend in Schwarz-Weiß mit Ausnahme eines farbigen Mittelteils. Darunter finden sich etliche Kuriositäten: Der russische Illustrator etwa zeichnete Bilbo mit kurzen Hosen und bis zu den Schenkeln stark behaarten Beinen – in der russischen Umgangssprache wird nicht zwischen Füßen und Beinen unterschieden, und niemand hatte den Mann darauf aufmerksam gemacht, dass die so auffällige Hobbit-Fußbehaarung sich auf den Rist konzentriert.
Das Einzige, das dieser Prachtband nicht zu leisten imstande ist: den Originaltext wiederzugeben. Meine Empfehlung für jeden ernsthaften Fan deshalb: Eine billige Taschenbuch-Ausgabe des Originals erwerben und “Das große Hobbit-Buch” dazu, dann ist man auf alle Mittelerde-Eventualitäten bestens vorbereitet.

Apropos nachträgliches Bearbeiten: Als wundersames Kuriosum erschien mir ein mitten im Buch eingelegtes Blatt mit einem Erratum: 17 Zeilen zum Ende des Kapitels XI, “An der Türschwelle”, waren übersehen worden und nicht Teil des Buches. “Aufmerksamen” Lesern war dies aufgefallen, der Verlag hatte sich tausendfach entschuldigt und das Blatt kostenfrei nachgesendet bzw. den noch nicht ausgelieferten Exemplaren beigelegt; in der nächsten Auflage soll der grobe Satzfehler korrigiert werden … Nun, ich melde Zweifel an. Das Folgekapitel trägt nämlich den Titel “AUS GUTUNTTERICHTETER QUELLE”, und genau so steht es auch in den rechtsseitigen Kopfzeilen noch insgesamt zehnmal. Auch “Das große Hobbit-Buch” blieb nicht vom Druckfehlerteufelchen restlos verschont (so wurde aus dem Eilend einmal ein Eiland), ist aber spürbar mit großer Liebe und Sorgfalt erstellt worden – und dann in einer versal gesetzten Überschrift zweieinhalb Rechtschreibfehler in einem Wort (Getrenntschreibung laut Dudenempfehlung)? Und der “Unttericht” teilt sich die Seite auch noch mit einem eingelegten Erratum-Blatt …
Lieber Klett-Cotta-Verlag, ich finde es einfach entzückend, wie hier dem Buch eine eigene Entstehungsgeschichte geschenkt wird; bitte korrigiert die Fehler unbedingt in der nächsten Auflage, damit mein Exemplar zur Kostbarkeit mit dem gewissen Extra wird. Einen Ehrenplatz in meiner Büchersammlung erhält es in jedem Fall.

J.R.R. Tolkien, Douglas A. Anderson: Das große Hobbit-Buch. Hobbit-Presse, Klett-Cotta, Stuttgart 2012. Geb., 418 S., € 30,80 bei amazon kaufen
Der Hobbit: Filmausgabe, € 15,40
Der Hobbit: Oder Hin und zurück: or There and Back Again. Kindle-Edition – E-Book, € 9,99

Der Hobbit: oder Hin und zurück, Hörbuch, gelesen von Gert Heidenreich, MP3, € 13,99 | CD, € 29,95

J.R.R. Tolkien: The Hobbit or There and Back Again. Harpercollins, 75th anniversary ed. (original cover illustration by the author). Paperback, 310 p., € 7,80 bei amazon kaufen
The Hobbit: Kindle Edition – E-Book, € 6,66
The Hobbit: Audiobook (English), € 15,38

Alles geht den Bach hinunter …

Dienstag, 2. Oktober 2012

… doch weil es so verdammt eisig kalt und hart gefroren in dem “Outpost” (Originaltitel) ist, in dem der Untergang der letzten Menschheitsreste geschildert wird, dauert es hier etwas länger. Der Außenposten und Ort der Handlung ist nämlich eine stillgelegte Ölplattform, auf der statt der möglichen 1000 gerade mal zwei Dutzend Leute Dienst tun, nördlich des Franz-Josefs-Land, inmitten der Arktischen See. So geht, wie man den nach und nach gänzlich verebbenden Nachrichten aus aller Welt entnehmen kann, rundum und überall tatsächlich alles den Bach hinunter, versinkt im Chaos; Menschen, Völker sterben, doch was eigentlich vor sich geht, dringt – vorerst – ebenso wenig bis in diesen entlegenen Winkel des Planeten wie die Ursache selbst, die Krankheit, gegen die absolut kein Kraut gewachsen ist.
Die Bühne für das “Zehn kleine Negerlein”-Spiel ist bereitet: Die Zivilisation existiert nicht mehr, die versprengten Überbleibsel der Menschheit versuchen ihr Überleben zu sichern. Wie dumm, dass sie die erste Regel der Humanität in den Jahren des Überflusses vergessen haben: Kooperiere oder stirb. Stattdessen sind fast alle mehr oder minder egoman, ichbezogen, gestört, wie sie es eben in der übersättigten, hemmungslos gierigen Konsumwelt unserer Tage gelernt haben.
Es gibt eine Menge Action, reichlich Horrorszenarien, ordentliche Figurencharakterisierung, sieben Spannungspunkte auf der zehnteiligen Skala, einiges weniger überzeugendes Technisches, eine Prise Science Fiction und eine Flut an Toten und Untoten; ich nenne sie deshalb nicht Zombies, weil sie zwar in vielerlei Hinsicht deren Charakterisierung entsprechen, der Autor sich aber eine durchaus originelle Variante zum Thema hat einfallen lassen.
Was es nicht gibt, ist ein Ausweg – oder jedenfalls werden die Optionen mit jedem Ereignis weniger. Wenn das mal gutgeht …
Was bleibt, ist schnörkellose Genre-Thrillerkost, zu der Leser mit einschlägigen Vorlieben ohne Weiteres greifen können.

Adam Baker: Die Wandlung. Blanvalet, München 2012. Tb., 512 S., € 10,30
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Adam Baker: Die Wandlung. Blanvalet, München 2012. E-Book-Edition (Kindle), € 8,99
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