Alle Artikel in der Rubrik ‘Jugendbuch’

Sound der Gebärden

Mittwoch, 5. Juni 2013

Liebesnöte von Teenagern gehören eher nicht zu meinen bevorzugten Themen, weshalb ich besonders froh bin, im Fall von Freak City eine Ausnahme gemacht zu haben: Der Sound dieser ungewöhnlichen Lovestory ist frisch, frech und stimmig und ein echtes Lesevergnügen. Das ist aber „nur“ die Verpackung für einen in dieser Form absolut einzigartigen Inhalt: Denn Lea, Mikas Love Interest, nachdem die göttliche und unvergessliche Sandra in hat sitzen lassen, ist gehörlos. Nach und nach führt uns der Roman in eine vollkommen eigene Welt: jene von gehörlosen Jugendlichen. Je tiefer Mika eintaucht, desto mehr Schwierigkeiten tun sich auf; und auch Lea muss über ihren eigenen Schatten springen und einen von den Hörenden, die auf einem gänzlich anderen Planeten leben, an sich heranlassen.
War es anfangs Trotz gegenüber seiner Verflossenen, wird Mika bald von der temperamentvollen Lea in den Bann geschlagen – und nicht zuletzt vom abschätzigen Unverständnis aller anderen immer stärker zu ihr hingetrieben.
Der mehrfach preisgekrönte Jugendroman (u.a. für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert) ist das erste und einzige Werk im deutschsprachigen Raum überhaupt, das sich der Situation gehörloser Jugendlicher annimmt und ihr eine authentische Stimme verleiht. Im Zusammenhang mit der Taschenbuchveröffentlichung erfolgte gewissermaßen auch die offizielle Anerkennung seitens der Gehörlosenwelt: Die Leipziger Theaterfachschule Bongôrt-v. Roy ist die erste Schauspielschule im deutschsprachigen Raum, die auch gehörlose Schüler zu professionellen Schauspielern ausbildet. Typisch für die Schule sind zweisprachige Inszenierungen: Lautsprache und DGS (Deutsche Gebärdensprache). In einer solchen Form wird ab Sommer 2013 auch eine dramatisierte Fassung von Freak City mit zwei Schauspielern auf den Spielplan genommen, mit 45 Minuten Spieldauer eigens auf den Schulbetrieb abgestimmt. (Bei Interesse: info@schauspielschule.info [Holger-Hoppla Pester/ Roy Meißner])

Kathrin Schrocke: Freak City. Carlsen, Hamburg 2013. Tb., 236 S., € 7,20 (A)

Und dann hingen sie am Lifehook

Donnerstag, 22. November 2012

Der Showdown steht an, und wie es sich für ein ordentliches Finale gehört, wird erst einmal alles noch schlimmer. Mit einem unwiderstehlichen Angebot angelt sich die Kohärenz die breite Masse: Der Lifehook wird mit einer nie dagewesenen Werbekampagne präsentiert und ist ein durchschlagender Erfolg. Der winzige Chip macht Kommunikation zum zeit- und ortsunabhängigen Gedankenakt, und sehr bald ist bei nichts mehr dabei, wer ihn nicht implantiert hat. Doch dann zeigen sich furchtbare Nebenwirkungen …

Christopher, das junge Computergenie, hält den Kampf endgültig für verloren. Dann aber kommt ihm ein letzter, verzweifelter Einfall, und noch einmal nimmt er es mit der weltumspannenden, allmächtigen Intelligenz auf.

Eschbachs Jugend-Science-Fiction-Thrillertrilogie ist komplett: Nach Black*Out und Hide*Out heißt es jetzt Time*Out. Damit ist jetzt evident, was bisher nur begründete Vermutung war: Der Dreiteiler ist gleichermaßen sagenhaft spannender Lesestoff für Menschen ab 12 bis 14, beklemmend realistisches Nahzukunftsszenario rund um die zunehmende Vernetzung und Verflachung der Welt, hochkarätige Unterhaltung und eine höchst willkommene Aufbesserung des kargen (Schul-)Textsegments “Leseerlebnis mit Anregung zur Diskussion”. In diesem Zusammenhang ist zu hoffen, dass recht bald eine Taschenbuchausgabe auf den Markt kommt, da gebundene Bücher im Budget der Schulen nicht vorgesehen sind.

In bewährter Eschbach-Manier wird die Story bestens verschlingbar erzählt, sodass man sich mitunter bewusst einbremsen muss, um keine der en passant eingestreuten widerspenstigen und tiefsinnigen Gedanken zu verpassen. Leseentwicklungstechnisch gesehen richtet sich das Buch ganz klar an die Antilesergruppe schlechthin: Jungs unter 14. Große, locker gesetzte Schrift verbessert die Lesbarkeit, und das beachtliche Volumen der Bände mag vielleicht eine Zugriffshürde darstellen, dafür dürfen die jungen Leser nach vollbrachter Tat stolz auf drei richtig dicke Wälzer in ihrer Lesegeschichte verweisen. Und auch wenn es ein technisches Szenario ist, das eher Buben ansprechen dürfte (auch so alte wie mich), sollten die Mädchen mindestens einen Blick wagen; auch junge Liebe spielt eine Rolle, es gibt attraktive weibliche Identifikationsfiguren, und das Thema soziale Netzwerke ist ja tendenziell ein feminines.

Andreas Eschbach: Time*Out. Arena-Verlag, Würzburg 2012. Geb., 520 S., € 19,50 – Geb. Ausgabe

Kindle-Edition (€ 14,99) | Audiobook (€ 19,99)

Der größte Hobbit aller Zeiten

Dienstag, 23. Oktober 2012

Mitte Dezember 2012 wird es soweit sein: Teil 1 der lange erwarteten Verfilmung von J.R.R. Tolkiens “Der Hobbit” kommt in die Kinos. Die ideale Gelegenheit, sich mit dem Klassiker erneut und tiefgehend auseinanderzusetzen, bietet “Das große Hobbit-Buch” (“The Annotated Hobbit”) des Tolkien-Forschers Douglas Anderson, das im Mai 2012 auf Deutsch erschienen ist.
Das bibliophil aufgemachte Werk enthält

  • den Text des “Hobbit” in der Neuübersetzung von Wolfgang Krege (“Der Hobbit oder Hin und zurück”)
  • den Text “Die Fahrt zum Erebor” in der bisher ausführlichsten verfügbaren Fassung; er erklärt Gandalfs Beweggründe für den anfangs so irrwitzig anmutenden Plan und warum seine Wahl ausgerechnet auf einen Hobbit bzw. auf Bilbo Beutlin fiel
  • eine textgeschichtliche Einleitung
  • einen Anhang über Runen

Der Haupttext ist reichhaltig kommentiert, er liefert Übersetzungsvergleiche Scherf-Krege, stellt Bezüge zu Tolkien beeinflussenden Texten her, erklärt die Zwergennamen, die allesamt auf dem isländischen Sagenschatz beruhen, und die Etymologie vieler anderer Begriffe, ob aus dem Sindarin-Elbischen, dem Altenglischen oder dem Isländischen stammend. Tolkiens Werk ist letztlich nur in seiner Gesamtheit zu erfassen; es ist die Niederschrift einer zweiten, mythischen Existenzebene, die im Laufe der Jahrzehnte nicht nur wuchs, sondern sich auch veränderte, sich an Stellen in Widersprüchen verhedderte, Dinge offenließ oder nachträgliche Erklärungen lieferte, wie etwa exemplarisch in der “Fahrt zum Erebor”: Dieser Aufsatz entstand knapp 20 Jahre nach dem Hobbit und bindet die Kindergeschichte in den ganz großen, erwachsenen Plan Gandalfs ein, der sich im Herr der Ringe offenbarte.
Auch am Text des Hobbit selbst feilte Tolkien noch Jahrzehnte nach dessen Ersterscheinung 1937: “Der Herr der Ringe” machte da und dort rückwirkende Anpassungen nötig, um den Hobbit nahtloser in das größer gewordene Geschehen einzubinden, aufmerksame Leser wiesen auf kleine und kleinste Ungereimtheiten hin – z.B. der Verwendung des Begriffs “men” für Hobbits und/oder Zwerge, der doch den Menschen als Ethnie vorbehalten war. Zudem sind hunderte Hobbit-Illustrationen und Coverbilder abgedruckt, überwiegend in Schwarz-Weiß mit Ausnahme eines farbigen Mittelteils. Darunter finden sich etliche Kuriositäten: Der russische Illustrator etwa zeichnete Bilbo mit kurzen Hosen und bis zu den Schenkeln stark behaarten Beinen – in der russischen Umgangssprache wird nicht zwischen Füßen und Beinen unterschieden, und niemand hatte den Mann darauf aufmerksam gemacht, dass die so auffällige Hobbit-Fußbehaarung sich auf den Rist konzentriert.
Das Einzige, das dieser Prachtband nicht zu leisten imstande ist: den Originaltext wiederzugeben. Meine Empfehlung für jeden ernsthaften Fan deshalb: Eine billige Taschenbuch-Ausgabe des Originals erwerben und “Das große Hobbit-Buch” dazu, dann ist man auf alle Mittelerde-Eventualitäten bestens vorbereitet.

Apropos nachträgliches Bearbeiten: Als wundersames Kuriosum erschien mir ein mitten im Buch eingelegtes Blatt mit einem Erratum: 17 Zeilen zum Ende des Kapitels XI, “An der Türschwelle”, waren übersehen worden und nicht Teil des Buches. “Aufmerksamen” Lesern war dies aufgefallen, der Verlag hatte sich tausendfach entschuldigt und das Blatt kostenfrei nachgesendet bzw. den noch nicht ausgelieferten Exemplaren beigelegt; in der nächsten Auflage soll der grobe Satzfehler korrigiert werden … Nun, ich melde Zweifel an. Das Folgekapitel trägt nämlich den Titel “AUS GUTUNTTERICHTETER QUELLE”, und genau so steht es auch in den rechtsseitigen Kopfzeilen noch insgesamt zehnmal. Auch “Das große Hobbit-Buch” blieb nicht vom Druckfehlerteufelchen restlos verschont (so wurde aus dem Eilend einmal ein Eiland), ist aber spürbar mit großer Liebe und Sorgfalt erstellt worden – und dann in einer versal gesetzten Überschrift zweieinhalb Rechtschreibfehler in einem Wort (Getrenntschreibung laut Dudenempfehlung)? Und der “Unttericht” teilt sich die Seite auch noch mit einem eingelegten Erratum-Blatt …
Lieber Klett-Cotta-Verlag, ich finde es einfach entzückend, wie hier dem Buch eine eigene Entstehungsgeschichte geschenkt wird; bitte korrigiert die Fehler unbedingt in der nächsten Auflage, damit mein Exemplar zur Kostbarkeit mit dem gewissen Extra wird. Einen Ehrenplatz in meiner Büchersammlung erhält es in jedem Fall.

J.R.R. Tolkien, Douglas A. Anderson: Das große Hobbit-Buch. Hobbit-Presse, Klett-Cotta, Stuttgart 2012. Geb., 418 S., € 30,80 bei amazon kaufen
Der Hobbit: Filmausgabe, € 15,40
Der Hobbit: Oder Hin und zurück: or There and Back Again. Kindle-Edition – E-Book, € 9,99

Der Hobbit: oder Hin und zurück, Hörbuch, gelesen von Gert Heidenreich, MP3, € 13,99 | CD, € 29,95

J.R.R. Tolkien: The Hobbit or There and Back Again. Harpercollins, 75th anniversary ed. (original cover illustration by the author). Paperback, 310 p., € 7,80 bei amazon kaufen
The Hobbit: Kindle Edition – E-Book, € 6,66
The Hobbit: Audiobook (English), € 15,38

E.T. auf der Schwäbischen Alb

Montag, 27. Februar 2012

Der junge Kelwitt vom Planeten Jombuur geht auf Orakelfahrt – und landet außerplanmäßig auf der Erde. Nicht, wie es sich für solche Gelegenheiten hollywoodtauglich gehörte, in den Vereinigten Staaten, sondern im Heuschober des Wirts von Blaukirch mitten auf der Schwäbischen Alb. Er kommt bei der Familie Mattek unter, doch trotz größter Diskretion sind am Ende der Bundesnachrichtendienst, Alien-Jäger, Geschäftemacher und Weltuntergangspropheten hinter ihm her. Und die Zeit läuft gegen den Außerirdischen, denn die Erde scheint ihm nicht gut zu bekommen…
Man muss sich schon auf die märchenhaft naive, mit Klischees sonder Zahl nicht immer restlos überzeugend spielenden Science-Fiction-Geschichte einlassen, wird aber mit einer herzigen und immer wieder ausgesprochen witzigen Erzählung um die letzten Tage des vergangenen Jahrtausends belohnt. Eschbachs moralischer Imperativ lässt die Gelegenheit nicht aus, die großen Sünden der Menschheit anzuprangern. Aus der gänzlich unverbrauchten Perspektive eines jungen Außerirdischen liest sich das indes wie ein einziges großes Staunen ob der Offensichtlichkeit der Fehler bei gleichzeitiger unerschütterlicher Blindheit selbigen gegenüber. Und welche Rolle spielen die Samen der Augenöffner-Blume, die bei Kelwitts Landeanflug verstreut wurden?

Andreas Eschbach: Kelwitts Stern. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1999, 5. Aufl. 2009. Tb., 429 S.

Breathe Out

Sonntag, 22. Januar 2012

Teil 2 der nervenzerfetzenden Science-Fiction-Mär um die Bildung der sogenannten Kohärenz – einem Zusammenschluss von Hunderttausenden von Menschen zu einem (nahezu) allwissenden, allmächtigen und allgegenwärtigen, aber seelen- und emotionslosen Gehirnkollektiv.
Spannung pur ist eine Untertreibung: Hat es in Black*Out noch eine Weile gedauert, um die Bühne zu bereiten, geht es in Hide*Out von der ersten Seite an mit Vollgas los. Ein Pageturner erster Güte, der im Tonfall nun 100%-ig auf Linie ist und die mitunter ein wenig irritierende Schlaksigkeit des Auftaktbands vollends abgelegt hat.
Flucht ist das bestimmende Thema von Hide*Out: Nur eine Handvoll Aussteiger weiß von der Kohärenz, die gerade deshalb unbarmherzig daran ist, diesen Keim des Widerstands im Ansatz zu zermalmen. Das Gefühl, ständig verfolgt zu sein, stellt sich auch beim Lesen ein: Man wagt es kaum, den Band aus der Hand zu legen, denn nur durch unausgesetztes Durchrasen des Textes erhält sich das Gefühl, das Geschehen unter Kontrolle zu haben. Aber natürlich hat Eschbach noch ein paar Pfeile im Köcher und ist der einzige, der hier etwas unter Kontrolle hat …

Andreas Eschbach: Hide*Out. Arena-Verlag, Würzburg 2011. Geb., 450 S.
Zu Time*Out, dem Abschlussband der Trilogie.

Ausgeblutet

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Cover wars nicht: Mir lag nämlich nur ein neutral gestaltetes, unkorrigiertes Leseexemplar vor, das mir nach zwei Jahren des Abliegens in der richtigen Sekunde in die Hände fiel. Der Einstieg ist gruselig und fesselnd, also las ich ein wenig weiter und fand durchaus Gefallen an der Geschichte. Bald wurde mir allerdings klar, dass ich auf ein Vampirbuch gestoßen war, inklusive Liebesgeschichte und Teenager! Oh graus.
Die Geschichte nahm dann aber doch einige originelle Wendungen und gebärdete sich auch nicht allzu schwülstig, also arbeitete ich mich, das PC-Arbeit-geschädigte Hirn auslüftend, weiter durch das Geschehen. Ab und an stolperte ich über Ausdruckschwächen gröberer Art, schob dies aber zunächst auf meine “unkorrigierte” Fassung. Irgendwann wollte ich das Ding dann nur noch zu Ende bringen, um eben selbiges in Erfahrung zu bringen… Ach hätte ich diesem Drang doch widerstehen können!
Je länger es dauert, desto grauenvoller wird die Schreibe, desto absurder und unstimmiger die Handlung, und vor allem: Pathos und Schwulst steigern sich zu einem Crescendo in Schmalz. Die durchaus vorhandenen interessanten Ansätze verpuffen samt und sonders; übrig bleibt ein missglückter Serien-Auftakt, der nichtsdestotrotz seine Fortsetzung gefunden hat. Denn obwohl Blutherz sehr durchwachsen aufgenommen wurde – ein paar Fans finden sich immer, welche sich im September des Vorjahrs über das Erscheinen von Blutjäger freuen durften.
Michael Wallner: Blutherz. cbj, München 2012. Tb., 317 S. Blutherz Audiobook
Weitere Bücher von Michael Wallner (sämtlich besser bewertet als Blutherz und mehrheitlich auf ein erwachsenes Publikum abzielend) bei amazon.

Eschbach, mittel bis prächtig

Sonntag, 8. Januar 2012

Hiroshi und Charlotte sind ein unmögliches Paar: er Sohn einer Hausangestellten, sie Tochter des französischen Botschafters in Japan. Und doch entwickelt sich eine Kinderfreundschaft zwischen den beiden. Klassenschranken sind aber unbarmherzig und der 10-jährige Bub erkennt das Problem: Es gibt Reiche und Arme. Also lässt er sich etwas einfallen, wie alle Menschen reich sein können …
Andreas Eschbach genießt bei mir jeden Kredit; umso schwerer fällt es mir, öffentlich einzugestehen, dass ich den jüngsten Wurf des Meisters für misslungen halte. Herr aller Dinge ist Technikthriller, Science Fiction, Abenteuerroman, Beziehungskiste, Jugendliteratur, adult fiction, Crimestory, Mystery, Historienschinken… Es wirkt, als habe der Autor versucht, sich zum “Herrn aller Genres” aufzuschwingen und den Beweis zu erbringen, dass sich alles mit allem verbinden lässt. Das ist, Eschbach-typisch, gewagt und innovativ und phasenweise auch spannend und unterhaltsam, in Summe aber schwer verdaulich. Zu vieles bleibt unausgegoren, verläuft im Sande oder erweist sich als irrelevant; Eschbachs Erklärung schließlich, warum noch keine Aliens aufgetaucht sind, soll vielleicht den ultimativen Zynismus darstellen, wirkt aber einfach nur an sich sträubenden Haaren herbeigezogen. Weniger wäre weit mehr gewesen: Z.B. ein Eschbach-typisch bestens recherchierter, utopisch-gesellschaftskritischer Nanotechnik-Thriller, in dem für das Nichterscheinen der Aliens keine abstrus-paranoide Universumsverschwörungstheorie konstruiert zu werden braucht.
Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Der Roman ist lässig geschrieben und gehört natürlich zu den 10 besten Prozent der Neuerscheinungen. Da Eschbach aber letztlich nur mit Eschbach verglichen werden kann …
Andreas Eschbach: Herr aller Dinge. Gustav Lübbe Verlag, Köln 2011. Gebundene Original-Printausgabe, 687 S.
Auch als E-Book, gekürzte Audiofassung (~10 Std., CD oder Download) oder ungekürzte Hörbuchfassung (~24 Std., nur als Download) erhältlich.

Ein Dorf am Meer

Donnerstag, 2. Juni 2011

Eine kleine, fast unscheinbare Geschichte: Emma muss zwei Wochen bei Onkel und Tante verbringen, weil ihr Vater sich einer schweren Operation zu unterziehen hat. Auf diesem denkbar simplen Gerüst ersinnt Paula Fox eine feinsinnige, psychologisch tiefgehende Erzählung über ein Mädchen, das sich in der fremden und, vor allem wegen der unerträglichen Art ihrer Tante, bisweilen abstoßenden Erwachsenenwelt zurechtzufinden versucht.
So viel Zeit wie möglich verbringt sie am nahegelegenen Strand; dort lernt sie auch Bertie kennen, mit der gemeinsam sie das Dorf am Meer zu bauen beginnt – aus nichts als Fundstücken, die die See an Land gespült hat. Es wird ein wahres Kunstwerk. Doch Emma hat nicht mit einem der schlimmsten Gifte gerechnet, die das Erwachsenenleben unerträglich machen können – und unter dem nun auch sie zu leiden hat…
Poetische Schlichtheit und bestechende Sicherheit in der Sichtbarmachung des nach Orientierung strebenden Innenlebens der Heranwachsenden zeichnen diesen Roman der lange Zeit vergessenen US-Autorin aus, die heute als Klassikerin der Moderne gilt. (Die Originalausgabe stammt aus dem Jahr 1988.) Ein Bild von Ivan erhielt 2008 den Deutschen Jugendliteraturpreis als bestes Kinderbuch.
Paula Fox: Ein Dorf am Meer. Boje, Köln 2008. Geb., 128 S.
Paula Fox: Ein Dorf am Meer. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2011. Tb., 126 S.

Bartimäus – Der Ring des Salomo

Mittwoch, 27. April 2011

Halleluja! Bartimäus kehrt zurück – rotzfrecher und unverschämter denn je. Zum Zeitpunkt der Handlung dieses eigenständigen Bandes, während der Herrschaft des mächtigen Königs Salomo, hat der Djinn erst bescheidene 2000 Jahre auf dem Plasma und befindet sich in seiner spätpubertären Phase. Da wählt er schon mal als Gestalt ein Nilpferd im Baströckchen und erscheint in der Bartimäus-Trilogie im Nachhinein beinahe schon altersweise…
Wieder versorgt uns Jonathan Stroud mit allem, was zum reich gedeckten Fantasy-Tisch gehört: magische Verwicklungen, gefährliche Abenteuer, exotisches Lokalkolorit. Das alles auf einer schrillbunten Tischdecke, auf der Bartimäus seine Sprüche hinterlassen hat – nervig, witzig und stets so, dass man heilfroh ist, nicht selbst zum Gegenstand seines Spottes zu werden.
Der Band bester All-age-Fantasy-Unterhaltung kann gänzlich unabhängig von der bahnbrechenden Trilogie gelesen werden – als überaus willkommener Nachschlag oder auch als Appetit anregende Vorspeise ist er gleichermaßen geeignet. Und da zwischen Bartimäus Auftreten in diesem Buch und in der Trilogie 3000 Jahre ins Land ziehen, darf die begründete Hoffnung geäußert werden, dass es das noch (lange) nicht gewesen ist…
Jonathan Stroud: Bartimäus – Der Ring des Salomo. cbj, 2010. Geb., 480 S.

Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Dienstag, 26. April 2011

Nathanael, der schlaue, aber auch blutjunge Zauberlehrling, hat die beste Motivation, um sich an seinem selbst entwickelten Plan zu übernehmen: Rache. Dass er ausgerechnet Bartimäus, den 5.000 Jahre alten Dschinn, als Erfüllungsgehilfen bestimmt, erweist sich als beinahe übergroßes Wagnis… Denn alle “Dämonen sind überaus heimtückisch. Sie fallen dir in den Rücken, sobald sich ihnen auch nur die geringste Gelegenheit dazu bietet.” So wurde es ihm von seinem überaus mittelmäßigen Zaubermeister immer und immer wieder eingebläut.
Und dann dieser Auftrag! Bartimäus traut seinen Ohren nicht, als der Junge ihm befiehlt, das Amulett von Samarkand aus dem Haus eines der mächtigsten Zauberer des Landes zu entwenden. Ohne die geringste Ahnung zu haben, welch staatstragende Rolle dieses magische Kleinod spielen soll…
Aus der Perspektive des abgebrühten, listenreichen und alles anders als mundfaulen Dschinns (sagt nicht Dämon zu ihm, das kann er nämlich ganz und gar nicht leiden) Bartimäus erleben wir eine packende, fantastische, magische Abenteuergeschichte, bei der einfach alles stimmt: bildhaft wie ein Film, spannend wie ein Thriller und dank ironischer Fußnoten mit pointiertem (schwarzem) Humor gewürzt, erreicht der erste einer auf drei Bände angelegten Reihe Harry-Potter-Qualitäten der Unterhaltung (das größte Kompliment das dieser Rezensent aussprechen kann). Da die Geschichte allerdings weitaus gruseliger und teils auch düsterer abläuft als die ersten beiden Potter-Bände, sei hiermit eine Lesealterempfehlung ab 12 ausgesprochen. Kaufen, lesen, darin versinken!
Jonathan Stroud: Bartimäus – Das Amulett von Samarkand. Bertelsmann Jugendbuch, München 2004. Geb., 540 S.
P.S.: Ganz neu gibt es das erste Bartimäus-Abenteuer auch als Comic! Siehe das Coverbild rechts unten.