Artikel-Schlagworte: „Fantasy“

Ausgeblutet

Dienstag, 17. Januar 2012

Das Cover wars nicht: Mir lag nämlich nur ein neutral gestaltetes, unkorrigiertes Leseexemplar vor, das mir nach zwei Jahren des Abliegens in der richtigen Sekunde in die Hände fiel. Der Einstieg ist gruselig und fesselnd, also las ich ein wenig weiter und fand durchaus Gefallen an der Geschichte. Bald wurde mir allerdings klar, dass ich auf ein Vampirbuch gestoßen war, inklusive Liebesgeschichte und Teenager! Oh graus.
Die Geschichte nahm dann aber doch einige originelle Wendungen und gebärdete sich auch nicht allzu schwülstig, also arbeitete ich mich, das PC-Arbeit-geschädigte Hirn auslüftend, weiter durch das Geschehen. Ab und an stolperte ich über Ausdruckschwächen gröberer Art, schob dies aber zunächst auf meine “unkorrigierte” Fassung. Irgendwann wollte ich das Ding dann nur noch zu Ende bringen, um eben selbiges in Erfahrung zu bringen… Ach hätte ich diesem Drang doch widerstehen können!
Je länger es dauert, desto grauenvoller wird die Schreibe, desto absurder und unstimmiger die Handlung, und vor allem: Pathos und Schwulst steigern sich zu einem Crescendo in Schmalz. Die durchaus vorhandenen interessanten Ansätze verpuffen samt und sonders; übrig bleibt ein missglückter Serien-Auftakt, der nichtsdestotrotz seine Fortsetzung gefunden hat. Denn obwohl Blutherz sehr durchwachsen aufgenommen wurde – ein paar Fans finden sich immer, welche sich im September des Vorjahrs über das Erscheinen von Blutjäger freuen durften.
Michael Wallner: Blutherz. cbj, München 2012. Tb., 317 S. Blutherz Audiobook
Weitere Bücher von Michael Wallner (sämtlich besser bewertet als Blutherz und mehrheitlich auf ein erwachsenes Publikum abzielend) bei amazon.

Es war einmal …

Dienstag, 10. Januar 2012

Klassische, das heißt in erster Linie Grimm’sche, also deutsche, Märchenfiguren in der Gegenwart: ein Subgenre, das sich immer größerer Beliebtheit erfreut. Die bedeutendste Initialzündung verdanken wir einmal mehr dem Comic bzw. der Graphic Novel: Unter der Regie des Szenaristen Bill Willingham kam 2002 der erste Band “Fables“, Fabelwesen, heraus: Legends in Exile (siehe Cover links; die deutsche Ausgabe – Cover rechts – ließ bis 2007 auf sich warten).
Die Reihe wurde ein großer Erfolg: Neben der 15-bändigen Hauptserie, mit 14 Eisner Awards ausgezeichnet, sind diverse Spin-offs, Miniseries usw. zu haben. In deutscher Übersetzung erscheint demnächst der vorletzte Band der Hauptserie, Hexen.

Auch am US-Serienmarkt ist es nun soweit: Mit “Once Upon a Time” (dem traditionellen “Es war einmal” im Englischen) startete ABC eine Drama-Fantasy-Serie, bei der die ganze Märchenwelt an einen “schrecklichen Ort” versetzt wurde – Storybrooke, Maine, ein unscheinbares Provinzstädtchen im US-amerikanischen Irgendwo. Alle sind dort zu einem Parallelleben verurteilt, in dem die Zeit stillsteht und niemand über seine wahre, märchenhafte Identität Bescheid weiß. Schuld daran ist natürlich die böse Königin: Nachdem Snow White ihr Leben ruiniert hatte, wollte sie nichts mehr anderes, als das Glück aller zu zerstören – angefangen mit dem von Snow White und Prince Charming, deren Hochzeit sie gleich zum Auftakt gründlich vermiest. Die einzige Möglichkeit, den Fluch zu besiegen, bietet die Tochter der beiden, deren Eingreifen im Alter von 28 prophezeit ist. Auftritt Emma Swan (Jennifer Morrison).
“Once Upon a Time” ist bestes Serienfutter für die Altersgruppe 14 bis 49 und eine der Serien, die vom OK-Piloten an immer besser wird: Die Geschehnisse im Märchenland und in Storybrooke werden geschickt miteinander verwoben, abwechselnd befinden wir uns inmitten von (Medium Dark) Fantasy und gegenwärtigem (Familien-)Drama. Die spannendste Figur ist für mich Mr. Gold alias Rumpelstiltskin, unnachahmlich verschlagen und hinterhältig dargebracht von Robert Carlyle (Ganz oder gar nicht, To End All Wars – Die wahre Hölle am River Kwai, Die Asche meiner Mutter, Trainspotting). Dessen märchenhaften Hintergrund erfahren wir übrigens in der besonders intensiven und gelungenen Episode 8, “Desperate Souls”.

Einen deutlich dunkleren, andererseits aber auch wieder komischeren Tonfall schlägt “Grimm” an, das NBC-Konkurrenzprodukt. Ein “Grimm”, Nachkomme der Gebrüder, ist in der Lage, die Menschen als das zu erkennen, was sie in Wahrheit sind: Hexe, Werwolf usw. Da der titelgebende Grimm, Nick, als Detektiv im Morddezernat beschäftigt ist, als er seiner Fähigkeiten gewahr wird, ist die Richtung klar: Crime, Mystery und Fantasy. Die Serie wurde insgesamt weniger positiv aufgenommen als “Once Upon a Time” und dies ganz zu Recht: Es mangelt ihr an Stimmigkeit. Grusel und Witz spießen sich, was sich im Verlauf der Ereignisse noch bessern kann. Ein weiteres Manko jedoch wird unbehebbar bleiben: Der Titelheld vermag wenig in den Bann zu schlagen, und weit und breit ist keine Film- oder Fernsehprominenz zu entdecken, die dem Cast Glanz verleihen könnte. Eher für Vielseher.

Rosinski drauf, de Vita drin, Sente verbindet

Dienstag, 27. Dezember 2011

Nach etwa 30 Jahren hat sich Carlsen von der Serie Thorgal verabschiedet und das weitere Geschehen im deutschsprachigen Raum in die Hände von Splitter gelegt. Vielleicht bereut das renommierte Haus das noch, denn unter der künstlerischen Gesamtleitung des Thorgal-Zeichners Rosinski und des neuen Szenaristen Yves Sente ist gerade ein ganzes Spinoff-Universum im Entstehen: Lupine, die Tochter von Thorgal und Aaricia mit dem besonderen Verhältnis zu Tieren, bekommt ihre eigene Serie, ebenso Aaricia selbst; eine Reihe wird unter dem Arbeitstitel “Thorgals Jugend” entwickelt, dazu sind in loser Reihenfolge Einzelbände geplant.
Den Auftakt der Welten von Thorgal bildet aber eine auf sieben Bände angelegte Reihe über die attraktive Böse der Hauptserie: Kriss de Valnor. Der Szenarist bis Bd. 29, Jean van Hamme, hatte der dunkelhaarigen Kriegerin einen spektakulären Abgang verschafft: Zum ersten Mal in ihrem fiktiven Leben opfert sich Kriss für jemand anders auf und verhilft Thorgals Familie, zu der ab diesem Moment auch ihr Kind mit dem Sohn der Sterne gehört, zur Flucht. Der Auftaktband der Spinoff-Reihe setzt genau hier an: Kriss ist tot, ihre letzte Tat hat aber das zuvor eindeutig negative göttliche Urteil über sie wieder ins Schwanken gebracht. Sie wird Freya vorgeführt und berichtet auf deren Geheiß von ihrer Kindheit: “Wer war das Kind, das dich schuf, Kriss de Valnor?”
Der Band funktioniert im Kontext der Überserie ausgezeichnet, zumal hier mit Yves Sente ebenfalls der neue Thorgal-Szenarist am Werk ist und für fugenlose Kontinuität sorgt. Isoliert betrachtet ist die Story ein wenig ungreifbar und zugleich nicht übermäßig originell, aber diesbezüglich sollte sich noch einiges ändern, nimmt man Sentes frische Originalität zum Maßstab, die sich seit Band 30 durch die Serie Thorgal zieht.
Als etwas problematisch empfinde ich die Entscheidung, Rosinski alle Cover gestalten zu lassen: Dadurch ergibt sich zwar ein perfektes äußerliches Erscheinungsbild, aber als Leser ist man nicht auf den durchaus andersartigen Stil der Comics abseits der Hauptserie vorbereitet. Zeichner des hier vorgestellten Werks ist Giulio de Vita, und auch wenn der Mann ausgezeichnete Arbeit leistet, kann er doch in einem sehr entscheidenden Punkt nicht mit Rosinski mithalten: dessen unvergleichlicher Art, Frauen darzustellen. Mit Charakter, Persönlichkeit, femininer Sinnlichkeit und in einer Vielfältigkeit, die ihresgleichen sucht.

Giulio de Vita, Yves Sente: Die Welten von Thorgal. Kriss de Valnor 1: Ich vergesse nichts! Splitter, Bielefeld 2011. Geb., 80 S.

Viel Neues bei Thorgal

Dienstag, 27. Dezember 2011

Seit der Übernahme der Szenaristen-Stelle durch Yves Sente ab Band 30 weht wieder ein frischer Wind durch die mittlerweile drei Jahrzehnte Comic-Geschichte schreibende Reihe. Der neueste Band erschien nun erstmals als Hardcover und in einem neuen Verlag: Splitter hat die Serie übernommen und auch die darum herum entstehenden “Welten von Thorgal”.
Inhaltlich steht weiterhin Thorgals Sohn Jolan im Mittelpunkt, dessen Angelegenheiten in Asgard mit den hier geschilderten Ereignissen fürs Erste beendet scheinen. Thorgal selbst ist weiter auf der Jagd nach den Entführern seines Sohnes mit Kriss de Valnor. Vermutlich ließe sich der Band auch eigenständig lesen, für einen zumindest ansatzweise größeren Kontext empfiehlt es sich allerdings, wenigstens bei Band 30 anzufangen. Rosinskis Zeichnungen sind die gewohnte, detailreiche und ausdrucksstarke Augenweide, während Sente sich spürbar lustvoll im germanischen Pantheon tummelt und munter Götter und (sexy) Göttinnen neben originellen und bekannten Fantasy-Gestalten und natürlich den Serienprotagonisten aufmarschieren lässt.
Splitter nimmt übrigens die Übernahme der Reihe zum Anlass, alle Bände neu als Hardcover aufzulegen. Dabei folgen sie der von den Künstlern ursprünglich vorgesehenen Reihenfolge: “Der Sohn der Sterne“, bei Carlsen als Band 1 erschienen, war als Nr. 7 vorgesehen und wird bei Splitter an ebendieser Position herausgegeben werden. Deshalb beginnt die Reedition mit “Die Rache der Zauberin“, gefolgt von “Die Insel des ewigen Frosts“. Da meiner Meinung nach erst “Die Greise von Aran” (früher Bd. 4, heute Bd. 3) das verblüffend hohe Qualitätsniveau erreichen, das die Serie von da an auszeichnet, sollten sich Neueinsteiger nicht von dem vergleichsweise schwachen Beginn irritieren lassen; es wird noch (viel) besser.
Grzegorz Rosinski, Yves Sente: Thorgal 32 – Die Schlacht von Asgard. Splitter, Bielefeld 2011. Geb., 48 S.

Da werden Männerträume wahr

Dienstag, 22. November 2011

Ideal für Ebook-Einsteiger: Mit 99 c “riskiert” man nicht mehr als den Preis für einen Klingelton und hat auch schon einen kurzen Text auf seinem Kindle. Das Cover, gestaltet von Jani Putzker, der talentierten Tochter des österreichischen Comic-Großmeisters Ronald Putzker, liefert einen sinnlichen Einstieg, und in der Story geht es ordentlich zur Sache: Auf weniger als 30 Seiten passiert genug für einen abendfüllenden Spielfilm, allerdings wäre der ganz sicher strengstes Jugendverbot. Nur so viel: Bis der Held zur Erlösung kommt, dauert es schmerzhaft lange, und ganz sicher hatte er sich das Ende völlig anders vorgestellt…
Sehr erotischer Ebook-Snack, ein echter Geheimtipp!

Marianne Raiding, Janina Putzker: Göttin der Löwen. Kindle-Ebook, 99 c

Terry Pratchett ist “Voll im Bilde”

Freitag, 28. Oktober 2011

Neues von Terry Pratchett (siehe “Das Mitternachtskleid“) wird es nicht mehr geben. Wenn also ein Pratchett-Buch “neu” erscheint, handelt es sich lediglich um eine Neuausgabe, in diesem Fall auch um eine Neuübersetzung – mit welcher sich Manhattan ein paar kräftige Ohrfeigen der Fangemeinde eingehandelt hat.
Der Tenor: Wozu eine neue, wenn es bereits eine gelungene Übersetzung gibt? Und: Das Manhattan-Cover wird mehrheitlich als “scheußlich” empfunden.
Nun, zweiteres ist Geschmackssache, ersteres vermutlich das Resultat von Vertrags- und Lizenzverhandlungen (denn eine Übersetzung ist ein eigenständiges geistiges Eigentum). Einen Qualitätsvergleich kann ich nicht anstellen, da mir weder der Originaltext noch die Originalübersetzung bekannt sind, aber rein aus der Lektüre lassen sich die Schelte nicht begründen: das ist ordentliche Arbeit. Ganz sicher ist: Die Goldmann-Ausgabe von 1993 ist nicht mehr im amazon-Sortiment, sondern nur noch über Partner zu erhalten, dafür aber um einen Bruchteil der Kosten für die Neuausgabe.

Jetzt aber endlich ein Wort zum Buch: Die Story um die brandgefährliche Idee, die ins gottverlassene Nest Holy Wood entschlüpft und von dort aus die ganze Scheibenwelt in Filmfieber versetzt, ist tadellose Pratchett-Unterhaltung, gehört aber nicht zu seinen ganz großen Würfen. Die Parodien auf Filme sind nicht gar so witzig, weil ausschließlich auf Klassiker gesetzt wurde, die mittlerweile teils einfach zu viel Staub angesetzt haben. Auch fühlt sich das Einzwängen der natürlich verulkten, aber dennoch etwas techniklastigen Details, ohne die es beim Film auch auf der Scheibenwelt nicht geht, in das gewohnte funtastische, mittelalterlich-verrückte Pratchett-Universum mitunter etwas – nun ja, eben gezwungen an. Insbesondere habe ich aber die tiefe Weisheit des Altmeisters vermisst, die er so gerne geschickt in seinen Nonsens verpackt. “Voll im Bilde” ist für Pratchett-Verhältnisse routiniert und oberflächlich – und damit natürlich immer noch um Längen besser als vieles, was das Licht der Buchwelt erblickt.

Terry Pratchett: Voll im Bilde. Manhattan, München 2011. Tb., 381 S.

Shadowmarch 4. Das Herz

Freitag, 28. Oktober 2011

Es ist vollbracht: Tad Williams hat seinen jüngsten Wurf, die zum Vierteiler gewordene Shadowmarch-Trilogie (hier zur Besprechung der ersten drei Teile), erfolgreich ins Finale geführt. Anfangs lahmt der Abschlussband ein ganz klein wenig, aber sehr rasch erzeugt der Text, in der bewährten Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann, die gewohnte, hoch geschätzte Sogwirkung und hält sein einmal wiedergefundenes Tempo und Niveau bis zur allerletzten Seite durch.
Inhaltliches hat hier keinen Platz – diese Kurzbesprechung dient dem alleinigen Zweck, den Fans von Tad  Williams bzw. Shadowmarch die beruhigende Info zukommen zu lassen: Er hat sich nicht verzettelt, überdehnt oder sonst etwas falsch gemacht. Ganz im Gegenteil: ein längerer, intensiverer, atemberaubender Showdown ist definitiv nicht mehr vorstellbar. Kaufen, lesen, erleben!

Tad Williams: Shadowmarch 4. Die Grenze. Klett-Cotta, Stuttgart 2011. Geb., 878 S.

Das Mitternachtskleid. Ein Abschied.

Montag, 20. Juni 2011

Tiffany Weh, mittlerweile offizielle Hexe des Kreidelands, bekommt es in ihrem 4. Auftritt mit dem Tückischen zu tun. Der Tückische, das ist das Gift des Bösen selbst. Es schleicht sich ein, es setzt sich ab, es ist immer da und hat alle Zeit der Welt, auf die Schwäche eines Menschen zu warten: “Hetze findet immer ein Ohr”.
In der physisch kaum präsenten, dafür umso bestialisch stinkenderen Gestalt des vagen Schattens eines längst verstorbenen Hexenjägers, der sich wie ein Körperfresser von einem Opfer zum nächsten bewegt, hat sich der Tückische Tiffany als neuestes Ziel seiner nie endenden Hatz auserkoren. Wie die meisten, die tun, was getan werden muss, sich ehrlich und selbstvergessen um andere kümmern, um Toleranz, Redlichkeit und Wahrhaftigkeit bemüht sind und mit einem Wort stets danach streben, es “richtig” zu machen, sieht sich auch Tiffany einer letzten schweren Prüfung ausgesetzt, bevor sie mit dem Überstreifen des titelgebenden Mitternachtskleids endgültig zur Vollhexe werden wird.
Es ist, wie alle Bücher mit Junghexe Tiffany, ein Märchen von der Scheibenwelt – spöttisch und voller Weisheit und Witz wie alle Pratchetts, aber eben auch ein wenig verträumter und noch liebevoller als andere Scheibenwelt-Geschichten. Seit der Alzheimer-Diagnose bei (seit 2009) Sir Terence David John “Terry” Pratchett im Jahr 2008 bangt seine riesige Fangemeinde mit jedem Monat mehr darum, ob der Meister noch weiter … kann, will, wird … Mit dem Erwachsenwerden von Tiffany könnte nun tatsächlich das letzte originäre Werk erschienen sein, und dass er es darin literarisch mit dem Bösen selbst aufnimmt, ist so gesehen ein mehr als würdiger Abschluss seines Lebenswerks.
Sir Terry führt nämlich seinen allerletzten Kampf: Terry Pratchett: Choosing to Die hieß eine im Juni 2011 ausgestrahlte BBC-Sendung mit ihm, in der er sich für Sterbehilfe ausspricht. Der große alte Weise möchte seine letzte Reise aus eigenem Entschluss antreten und nicht warten müssen, bis er als demente, geistlose Hülle entsorgt wird.
WARUM MACHST DU DANN NICHT EINFACH EINEN TERMIN?
Einfach so? Und das funktioniert?
DAS WIRST DU DANN JA SEHEN. DU HAST ABER GUTE CHANCEN, DASS ICH MIR DIE ZEIT NEHME. HAB DICH SCHON LÄNGER IM AUGE.
Du hast doch gar kein Auge …
DU WARST AUCH SCHON ORIGINELLER.
Mag sein, aber das gilt auch für deine Metaphern. Liegt das vielleicht daran, dass du schon so lange im Grunde immer dasselbe machst?
WOLLTEST DU NICHT WAS VON MIR?
Ich hätte dich für humorvoller gehalten.
ICH WEISS. ICH HABS GELESEN, ALS ICH DAFÜR NOCH ZEIT HATTE. ABER DER JOB WIRD IMMER STRESSIGER, EHRLICH GESAGT. ICH KOMM DER VERMEHRUNG NICHT MEHR NACH.
Ein Grund mehr, ein bisschen Platz zu schaffen.
AM DONNERSTAGABEND KÖNNTE ICH MIR ZEHN MINUTEN ABZWACKEN.
Sollten wir das nicht mit Handschlag und Spucke besiegeln?
SPUCKE HABE ICH AUCH KEINE. ABER ICH HALTE IMMER WORT.

Terry Pratchett: Das Mitternachtskleid. Manhattan 2011, Tb., 416 S.

Magischer Verschreiber

Freitag, 6. Mai 2011

Neues aus der Hobbit-Presse, der verlegerischen Heimat von Fantasy-Allzeitgrößen wie Tad Williams und selbstverständlich dem Altmeister selbst, J.R.R. Tolkien. Nicodemus – der Zauberverschreiber ist der Erstling von Blake Charlton und der Auftakt zu einer Trilogie. Ich stelle diese Information deshalb an den Anfang, weil dem Buch selbst keinerlei Hinweis darauf zu entnehmen ist.

Licht und Schatten bestimmt das Werk, was bereits bei der Aufmachung beginnt: Ein wirklich schönes, aufwändiges Relief-Cover, zu dem der kindliche Titel so gar nicht passen will (im Original haben wir es mit Spellwright zu tun). Die beschriebene Fantasy-Welt ist tatsächlich “außergewöhnlich”, wie man Tad Williams zitiert, aber das bedeutet ja erstmal nur “sehr anders”. Alle Magie liegt in den Sprachen, ausgehend von der nur aus 4 “Runen” bestehenden Ursprache Primus (auch die DNA besteht bekanntlich aus nur 4 Bausteinen, die endlose Wiederholung macht den Unterschied). Nicodemus, immer noch Zauberlehrling, hat viel Potenzial, leider ist er aber ein “Kakograph”, der die komplexen zauberischen Satzgebilde allein durch Berührung hoffnungslos verhunzt. Im Schwange ist die apokalyptische Bedrohung einer Sprachverwirrung durch einen prophezeiten Unglücksboten – oder die Errettung dank dem Halkyon, einer Art Magie-Messias.

Blake Charlton hat seine eigene Legasthenie überwunden und daraus ein Fantasy-Epos gemacht. Ein spannender Ansatz, leider ist aber die Schreibe des Autors sperrig und kompliziert, so dass echte Spannung beim Lesen so gut wie nie aufkommt. Wenn er “Tiraden wie Pfeile” abschießen lässt, glänzt seine Gleichsetzung von Sprache und Werkzeug/Waffe; häufig hemmen die allzu oft wiederholten Beschreibungen der Vorgänge, wie die Zauberer sich magische Sätze aus den Muskeln (!?) pressen, aber einfach nur den ohnehin zum Stocken neigenden Lesefluss.

Man hat den Eindruck, dass der Autor sehr viel über Linguistik recherchiert hat und dies nun unbedingt auch verwenden will. Potenzial ist auch bei ihm vorhanden; mit etwas mehr Distanz zur Autobiografie, mehr Geschmeidigkeit im Aufbau, einem ausgewogeneren Verhältnis von Bildungs- und Unterhaltungsanspruch und besserer erzählerischer Struktur hätte die Arbeit das Zeug zu einem großen Wurf gehabt. Vielleicht mit dem zweiten Teil?
Blake Charlton: Nicodemus – der Zauberverschreiber. Klett-Cotta, Stuttgart 2011. Geb., 473 S.

Bartimäus – Der Ring des Salomo

Mittwoch, 27. April 2011

Halleluja! Bartimäus kehrt zurück – rotzfrecher und unverschämter denn je. Zum Zeitpunkt der Handlung dieses eigenständigen Bandes, während der Herrschaft des mächtigen Königs Salomo, hat der Djinn erst bescheidene 2000 Jahre auf dem Plasma und befindet sich in seiner spätpubertären Phase. Da wählt er schon mal als Gestalt ein Nilpferd im Baströckchen und erscheint in der Bartimäus-Trilogie im Nachhinein beinahe schon altersweise…
Wieder versorgt uns Jonathan Stroud mit allem, was zum reich gedeckten Fantasy-Tisch gehört: magische Verwicklungen, gefährliche Abenteuer, exotisches Lokalkolorit. Das alles auf einer schrillbunten Tischdecke, auf der Bartimäus seine Sprüche hinterlassen hat – nervig, witzig und stets so, dass man heilfroh ist, nicht selbst zum Gegenstand seines Spottes zu werden.
Der Band bester All-age-Fantasy-Unterhaltung kann gänzlich unabhängig von der bahnbrechenden Trilogie gelesen werden – als überaus willkommener Nachschlag oder auch als Appetit anregende Vorspeise ist er gleichermaßen geeignet. Und da zwischen Bartimäus Auftreten in diesem Buch und in der Trilogie 3000 Jahre ins Land ziehen, darf die begründete Hoffnung geäußert werden, dass es das noch (lange) nicht gewesen ist…
Jonathan Stroud: Bartimäus – Der Ring des Salomo. cbj, 2010. Geb., 480 S.