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Der blutige Klang der Rache

Dienstag, 27. November 2012

Der deutsche Innenminister wird in Finnland ermordet und blutleer zurückgelassen. Es ist ein Racheakt, hinter dem der junge, kalt berechnende russische Mafiaboss Rem Granow steckt. Die Bluttat ist aber nur eine persönliche Spitze im Rahmen seines wahnsinnigen Plans, sich Deutschland de facto zu unterwerfen. Die Zutaten dafür sind drei mysteriöse Ladungen, unterwegs nach Deutschland und geeignet für einen Biowaffenanschlag, ein pragmatischer Machtpolitiker, den Granow in der Hand hat, besondere Kenntnisse der Medienlandschaft und natürlich die üblichen Verdächtigen: Mord, Diebstahl, Erpressung und Co.

Für Ilkka Remes’ Verhältnisse ist Blutglocke eine Routinearbeit: ein komplexer Plot, ausführliche Recherchen und ein beängstigend realistisches Schreckensszenario sind die Basis aller seiner Bücher. Seine besten Arbeiten – Das Erbe des Bösen, Das Hiroshima-Tor, Ewige Nacht – entwickeln auf diesem Fundament zudem einen unwiderstehlichen Sog und einen durchgängigen Hochspannungsbogen. Blutglocke kann diesbezüglich nicht ganz mithalten – der Text ist dafür zu brüchig, der Plot im Detail zu verschachtelt. In Zahlen heißt das: Der Thriller zählt nicht zu den besten zehn Prozent, sondern lediglich zum besten Drittel der einschlägigen Neuerscheinungen.

Ilkka Remes: Blutglocke. dtv, München 2012. Tb., 476 S., € 10,30 bei amazon kaufen
Kindle-Edition € 8,99

Böse Schweden, demütige Finnen

Donnerstag, 16. Februar 2012

Es beginnt mit einem Streit: Roni Arias, Nachwuchs-Rennfahrer, stürzt sich blind vor Zorn auf seine Freundin und würgt sie. Als sie kein Lebenszeichen mehr zeigt, flüchtet er in Panik. Wenig später erfährt er: Julia ist tot.
Beim Versuch, den Mord zu vertuschen, hilft ihm sein Vater Tero, ein ehemaliger Polizist. Auf ihrer immer rasender und verzweifelter werdenden Flucht kommen sie einem der bestgehüteten Geheimnisse Schwedens und Finnlands auf die Spur: den Hintergründen um den Untergang des Fährschiffs Estonia, bei dem in den 1990er-Jahren mehr als 850 Menschen ums Leben kamen. Julia, deren Großeltern zu den Ertrunkenen zählten, hatte in dieser Richtung immer wieder nachgebohrt; dabei war sie offensichtlich auf etwas höchst Gefährliches gestoßen. War Roni am Ende gar kein Mörder, sondern Julia ein Opfer ihrer Neugier geworden? Doch welches Verschwörungsszenario konnte, mehr als 15 Jahre nach dem Schiffsunglück, so aktuell sein, um die Beseitigung einer unliebsamen Zeugin zu rechtfertigen?

Ilkka Remes hat es wieder getan: Wie bei seinem für mich nach wie vor besten Buch, Das Erbe des Bösen, nimmt er eine ebenso geheimnisumwitterte wie historisch verbürgte Tatsache – die, gelinde gesagt, Ungereimtheiten um das Unglück der Estonia, im Anhang sogar mit diversen Dokumenten belegt –, spinnt die darin sich abzeichnenden Staatsverbrechen – Schmuggel von russischer Waffentechnik nach Schweden – weiter und reichert das Ganze mit Sympathieträgern und Charakteren zum Mitfiebern an. Heraus kommt ein Spannungsroman erster Güte, bei dem man so nebenbei vieles über das Estonia-Ereignis und über wenig bekannte, ausgesprochen dunkle Seiten der Schweden erfährt: Das nordische Herrenvolk ist einer der weltweit wichtigsten Produzenten von Hitech-Kriegsgerät.

Man spürt richtiggehend, wie Remes, Erbe einer gedemütigten finnischen Knechtseele, es genießt, den arroganten Schweden ans Bein zu pinkeln. Klar bekommen auch die Finnen ihr Fett weg, schließlich machen sie bei der Scharade eifrig mit, aber die treibende Kraft ist eindeutig der Russland-paranoide große Nachbar. Alles in allem ein bemerkenswertes Buch: Info, Thrill und Amusement vom Feinsten.

Ilkka Remes: Tödlicher Sog. dtv, München 2010. Tb., 458 S.

Ilkka Remes’ Herz-Schläge

Freitag, 28. Oktober 2011

Politisch brisant und hochaktuell, bestens recherchiert, mit Tempo, Verve und viel Spannung in Szene gesetzt – die Qualitätsmerkmale des finnischen Bestseller-Autors sind bekannt und finden sich erfreulicherweise sämtlich in seinem neuesten Buch wieder. Diesmal beginnt alles mit spektakulärem, aber harmlosem Umwelt-Aktivismus, um auf die Gefahren von Atommüll-Endlagerung aufmerksam zu machen. Patrick Vasama, der ehemalige finnische Atomspezialist, der hier den Green-Warrior mimt, muss jedoch bald erkennen, dass die Gruppe, der er sich angeschlossen hat, noch ganz andere, weit weniger harmlose Absichten verfolgt.

Weitere Interessengruppen sind im Spiel und letztendlich rufen die Ereignisse die halbe Welt auf den Plan – mehrere Geheimdienste, mehrere Regierungen, Widerstandskämpfer, Aktivisten, Terroristen liefern einander eine atemlose Hetzjagd um den halben Globus. Manchmal wird das Buch zu klein für so viele Geschichten; eine Komplexitätsstufe tiefer wäre vielleicht mehr gewesen. So wirkt auch der Nebenrollen-Beitrag von Remes’ Star-Ermittler, Timo Nortamo, eher wie ein auf zahlreichen Leserwunsch hinzugefügtes, im Grunde aber überflüssiges und in seiner Knappheit nicht funktionierendes Anhängsel.

Alles in allem ein glattes Vier-Sterne-Buch – zur Perfektion fehlt es dem Werk an der Ausgewogenheit der Inhalte, etwas zu viel wurde hier der reinen Dramatik zuliebe geschrieben. Sehr gute Thrillerkost, aber keine Konkurrenz für mein persönliches Lieblings-Buch des Finnen: Das Erbe des Bösen.

Ilkka Remes: Ein Schlag ins Herz. dtv, München 2011. Tb., 463 S.

Das Erbe des Bösen

Dienstag, 5. April 2011

Erik Narva, ein erfolgreicher Genforscher, verliert seinen Vater aus den Augen, der sich aus ihm unerklärlichen Gründen auf eine Reise nach Berlin begeben hatte und dort spurlos verschwand. Da die Behörden ihm nicht helfen, begibt er sich selbst auf die Suche und dringt immer tiefer in die Geheimnisse ein, die sein Vater und seine Mutter über Jahrzehnte vor ihm und der Welt verborgen gehalten hatten. Doch es kommt noch viel schlimmer: Das Erbe seiner Eltern aus der Nazizeit wirkt auf traumatische Art in die Gegenwart weiter und bringt ihn und seine Familie in Lebensgefahr. Und Erik ist gezwungen, auch die Zweischneidigkeit seiner eigenen Forschungen anzuerkennen…
Ilkka Remes, Finnlands Nr. 1-Thrillerautor von Weltrang, hat sich mit diesem Buch endgültig in die Riege der Topautoren geschrieben. Nachdem seine Reihe um den TERA-Agenten Timo Nortamo mit Fortdauer ein wenig schwächelte und das deutschsprachige Publikum zwischenzeitlich mit Übersetzungen von “Jugend”werken bei Laune gehalten werden sollte, liegt nun mit Das Erbe des Bösen das definitiv beste Buch Remes vor: hoch brisante Rechercheergebnisse, eine wendungsreiche, actiongeladene Story und ein ebenso komplexer wie makellos ausgeführter Plot ergeben einen wirklich spannend Fakten-Thriller, der Zeitgeschichte zum Puls beschleunigenden Erlebnis macht und die Welt in einen neuen Blickwinkel rückt. Ausgangspunkt von Remes Arbeit war eine für uns alle gültige Einsicht: Die grauenvollen Menschenversuche, die Mengele & Co. unter der Schirmherrschaft der Nazis durchführten, erbrachten in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzende Erkenntnisse, die z.B. in der Aeronautik die noch heute gültigen Sicherheitsstandards maßgeblich mitbestimmten.
Ein erschütterndes Dilemma: Hier die jede menschliche Würde bespuckenden Versuche, dort die daraus gewonnenen Erkenntnisse – sollte man sich ihrer nicht gerade deshalb bedienen, weil sie unter Erbringung unvorstellbarer Opfer entstanden? Wie aber steht es um die Wissenschaftler, die sie durchführten? Für die USA z.B. keine Frage: Im Rahmen der Operation Paperclip wurden hunderte Naziwissenschaftlicher in die Staaten geholt; die Truppe um Wernherr von Braun machte das Raumfahrtprogramm überhaupt erst möglich…
Ilkka Remes: Das Erbe des Bösen. dtv, München 2008. Tb., 522 S.

Hochzeitsflug

Donnerstag, 24. März 2011

Der finnische Spannungsautor Ilkka Remes schreibt schon deutlich länger, als er im deutschsprachigen Raum wahrgenommen wird. Mit den Erfolgen der letzten Jahre werden jetzt auch die Frühwerke ausgegraben und dem mitteleuropäischen Publikum näher gebracht. Ein solches ist Hochzeitsflug aus dem Jahr 2000.
Darin verschwindet ein Flugzeug vom Radar, taucht Tage später als Wrack weit ab vom Kurs wieder auf und birgt ein Rätsel: keine einzige Leiche kann geborgen werden.
Ein deutscher Medizinwissenschaftler, dessen Verlobte an Bord gewesen war, macht sich auf eigene Faust daran, mehr zu erfahren – offizielle Informationen werden offenbar bewusst zurückgehalten. Schon bald gerät der Hobbyagent buchstäblich ins Kreuzfeuer der Mächtigen. Man will Spuren verwischen und ihn zum Sündenbock stempeln. Bloß: wofür?
Remes Frühwerk sorgt für ordentlich Spannung auf der Basis eines reichlich paranoiden, aber durchaus vorstellbaren Plots. Der Bogen ist gut gelungen, nur das Finale holpert leider sehr, was natürlich den Gesamteindruck deutlich verschlechtert. Insgesamt bekommt der versierte Thrillerleser gehobene Durchschnittskost vorgesetzt, wobei ich die meisten Punkte für die originelle Grundidee vergebe, die meisten Abzüge für die finale Ausführung.
Ilkka Remes: Hochzeitsflug. dtv, München 2009. Tb., 444 S.

Die Geiseln

Mittwoch, 23. März 2011

Der geschätzte Thrillerautor nimmt sich hier einer der Globalisierung würdigen Thematik an: wegen des Kriegs am Balkan und dem damit verbundenen Genozid sind etliche Menschen aus Ex-Jugoslawien nach Skandinavien geflüchtet. Nicht alle aber führen dort ein ruhiges Leben: zum Staatsempfang am finnischen Nationalfeiertag gelingt es dem Serben Vasa, sich mit seinen Komplizen zu verschanzen und die gesamte Staatsspitze als Geiseln zu nehmen. Der TERA-Ermittler Timo Nortamo setzt sich für Verhandlungen mit den Geiselnehmern ein, erkennt aber zu seinem Leidwesen recht bald, dass er ein Gesetz nach dem anderen brechen muss, um das Überleben der Geiseln zu garantieren. Die Forderung nach dem Rohstoff für die Tamiflu-Impfung gegen die Vogelgrippe stellt für Timo noch das geringste Problem dar…
Einfühlsame Charakterstudien, mit Verve und Tempo erzählt, immer im Wissen, dass der Krieg am Balkan die Menschen dort wirklich alles, einschließlich ihrer Würde, gekostet hat – ein Thriller in gewohnt rasanter Manier, solide, glaubwürdig und bedenkenswert und dabei exzellentes Futter für die exzessive Leseratte. Wärmste Empfehlung für LiebhaberInnen des Genres von 14-99. (Anne Artner)
Ilkka Remes: Die Geiseln. dtv, München 2007. Tb., 446 S.

Höllensturz

Dienstag, 22. März 2011

Zwei Frauen werden im Norden Finnlands ermordet; beide waren Angehörige der Laestadianer, einer ultrakonservativen christlichen Sekte. Kurz nachdem die Profilerin Johanna Vahtera mit den Ermittlungen beauftragt wird, stirbt die dritte Frau, wie die anderen Teil einer verschworenen Gemeinschaft, die sich die Schwestern Zions nennt. Saara, die vierte im Bunde, wird im Nahen Osten entführt; die Bibelforscherin hatte eine Entdeckung gemacht, die offenbar wie ein Zündfunke im Nahostkonflikt wirkt.
Während Vahtera in Finnland auf der Jagd nach der “Ratte” ist, schaltet sich Timo Nortamo in den Entführungsfall ein.
Neues von Finnlands meistgelesenem Autor – wie gewohnt legt Ilkka Remes einen komplexen, bestens recherchierten Thriller vor, der einmal mehr sein Gespür für die Themen zeigt, die die Welt bewegen. Diesmal steht das christliche Fundament auf dem Prüfstand und mit ihm auch die Grundlage des Staates Israel…
Ilkka Remes: Höllensturz. dtv, München 2006. Tb., 459 S.

Das Hiroshima-Tor

Montag, 21. März 2011

Der finnische Star unter den Thrillerautoren schickt einmal mehr Timo Nortamo auf eine Parforcejagd, während der er sich bald allein im Wettstreit mit den Geheimdiensten der Supermächte USA und China wieder findet. Ein tödliches Rennen hebt an – um den Besitz von etwas, das es gar nicht geben dürfte… Dazu mischt Remes noch ein wenig innerfinnische Konspiration und Schmutzwäsche-Waschen auf höchster Ebene. Paranoia, Technik und Action vermengen sich zu einem rasanten, jederzeit glaubwürdigen Plot; eine überzeugende, handwerklich ausgefeilte Arbeit, angetrieben von einem wahrhaft erschütternden Treibstoff. Im direkten Vergleich gebe ich der Ewigen Nacht knapp den Vorzug, aber Das Hiroshima-Tor verdient ein ebenso großes Publikum.
Ilkka Remes: Das Hiroshima-Tor. dtv premium, München 2006. Tb., 439 S.

Ewige Nacht

Sonntag, 20. März 2011

Der ökomilitante Globalisierungsgegner Ralf Denk arbeitet auf seinen größten Coup hin – mit dem Ziel, die Ursache allen weltweiten Übels zu beseitigen.
Timo Nortamo, schwergewichtiger finnischer Beitrag zur international vernetzten TERA (Agentur zur Bekämpfung von Terrorismus, Extremismus und Radikalismus), kann noch keinesfalls die großen Zusammenhänge überblicken, als er bereits sehr persönlich in die Sache involviert ist – sein neugieriger 14-jähriger Sohn Aaro hatte sich ein Stück zu weit aus dem Fenster gehängt.
Die größte Bedrohung der Menschheit ist Wirklichkeit geworden…
Ilka Remes ist ein versierter finnischer Thrillerautor, der mit bisher 8 Spannungsromanen ebenso oft die Spitze der Bestsellerlisten erreichte. Ewige Nacht ist seine erste Publikation auf Deutsch. Hochspannungsliteratur mit allem was dazu gehört: ein erschreckend realistisches und dabei doch noch nie da gewesenes Katastrophenszenario, fundiertes Wissen um technische Abläufe und politische Zusammenhänge, Puls beschleunigende, geradlinige Schreibe bis hin zum Showdown, bei dem ich mich ertappte wie ein Besessener über die Zeilen zu fetzen in dem Versuch, das Lesetempo der Geschwindigkeit des Geschehens anzupassen…
Die Würze jedes modernen Thrillers sind die zahlreich eingestreuten Fakten; Remes versorgt uns damit aus zwei Richtungen: Ökologie und Kolonialgeschichte, Belgien und Kongo um genau zu sein. Da kann ich Ihnen ein kräftiges Würgen im Hals beinahe garantieren…
Auch ein zweites Kriterium für einen Thriller auf der Höhe der Zeit erfüllt der Text: Die schlichten, schwarz-weißen Gut-Böse-Schemata funktionieren nicht mehr, welcher Zweck welche Mittel heiligt ist so einfach nicht zu beantworten.
Ewige Nacht scheint, den finnischen Kritikerreaktionen zufolge, selbst aus dem Oeuvre von Remes noch herauszuragen, in Finnland ist auch bereits ein zweiter Roman mit Timo Nortamo erschienen. Ich hoffe, der deutschsprachige Respons auf diesen “Erstling” ist dazu angetan, dtv zu weiteren Übersetzungen anzuregen, mein Hunger nach Ilka Remes ist jedenfalls geweckt.
Ilka Remes: Ewige Nacht. dtv, München 2005. Tb., 419 S.