BESTOF BUCHKRITIKEN & TIPPS
© Mag. Helmuth Santler

neuerscheinungen

roman
krimi, thriller
SF & fantasy
kurz und gut

sach & fach
kochen

kinderbuch
jugendbuch

comics

audio

spiele


Neue Rubrik:
reise


Suche im Web
Suche auf www.bestofweb.at

Die hier empfohlenen Bücher können Sie ganz einfach bestellen.
Wir sind Partner von amazon.de, Ihre Bestellung wird somit von Europas führendem Online-Buch- und Videohandel ausgeliefert.
Das beste: Buchbestellungen bei amazon sind immer
versandkostenfrei (gilt für Österreich, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz).

 

Neuerscheinungen: Kurz und Gut - und was SIE davon halten

Verbrechen
Ferdinand von Schirach, der sich wie der Philipp Marlowe der Anwälte zu fühlen scheint, arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Strafverteidiger in München. In dieser Zeit sind ihm wahrhaft unglaubliche Fälle untergekommen, Stoff für ein überaus beeindruckendes Erzähldebut: 11 reale Geschichten, in zurückhaltender und klarer, schlicht-schöner Sprache erzählt, die sich glücklicherweise nie ins Juristische versteigt, wo aus der hehren Suche nach der Präzision des Ausdrucks schnell eine beamtenhafte Kleinkariertheit werden kann. Hier stimmt jeder Ton, die Gratwanderung von Distanz und Nähe gelingt perfekt. Von Schirach ist sich der Wirkung des Tatsächlichen in jedem Augenblick bewusst und bereitet ihm als Erzähler nichts als eine Bühne, auf dem es aus sich heraus strahlen kann. Souverän, verblüffend, höchst empfehlenswert.
Ferdinand von Schirach: Verbrechen. Piper, München 2009. Geb., 206 S.

Trolle, Tiere, Taugenichtse
Das norwegische Pendant der Gebrüder Grimm, Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe, hat einen volkstümlich gewitzten, handfest humorigen und bis heute in ganz Skandinavien enorm populären Märchenschatz hinterlassen, der wesentlich näher an der tatsächlichen Erzählung geblieben ist als die doch teils kunsthandwerklich aufgepeppten Grimmschen Märchen.
Der vorliegende, mit Liebe und Sachverstand gestaltete Band versammelt "Märchen, die eines gemeinsam haben: Sie haben die Fantasie (von) Theodor Kittelsen (entzündet)". Dieser Illustrator und Autor hat wie kein anderer die norwegische Märchenwelt verinnerlicht - und veräußerlicht: "Seit Kittelsen seine Trolle malte, so heißt es, wüsste man erst, wie ein norwegischer Troll ‘eigentlich aussieht’."
Auf über 200 großformatigen Seiten werden Märchen für die ganz Kleinen, Zaubermärchen für die Größeren und einige Texte für Erwachsene, diese aus der Feder Kittelsens, präsentiert. Die Bilder dazu sind wahrhafte Illuminationen – voller Eigenleben sind sie wie ein Leuchten, das hinter dem Text steht, dessen Glanz aufnimmt und verstärkt und widerspiegelt und dabei seine ganz eigene Sprache findet. Prächtig.
Der einzige kleine Wermutstropfen: Als Titelblatt wurde so ziemlich die einzige Illustration Kittelsens gewählt, die unter die Kategorie "lieblich, nett, prinzessinnenhaft" fällt. Das Bild ist auch schön, aber allzu konventionell märchenhaft im Grimmschen bzw. kindhaften Sinne, um als repräsentativ für die hemdsärmelige, norwegische, von Trollen, Tieren und Taugenichtsen bevölkerte Märchenwelt gelten zu können. Ansonsten ein überaus gelungenes Werk - zum Lesen, Vorlesen, Bestaunen und Sammeln gleichermaßen geeignet.
Trolle, Tiere, Taugenichtse. Theodor Kittelsens nordische Märchenwelt. Urachhaus, Stuttgart 2009. Geb., reich illustriert, 208 S.

Eine unberührte Welt
27 Kurzgeschichten des deutschen Meisterautors Andreas Eschbach – Schöpfer von Großartigkeiten wie den Haarteppichknüpfern, dem Jesus-Video, Eine Billion Dollar oder zuletzt Ausgebrannt – sind 27 Gelegenheiten, sich an klarer, treffsicherer Sprache und originellen, pfiffigen, visionären oder amüsanten Ideen zu erfreuen. Und, als Special in diesem Band, um etwas über die Hintergründe der Entstehung der Stories zu erfahren. Da ich selbst gelegentlich Stories schreibe, fand ich die Anmerkungen darüber, wie einer der erfolgreichsten und besten Vertreter seiner Zunft so arbeitet, ausgesprochen aufschlussreich.
Highlights gefällig? In der Story Quantenmüll fällt der Menschheit eine besonders schlaue Müllentsorgungs-Methode auf den Kopf; Al-Qaida™ bringt Terrorismus und Markenrecht auf überraschende Weise zusammen; Das fliegende Auge macht aus der allgegenwärtigen Überwachungs-Paranoia einen Slapstick; und vieles mehr.
Andreas Eschbach: Eine unberührte Welt. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2008. Tb., 320 S.

Gib mir alles!
Erotic Romance hat sich im englischsprachigen Raum längst zu einem der bestselling Genres der Unterhaltungsliteratur entwickelt. Jetzt springt auch Blanvalet auf den Zug der Zielgruppenoptimierung auf - mit drei neuen Labels (Crime, Romantik, Lady´s Night) eigens für Leserinnen konzipiert.
Für mich als Mann waren die "scharfen Stories" also nicht gedacht, ich fand sie dennoch überwiegend gelungen - die Geschichten sind originell und nicht zu mädchenhaft pseudoerotisch sondern echt sexy in vielerlei Spielarten. Die Schreibe ist anständig unanständig, tadellos lektoriert und übersetzt - gerade in diesem Bereich eine wahre Wohltat. Mein Lesetipp: Der Chrom-Mann.
Kerry Sharp (Hg.): Gib mir alles! Scharfe Stories. Blanvalet, München 2006. Tb., 317 S.

Die Nacht des Blutmondes
Verwunschene Orte, düstere Geheimnisse, gothic mystery - Gerald Axelrod hat all dies eingefangen und lädt ein, seine schaurig-schönen Schwarzweißfotografien zu betrachten. Das ist so lange beeindruckend, wie man nicht auf die Idee kommt, den beigestellten Text zu lesen. Immerhin lautet der Untertitel des Bildbandes 'Fotografien aus der Schattenwelt'; dabei hätte man es bewenden lassen sollen, denn der Text von Liane Angelico erfüllt alle Kriterien für ein "Nicht genügend": holprig und unausgegoren im Ausdruck, unreif, schwach formuliert und so klischeehaft, dass nur noch ein deutlicher Zug ins Parodistische den Inhalt hätte retten können. Darauf wartet man allerdings vergeblich.
Schöner Bildband für Gothic-Freunde, Mystery-Fans und alle Anhänger expressionistischer Ausdrucksformen mit einem völlig missratenen Hexengschichtl als superfluide Zugabe.
Gerald Axelrod und Liane Angelico: Die Nacht des Blutmondes. UBooks, Augsburg 2005. Geb., 128 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,55
Leserinnenreaktion: Danke, danke, danke, für die Kritik zur "Nacht des
Blutmondes". Endlich einmal keine Lobhudelei und elfenhaftes Geschleime
sondern die harten Fakten. Michaela Weikert

Devot
Ein eindeutiger Titel, ein eindeutiges Cover: Die schmale Sammlung an Kurzgeschichten und Gedichten, das erste Buch von Cosette, hält was an Erwartungen geweckt wird. Emotionale Lyrik, fantastischer Sado-Masochismus der eindeutigen Art. Ob im Kloster, am Piratenschiff oder im Einkaufszentrum, stets erlebt die Heldin Demütigungen und Schmerz, die sie aus vollen Zügen genießt. Der Wandel von der freidenkenden Frau zur überzeugten Sklavin ist nicht immer nachvollziehbar und entspricht mitunter so sehr männlichen Klischees, dass man manchmal an der Weiblichkeit der Autorin zweifeln könnte. Der erotischen Wirkung kann man(n), ein Faible für SM vorausgesetzt, sich jedoch gut hingeben: die Einfälle sind originell und abwechslungsreich, die Sprache passt, die Länge der Geschichten ist in der Mehrzahl gerade recht.
Cosette: Devot. UBooks, Neusäß 2005. Tb., 119 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,30

Brüder Grimm Kinder- und Hausmärchen
Es waren einmal die Märchen der Brüder Grimm, und sie wurden viel erzählt im ganzen Land. Nun verhielt es sich aber so, dass das Aschenputtel, Hänsel und Gretel und das Rotkäppchen sich in einer kleinen Gruppe von Märchen befanden, die aller Aufmerksamkeit auf sich zogen, und darob vergaß manch einer auf die vielgestalte Schar, die es sonst noch zu begrüßen galt. Es waren ihrer zwei ganze Hundertschaften. Welch Glück aber, dass sich ein großes Haus fand, in dem alle Märchen Platz fanden: Die Große Ausgabe letzter Hand von 1857.
Wie nun die Jahre ins Land zogen verfiel das Haus und die Märchen zogen in die Welt, manche wurden berühmte Geschichten, andere gerieten in Vergessenheit, und gar viele veränderten so oft ihre Gestalt und ihr Aussehen, dass sie wohl keiner der Gebrüder Grimm noch erkannt hätte. Da machte sich Herr Diederichs von Verlag auf und zog durch die Welt und rief alle Märchen beim Namen und versammelte sie um sich; und gemeinsam gelangten sie zurück zu dem großen Haus und siehe, es strahlte in ganz neuem Glanz. Zwei Stockwerke hatte es, im ersten fanden 93 Märchen Platz, im zweiten alle übrigen; und die Fassade wurde gestaltet von einem Künstler, von dem überall im Haus wunderschöne Bilder hingen. Otto Ubbelohde hieß dieser Mann, er war berühmt für seine Kunst, Bücher zu schmücken, und er hatte zu fast jedem Märchen ein Bild gemacht, von 1907 bis 1909 hatte er daran gearbeitet.
Die Märchen selbst aber besannen sich ihrer Herkunft und wurden wieder zu jenen, die sie vor der so lange zurück liegenden Zeit der Großen Ausgabe gewesen waren. Und alle lebten glücklich und zufrieden in ihrem schönen, neuen Haus bis an ihr Lesensende.
Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Mit Zeichnungen von Otto Ubbelohde. Heinrich Hugendubel Verlag, München 2005. 2 Bd. geb. im Schuber, je 448 S.
bei amazon kaufen: EUR 41,14

Drei Geschichten und eine Betrachtung
Das literarische Schaffen Patrick Süskinds ist von geringer Quantität, dafür von überragender Qualität: Rhythmik und Eleganz der Sprache sind vollendet, die Intensität des synästhetischen Effektes in seinem Hauptwerk Das Parfüm ist ohne Beispiel. Es kann einfach kein Fehler oder vergeudete Zeit sein, den Exzentriker Süskind zu lesen, und dies gilt uneingeschränkt auch für die Drei Geschichten und eine Betrachtung, in denen er dank seiner Kunst "dem Schweren das Bedrückende und dem Nebensächlichen das Banale nimmt" (Die Zeit).
Der Zwang zur Tiefe, Ein Kampf, Das Vermächtnis des Maitre Mussard und Amnesie in litteris lauten die Titel der Geschichten bzw. der Betrachtung, und die Erzählungen haben die besten Aussichten, dem in der Betrachtung thematisierten literarischen Gedächtnisschwund zu entgehen. Die vor 10 Jahren erstmals erschienene Sammlung wurde vom Diogenes-Verlag jetzt als schmales Taschenbüchlein wieder aufgelegt. Verleiben Sie es Ihrer Sammlung ein.
Patrick Süskind: Drei Geschichten und eine Betrachtung. Diogenes, Zürich 2005. TB, 83 S.
bei amazon kaufen: EUR 7,10

Das Schlampenbuch
Warum wohl dieses Büchlein als Roman gehandelt wird, obwohl es eine Sammlung von Kurzgeschichten ist? Bitterböse Momentaufnahmen von Frauen und wie diese sich in der heutigen Zeit zurechtfinden. Von der Rache im Fitnessstudio (dieses Dramulett hat mir besonders gut gefallen!) über den Heiratsschwindler bis zum bindungsunwilligen Schnösel und einer Frau, die dauernd ungewollt schwanger wird - alle Facetten des Zusammenlebens werden untersucht und aufs Korn genommen. Teilweise herrlich absurd, teilweise leider mit gewisser Resignation zeichnet Milena Moser in sehr kurzen Geschichten und mit kurzen, einfachen Sätzen Bilder der Frauen. Manche wissen sehr genau, wie sie etwas für sich aus ihrem Leben herausholen können, andere wieder nicht - aber auch das scheint für sie selbst OK zu sein.
Ich habe mich beim Lesen des öfteren dabei ertappt, wie mir das Grinsen vergangen ist und einer gewissen Betroffenheit Platz gemacht hat, denn viele der Empfindungen, Ängste und Sorgen der Protagonistinnen kenne ich aus eigener Erfahrung. Trotzdem herrscht ein etwas flapsiger, lockerer Ton, der die Lektüre zum Vergnügen werden lässt.
Fazit: Ein ideales Buch für die beste Freundin, um gemeinsam darüber zu lachen, wie absurd das Leben sein kann. Anne Artner
Milena Moser: Das Schlampenbuch. Blanvalet, München 2005. TB, 160 S.
bei amazon kaufen: EUR 7,16

Das Leben für Anfänger
Kakerlaken arrangieren sich zu da Vincis Letztem Abendmahl, der Revolutionär versucht stehend im Schrank zu schlafen und Brutus sorgt für einen friedvollen Tod des Cäsar, weil er ihm glaubhaft versichert, dass er nichts persönlich gegen ihn habe: "Das ist nur die Politik, Papa", erklärte Brutus und stach noch einmal mit dem Messer zu…
Slawomir Mrozek, über Jahre der Inbegriff moderner polnischer (dramatischer) Literatur und meist in einem Atemzug mit Dürrenmatt und Ionescu erwähnt, begann seine Laufbahn mit kurzen satirischen Texten; 6 Bände füllen die philosophischen Grotesken mittlerweile, die Hälfte seiner 13 Bände umfassenden Werkausgabe. Eine Auswahl davon wurde, von Abwechslung bis Zeitvertreib, Allzumenschlichem zugeordnet und zum "zeitlosen ABC" des Lebens umfunktioniert, hübsch als kleines Geschenkbändchen aufgemacht.
"Metaphysisches Gelächter" überkam einen Kritiker der Le Monde beim Lesen von Mrozek, und so der abgründige und hintergründige Humor des todernsten Schriftstellers Ihren Geschmack trifft, werden auch Sie die Moral der Komik entdecken - oder war es doch die Komik der Moral?
Slawomir Mrozek: Das Leben für Anfänger. Ein zeitloses ABC mit Zeichnungen von Chaval. Diogenes, Zürich 2004. Geb., 189 S.
bei amazon kaufen: EUR 13,30

Eine Trillion Euro
Wie viel kostet Europa, mit allem Inventar? Wie fühlt es sich an, mit dem Internet zu verschmelzen? Was ist der Euro noch wert, wenn sich China und die USA erst auf ein Packel gehaut haben?
"Die repräsentativste europäische SF-Anthologie aller Zeiten", wie es großspurig, aber nicht zu Unrecht am Einband zu lesen ist, gibt Antworten - originelle, düstere, apokalyptische, surreale Antworten. Andreas Eschbach, bekannt v.a. für Das Jesus-Video (sehr lesenswert übrigens), hat führende SF-Autoren ihrer Länder (es sind, mit Ausnahme von Portugal und Irland, sämtliche der Eurozone geworden) um Beiträge gebeten in dem Versuch, die europäische SF-Szene aus dem angloamerikanischen Schatten treten zu lassen. Die Blicke in die Zukunft, die dabei herausgekommen sind, lassen nichts Gutes vermuten: perfekte Kontrolle, außer Rand und Band geratene Umwelt, vollkommener Verfall aller Werte, uralte Erinnerungs-Junkies… Der Pessimismus überwiegt deutlich; in der gebotenen Qualität dargebracht summieren sich die Stories zu einer einigermaßen gräulichen und überwiegend beeindruckenden Symphonie.
Dank der bibliographischen Texte zu jedem Autor und den zwei vertretenen Autorinnen ist der Band auch ein idealer Ausgangspunkt für eine literarische Entdeckungsreise zu bisher nicht gekannten oder zu wenig bekannten Zukunftsliteraten aus Europa.
Andreas Eschbach (Hg.): Eine Trillion Euro. SF-Anthologie. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 462 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,20

Kurze Notizen zu tropischen Schmetterlingen
"Acht Erzählungen, deren Vollkommenheit uns den Atem verschlägt" - der überschwängliche Umschlagtext hat Recht und auch wieder nicht.
"Vollkommenheit", ein im strengen Sinn natürlich unerreichbares Attribut, dürfen die Erzählungen in gewisser Weise für sich beanspruchen - der Stil ist makellos, der Aufbau dem Lehrbuch für kreatives Schreiben entnommen. Einzelne Sätze ragen hervor wie Leuchtfeuer der Hoffnung gebenden Dichtkunst: "Sagte dem Kind, es solle die Sterne ansehen, denn jeder Lichtpunkt dort oben sei ein Wunsch, vor Jahrmillionen ausgesprochen - und erfüllbar. Erfüllbar."
So weit, so gut. "Den Atem" verschlagen haben mir die Geschichten um die Wendepunkte im Leben verschiedener Menschen dennoch nicht, sie haben auch keine "großen Gefühle ausgelöst und unser Verlangen nach Erkenntnis gestillt", wie eine der zahlreichen hymnischen us-amerikanischen Kritikerstimmen zitiert wird. Gerade die angepriesene Leidenschaftlichkeit der Texte konnte ich nicht nachempfinden. Spannung, Biss, Ironie - all dies fehlt den fein gedrechselten Arbeiten des Autorentalents. Schöngeistigkeit ist ein wenig aus der Mode gekommen - wenn Sie mich fragen, zu Recht. Aber das ist natürlich Geschmackssache.
John Murray: Kurze Notizen zu tropischen Schmetterlingen. Stories. edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2004. Geb., 411 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Wallanders erster Fall
Auf zahlreiche Bitten seiner großen Leserschaft verfasste Henning Mankell zwei Kurzkrimis, die sich mit der Frage beschäftigen: Was geschah vor dem 8. Jänner 1990 - jenem Datum, mit dem Mörder ohne Gesicht anhebt und mit ihm eine der erfolgreichsten Krimiserien der neueren Unterhaltungsliteraturgeschichte.
Wallanders erster Fall geht 20 Jahre zurück, bevor der grüblerische Kommissar überhaupt bei der Kriminalpolizei war. Es folgen drei Kurz-Kurzkrimis und schließlich Die Pyramide, eine Story um Drogenschmuggel im großen Stil, die genau an jenem ominösen 8. Jänner endet. Der Fan weiß Bescheid - freundlicherweise sind im Buch auch alle 8 "echten" Fälle des Kriminalisten aus Ystad in chronologischer Reihenfolge angeführt.
Der Erzählband vermag nicht restlos zu überzeugen. Einfach besser gar nicht enthalten gewesen wären die mittleren drei Kürzestgeschichten. Mankell ist pessimistisch und ständig an der Kippe zur Verbitterung ob der schlechter werdenden Welt. Darin unterscheidet sich das Geschehen nicht von den 8 regulären Wallander-Krimis. In der kurzen Form sind die Texte jedoch weitgehend darauf reduziert, die Raffinesse und Originalität der Langform geht ihnen ab. Zudem wird Mankells Wiederholung immergleicher Motive und sprachlicher Bilder umso deutlicher, je kürzer die Texte sind. Auch die Figur des Wallander selbst kämpfte offenbar mit 24 mit genau denselben zweifelnden Gedanken wie 20 und 30 Jahre später…
Fazit: 2 passable Kurzkrimis, 3 schwache Kürzestkrimis - Fankost. Mankell kann eindeutig mehr.
Henning Mankell: Wallanders erster Fall. TB, dtv, München 2004. 426 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,30

Der Retter der Taiga
Die russische Seele: Schwermütig, schizophren zwischen Cäsarenwahn und sklavischem Duckmäusertum oszillierend, offenbart sie Abgründe des (Un)menschlichen und erhebt die Bösartigkeit zur berechenbaren Überlebensstrategie. Jedenfalls im Pandämonium von Wladimir Tutschkow. "Eine seltsame Fauna", schreibt der russische Kritiker Leonid Kostjukow, "in der die großen Räuber die kleinen fressen und außer Räubern niemand mehr da ist…"
Die 15 Stories (oder Beschreibungen von "15 kriminellen Karrieren", wie es der Klappentext formuliert) sind nicht von gleich hoher Qualität, wenn auch durchwegs stilsicher in Szene gesetzt. Einzelne davon schaffen jedoch, was im Idealfall von Literatur zu erhoffen ist: sie bestürzen, beunruhigen, rauben den Atem. Tutschkow hat Texte geschaffen, die sich ins Bewusstsein drängen und haften bleiben - eindringlich, ja, vor allem aber bei aller Skurrilität und grotesken Übersteigerung von schockierender Wahrhaftigkeit.
Wladimir Tutschkow: Der Retter der Taiga. TB, dtv premium, München 2003. 195 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,40

Tipps: Best of Kurz und Gut

Arjouni: IdiotenSee you later: 2sprachig

Idioten
Idios, aus dem Griechischen, bedeutet "das Eigene". Gemeint sind im engsten Wortsinn also Menschen, die über ihren eigenen Tellerrand nicht hinausblicken oder gar gelangen können oder wollen.
In exakt diesem Sinn agieren Arjounis 5 Idioten - sie ziehen "den unberechenbaren Folgen eines Erkenntnisgewinns die gewohnte Beschränktheit" vor, wie es der Klappentext schön formuliert. Allerdings - schließlich werden uns Märchen angekündigt - kommt jeweils eine gestresste Fee ins Spiel, die einen Wunsch gewährt. So ein Wunsch will wohlbedacht sein, aber andererseits drängt die Fee, auf ihren Terminkalender blickend, auf Erledigung; die Bereiche "Unsterblichkeit, Gesundheit, Geld und Liebe" sind ausgeschlossen, was die Sache auch nicht einfacher macht ...
Der angesprochene Erkenntnisgewinn bleibt jedenfalls nicht aus - er wird den Idioten auf verblüffende, schmerzhafte, erheiternde oder auch erleichternde Art aufs Aug gedrückt, jeweils in Folge ihres Wunsches.
Arjouni, der "Raymond Chandler" der deutschen Krimiliteratur, berühmt für seine Kayankaya-Romane, schreibt schnörkellos, planvoll, mitfühlend spöttisch bis beißend ironisch; und so geraten auch seine "Märchen" in aller Frische zur deutlichen Abrechnung mit Engstirnigkeit und Selbstüberschätzung. Aber Vorsicht! Es könnte sein, dass wir in diesem Buch dem Idioten in uns selbst begegnen ...
Jakob Arjouni, Idioten. Fünf Märchen, Diogenes, geb., Zürich 2003, 153 S.
Bei amazon kaufen: EUR 15,30

See you later - Also bis nachher
Englische Kurzgeschichten samt der parallel laufenden deutschen, möglichst wortgetreuen Übersetzung. Unter den Autoren finden sich bekannte Namen wie Ray Bradbury (der eine pazifistische Utopie zum Besten gibt), Roald Dahl (der sich einmal mehr als der wahre Master of the Art zu bestätigen weiß), Mark Twain (dessen Story enttäuscht) oder Robert Louis Stevenson (der perfekt erzählt eine überaus knifflige Frage stellt).
Die Stories bieten eine ausgezeichnete Chance, unterschiedlichste Schreibstile zu vergleichen. Sie entstammen dem Zeitraum 1870 bis 1970 und umfassen Gesellschaftssatiren, Science Fiction, Mini-Krimi und keinem Genre zuordenbare Kurzprosatexte. Die überwiegende Mehrheit der Geschichten (d.h. 8 von 10) ist von hoher Qualität und Originalität. Ideal für den Englischunterricht oder just for the joy of it.
See you later - Also bis nachher. dtv zweisprachig, München 2003. TB, 166 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,80

Senden Sie hier Ihre Kommentare und Anregungen zu diesen Kritiken