Neuerscheinungen: Kurz und Gut - und was SIE
davon halten
Verbrechen

Ferdinand von Schirach, der sich wie der Philipp Marlowe der Anwälte zu fühlen scheint, arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Strafverteidiger in München. In dieser Zeit sind ihm wahrhaft unglaubliche Fälle untergekommen, Stoff für ein überaus beeindruckendes Erzähldebut: 11 reale Geschichten, in zurückhaltender und klarer, schlicht-schöner Sprache erzählt, die sich glücklicherweise nie ins Juristische versteigt, wo aus der hehren Suche nach der Präzision des Ausdrucks schnell eine beamtenhafte Kleinkariertheit werden kann. Hier stimmt jeder Ton, die Gratwanderung von Distanz und Nähe gelingt perfekt. Von Schirach ist sich der Wirkung des Tatsächlichen in jedem Augenblick bewusst und bereitet ihm als Erzähler nichts als eine Bühne, auf dem es aus sich heraus strahlen kann. Souverän, verblüffend, höchst empfehlenswert.
Ferdinand von Schirach: Verbrechen. Piper, München 2009. Geb., 206 S.
 Trolle, Tiere, Taugenichtse 
Das norwegische Pendant der Gebrüder Grimm, Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe, hat einen volkstümlich gewitzten, handfest humorigen und bis heute in ganz Skandinavien enorm populären Märchenschatz hinterlassen, der wesentlich näher an der tatsächlichen Erzählung geblieben ist als die doch teils kunsthandwerklich aufgepeppten Grimmschen Märchen.
Der vorliegende, mit Liebe und Sachverstand gestaltete Band versammelt "Märchen, die eines gemeinsam haben: Sie haben die Fantasie (von) Theodor Kittelsen (entzündet)". Dieser Illustrator und Autor hat wie kein anderer die norwegische Märchenwelt verinnerlicht - und veräußerlicht: "Seit Kittelsen seine Trolle malte, so heißt es, wüsste man erst, wie ein norwegischer Troll ‘eigentlich aussieht’."
Auf über 200 großformatigen Seiten werden Märchen für die ganz Kleinen, Zaubermärchen für die Größeren und einige Texte für Erwachsene, diese aus der Feder Kittelsens, präsentiert. Die Bilder dazu sind wahrhafte Illuminationen – voller Eigenleben sind sie wie ein Leuchten, das hinter dem Text steht, dessen Glanz aufnimmt und verstärkt und widerspiegelt und dabei seine ganz eigene Sprache findet. Prächtig.
Der einzige kleine Wermutstropfen: Als Titelblatt wurde so ziemlich die einzige Illustration Kittelsens gewählt, die unter die Kategorie "lieblich, nett, prinzessinnenhaft" fällt. Das Bild ist auch schön, aber allzu konventionell märchenhaft im Grimmschen bzw. kindhaften Sinne, um als repräsentativ für die hemdsärmelige, norwegische, von Trollen, Tieren und Taugenichtsen bevölkerte Märchenwelt gelten zu können. Ansonsten ein überaus gelungenes Werk - zum Lesen, Vorlesen, Bestaunen und Sammeln gleichermaßen geeignet.
Trolle, Tiere, Taugenichtse. Theodor Kittelsens nordische Märchenwelt. Urachhaus, Stuttgart 2009. Geb., reich illustriert, 208 S.
 Eine unberührte Welt 
27 Kurzgeschichten des deutschen Meisterautors Andreas Eschbach – Schöpfer von Großartigkeiten wie den Haarteppichknüpfern, dem Jesus-Video, Eine Billion Dollar oder zuletzt Ausgebrannt – sind 27 Gelegenheiten, sich an klarer, treffsicherer Sprache und originellen, pfiffigen, visionären oder amüsanten Ideen zu erfreuen. Und, als Special in diesem Band, um etwas über die Hintergründe der Entstehung der Stories zu erfahren.
Da ich selbst gelegentlich Stories schreibe, fand ich die Anmerkungen darüber, wie einer der erfolgreichsten und besten Vertreter seiner Zunft so arbeitet, ausgesprochen aufschlussreich.
Highlights gefällig? In der Story Quantenmüll fällt der Menschheit eine besonders schlaue Müllentsorgungs-Methode auf den Kopf; Al-Qaida™ bringt Terrorismus und Markenrecht auf überraschende Weise zusammen; Das fliegende Auge macht aus der allgegenwärtigen Überwachungs-Paranoia einen Slapstick; und vieles mehr.
Andreas Eschbach: Eine unberührte Welt. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2008. Tb., 320 S.

Gib mir alles! 
Erotic Romance hat sich im englischsprachigen Raum längst
zu einem der bestselling Genres der Unterhaltungsliteratur
entwickelt. Jetzt springt auch Blanvalet auf den Zug der Zielgruppenoptimierung
auf - mit drei neuen Labels (Crime, Romantik, Lady´s
Night) eigens für Leserinnen konzipiert.
Für mich als Mann waren die "scharfen Stories"
also nicht gedacht, ich fand sie dennoch überwiegend
gelungen - die Geschichten sind originell und nicht zu mädchenhaft
pseudoerotisch sondern echt sexy in vielerlei Spielarten.
Die Schreibe ist anständig unanständig, tadellos
lektoriert und übersetzt - gerade in diesem Bereich eine
wahre Wohltat. Mein Lesetipp: Der Chrom-Mann.
Kerry Sharp (Hg.): Gib mir alles! Scharfe Stories.
Blanvalet, München 2006. Tb., 317 S.
Die
Nacht des Blutmondes 
Verwunschene Orte, düstere Geheimnisse, gothic mystery
- Gerald Axelrod hat all dies eingefangen und lädt ein,
seine schaurig-schönen Schwarzweißfotografien zu
betrachten. Das ist so lange beeindruckend, wie man nicht
auf die Idee kommt, den beigestellten Text zu lesen. Immerhin
lautet der Untertitel des Bildbandes 'Fotografien aus der
Schattenwelt'; dabei hätte man es bewenden lassen sollen,
denn der Text von Liane Angelico erfüllt alle Kriterien
für ein "Nicht genügend": holprig und
unausgegoren im Ausdruck, unreif, schwach formuliert und so
klischeehaft, dass nur noch ein deutlicher Zug ins Parodistische
den Inhalt hätte retten können. Darauf wartet man
allerdings vergeblich.
Schöner Bildband für Gothic-Freunde, Mystery-Fans
und alle Anhänger expressionistischer Ausdrucksformen
mit einem völlig missratenen Hexengschichtl als superfluide
Zugabe.
Gerald Axelrod und Liane Angelico: Die Nacht des Blutmondes.
UBooks, Augsburg 2005. Geb., 128 S.
bei
amazon kaufen: EUR 20,55
Leserinnenreaktion: Danke, danke, danke, für
die Kritik zur "Nacht des
Blutmondes". Endlich einmal keine Lobhudelei und elfenhaftes
Geschleime
sondern die harten Fakten. Michaela Weikert
Devot
Ein eindeutiger Titel, ein eindeutiges Cover: Die schmale
Sammlung an Kurzgeschichten und Gedichten, das erste Buch
von Cosette, hält was an Erwartungen geweckt wird. Emotionale
Lyrik, fantastischer Sado-Masochismus der eindeutigen Art.
Ob im Kloster, am Piratenschiff oder im Einkaufszentrum, stets
erlebt die Heldin Demütigungen und Schmerz, die sie aus
vollen Zügen genießt. Der Wandel von der freidenkenden
Frau zur überzeugten Sklavin ist nicht immer nachvollziehbar
und entspricht mitunter so sehr männlichen Klischees,
dass man manchmal an der Weiblichkeit der Autorin zweifeln
könnte. Der erotischen Wirkung kann man(n), ein Faible
für SM vorausgesetzt, sich jedoch gut hingeben: die Einfälle
sind originell und abwechslungsreich, die Sprache passt, die
Länge der Geschichten ist in der Mehrzahl gerade recht.
Cosette: Devot. UBooks, Neusäß 2005. Tb.,
119 S.
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Brüder
Grimm Kinder- und Hausmärchen 
Es waren einmal die Märchen der Brüder Grimm, und
sie wurden viel erzählt im ganzen Land. Nun verhielt
es sich aber so, dass das Aschenputtel, Hänsel
und Gretel und das Rotkäppchen sich in einer
kleinen Gruppe von Märchen befanden, die aller Aufmerksamkeit
auf sich zogen, und darob vergaß manch einer auf die
vielgestalte Schar, die es sonst noch zu begrüßen
galt. Es waren ihrer zwei ganze Hundertschaften. Welch Glück
aber, dass sich ein großes Haus fand, in dem alle Märchen
Platz fanden: Die Große Ausgabe letzter Hand von
1857.
Wie nun die Jahre ins Land zogen verfiel das Haus und die
Märchen zogen in die Welt, manche wurden berühmte
Geschichten, andere gerieten in Vergessenheit, und gar viele
veränderten so oft ihre Gestalt und ihr Aussehen, dass
sie wohl keiner der Gebrüder Grimm noch erkannt hätte.
Da machte sich Herr Diederichs von Verlag auf und zog durch
die Welt und rief alle Märchen beim Namen und versammelte
sie um sich; und gemeinsam gelangten sie zurück zu dem
großen Haus und siehe, es strahlte in ganz neuem Glanz.
Zwei Stockwerke hatte es, im ersten fanden 93 Märchen
Platz, im zweiten alle übrigen; und die Fassade wurde
gestaltet von einem Künstler, von dem überall im
Haus wunderschöne Bilder hingen. Otto Ubbelohde hieß
dieser Mann, er war berühmt für seine Kunst, Bücher
zu schmücken, und er hatte zu fast jedem Märchen
ein Bild gemacht, von 1907 bis 1909 hatte er daran gearbeitet.
Die Märchen selbst aber besannen sich ihrer Herkunft
und wurden wieder zu jenen, die sie vor der so lange zurück
liegenden Zeit der Großen Ausgabe gewesen waren. Und
alle lebten glücklich und zufrieden in ihrem schönen,
neuen Haus bis an ihr Lesensende.
Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Mit
Zeichnungen von Otto Ubbelohde. Heinrich Hugendubel Verlag,
München 2005. 2 Bd. geb. im Schuber, je 448 S.
bei
amazon kaufen: EUR 41,14
Drei
Geschichten und eine Betrachtung 
Das literarische Schaffen Patrick Süskinds ist von geringer
Quantität, dafür von überragender Qualität:
Rhythmik und Eleganz der Sprache sind vollendet, die Intensität
des synästhetischen Effektes in seinem Hauptwerk Das
Parfüm ist ohne Beispiel. Es kann einfach kein Fehler
oder vergeudete Zeit sein, den Exzentriker Süskind zu
lesen, und dies gilt uneingeschränkt auch für die
Drei Geschichten und eine Betrachtung, in denen er
dank seiner Kunst "dem Schweren das Bedrückende
und dem Nebensächlichen das Banale nimmt" (Die Zeit).
Der Zwang zur Tiefe, Ein Kampf, Das Vermächtnis
des Maitre Mussard und Amnesie in litteris lauten
die Titel der Geschichten bzw. der Betrachtung, und die Erzählungen
haben die besten Aussichten, dem in der Betrachtung thematisierten
literarischen Gedächtnisschwund zu entgehen. Die vor
10 Jahren erstmals erschienene Sammlung wurde vom Diogenes-Verlag
jetzt als schmales Taschenbüchlein wieder aufgelegt.
Verleiben Sie es Ihrer Sammlung ein.
Patrick Süskind: Drei Geschichten und eine Betrachtung.
Diogenes, Zürich 2005. TB, 83 S.
bei
amazon kaufen: EUR 7,10
Das
Schlampenbuch 
Warum wohl dieses Büchlein als Roman gehandelt wird,
obwohl es eine Sammlung von Kurzgeschichten ist? Bitterböse
Momentaufnahmen von Frauen und wie diese sich in der heutigen
Zeit zurechtfinden. Von der Rache im Fitnessstudio (dieses
Dramulett hat mir besonders gut gefallen!) über den Heiratsschwindler
bis zum bindungsunwilligen Schnösel und einer Frau, die
dauernd ungewollt schwanger wird - alle Facetten des Zusammenlebens
werden untersucht und aufs Korn genommen. Teilweise herrlich
absurd, teilweise leider mit gewisser Resignation zeichnet
Milena Moser in sehr kurzen Geschichten und mit kurzen, einfachen
Sätzen Bilder der Frauen. Manche wissen sehr genau, wie
sie etwas für sich aus ihrem Leben herausholen können,
andere wieder nicht - aber auch das scheint für sie selbst
OK zu sein.
Ich habe mich beim Lesen des öfteren dabei ertappt, wie
mir das Grinsen vergangen ist und einer gewissen Betroffenheit
Platz gemacht hat, denn viele der Empfindungen, Ängste
und Sorgen der Protagonistinnen kenne ich aus eigener Erfahrung.
Trotzdem herrscht ein etwas flapsiger, lockerer Ton, der die
Lektüre zum Vergnügen werden lässt.
Fazit: Ein ideales Buch für die beste Freundin, um gemeinsam
darüber zu lachen, wie absurd das Leben sein kann. Anne
Artner
Milena Moser: Das Schlampenbuch. Blanvalet, München
2005. TB, 160 S.
bei
amazon kaufen: EUR 7,16
Das
Leben für Anfänger 
Kakerlaken arrangieren sich zu da Vincis Letztem Abendmahl,
der Revolutionär versucht stehend im Schrank zu schlafen
und Brutus sorgt für einen friedvollen Tod des Cäsar,
weil er ihm glaubhaft versichert, dass er nichts persönlich
gegen ihn habe: "Das ist nur die Politik, Papa",
erklärte Brutus und stach noch einmal mit dem Messer
zu
Slawomir Mrozek, über Jahre der Inbegriff moderner polnischer
(dramatischer) Literatur und meist in einem Atemzug mit Dürrenmatt
und Ionescu erwähnt, begann seine Laufbahn mit kurzen
satirischen Texten; 6 Bände füllen die philosophischen
Grotesken mittlerweile, die Hälfte seiner 13 Bände
umfassenden Werkausgabe. Eine Auswahl davon wurde, von Abwechslung
bis Zeitvertreib, Allzumenschlichem zugeordnet und zum "zeitlosen
ABC" des Lebens umfunktioniert, hübsch als kleines
Geschenkbändchen aufgemacht.
"Metaphysisches Gelächter" überkam einen
Kritiker der Le Monde beim Lesen von Mrozek, und so
der abgründige und hintergründige Humor des todernsten
Schriftstellers Ihren Geschmack trifft, werden auch Sie die
Moral der Komik entdecken - oder war es doch die Komik der
Moral?
Slawomir Mrozek: Das Leben für Anfänger.
Ein zeitloses ABC mit Zeichnungen von Chaval. Diogenes, Zürich
2004. Geb., 189 S.
bei
amazon kaufen: EUR 13,30
Eine
Trillion Euro
Wie viel kostet Europa, mit allem Inventar? Wie fühlt
es sich an, mit dem Internet zu verschmelzen? Was ist der
Euro noch wert, wenn sich China und die USA erst auf ein Packel
gehaut haben?
"Die repräsentativste europäische SF-Anthologie
aller Zeiten", wie es großspurig, aber nicht zu
Unrecht am Einband zu lesen ist, gibt Antworten - originelle,
düstere, apokalyptische, surreale Antworten. Andreas
Eschbach, bekannt v.a. für Das Jesus-Video (sehr
lesenswert übrigens), hat führende SF-Autoren ihrer
Länder (es sind, mit Ausnahme von Portugal und Irland,
sämtliche der Eurozone geworden) um Beiträge gebeten
in dem Versuch, die europäische SF-Szene aus dem angloamerikanischen
Schatten treten zu lassen. Die Blicke in die Zukunft, die
dabei herausgekommen sind, lassen nichts Gutes vermuten: perfekte
Kontrolle, außer Rand und Band geratene Umwelt, vollkommener
Verfall aller Werte, uralte Erinnerungs-Junkies
Der
Pessimismus überwiegt deutlich; in der gebotenen Qualität
dargebracht summieren sich die Stories zu einer einigermaßen
gräulichen und überwiegend beeindruckenden Symphonie.
Dank der bibliographischen Texte zu jedem Autor und den zwei
vertretenen Autorinnen ist der Band auch ein idealer Ausgangspunkt
für eine literarische Entdeckungsreise zu bisher nicht
gekannten oder zu wenig bekannten Zukunftsliteraten aus Europa.
Andreas Eschbach (Hg.): Eine Trillion Euro. SF-Anthologie.
Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 462 S.
bei
amazon kaufen: EUR 9,20
Kurze
Notizen zu tropischen Schmetterlingen 
"Acht Erzählungen, deren Vollkommenheit uns den
Atem verschlägt" - der überschwängliche
Umschlagtext hat Recht und auch wieder nicht.
"Vollkommenheit", ein im strengen Sinn natürlich
unerreichbares Attribut, dürfen die Erzählungen
in gewisser Weise für sich beanspruchen - der Stil ist
makellos, der Aufbau dem Lehrbuch für kreatives Schreiben
entnommen. Einzelne Sätze ragen hervor wie Leuchtfeuer
der Hoffnung gebenden Dichtkunst: "Sagte dem Kind, es
solle die Sterne ansehen, denn jeder Lichtpunkt dort oben
sei ein Wunsch, vor Jahrmillionen ausgesprochen - und erfüllbar.
Erfüllbar."
So weit, so gut. "Den Atem" verschlagen haben mir
die Geschichten um die Wendepunkte im Leben verschiedener
Menschen dennoch nicht, sie haben auch keine "großen
Gefühle ausgelöst und unser Verlangen nach Erkenntnis
gestillt", wie eine der zahlreichen hymnischen us-amerikanischen
Kritikerstimmen zitiert wird. Gerade die angepriesene Leidenschaftlichkeit
der Texte konnte ich nicht nachempfinden. Spannung, Biss,
Ironie - all dies fehlt den fein gedrechselten Arbeiten des
Autorentalents. Schöngeistigkeit ist ein wenig aus der
Mode gekommen - wenn Sie mich fragen, zu Recht. Aber das ist
natürlich Geschmackssache.
John Murray: Kurze Notizen zu tropischen Schmetterlingen.
Stories. edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2004. Geb.,
411 S.
bei
amazon kaufen: EUR 20,50
Wallanders
erster Fall 
Auf zahlreiche Bitten seiner großen Leserschaft verfasste
Henning Mankell zwei Kurzkrimis, die sich mit der Frage beschäftigen:
Was geschah vor dem 8. Jänner 1990 - jenem Datum, mit
dem Mörder ohne Gesicht anhebt und mit ihm eine
der erfolgreichsten Krimiserien der neueren Unterhaltungsliteraturgeschichte.
Wallanders erster Fall geht 20 Jahre zurück, bevor
der grüblerische Kommissar überhaupt bei der Kriminalpolizei
war. Es folgen drei Kurz-Kurzkrimis und schließlich
Die Pyramide, eine Story um Drogenschmuggel im großen
Stil, die genau an jenem ominösen 8. Jänner endet.
Der Fan weiß Bescheid - freundlicherweise sind im Buch
auch alle 8 "echten" Fälle des Kriminalisten
aus Ystad in chronologischer Reihenfolge angeführt.
Der Erzählband vermag nicht restlos zu überzeugen.
Einfach besser gar nicht enthalten gewesen wären die
mittleren drei Kürzestgeschichten. Mankell ist pessimistisch
und ständig an der Kippe zur Verbitterung ob der schlechter
werdenden Welt. Darin unterscheidet sich das Geschehen nicht
von den 8 regulären Wallander-Krimis. In der kurzen Form
sind die Texte jedoch weitgehend darauf reduziert, die Raffinesse
und Originalität der Langform geht ihnen ab. Zudem wird
Mankells Wiederholung immergleicher Motive und sprachlicher
Bilder umso deutlicher, je kürzer die Texte sind. Auch
die Figur des Wallander selbst kämpfte offenbar mit 24
mit genau denselben zweifelnden Gedanken wie 20 und 30 Jahre
später
Fazit: 2 passable Kurzkrimis, 3 schwache Kürzestkrimis
- Fankost. Mankell kann eindeutig mehr.
Henning Mankell: Wallanders erster Fall. TB, dtv, München
2004. 426 S.
bei
amazon kaufen: EUR 10,30
Der
Retter der Taiga 
Die russische Seele: Schwermütig, schizophren zwischen
Cäsarenwahn und sklavischem Duckmäusertum oszillierend,
offenbart sie Abgründe des (Un)menschlichen und erhebt
die Bösartigkeit zur berechenbaren Überlebensstrategie.
Jedenfalls im Pandämonium von Wladimir Tutschkow. "Eine
seltsame Fauna", schreibt der russische Kritiker Leonid
Kostjukow, "in der die großen Räuber die kleinen
fressen und außer Räubern niemand mehr da ist
"
Die 15 Stories (oder Beschreibungen von "15 kriminellen
Karrieren", wie es der Klappentext formuliert) sind nicht
von gleich hoher Qualität, wenn auch durchwegs stilsicher
in Szene gesetzt. Einzelne davon schaffen jedoch, was im Idealfall
von Literatur zu erhoffen ist: sie bestürzen, beunruhigen,
rauben den Atem. Tutschkow hat Texte geschaffen, die sich
ins Bewusstsein drängen und haften bleiben - eindringlich,
ja, vor allem aber bei aller Skurrilität und grotesken
Übersteigerung von schockierender Wahrhaftigkeit.
Wladimir Tutschkow: Der Retter der Taiga. TB, dtv premium,
München 2003. 195 S.
bei
amazon kaufen: EUR 14,40
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