BESTOF BUCHKRITIKEN & TIPPS
© Mag. Helmuth Santler

neuerscheinungen

roman
krimi, thriller
SF & fantasy
kurz und gut

sach & fach
kochen

kinderbuch
jugendbuch

comics

audio

spiele


Neue Rubrik:
reise


Suche im Web
Suche auf www.bestofweb.at

Die hier empfohlenen Bücher können Sie ganz einfach bestellen.
Wir sind Partner von amazon.de, Ihre Bestellung wird somit von Europas führendem Online-Buch- und Videohandel ausgeliefert.
Das beste: Buchbestellungen bei amazon sind immer
versandkostenfrei (gilt für Österreich, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz).

 

Neuerscheinungen: Romane - und was SIE davon halten

Ein König für Deutschland
"Diejenigen, die wählen, entscheiden gar nichts. Diejenigen, die die Stimmen zählen, entscheiden alles." Stalin
Andreas Eschbachs jüngstes heißes Eisen: Wahlen und deren Manipulierbarkeit mittels Wahlcomputern. Die Story, die er spinnt, beginnt bei einem jugendlichen Computerfreak, der es einmal zu oft nicht lassen konnte, das zu machen, wofür Computer im ureigensten Sinn gemacht sind: Daten zu manipulieren. Trotz einer einprägsamen einwöchigen Knastepisode landet er wieder beim Programmieren und erhält irgendwann einen ebenso dubiosen wie offiziellen Auftrag: Er soll den Prototyp eines Programms schreiben, mit dessen Hilfe elektronische Stimmabgaben beeinflusst werden können. Was folgt ist die Machtübernahme durch George W...
Jahre später werden in Deutschland Wahlen abgehalten. Mehrheitlich werden die Stimmen elektronisch gezählt. Und eine Partei, die aus dem Nichts kommt und von den meisten für einen Witz gehalten wird, die Volksbewegung für die Wiedereinführung der Monarchie VWM , erhält aus dem Stand eine Zweidrittelmehrheit und damit defacto die absolute Macht im Staat. Simon König, Gymnasiallehrer für Geschichte, tritt an, das Wahlprogramm in die Tat umzusetzen – im Dom zu Aachen werden die Krönungsfeierlichkeiten anberaumt.
Glänzend recherchiert, die spitze Feder zielsicher auf alle wunden Punkte gesetzt und mit viel klugem Humor dargebracht, nützt Eschbach sein Szenario auch dazu, seinen königlichen Senf zu allerlei politischen Zuständen dazuzugeben. Herrlich erfrischend und zwingend argumentiert – Sie dürfen gespannt sein, ab wann auch Sie den Monarchisten in sich entdecken.
Es gibt Dinge, auf die man sich verlassen kann. Eins davon ist: Wo Eschbach draufsteht, ist ein Spitzenbuch drin – unterhaltsam, lehrreich, spannend, brisant, höchst intelligent und ohne einen Funken von Attitüde gut geschrieben. 5/5 Eschbach-Sterne, gar keine Frage.
Andreas Eschbach: Ein König für Deutschland. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Geb., 492 S.
Zeitgleich erschienen als Hörbuch, gelesen von Ulrich Noethen: hier bestellen.

Wüstenblume – Buch zum Film
Diese Biografie beschreibt schonungslos und brutal eines der schlimmsten Geschehnisse unserer Zeit: Genitalverstümmelung. Dieses heute noch viel zu oft existierende Ritual wird vor allem bei Nomadenmädchen angewandt. Waris Dirie war eine von ihnen. Doch durch unglaublichen Mut und Willenskraft hat sie es geschafft, ein internationales Top-Model zu werden. Und als jeder sie kannte, fand sie die Kraft, über die schlimmste Zeit in ihrem Leben zu sprechen. Sie schrieb „Wüstenblume“ (die wörtliche Bedeutung von "Waris") und bewegte damit Millionen von Menschen.
Waris Dirie gründete die „Waris Dirie Foundation“ gegen FGM (Female Genital Mutilation) und ist seit 1994 UN-Sonderbotschafterin. Sie wird weiterhin für das Recht auf die körperliche Unversehrtheit von Frauen kämpfen, denen wie ihr unter primitivsten Bedingungen Gewalt angetan wurde.
Ich fand das Buch unglaublich, in vielerlei Hinsicht. Diese Geschichte, oft sehr emotionslos erzählt, hat bei mir sehr viele unterschiedliche Gefühle geweckt. Bevor ich das Buch las, wusste ich so gut wie gar nichts über Genitalverstümmelung und schon gar nicht, dass es das im 21. Jahrhundert immer noch gibt. Und in welchem unfassbaren Ausmaß: Ca. 6000 Mädchen und Frauen erleiden TÄGLICH dieses grausame Schicksal. Das hat mich schockiert und zum Nachdenken gebracht. Ich würde sagen, das Buch kann und sollten alle ab 14 lesen. Es ist keine leichte Kost, wirklich nicht, aber niemand hätte diese Geschichte besser schreiben können. (Lena Turek, 14)
Anm: Die vorliegende Ausgabe des 1998 erstmals erschienenen Weltbestsellers enthält neben der Originalübersetzung zahlreiche Fotos der dieser Tage in den Kinos anlaufenden Verfilmung mit dem Topmodel Liya Kebede in der Titelrolle.
Waris Dirie: Wüstenblume - Buch zum Film. Droemer/Knaur, 2009. Tb., 400 S.

Die Jagd am Nil
Indiana Jones heißt eigentlich Daniel Knox, und das mit dem Schlapphut und der Peitsche gibts auch nur im Film. Ansonsten: Krude Theorien über die Verschmelzung von ägyptischer und jüdischer Geschichte als mehr verwirrender als faktfiktionaler Hintergrund, gierige Bösewichte, endlose Fluchten, übermenschliche Überlebensfähigkeiten... und ja, ein Mädchen gibts auch, er kriegt sie und auch der sagenhafte Schatz wird entdeckt.
Die archäologisch verbrämte Schnitzeljagd hat durchaus Unterhaltungswert, aber mehr auch nicht. Obwohl der Autor über einen einschlägig gebildeten Hintergrund verfügt, gelingt es ihm für meine Begriffe nie, spannende Geschichtstheorien griffig zu präsentieren; was definitiv nicht am mangelnden Potenzial derselben liegt. Der Rest aber ist reine Kolportage – ein Buch zum Zeitvertreib ohne erkennbaren Tiefgang, das nach der Lektüre garantiert spurlos im großen Meer des literarischen Vergessens versinkt. Und zwar sofort.
Will Adams: Die Jagd am Nil. Rowohlt, Berlin 2009. Tb., 448 S.

Das Hexenbuch von Salem
Die Voraussetzungen scheinen ideal: Katherine Howe, eine junge Frau aus Salem, arbeitet an ihrer Dissertation über die Geschehnisse von 1692, als dort 11 Frauen als Hexen verbrannt wurden. Sie ist mit einer der Verurteilten (Elizabeth Howe) verwandt und zusätzlich mit einer der Angeklagten, die mit dem Leben davonkam.
Soweit zur Autorin. Im Buch von Katherine Howe geht es um eine junge Frau aus Salem, die an ihrer Dissertation in neuenglischer Geschichte über – ja genau. Im Verlauf der Ereignisse findet sie immer mehr Spuren, die sie selbst mit den weisen Frauen in Verbindung bringen – bis sie schließlich seltsame Fähigkeiten an sich selbst erspürt.
Die einzigartige Übereinstimmung von Fakt und Fiktion lässt tiefstgründige Recherche und unüberbietbare Authentizität vermuten, was mich zum Lesen motiviert hat. Denn: Das Hexenbuch von Salem wird als "großer Frauenroman ... für Leserinnen" angepriesen, für Männer wurde es dezidiert nicht gemacht. Niemand kann behaupten, ich wäre nicht gewarnt worden.
Tatsache ist, ich habe das Buch zu Ende gelesen – obwohl es mich zwischenzeitlich reichlich genervt hat. In den beiden ersten Dritteln ist alles dermaßen vorhersagbar, dass ich sogar Seiten überblätterte bis endlich die Handlung wieder fortgeführt wird. Entschädigt hat mich dafür das Finale, in dem sogar so etwas wie Spannung aufkommt.
Vieles in diesem Buch empfand ich als verwaschen. Vieles war mir zu breit ausgewalzt (v.a. die typischen Frauenbuchabschnitte, Mutter-Tochter-Kisten und (romantische) Befindlichkeiten), vieles – etwa die Entstehung der magischen Fähigkeiten der Protagonistin – war unvermittelt da, als ob es umso weniger Erklärungsbedarf gebe, je mehr Erklärungsbedarf es gibt. All dies mag schlicht meiner ungeplanten männlichen Leserperspektive entspringen. Unverzeihlich ist jedoch die eher schwache Schreibe der ganzen Geschichte, an der allerdings auch die Übersetzerin Schuld tragen könnte: "God knows." wortwörtlich mit "Gott weiß." zu übertragen kann eigentlich nur einer Übersetzungssoftware einfallen. Verständlich bei den Preisen, die für Buchübersetzungen gezahlt werden, aber trotzdem nicht akzeptabel.
Mein Bedarf an "Frauenromanen" (ein Begriff, der übrigens meine literarisch hoch gebildete Liebste zur Weißglut bringt) ist damit wieder für sehr lange Zeit gedeckt. Dem Zielpublikum könnte das Teil trotz alledem gefallen.
Katherine Howe: Das Hexenbuch von Salem. Page & Turner, München 2009. Geb., 512 S.

Alle sieben Wellen
Die dem Vernehmen nach von der Leserschaft mit aller Vehemenz eingeforderte Fortsetzung des Sensationserfolges Gut gegen Nordwind liest sich federleicht und zärtlich schmunzelig, genau wie das Original, besteht ausschließlich aus E-Mail-Rede und -Gegenrede, genau wie das Original, und lässt sich locker in einem Haps verschlingen, genau wie das Original. Letzteres liegt auch ganz banal daran, dass man die 218 Seiten des Romans, auf die herkömmliche Art gesetzt, auch auf 100 Seiten weniger hätte unterbringen können.
Herr Glattauer hat abgeliefert, was die LeserInnen wollen, dieses Mal unter Beachtung des ehernsten aller Gesetze einer romantischen Komödie. Bei aller Kunstfertigkeit ist aber ansonsten alles genau wie im Original und deshalb weniger originell, weniger überraschend, weniger prickelnd, weniger geistreich... Wem der windige Texte gefallen hat, wird sich auch an der welligen Schreibe ergötzen können, erwarten Sie sich aber kein neuerliches Aha-Erlebnis. Alle sieben Wellen ist sehr gut formuliert; damit sind die herausragenden Eigenschaften des Romans aber auch schon wieder vollständig aufgezählt.
Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen. Deuticke, Wien 2009. Geb., 218 S.

Beziehungswaise
Herr Birbæk spaltet die Leserschaft in 3/4 glühende Begeisterung und ¼ fanatische Ablehnung. Seine Bücher sind bissig-humorvoll (immerhin war der Mann mal Gagschreiber von Stefan Raab und Harald Schmidt), genauso aber warmherzig und lebensweise (bzw. im konkreten Fall für das ablehnende Viertel eher (lebens)müde). Die Themen sind nicht leicht: Eine Beziehung voller Liebe, aber ohne Sex – wie lässt sie sich führen? Was tun, wenn es zu Ende geht – mit der Partnerschaft oder dem todkranken Vater? Wichtige Entscheidungen stehen an, genau das, wovor Lasse, der abgehalfterte Standup-Comedian und Held des Romans, sich immer am liebsten gedrückt hat.
Ausgezeichnete Charakterstudien, tiefe Einblicke in die Menschenseelen, gewürzt mit sarkastischen Seitenhieben auf das tatsächliche Umfeld des Autors: Köln, das ist Karneval bis zum Auskotzen und das Zentrum der deutschen TV-Humorlandschaft. Meine 14jährige, lesemäßig sehr anspruchsvolle Tochter war von diesem "modernen Liebesroman" jedenfalls restlos begeistert.
Michel Birbæk: Beziehungswaise. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 496 S.

Lehrerzimmer
Sagen, ja denken Sie besser nichts über Lehrer und deren Los, bevor Sie diese Satire gelesen haben. Markus Orths ist selbst Lehrer gewesen, bevor er in den Literaturbetrieb einsteigen konnte, und daher ist dieses Buch in vielen Passagen schmerzhaft lebensnah; oder anders gesagt: es ist für alle außer Lehrern eine Satire. Für Lehrer ist es eher ein griffig formulierter Tatsachenbericht ...
Vier Säulen, erklärt der Direktor dem neuen Lehrer, vier Säulen gebe es, auf denen sich der gesamte Schulbetrieb stütze. Er nenne sie Angst, Jammer, Schein und Lüge. Lehrer ließen einfach alles mit sich machen. Ja, man sei sogar so weit gegangen, regelmäßige Folterungen einzuführen, um herauszufinden, was so ein Lehrer auszuhalten in der Lage sei. Hier fänden sie mittwochs in der sechsten Stunde statt und ein jeder sei verpflichtet, ihnen beizuwohnen. Man bezeichne die Folterungen als Konferenzen...
Natürlich gibt es gute und schlechte Lehrer, zwanghafte (Ober)lehrerhaftigkeit und Despotismus und dergleichen; es gibt aber auch enormes Engagement und Anteilnahme, wirkliche Fachkompetenz und didaktische Bravour – allein der in diesem Buch beschriebene, heillos verbürokratisierte und in einem allgegenwärtigen Klima der Angst von jedem vor jedem gefesselte und geknebelte Bildungsapparat, in dem Kollegialität und Vernaderung einander würgende Geschwister sind, erstickt Engagement und Eigeninitiative wie Löschschaum die Flammen. Wer es trotz aller systemischen Unbilden versucht und versucht, gehört mit großer Sicherheit sehr bald zu den 40% der Lehrer, die unter dem Burn-out-Syndrom leiden oder kurz davor stehen.
Das schmale Büchlein ist rasch gelesen, verändert aber nachhaltig die Perspektive auf die viel gescholtene Lehrerschaft. Zudem ist der Unterhaltungswert enorm – es sei denn, man oder frau ist LehrerIn ...
Markus Orths: Lehrerzimmer. dtv, München 2004. Tb., 160 S.

Der Himmel aus Bronze
Die faszinierende "Himmelsscheibe von Nebra" bildet den Aufhänger für den Auftakt zu einer Romantrilogie, die in einer sehr selten literarisch beackerten Epoche angesiedelt ist: der Bronzezeit.
Alvarez findet ihre ganz eigene, "authentisch bronzezeitlich" wirkende Sprache, die nach kurzer Eingewöhnungsphase enorme Sogwirkung entfaltet. Die feine Balance zwischen mysteryhältiger, spannender Handlung und kraftvoller, mit wenigen, sicheren Strichen gesetzter Figurenzeichnung ergibt ein überzeugendes Romangemälde mit Anleihen aus dem historischen, dramatischen und fantastischen Genre, dabei überaus stimmig und originär, manchmal hart und grausam, manchmal weise und immer sprachlich auf den Punkt gebracht. Einziger, unvermeidlicher Wermutstropfen: es ist nur der linke Flügel eines Triptychons.
Kurz die Handlung: Hayso sollte mit seinen 16 Jahren längst ein Mann sein, ist aber so fehlsichtig, dass ihm dieser soziale Aufstieg verwehrt bleibt. Dennoch schafft er es, in klirrender Kälte eine für unmöglich gehaltene Mission zu erfüllen; dabei begegnet er einem uralten, kultischen Geheimnis, einem toten Zauberer und 15 toten, mit Eis überzogenen Männern, denen die Augäpfel fehlen. Er, Hayso, der Nichtsnutz, erfährt bald darauf seine Bestimmung: Er ist der "Erwählte", dazu ausersehen, das Geheimnis des Himmels zu retten...
Viola Alvarez: Der Himmel aus Bronze: Die Steine des Gorr. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2008. Geb., 446 S.

Das gestohlene Kind
Sieben ist Henry, als er von Kobolden, Wechselbälgern, geraubt wird; einer von diesen wild und unzivilisiert lebenden, nie alternden 100-Jährigen in Kindergestalt nimmt seinen Platz ein. Passt sich an, formt seinen Körper, lebt sich ein; trotzdem er mit einem Mal ein musikalisches Talent an den Tag legt, das dem wirklichen Henry völlig fremd war, wird der Junge als Henry akzeptiert.
In jedem zweiten Kapitel erfahren wir die andere Sicht der Dinge: Jene des echten Henry, der mit elf anderen Wechselbälgern im Wald lebt, in der Mitte zwischen Steinzeit und Moderne.
Die beiden Welten nähern sich an, die Wege von Kind und Kobold kreuzen einander. Das Kind, dem sein Leben gestohlen worden war, will es zurück; der Kobold hasst seine Herkunft, die Natur, den Wald, kann aber dennoch mit seinen Schuldgefühlen wegen dem, was er Henry und dessen Familie angetan hat, immer schlechter leben. Kann es für diese ausweglose Situation eine Lösung geben?
Jung und alt, Kindheit und Erwachsensein, Natur und Kultur – in Donohues Debütroman ist die Polarität des Daseins die Grundform, und der US-Autor hat für seinen abenteuerlichen Entwicklungsroman eine ideale und höchst originäre Form zwischen Märchen und Realität gefunden. Zugleich ein leise wehmütiger Abgesang an den Verlust des Kind-Seins (Wild-Seins, Ungezähmt-Seins) als solchem und eine beeindruckende Bloßlegung des kommunikativen Grabens zwischen den Generationen gestattet der blendend geschriebene und übersetzte Roman letztendlich nur eine sehr vorsichtige Hoffnung; immerhin. Niemand hat behauptet, es würde einfach werden.
Keith Donohue: Das gestohlene Kind. C. Bertelsmann, München 2007. Geb., 445 S.

Zehn zärtliche Kratzbürsten
Industrierat Rauno Rämekorpi ist zwar ein ungeschliffener Kerl, aber dennoch ein wichtiger Mann – dementsprechend wird er zu seinem 60er mit Ehrungen, Geschenken und Blumensträußen regelrecht überhäuft. Dumm nur, dass seine Frau allergisch auf Blumen ist; da wegwerfen keine sympathische Option darstellt, begibt der märchenhaft vitale Mann sich auf eine Tour zu zehn Frauen – die zu zehn Geliebten werden. Als sie erkennen, dass sie Teil eines Harems sind, beschließen sie sich zu rächen...
Noch lakonischer als gewohnt macht sich Paasilinna, der hinterlistigste Simpel unter den Autoren, nach Kräften über Rollen- und Geschlechterklischees lustig, wobei ich mich allerdings des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass er mit der Männertraum-Lage, in der der Industrierat sich wiederfindet, zu sehr liebäugelt, um die für einen letzten Rest Glaubwürdigkeit nötige ironische Distanz zu wahren. Weshalb mir beim Lesen öfter als ein Schmunzeln der Gedanke "Das glaubt er jetzt aber wohl selber nicht" durch den Kopf gegangen ist. Keins von Paasilinnas besten für meinen Geschmack.
Arto Paasilinna: Zehn zärtliche Kratzbürsten. BLT, Bergisch-Gladbach 2008. Tb., 270 S.

Talk Talk
Dana Halter hat es geschafft, trotz ihrer Gehörlosigkeit ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Bis sie ein Stoppschild überfährt und verhaftet wird. Dana wird wegen einer Vielzahl von Vergehen angeklagt, die sie allesamt nicht begangen hat. Wie sich nach erniedrigenden Tagen im Gefängnis herausstellt, wurde sie Opfer eines Identitätsdiebstahls. Und kennt nur noch ein Ziel: Rache!
Boyle hat sich verändert: Seine Satire ist zahmer geworden, er liebt seine Figuren. Der Wortwitz um jeden Preis ist verschwunden und hat sich der perfekten Formulierung im Dienste der Geschichte unterzuordnen. Geblieben sind seine enorme Plastizität, mit der er dem Leser ermöglicht, in seine herbeigeschriebenen Lebenswelten einzutauchen und völlig darin aufzugehen. Im konkreten Fall ist es die Lebenswelt einer Gehörlosen, die uns Boyle nachempfindbar macht. Verwoben ist diese Perspektive in eine Story um Selbstachtung und Würde, gewürzt mit reichlich Thrillerelementen und der einen oder anderen Prise Romantik.
Der von vielen hoch geschätzte, von anderen als schwer lesbar empfundene US-Romancier geht den Weg der Altersweisheit, den er mit Dr. Sex begonnen hat, konsequent weiter und sollte sich damit neue Leserschichten erobern: Wenn auch anders im Tonfall ist Boyle so meisterlich wie eh und je - und dabei so gefällig wie nie zuvor.
T. C. Boyle: Talk Talk. dtv, München 2008. Tb., 458 S.,

Der Krüppelmacher
Der Apotheker Matthäus Arnolds hat es, großteils selbst verschuldet, im Köln des Jahres 1396 nicht leicht, über die Runden zu kommen. Seine finanziellen Nöte haben ihn erpressbar gemacht und ihm einen ekelhaften Nebenjob eingebracht: Er ist der Krüppelmacher, der im Auftrag einer Unterweltorganisation Menschen zu überzeugenden Bettlern verstümmelt.
Judith, Tochter eines Grafen, ist mit dem alternden Patrizier Hirtzelin verheiratet. Als dieser stirbt, muss die junge Frau erkennen, dass ihr angesehener Gatte ihr ein furchtbares Erbe hinterlassen hat.
Vor dem Hintergrund der brodelnden Metropole Köln, in der ein permanenter Totentanz sich über den Überlebenskampf der Menschen lustig zu machen scheint, und angesiedelt in der historischen Epoche, in der die Zünfte den Patriziern die Herrschaft entrissen, entfaltet Ruch ein pralles, detailreiches Panorama einer Zeit, die von Furcht, Aberglauben, Schmutz, Gestank, Elend, Hunger und überbordender Zurschaustellung von Macht, Reichtum und Einfluss geprägt war. Gut recherchiert, gut geschrieben, mit einem Hang zur Sensation, der vielleicht nicht jedermanns Sache ist, die Lektüre dieses Schmökers aber zu einer kurzweiligen Angelegenheit macht. Das Ende riecht leider stark nach Seifenoper, aber alles in allem empfehlenswerte Unterhaltung.
Günter Ruch: Der Krüppelmacher. Historischer Roman von Zabern. Mainz a. Rhein 2008. Geb., 492 S.

Die Eleganz des Igels
Der (wunderbare und wunderbar passende) Titel dieses Buches hat bei meiner Tochter völliges Befremden ausgelöst. Und dann geht es auch noch um eine Pariser Concierge, die sich selbst so beschreibt: "Ich bin Witwe, klein, hässlich, mollig, ich habe Hühneraugen und in gewissen Morgenstunden einen Mundgeruch wie ein Mammut." Dennoch ist sie ungemein gebildet und hält ihre Conciergenfassade lediglich als Schutzwall gegen die Welt der Reichen aufrecht. Und es geht um Paloma, die vom Leben enttäuschte, hyperintelligente 12-Jährige, die den Entschluss fasst, Selbstmord zu begehen.
Mit dem Gedanken: Seltsam, aber hat was, begann ich zu lesen. Verfolgte mit zunehmender Anteilnahme die manchmal verwirrende, stets kunstvolle, meist überaus eloquente, bisweilen köstlich amüsante und vor allem zum Ende hin tief berührende und immer leidenschaftliche Suche der Concierge (nach Schönheit und Wahrheit) und des Mädchens (nach dem Sinn des Lebens). Das Auftauchen eines neuen Bewohners in diesem großbürgerlichen Pariser Haus ändert alles: Herr Ozu scheint die Welt zu sehen, wie sie ist, nicht wie es ihm Konventionen und Standesdünkel eingeben.
Dieses Buch ist voller Wärme, Liebe und dem unbeugsamen Glauben an die Hoffnung, dass es das alles doch wert ist, gelebt zu werden. Dass sich Dinge und Menschen ändern können. Der Autorin, Absolventin einer Eliteschule und Lehrerin für Philosophie, sei deshalb verziehen, dass sie kompromisslos aus ihrem eigenen, klassisch hoch gebildeten und über alle Maßen belesenen Mikrokosmos heraus nicht immer Worte und Wendungen findet, die sich dem gewöhnlichen Leser erschließen. Manche Passagen gleichen einem abstrakten Gemälde: Auch wenn die Details vielleicht unverständlich bleiben, hinterlässt das Ganze doch einen, wie auch immer fassbaren Eindruck; und dazwischen erblühen immer wieder Kamelien im Moos. Wenn Sie wissen wollen, was das bedeutet, und für schöngeistige Satire, japanische Lyrik und verschlungene, philosophische Betrachtungen empfänglich sind, lesen Sie dieses Buch.
Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels. dtv premium, München 2008. Tb., 370 S.

Die Kriegerin des Lichts
Die Heldin des ersten Bandes der geplanten Trilogie Das Königreich von Corymb ist Feuerdorn, eine heilerisch begabte junge Frau, die aus bäuerlichen Verhältnissen stammt. Während eines Mittsommernachtsfests verbringt sie mit dem Ritter Galan eine leidenschaftliche Liebesnacht. Die beiden verlieben sich ineinander und das Mädchen folgt Galans Aufforderung, ihn als seine Geliebte ins königliche Heerlager zu begleiten. Dort herrschen raue Sitten und mehr als einmal steht nicht nur die Liebe, sondern auch das Leben des ungleichen Paares auf Messers Schneide.
Micklem schafft in diesem Roman eine imaginäre, aber realistisch anmutende mittelalterliche Welt und präsentiert diese überaus bildhaft in großer sprachlicher Intensität. Sie gewährt interessante Einblicke in die mittelalterliche Pflanzenheilkunde und in Details des ritterlichen Lebens im Krieg. Die eigens erfundene Götterwelt mit je einem männlichen und einem weiblichen Aspekt für jede Gottheit beeindruckt und wirkt glaubwürdig, wird jedoch etwas zu häufig für Erklärungen aller Art strapaziert. Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass der Roman am Titel vorbei geht: Feuerdorn entkommt zwar immer wieder gefährlichen Situationen, wirkt dabei aber eher wie ein gejagtes Tier als eine Kriegerin. Gibt man sich dem Sog der oft sehr spannenden und überraschenden Ereignisse und den eindrucksvollen Bildern hin, findet man in der Kriegerin des Lichts eine Gefährtin für lange Winterabende, die einen dankbar dafür zurücklässt, im Hier und Jetzt zu lesen und nicht die oft unappetitlichen Beschwerlichkeiten des mittelalterlichen Lebens auf sich nehmen zu müssen. (Gabriela Heidegger)
Sarah Micklem: Die Kriegerin des Lichts. Goldmann, München 2007. Tb., 670 S.

Der goldene Zug
1917: Die Romanows werden hingerichtet, die rote Revolution unter Lenin übernimmt in Russland das Kommando. Während Revolutionäre und Konterrevolutionäre gegeneinander stehen, Bündnisse mit Franzosen, Engländern, Deutschen und Amerikanern geschlossen, gebrochen und wieder geschmiedet werden, die Japaner ihre Interessen mit 100.000 Mann gesichert sehen wollen, die Tschechen in all dem Durcheinander auf maximalen Gewinn aus sind und polnische Loyalitäten sowie jüdische Absichten nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, rollt der goldene Zug: Angefüllt mit mehr als 500 Tonnen Gold, dem zaristischen Staatsschatz Russlands, entwickelt er sich zu seiner eigenen Welt – mit dem Potenzial, Kriege zu entscheiden und Nationen zu vernichten oder groß werden zu lassen.
Ein gigantisches Panorama tut sich auf, ein Schlachtengemälde von epischen Ausmaßen, in dem eine Vielzahl ausgesprochen gelungener Details zu entdecken ist; um den Überblick zu bewahren wäre es allerdings unerlässlich, die historischen Fakten der russischen Jahre 1917 bis 1920 im Schlaf herunterbeten zu können. Der Autor unternimmt nichts, um es uns leichter zu machen; im Gegenteil verstärkt er die aussichtslose Verworrenheit der Situation noch mit fortwährenden Sprüngen durch Zeit, Raum und Gedanken. Heraus kommt ein riesiger Eintopf, dessen im Einzelnen hervorragende, wenn auch mitunter etwas zu manierierte Zutaten nicht um die Burg ein größeres, gemeinsames Ganzes ergeben wollen: Goldene Nadeln in einem blutigen Heuhaufen. Einigermaßen schade – bei geringerer Verkopftheit und weniger Selbstverliebtheit des Autors hätte aus diesen Komponenten ein ganz großer Wurf entstehen können.
Bujko: Der goldene Zug. dtv, München 2007. Tb., 538 S.

Der Rattenzauber
Ein Frühwerk von Kai Meyer, als Taschenbuch wieder aufgelegt. Der Rattenzauber nimmt sich des historisch verbürgten Verschwindens von 130 Kindern aus dem mittelalterlichen Hameln an - und webt daraus eine für Meyer sehr typische Mixtur aus historischem Detektivroman, Fakt, Fiktion und einer ordentlichen Portion Mystery. Dieses Schema fand sich auch in meinem ersten Meyer, Das Buch von Eden. Und wie bei diesem fühlte ich mich in den mit spürbarer erzählerischer Routine vorgebrachten, im konkreten Fall historisierend klingenden Spekulationen auf der Basis geschickt eingesetzter und gut recherchierter Fakten ausgesprochen wohl – und konnte mit den Mystery-Elementen am wenigsten anfangen. Leider spielten diese, ebenfalls wie im Buch von Eden, die entscheidende Rolle bei der Auflösung der ganzen Geschichte, so dass auch dieses Mal wieder ein leicht schaler Nachgeschmack den eigentlich guten Gesamteindruck beeinträchtigte. Dennoch eine jederzeit unter lesenswert einzustufende Arbeit, die allerdings eine Neigung zu altertümlich klingender Sprache voraussetzt. Mir hat selbige den Einstieg etwas erschwert, ist man aber erst einmal drin, ergibt sich ein sehr stimmiges Gefühl.
Kai Meyer: Der Rattenzauber. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., 365 S.

Faustus
Kai Meyer bürgt für solide, gut durchdachte historische Romane. So auch in dieser Trilogie und Neuinterpretation der Geschehnisse um Doktor Johannes Faustus, angesiedelt im Deutschland des 16. Jahrhunderts. Die Story: Christoph Wagner erzählt seine Lebensgeschichte und wie er den sagenhaften Dr. Faustus kennenlernte, nebenbei nach Venedig und Rom reiste sowie im Spessart nach der Krone des Schlangenkönigs suchte. An einem Tag im Gefängnis, am nächsten zu Gast bei den Reichen und Mächtigen — wie das Rad der Fortuna sich weiterdreht, so ändert sich das Geschick von Dr. Faustus und seinem Famulus immer wieder. Wagner selbst ist ein geschwätziger, oft feiger Geselle, aber zu seiner eigenen Überraschung kann er sich oft genug beweisen und seinen Meister retten. Zeitgenossen von Dr. Faustus finden sich auch ein: Ich musste bei seinen Ideen über Martin Luther mehrmals schmunzeln, denn mir als Fachtheologin sagt jede lebendige Schilderung dieser Figur sehr zu. Auch die Gestalt des berüchtigten Borgia-Papstes Alexander ist gut gelungen. Aber am besten fand ich den Inquisitor Konrad: hier ist dem Autor wirklich eine schaurig-schöne Figur geglückt, die das Beste und Schrecklichste der Katholischen Kirche in einer Person vereint. Fazit: eine unterhaltsame Trilogie über den berühmtesten Schwarzkünstler aller Zeiten, spannend und interessant. Für Mittelalterfreaks von 12-99. (Anne Artner)
Kai Meyer: Faustus. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2007. Tb.,  700 S.

Die Rabenfrau
Wer Steinzeitschmöker mag und Interesse an einem Entwurf hat, wie steinzeitliche matrizentrische Stammesgemeinschaften organisiert gewesen sein könnten, der liegt mit diesem überaus fesselnden Buch goldrichtig.
Im Zentrum des sehr solid recherchierten und detailreichen Romans steht die junge Schamanin Ravan, deren Sippe eine mächtige, dreifaltige Muttergottheit verehrt. Männer spielen hier nur eine untergeordnete Rolle als Jäger und Bettgefährten, die auf das Wohlwollen der Frauen angewiesen sind, um einen warmen Platz am Feuer zu haben. Ravan wird spirituelle Führerin ihrer Gemeinschaft und muss sie durch schwere Zeiten führen, denn eine gewaltige Naturkatastrophe bedroht das Leben aller. Nur gemeinsam mit dem mächtigen Schamanen Godain findet die Sippe unter Ravans Führung einen Weg, ihrer Auslöschung zu entgehen. Dabei tobt aber auch ein gefährlicher Machtkampf zwischen der Männergottheit Godains und der weiblichen Gottheit des Stammes, die jedoch durch die große Liebe zwischen Ravan und Godain einen Ausgleich suchen. So wird deutlich, dass letztendlich nur eine gleichberechtigte Lebensweise sinnvoll sein kann.
Erwähnt werden muss auch die liebevolle und auffallend gelungene Buchgestaltung des Verlages. Das Umschlagmotiv ist sowohl inhaltlich als auch farblich passend, in den inneren Umschlagseiten sind detaillierte und informative Karten enthalten, auch ein Nachwort der Autorin, Überblick über die Sippen und Literaturverzeichnis fehlen nicht. Ideal für trübe Herbstabende! (Gabriela Heidegger)
Regine Leisner: Die Rabenfrau. Marion von Schröder Verlag, Berlin 2007. 429 S.

Stadt der Verlierer
„Wien ohne Wiener, das wäre ideal. Die Stadt ist ein Fall für die Neutronenbombe.“ Diesen Satz meint der zynisch-sarkastische „Held“ dieses Romans genau so, wie er ihn von sich gibt. Matthias Karner, habitueller Benutzer von vorzugsweise einsamen, älteren Frauen zur Befriedigung seiner egoistisch-brutalen Triebe, als Kind adoptiert und missbraucht, vor Lebensekel nur so strotzend, findet im Lainzer Tiergarten eine junge, schöne Selbstmörderin. Dank seines Eingreifens überlebt sie. Als sie jedoch zwei Wochen später mit Champagner vor seiner Tür steht, um sich für seine Hilfe zu bedanken und auch noch seine verschollene leibliche Mutter versucht, mit ihm in Kontakt zu treten, beginnen die Dinge ihren überaus verhängnisvollen Lauf zu nehmen.
Unter Verwendung einer raffinierten Doppelperspektive – die Autorin schafft mit Matthias einen fast brutal unmittelbaren Ich-Erzähler, setzt aber gleichzeitig einen neutralen, allwissenden Erzähler ein – spielt Faschinger gekonnt mit Elementen des Kriminalromans und des Psychothrillers. Wir folgen dem auf den ersten Blick eher durchschnittlich scheinenden Widerling Karner entlang eines Panoptikums skurriler, verkrachter Wiener Existenzen und erleben mit, wie seine kriminellen Energien und seine zwanghaften Obsessionen ständig zunehmen und wie am Ende alle von der Autorin gewobenen Schicksalsfäden zusammenlaufen. Dies ist nicht nur spannend, überaus unterhaltsam, wenn auch teils beklemmend, sondern ebenso witzig und skurril: so findet sich ein Privatdetektivduo bestehend aus Dr. Emma Novak und Mick, sie eine gescheiterte Wissenschaftlerin für feministische Altertumskunde, er ein hypochondrischer, übergewichtiger Esoterikfreak und Ex-Friseur, die versuchen, bissige alte Damen und ihre Hunde vor familiären Giftanschlägen zu retten. Oder Sissy Fux, lesbische, überaus mitteilsame Gerichtsmedizinerin mit einer Leidenschaft für italienische Fleischspeisen (vorzugsweise Innereien), die mit Selbstgekochtem die Privatdetektivin umwirbt. Alles in allem: eine echtes Gustostückerl mit Schlagobershaube. (Gabriela Heidegger)
Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer. Roman. Hanser Verlag, München 2007. 316 Seiten.

Reality-Show
Nach etlichen, wohldosierten Giftpfeilen, die stets in beispiellos glänzender Verpackung verabreicht wurden, sah Amélie Nothomb offenbar die Zeit für eine echte Breitseite gekommen. Den Anfang ihres neuesten Buchs machen Razzien, bei denen wahllos Leute in Konzentrationslager deportiert werden; zugleich können sich potenzielle Kapos, Gefangenenaufseher, melden. Denn das Ganze ist eine Show: Menschen werden gedemütigt, entmenschlicht, zu Tode gebracht — und alles ist im Fernsehen.
Mit der ihr eigenen Eloquenz seziert sie die Hybris der Massenmedien, die alles verachtende Geilheit des Publikums, lässt eine Anti-Utopie von kaum zu ertragender Bitterkeit entstehen. Und doch ist es nur konsequent, hat sie nur die bereits eifrig rotierenden Daumenschrauben der allerorten inszenierten Öffentlichkeit bis zum Anschlag gedreht.
Zugleich ist dieses Meisterinnenwerk ein zutiefst moralisches und ethisches Stück Erbauungsliteratur, das auf mögliche Auswege hinweist, auf das Fünkchen Licht selbst in der schwärzesten Dunkelheit, auf die immer und überall bestehende Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Das ist auch das wichtigste Argument gegen den einzigen negativen Kritikpunkt, der vorgebracht werden könnte: Die Autorin hat sich nicht darum gekümmert, irgendwie zu erklären, wie es zu dieser Show, den Razzien, den Hinrichtungen überhaupt kommen konnte. Es war für die Absichten der Schriftstellerin schlicht irrelevant.
Ich habe Amélie Nothombs für mich bisher eindrucksvollstes und wichtigstes Werk— und das will angesichts ihres Œuvres wirklich einiges heißen — binnen 24 Stunden zweimal gelesen. Es ist ein Kunstwerk auf allen Ebenen: die Wirklichkeit durchdringend, bis zum Ende gehend, virtuos ausgeführt, emotional und intellektuell aufwühlend, bis zum Würgen beklemmend und doch so voller Hoffnung, dass man das Buch schließt mit dem Gefühl, ein hartes, zutiefst befriedigendes Stück Arbeit vollbracht zu haben, nach dem der weitere Weg sich klarer und deutlicher denn je in der Zukunft abzeichnet.
Amélie Nothomb: Reality-Show. Diogenes, Zürkch 2007. Geb., 170 S.

Superhero
Donald ist 14. Er ist ein talentierter Comiczeichner, sterbenskrank und, natürlich, eine jungmännliche Jungfrau. Eltern und Freunde versuchen im Lebensmut einzuimpfen ohne zu sehen, dass Donald ohnedies mit allem kämpft, was er hat — und das sind insbesondere seine Fantasie und der Miracleman, das unzerstörbare Alter ego in seinem Comic, das als einziger seine geheimsten Gefühle und Gedanken nacherleben darf.
Ein alternde Psychologe, der das Leben an sich vorbeigleiten sieht, dringt weit genug zu Donald durch, um mehr zu verstehen als die meisten; die Rollen kehren sich um, bald lernt der Erwachsene durch Donalds Beispiel mehr über sich als umgekehrt. So entschließt er sich, einen wagemutigen Schritt zu setzen, um Donalds letzten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.
"Anthony McCarten schreibt Geschichten, die sind komisch, beklemmend und so traurig, dass es weh tut." wird am Umschlagtext der San Francisco Chronicle zitiert. So ist es, und Superhero ist ein weithin akklamiertes Beispiel dafür. Eindringlich, eigenartig, erstaunlich. Empfehlung!
Anthony McCarten: Superhero. Diogenes, Zürich 2007. Geb., 304 S.

Ein Bär im Betstuhl
Wenn Arto Paasilinna so skurril schreibt, dass es eigens zu erwähnen ist, wissen Eingeweihte, wie viel es geschlagen hat. Denn der "Kaurismäki des Buchs" kann ohnedies nicht anders, als sich in einer unnachahmlichen Mischung aus lakonischer Resignation und selbstmörderischer Reibelust mit allem anzulegen, was der Welt im allgemeinen und den Finnen im besonderen am Herzen liegen.
Diesmal sind die Helden ein Pastor ohne Glaube, der sich auf die Suche nach außerirdischer Intelligenz begibt, und sein Bär, der verblüffende Fähigkeiten in der Haushaltsführung und persönlichen Hygiene entwickelt. Auf der weiten, langen Reise der beiden ergeben sich zahllose Gelegenheiten für den Autor, sein lachhaft ernstes Universum in allen ausschmückenden Details darzulegen. Am Ende ist man zwar nicht klüger geworden, aber um ein weiteres Paasilinna-Erfahrungsstück reicher. Oder vielmehr um eine weitere Version seines Grundthemas: Der Irrwitz ist der Normalzustand, also entspannen Sie sich und genießen Sie die Show — von der Sie übrigens selbst ein Teil sind...
Arto Paasilinna: Ein Bär im Betstuhl. BLT, München 2007. Tb., 286 S.

Sumpfblüten
Carl Hiaasen, Kolumnist des Miami Herald, legt nach. Allerdings können die Sumpfgewächse mit "Der Reinfall" nicht mithalten. War dort noch ein stringenter Plot zu erkennen, bieten die Everglades diesmal nicht mehr als die Bühne für ein Sammelsurium skurriler Figuren, die irgendwo aufeinander treffen müssen, damit die Story in Gang kommen kann. Lauerte dort hinter dem Witz die ernsthafte Kritik am American Way of Life im allgemeinen und der Misshandlung der Everglades und der Umwelt im besonderen, ist dieses Mal nur noch vordergründige Komik zu finden.
Selbige allerdings ist ausgesprochen gelungen: Wen es nicht stört, nach der Lektüre in keiner Form klüger, erbauter oder irgendwie erhellter worden zu sein, kann sich an einem mit viel Verve inszenierten und mit herrlichen Wortschöpfungen gewürzten Slapstickgewitter erfreuen, das ein ums andere Mal zu herzlichem, lautem Lachen reizt. "Hinreißende Situationskomik und genialer Witz der Extraklasse" verspricht der Rückentext; genau das und nichts mehr bekommen Sie geliefert.
Carl Hiaasen: Sumpfblüten. Manhattan, München 2007. Tb., 380 S.

All About Dad
Rosalind oder Ros ist 14, als sie ihren Vater kennenlernt - dem Spender, wie sie ihn vorzugsweise nennt, denn aufgewachsen ist sie bei Mom und Mommy, ihrem lesbischen Mutterpärchen. Das bei einem grausam absurden Unfall ums Leben gekommen ist, begraben unter einer Lastwagenladung gefrorener Truthähne.
Sean, der Spender, will mit der Übernahme der Vaterrolle die Leere in seinem Leben auffüllen; was es allerdings bedeutet, einen vor Trauer Amok laufenden Teenager zu beherbergen konnte er sich aller Warnungen zum Trotz wirklich nicht vorstellen.
Der Autor des als moderner Briefroman gestalteten Geschichte lebt selbst als allein erziehender Vater und schafft es vorzüglich, immer den richtigen Ton zu treffen. Obwohl er Amerikaner ist, kommt die mal freche, mal anrührende oder komische Story very british rüber - was in diesem Zusammenhang unbedingt als Kompliment zu verstehen ist.
Erfrischend, ironisch, berührend - für Nick-Hornby-Fans, Väter mit pubertierenden Töchtern und Teenager mit überforderten Eltern.
Brendan Halpin: All About Dad. Gustav-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 2006. Geb., 266 S.

Kryptum
Ein geheimnisvoller, uralter Code, Schlüssel zum grundlegenden Denk- und Sprechmuster der Menschheit, verborgen auf einem in 12 Teile zerteilten Pergament. Nicht nur Titel und Aufmachung erinnern an die Rätselmysterie-Rallyes á la Dan Brown; der Medienwissenschaftler und Drehbuchautor Vidal hat sich auch inhaltlich und selbst vom Diktus her merklich an der Erfolgswelle um den us-amerikanischen Thrillerautor angehängt. Umso drängender sein Verlangen nach der Klarstellung, er habe "zehn Jahre" an diesem Roman gearbeitet, dessen "Entstehungsgeschichte" aber "noch viel weiter zurück" reiche und der "unabhängig von jeglichen Zeiterscheinungen entstanden" sei.
Freilich nützt das alles nichts - Science und Mystery, Fact und Fiction, diese Kombination wird heutzutage an Dan Brown gemessen. Auch wenn Hr. Vidal beteuert, keine These untermauern zu wollen, sondern den Wunsch hegt, die Leser wieder zum Staunen zu bringen.
Staunenswert ist leider vor allem eins: Wie der Autor nach einem verheißungsvollen Beginn Chance um Chance vergibt, einen spannenden Text zu schreiben. Da werden Cliffhanger eingebaut, deren Auflösung im nächsten Kapitel an das "Was bisher geschah" von TV-Serien erinnert; da wird in den historischen Abschnitten im Bemühen um Gegenwärtigkeit im Präsens erzählt, an das ich mich keine Sekunde gewöhnen konnte. Nimmt Vidal den Leser anfangs noch vorbildlich an der Hand, um ihn durch sein Mystery-Labyrinth zu lotsen, wird alles statt klarer mit Fortdauer der Handlung immer undurchsichtiger - bis zum absoluten Tiefpunkt des Romans, gleichbedeutend mit dem Schluss. In den Sand oder vielmehr eine unbeschreiblich vage, nebulöse energetische Erscheinung gesetzt. Wie kann man bloß so einen Roman enden lassen?
Nebulös bleiben im Übrigen auch die Charaktere der Geschichte; was nicht zuletzt daran liegen mag, dass der Verfasser einfach keinen Biss hat. Er packt nicht zu, weicht allen Actionszenen aus, redet um den heißen Brei herum, nennt die Dinge nicht beim Namen. Je konkreter es werden sollte, desto undeutlicher wird der Text. Und das Ganze ärgerliche 800 Seiten lang.
Agustín Sánchez Vidal: Kryptum. dtv premium, München 2006. Sc., 744 S.

Der Sohn der grünen Insel
Stephen Lawheads neuester ausladender Historienroman zeichnet den wirren und schmerzhaften Lebensweg des irischen Nationalheiligen Patrick nach. Wer jedoch nun religiöse Erbauung oder christliche Inspiration erwartet, möge danach woanders suchen: Der junge Patrick, geboren als römisch-britischer Adeliger namens Succat, ist ein verwöhnter, nicht eben sympathischer Bursche mit zweifelhafter Moral. Ein Überfall irischer Piraten an der walisischen Küste im Jahr 405 verändert sein Leben dramatisch. Er wird als Sklave nach Irland verschleppt und muss dort unter erbärmlichen Umständen als Schäfer dienen. Mehrere Fluchtversuche scheitern und sein Leben steht auf Messers Schneide. Zu Succats Glück erregt er aber die Aufmerksamkeit eines Druiden, der ihn ausbildet und in die alten Geheimnisse und Riten seines Standes einweiht. Nach einigen Jahren gelingt dem jungen, willensstarken Mann doch noch die abenteuerliche, oft lebensgefährliche Flucht quer durch das von der Völkerwanderung heimgesuchte Europa. Verarmt und vereinsamt verschlägt es ihn als römischen Soldaten auf die Schlachtfelder Germaniens und schließlich nach Rom. Dort gewinnt er Ruhm und gründet eine Familie, doch wiederum wird ihm entrissen, was ihm lieb ist. Es drängt ihn zurück nach Irland, wo er seine wahre Berufung sieht und eine neue Heimat zu finden erhofft.
Der Roman hat einige Qualitäten: eindeutig wurde gut recherchiert, was den vielen historischen Schauplätzen viel Glaubwürdigkeit verleiht. Auch der sprachliche Hintergrund ist interessant, es finden sich lateinische, altirische und altenglische Ausdrücke und Redewendungen. Faszinierend sind sicher die römischen Schlachtszenen sowie die Darstellung der um sich greifenden Pest. Allerdings ist das Ganze stilistisch doch ein wenig trocken, die Charakteristik einiger Figuren und der Plot sind häufig nicht eben glaubwürdig.
Vor allem aber endet das Buch dort, wo die charakterliche Entwicklung und echte Läuterung des Helden erst angedeutet ist – man erfährt nicht, wie es dazu kommt, dass er zum Missionar wird und kann es sich auch nicht vorstellen, was einen seltsam unrunden Eindruck hinterlässt. (Gabriela Heidegger)
Stephen Lawhead: Der Sohn der grünen Insel. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 2006. Tb., 685 S.

Der Sohn des Donnergottes
Die alten Götter Finnlands sind bestürzt: (Fast) kein Mensch glaubt mehr an sie. Der Sohn des Donnergottes kommt auf die Erde und erkennt: Nicht Jesus ist die Konkurrenz - das Volk glaubt an nichts mehr, weil es ihm zu gut geht. Jesus Heilungen erweisen sich indes als perfekte PR-Strategie, um den Finnen den alten Glauben zurückzugeben; nur das nicht Blinde, Aussätzige und Tote behandelt werden, sondern Finnlands Volkskrankheit Nr. 1: Gemütsstörungen jeder Preisklasse.
Paasilinna wie man ihn kennt und liebt: absurd, lakonisch, treffsicher.
Arto Paasilinna: Der Sohn des Donnergottes. BLT, Bergisch-Gladbach 2001. Tb., 302 S.

Stein des Bösen
Der Romanerstling Elizabeth Redferns hat alles, was ein guter historischer Roman braucht:
Ned Warriner, königstreuer Abenteurer, immer im Kampf für das Gute tätig, flieht aus einer Zeit des (natürlich ungerechtfertigt verhängten) Exils ins London des Jahres 1609 zurück, in dem Intrigen und Verbrechen alltägliche Normalität zu sein scheinen. Eine alte Liebe zu einer unerreichbaren Londoner Schönen ist es, die ihn sein Leben riskieren lässt.
Der Weg in sein Verderben scheint klar vorgezeichnet zu sein: er gewinnt in einem Würfelspiel einen geheimnisvollen Brief, der vorgibt, das Rezept zur Herstellung des Steins der Weisen und damit zur Goldherstellung zu enthalten. Unmittelbar darauf wird Warriner klar, dass er verfolgt wird. Jeder, dem er von dem geheimnisvollen Rezept zur Herstellung des Steins der Weisen erzählt, kommt auf grausame Weise ums Leben. Auch rund um den Königshof spielen sich seltsame Dinge ab: ist tatsächlich eine Verschwörung gegen den König im Gange? Und welche Rolle ist Warriner, dem ehemaligen Günstling eines der einflussreichsten Barone des Landes, darin zugedacht?
Die Autorin rollt in gekonnt eingesetzter, überaus angenehm zu lesender Sprache die sehr spannenden, undurchsichtig verwobenen Ereignisketten auf. Man begibt sich in Londons Unterwelt, lernt echte Outlaws und dekadente Adelige, korrupte Beamte und wahre Helden kennen. Die größte Qualität des Romans aber liegt in der Kunst der Autorin, eine unglaubliche Nähe zum Geschehen und größte atmosphärische Dichte herzustellen, indem sie mit Sprache Gerüche wahrnehmbar macht. Egal, ob es der Geruch des sinkenden Herbstnebels über der Themse, die Düfte einer geliebten Frau, die Ausdünstungen der Gefängnisse und der Gosse Londons oder die Gerüche einer alchemistischen Werkstatt sind, man hat sie alle unweigerlich in der Nase.
Nur einmal habe ich bisher in einem Roman (muss ich sagen, in welchem?) erlebt, dass Gerüche jeder Art so unmittelbar nachvollziehbar gemacht wurden. Beeindruckend, Frau Redfern! (Gabriele Heidegger)
Elizabeth Redfern: Stein des Bösen. BLT, Bergisch Gladbach 2006. Tb., 539 S.

Gut gegen Nordwind
Emmi möchte ein Like-Abo abbestellen - und gerät irrtümlich per E-Mail an Hrn. Leike. Die beiden beginnen sich zu schreiben, witzig zuerst, dann immer privater und bald intimer und, unter Zuhilfenahme einiger Flaschen Wein, auch mal anzüglicher. Langsam aber sicher werden sie nichts weniger als ein Liebespaar - ohne jemals dem Anderen in die Augen gesehen zu haben. Sie wollen sich treffen - aber was wird dann sein? Können die Traumbilder der Wirklichkeit überhaupt standhalten? Und wenn ja - was wird dann aus Emmis glücklicher Ehe mit zwei Kindern?
Pointiert formulierte E-Mail-Affäre, die man bestens in einem Rutsch lesen kann. Der geübte Sprachspieler Glattauer versetzt uns in einen virtuellen Raum, der sich als genauso real und Wirklichkeit beeinflussend herausstellt wie nur irgendetwas: Gedanken mögen frei sein, sie sind auch das einzig Wahrhaftige, der Urgrund aller Realität. Sehnsucht schmerzt und entfremdet vom Hier und Jetzt - und die virtuelle Sehnsucht ist die schlimmste, denn gegen einen Traum ist die Wirklichkeit machtlos...
Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. Deuticke, Wien 2006. Geb., 224 S.

Die Liebenden des Lichts
Gerta, eine höhere Tochter, wechselt vom bürgerlichen Wohlstand Leipzigs in die Geltungs- und Genusssucht des Paris der 30er Jahre - und fühlt zwischen Smalltalk, Standesdünkel und blasierten Gesichtern das Leben an sich vorüberziehen.
Bandi, ein ungarischer Jude mit Selbstvertrauen nahe dem Größenwahn und politischer Nähe zum Linksradikalismus, kann erste Erfolge als Fotograf einer Berliner Agentur vorweisen - bis ihn die Nazifizierung Deutschlands 1933 zum Flüchtling macht.
Im mondänen Paris begegnen die beiden einander in einer symptomatischen Situation: Sie begeht ihre Verlobung - er kämpft als Tellerwäscher ums Überleben. Eine unmögliche Liebe? Ja - und nein. Denn unter den Namen Gerta Taro und Robert Capa ist ihre Liebe in die Geschichte eingegangen.
Die Liebenden des Lichts beruht weitgehend auf historischen Tatsachen; André Friedman alias Bandi alias Robert Capa war einer der berühmtesten (Kriegs)fotografen seiner Zeit, Begründer der Fotoagentur Magnum und Mitbegründer des Berufsbildes Fotoreporter im modernen Sinn überhaupt; in Gerta Pohorylle alias Gerta Taro fand er die Liebe seines Lebens und eine kongeniale Partnerin.
Gerta Taro und Robert Capa, historischDer Roman ist ergreifend ohne jemals kitschig zu sein, bestens recherchiert und historisch interessant und lehrreich, wirklich gut geschrieben und eignet sich, wie es sich für eine gute Liebesgeschichte gehört, um in großen Gefühlen zu schwelgen und die eine oder andere Träne zu verdrücken.
Ein wunderbares, eindringliches Buch, das nebenbei ein gelungenes Panorama seiner Zeit entwirft - Sylvia Beach, Henry Miller, Anaïs Nin sind nur einige der berühmten Zeitgenossen von Bandi und Gerta, die in ihrer Geschichte ebenfalls eine Rolle spielen.
Eine Empfehlung insbesondere für Leser, die üblicherweise weniger mit Romantik anzufangen wissen - Freundinnen von (historischen) Liebesgeschichten sollten ohnedies unter keinen Umständen an diesem Buch vorbeigehen.
Mirjam Wilhelm: Die Liebenden des Lichts. BLT, Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2006. Tb., 541 S.

Extra Scha(r)f
Obwohl der Titel etwas irreführend erscheinen mag, ein wirklich lustiges Werk voller zwar vorhersehbarer, jedoch trotzdem gelungener Hoppalas. Die Story: Charlie (Charlotte) ist 24, Halbgriechin, lebt in London und verdient sich ihre Brötchen in einem Fitness-Studio der Extraklasse, "The Zone", einem Tempel der Jungen, Reichen und Schönen. Von heute auf morgen wird sie zur Managerin ernannt, womit die Probleme erst so richtig losgehen. Ihr Vater lässt unter dessen nichts unversucht, sie (endlich!) unter die Haube zu bringen. Einen passenden Kandidaten - selbstverständlich ein Grieche - hätte er auch schon im Auge: Dino, einen jungen Arzt. Charlie und Dino verabscheuen einander auf den ersten Blick...
Egal ob erpresserische jüngere Geschwister, die Scheinheiligkeit der Bussi-Bussi-Adabeis, die Freuden der erzwungenen Verwandtenbesuche oder Charlies Spagat zwischen Angepasstheit und Identität: Ich habe teilweise Tränen gelacht ob der gelungenen Situationskomik! Das Spiel mit den Polaritäten gelingt zu 90 % und ermöglicht Zwerchfellgymnastik vom Feinsten. Besser als Helen Fielding! Fazit: Ideal für Frauenversteher und solche, die es noch werden wollen sowie für FreundInnen der leichtfüßigen Muße von 14 bis 99. (Anne Artner)
Maria Beaumont: Extra Scha(r)f. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2006. Tb., 420 S.

Die Arbeit der Nacht
Vorab ein Geständnis: Ich habe nur bis zur Seite 122 durchgehalten. Trotzdem habe ich den ganzen Roman gelesen. Wie das möglich ist? Ganz einfach: Es steht Seite für Seite in endloser, zermürbend langweiliger Wiederholung immer wieder dasselbe drin. Glavinic macht so gut wie nichts aus seiner obskuren Ausgangssituation (der Held wacht ohne erkennbaren Grund eines Morgens als einziges atmendes Wesen auf dem ganzen Planeten auf), die er sich zudem ausgesprochen schlampig durchdacht hat - warum funktionieren Strom und Telefon, nicht aber das Internet? Und sollte alles nur ein einziger unendlich langatmiger Alptraum sein, bei dem man - wie bequem und praktisch - auf jegliche Storylogik pfeifen kann, dann bleiben immer noch die sprachlichen Unzulänglichkeiten zu bekritteln: Das Zeug ist einfach schlecht geschrieben. Zeitverschwendung, deren angebliche psychologische Raffinesse in einem Meer von Redundanz unauffindbar wird.
Thomas Glavinic: Die Arbeit der Nacht. Hanser, München Wien 2006. Geb., 395 S.

Chez Max
Wir schreiben das Jahr 2064. Ort der Handlung: Paris - eindeutig diesseits des 60.000 km langen Zauns, der die fortschrittliche, demokratische Erste Welt des Großraums Eurasien von den Fanatikern und Terroristen des übrigen Planeten trennt. Freilich nicht allein: Bespitzelung ist unter dem Titel "Prävention" zur noblen Kunst geworden, und wirklich werden Verbrechen am besten schon geahndet, bevor sie begangen werden. Verantwortlich dafür sind die Ashcroft-Männer - wie Max Schwarzwald, offiziell Besitzer des Feinschmeckertreffs "Chez Max", und sein verhasster Kollege Chen Wu, der seiner Spionage unter dem Deckmantel des Bezirksgärtners nachgeht.
Arjouni hat sich einmal mehr völlig neu erfunden. Im Tonfall wieder ironischer als bei seinen Hausaufgaben, in seinen Prophezeiungen beklemmend, in seinem Zukunftsbild subtil sarkastisch. Die elitäre, politisch überkorrekte und auf raffinierte, huxleysche Weise alles normierende Gesellschaft der Zukunft hat tief in die Ethikkiste gegriffen und dort das Unterste zuoberst gekehrt. Der Wertewandel ist vollzogen, die Denunziation zum Beweis der Anteilnahme geworden. Das Schlimmste an Arjounis Text aber ist das würgende Gefühl, dass er lediglich bestehende gesellschaftspolitische Strömungen konsequent weitergeführt hat...
Jakob Arjouni: Chez Max. Diogenes, Zürich 2006. Geb., 223 S.

Das Vermächtnis der Wanderhure
Mit Sehnsucht und Spannung habe ich auf den Abschluss der Geschichte um die ehemalige Wanderhure Marie gewartet. Dummerweise hat mir mein Mann sofort nach Erblicken des Bandes diesen förmlich aus den Händen gerissen und ich musste mich gedulden, bis er fertig war... Die Story: Marie reist als Hochschwangere zu ihrer besten Freundin Hiltrud, ihre Feinde erfahren jedoch davon. Marie wird gefangen genommen und bringt ihr Kind in der Burg ihrer Todfeindin zur Welt. Um Marie ein für alle Mal auszuschalten, verkauft sie ihre Todfeindin als Sklavin. Marie reist immer weiter in den Osten und hier kann sie ihre Heilkundekenntnisse einsetzen, um als Amme den Sohn eines russischen Großfürsten zu heilen und zu pflegen.
Ihrem um sie trauernden Mann Michel wird der Zwischenzeit vom Kaiser befohlen, sich wieder zu verheiraten. Michel folgt dem Befehl alles andere als willig, denn er will sich einfach nicht mit Maries Tod abfinden. Werden Marie und Michel sich wieder sehen? Wie wird die Kabale wohl ans Licht gebracht werden?
Mit erstaunlicher Sachkenntnis, Verve und sichtlicher Freude am Erzählen verfasst - ein echter Gewinn für jeden Bücherwurm! Der Autorin gelingt es mit müheloser Leichtigkeit, die verschiedensten Menschen als lebendige ZeitgenossInnen erscheinen zu lassen. Das ist wahrlich große Erzählkunst! (Anne Artner)
Iny Lorentz: Das Vermächtnis der Wanderhure. Knaur, München 2006. Geb.,
700 S.

Der Reinfall
..steht ganz am Anfang der Geschichte: Joey Perrone stürzt vom Deck eines Luxuskreuzers - ihr zweiter Mann, ein Urbild eines schleimigen, feigen, schwanzgesteuerten Arschlochs, hatte tatkräftig nachgeholfen.
Der erste grobe Fehler in Chaz Perrones genialer Planung: Joey überlebt. Sie beschließt, gerettet von einem frühzwangspensionierten Ex-Polizisten, auf Rachefeldzug zu gehen und ihren mörderischen Gatten nach allen Regeln der Kunst fertigzumachen.
Ein Umstand bereitet ihr besonderes Kopfzerbrechen: das Motiv der Tat. Denn ihr vieles Geld käme nicht Chaz zu gute...
Die Everglades, das einzigartige Sumpfgebiet Floridas, bzw. die hartnäckigen Versuche der ansässigen Wirtschaftsbetriebe, deren Überreste als billige Jauchegrube in den Biozid zu treiben, bilden den ernsthaften Rahmen für eine wilde Räuberpistole voller schriller Typen, die im Stile einer klassischen Screwballkomödie immer ein wenig überzeichnet, aber dafür umso unterhaltsamer wirken. Der Autor ist Starkolumnist des Miami Herald und bei den Reichen und Mächtigen ausgesprochen unbeliebt - u.a., weil er die fortgesetzte, exzessive Umweltvernichtung immer wieder anprangert. In diesem Bestseller konnte er es sich nach Lust und Laune richten, deshalb bekommt am Ende jeder genau, was er verdient. Was das witzige Lesevergnügen in tiefer Befriedigung ausklingen lässt.
Der Reinfall ist ideale Strandlektüre - komisch mit Niveau, skurril mit Herz, ein bisschen spannend und ein ganz klein wenig ernsthaft.
Carl Hiaasen: Der Reinfall. Manhattan, München 2006. Tb., 475 S.

Die Stadt der Toten
Zahlreichen afrikanischen Mythen zufolge existiert ein Stadium zwischen dem Leben und dem endgültigen Tod, mit dem die Verblichenen zu Ahnen werden: als lebendig Tote werden jene betrachtet, an die sich noch Lebende erinnern.
In Brockmeiers detailreich und dramatisch erzählter Geschichte befinden sich diese "lebendig Toten" in einer unüberschaubar riesigen Stadt und führen ein meist glückliches zweites Dasein. Als jedoch unter den Lebenden eine Pandemie ausbricht und die Menschen zu Millionen dahinrafft, beginnt sich die Stadt plötzlich zu leeren, bis nur noch einige Tausend übrig sind. Und alle scheinen irgend etwas mit Laura Byrd zu tun zu haben, die in der Antarktis um ihr Überleben kämpft. Der letzte Mensch auf Erden...
Eine reizvolle Grundannahme und teilweise mitreißende Schilderungen in sorgsam gewählter Sprache sind die Stärken dieses Romans; letztlich einsehen zu müssen, das wirklich das Nichts übrigbleibt, ist zwar konsequent, hinterlässt aber ein schales Gefühl und sorgt auf der dramaturgischen Ebene für eine Verflachung zum Ende hin. Auch kann der Autor die Qualität seiner Darstellung nicht immer halten.
Der Pessimismus der Geschichte ist geradezu arrogant; an sich kann ich den Bemühungen zahlreicher Dichter und Denker, der Menschheit mehr Bescheidenheit und Demut beizubringen, viel abgewinnen; das in dieser Version dargestellte Ende des Homo sapiens sapiens (für so gescheit halten wir uns!) ist jedoch derart unspektakulär und nebensächlich, dass jeder wahre Nihilist seine Freude daran hätte.
Nun, ein Buch, das man zu Ende liest und das u.a. Ärger auslöst, muss schon seine Qualitäten haben. Deshalb braucht man es ja nicht gleich zu lieben.
Kevin Brockmeier: Die Stadt der Toten. Sammlung Luchterhand, Random House, München 2006. Tb., 255 S.

Das Zeichen der Venus
Die Zeit in Florenz, als für einige Jahre ein Gottesstaat anstelle der Dei `Medici herrschte, ist der Schauplatz dieser Geschichte. Erzählerin ist Alessandra, aus gutbürgerlichem Haus, jung, verwöhnt und eigensinnig. Alessandra besitzt ein großes, jedoch peinlich genau verborgenes Talent: Sie kann sehr gut zeichnen. Auch ein Treffen mit einem geheimnisvollen Maler, der im Auftrag ihrer Eltern die Hauskapelle ausmalen soll, wird zu verhindern versucht.
Währenddessen zieht ein Mörder seine grausige Spur durch die Stadt und hinterlässt an allen möglichen Orten übel zugerichtete Leichen. Eines Nachts entdeckt Alessandra im Zimmer des Malers die Abbildung einer der Leichen. Wie viel weiß der Maler? Wer ist er überhaupt? Und welche Geheimnisse werden wohl noch auf Alessandra warten?
Finde ich lustig, denn in dem Werk Wir sind das Salz von Florenz von Tilman Röhrig wird die Ausgangssituation ja recht ähnlich formuliert. Aber in diesem Werk liegt das Interesse auf Alessandra....
Eine spannende Geschichte, eine lebenshungrige Heldin, die mutiger ist, als ihr und ihrer Umgebung gut tut, ein stimmiges Sittenbild über die dekadente "Signoria", also Florenz, eine Liebeserklärung an die Freuden der Wissenschaft(en) - netter historischer Schmökerstoff. (Anne Artner, Red.)
Sarah Dunant: Das Zeichen der Venus. Lübbe, München 2006. Tb., 500 S.

Blumen für Algernon
Charlie Gordon, 33, ist schwachsinnig, aber gutherzig und lernwillig. Er wird für ein einmaliges Experiment ausgewählt: Eine Kombination aus einem neurochirurgischen Eingriff und der Gabe von Hormonen soll ihm als ersten geistig behinderten Menschen zu hoher Intelligenz verhelfen - wie es erfolgreich mit der Maus Algernon gemacht worden ist.
In kürzester Zeit wird aus Charlie ein nie da gewesenes Genie mit einem IQ jenseits des Messbaren. Er erinnert sich an seine Zeit als Retardierter und lernt die Welt mit gänzlich neuen Augen zu betrachten. Doch dann wird ein Fehler offenbar, und das Experiment nimmt eine tragische Wende...
Emotionale versus logische Intelligenz, die Zweischneidigkeit von Wissen, das Beziehungsleben aus Extremstpositionen - Daniel Keyes ungemein anrührender Text (1966 erschienen) gilt als Klassiker der modernen Science Fiction, ist aber viel mehr ein gefühlvoller und durchwegs gelungener Versuch, sich mit dem Anderssein zu befassen. Charlie ist in seinem Sozialleben immer behindert - ob dümmer oder genialer als alle anderen ändert nichts.
Die Ich-Perspektive des Romans versetzt den Leser unmittelbar in die sich verändernde Geisteswelt Charlies, lässt uns mit ihm die Augen öffnen, in andere Augen sehen, auf andere herabblicken; wie allzu menschlich erscheint es doch, sich über jeden zu erheben, der dies zulässt oder zulassen muss...
40 Jahre nach seinem Ersterscheinen ist Blumen für Algernon frisch wie am ersten Tag - ein Plädoyer für Toleranz, Geduld und wahre Menschlichkeit, die über den Tellerrand des Gewohnten hinauszublicken vermag.
Daniel Keyes: Blumen für Algernon. Übersetzung von 1970 durchgesehen. Klett-Cotta, Stuttgart 2006. Geb., 298 S.

Die Heimkehr
Angesichts des geballten Schulterschlusses der etablierten Kritikergemeinde wagt man kaum, anderes als Begeisterung für Bernhard Schlinks neues Buch zu verlauten. Woher diese Einmütigkeit wohl kommt?
Die Heimkehr ist eine in schlinkscher Prosa (hochpräzise, wohlgesetzt, juristisch coloriert) gefasste Erzählung, die sich in etlichen Windungen um sich selbst wickelt, um am Ende ein unaufgelöstes, aber zumindest etwas anders angeordnetes Knäuel zu hinterlassen. Da ist Peter Debauer, der in einem Heftchenroman-Fragment eine unerklärlich faszinierende Heimkehrergeschichte entdeckt, die ihn nicht mehr loslassen wird - sie enthält Bezüge zu seiner Heimat. Der Groschenroman nimmt Anleihe an der Odyssee und auch Schlinks Roman wird immer mehr zur Irrfahrt, querbeet durch die deutsche Nachkriegsgeschichte, durch ein Dickicht undurchdringlicher Lügen und Halbwahrheiten, hin zu Debauers Herkunft und damit seinem Selbstverständnis als Mensch.
Man kann all dem mit der gebührenden Aufmerksamkeit folgen, manches leuchtet mehr, manches weniger ein. Spannend oder fesselnd ist das ausgesprochen selten. Witz hat es absolut keinen. Der Handlungsbogen, der erst nach der Hälfte des Romans erkennbar wird, ist bröckelig und unrund wie ein halb verfallenes Gebäude.
Unterm Strich bleibt eine nur dank ihrer sprachlichen Reife lesenswerte Prosa, die rechtsphilosophische Fragen aufwirft und diskutiert, über Schuld und Verantwortung spekuliert, der Gerechtigkeit hinterherspürt... alles sehr gescheit und wenig relevant außerhalb eines kleinen Zirkels schöngeistiger Männer des Rechts.
War es die Zeit wert? Ist mir etwas klarer geworden? Leider nein, Herr Schlink.
Bernhard Schlink: Die Heimkehr. Diogenes, Zürich 2006. Geb., 375 S.

Attentat
Als erklärtem Fan von Amélie Nothomb habe ich mich vermutlich zu sehr auf die Lektüre dieser jüngsten Neuerscheinung gefreut. Sicher, die Autorin glänzt auch in diesem Band wieder mit ausgefeilter Eloquenz, lässt ihren scharfen Intellekt auf das saturierte Bildungsbürgertum herniederfahren wie ein Teufel in Engelsgestalt. Ihr Thema diesmal: die Schönheit oder was wir dafür halten. Ihr Held ist die Antithese von Schönheit: Epiphane ist gebildet und wortgewand, muss aber mit dem Aussehen einer Missgeburt leben. Wirklich witzig, wie er einer großen Modelagentur erfolgreich einredet, ihn, die Hässlichkeit in Person, für den Laufsteg zu gewinnen - denn erst angesichts seiner Monstrosität wird die Schönheit der Mädchen so richtig zur Geltung kommen...
Leider übertreibt es Amélie Nothomb in diesem fast 10 Jahre alten Text für meinen Geschmack: Die Figur des Epiphane ist zu künstlich, um irgendwann glaubhaft zu wirken. Die Dialoge wirken prätentiös. Und das Ende bewirkt keine erfreute Verblüffung, sondern nur Stirnrunzeln. Von den 5 Büchern aus der Feder der Französin, die ich kenne, das eindeutig schwächste. Wie definierte doch Karl Kraus den Feuilleton? "Auf einer Glatze Locken drehen."
Amélie Nothomb: Attentat. Roman, Diogenes, Zürich 2006. Geb., 194 S.
bei amazon kaufen: EUR 19,50

Vincent
Echte Künstler waren und sind Leidende, vom Leben Gezeichnete, alkohol- und tablettensüchtig, von TBC infiziert und Opfer eines frühen Todes - vorzugsweise per Attentat oder Selbstmord. Soweit die Fama, die sich Foster Lipowitz, der alternde Medien-Tycoon, vielleicht ein wenig zu sehr zu Herzen nimmt. Er beschließt nämlich die Rettung der zusehends verflachenden Mainstream-Unterhaltung durch New Renaissance, einer Stätte der Ausbildung und des Kulturschaffens. Besondere Talente wie Vincent werden zusätzlich gefördert: Ihr Leben wird vorsätzlich verpfuscht, indem Manager (hier der Ich-Erzähler Harlan) alles daran setzen, das Glück von ihnen fernzuhalten. Und so wächst der Autor Vincent heran - kränklich, einsam, von der Großen Traurigkeit erfüllt, von den Mädchen enttäuscht, von Alkoholismus gezeichnet verfasst er am Fließband hochwertige Drehbücher und Songtexte.
Das zweite Buch des hoch gepriesenen Nachwuchstalents Joey Goebel (The Anomalies erscheint erst im Herbst auf Deutsch) ist Satire, Drama und von Wehmut erfüllter Abgesang auf die moderne Medienwelt mit autobiografischen Elementen. Die Übersetzung hätte besser sein können (was auch am "unkorrigierten Arbeitsexemplar" liegen mag, das mir vorliegt). Der Roman hat, wie es so schön heißt, "it´s moments", so richtig erwischt hat mich der Text allerdings selten. Der Spott dürfte für meinen Geschmack noch deutlich schärfer ausfallen, der Witz pointierter sein, die Figuren näher gebracht werden. Viel versprechend.
Joey Goebel: Vincent. Roman, Diogenes, Zürich 2005. Geb., 432 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Venuswurf
Ein sehr gut geglückter Venuswurf (so nennt man einen dreifachen Sechser beim Würfeln) der Autorin! Kurzweilig, bestens recherchiert, lebendige, plastische Figuren, die sich mit minutiösen Beobachtungen über das damalige Leben in Rom abwechseln.
Die Story: Das Zwergmädchen Tertia wird vom eigenen Vater in die Sklaverei verkauft. Gleich bei ihrer Ankunft begegnet sie dem Dichter Ovid, der sie mit einem neuen Namen, Andromeda, beehrt. Bei ihrem ersten Zuhause in Rom handelt es sich um ein billiges Bordell und Andromeda merkt schnell, dass ihre einzige Rettung darin besteht, hart zu arbeiten und weiterzulernen, um als etwas wirklich Exotisches zu gelten. So fällt sie einer sehr vornehmen Dame auf und wird ihr als Geschenk überlassen. Bald jedoch zeigt sich, dass auch ihre neue Herrin in einem Käfig der ganz eigenen Art lebt, obwohl die Mächtigsten und Berühmtesten von Rom ihre Knie vor ihr beugen. Denn sie ist die einzige Enkelin des Kaisers Augustus, die selbst ihm und seiner berüchtigten Frau Livia zu trotzen wagt. Es wird sich erst zeigen, ob ihr der entscheidende "Venuswurf" gelingt...
Sehr gut gefallen hat mir, wie Tertia bzw. Andromeda darum ringt, auch in der für sie nicht gerade besten Situation noch etwas Raum für sich selbst und Beziehungen zu anderen zu schaffen. Ihre Illusionen mag sie verloren haben - ihren Witz, ihren Charme und ihr Herz aber auf keinen Fall. Auch die Begegnungen mit dem Dichter Ovid sind in einer Weise gestaltet, dass ich mir beim Lesen wirklich überlegt habe: ja, so ein Mensch könnte er gewesen sein... Lesen! (Anne Artner)
Tanja Kinkel: Venuswurf. Knaur, München 2006. Geb., 496 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Galerie der Lügen
Ein unterhaltender Roman, ein (pseudo)wissenschaftlicher Diskurs, ein Kommentar zur Gentechnik, ein komplexer Kriminalfall mit Anklängen an die raffinierten Schnitzeljagden á la Dan Brown, das alles gewürzt mit intersexueller Innenschau - Ralf Isaus neues Buch ist wohl sein ambitioniertestes Projekt bislang. Leider ist es misslungen.
Isaus Ausgangspunkt ist eine Kritik am "Dogma" Evolutionstheorie, der er das in letzter Zeit heftig unter Beschuss geratene "Intelligent Design" entgegen stellt. Wie ärgerlich, wenn eine kurze Nachrecherche die völlige Haltlosigkeit seines Hauptargumentes erbringt: ID verleugnet die Existenz der Übergangsformen zwischen den Arten ("missing links"), obwohl der Urvogel Archeopteryx, ganz klar mit Vogel- und Reptilieneigenschaften ausgestattet, eine Palette von über 1000 solchen fossil belegten Übergangsformen anführt.
Das eigentliche Problem der neodarwinistischen Auslegung - die Ableugnung der Existenz jeglicher immaterieller (geistiger) Kraft und damit die Wegbereitung für reinen Materialismus, Kapitalismus und 'survival of the fittest' - ist ein würdiges Angriffsziel, mit dem Wegsprengen des eigenen argumentativen Fundaments machen sich ID und Isau allerdings selbst unmöglich.
Als Diskussionsbeitrag ist das allemal ein Garant für hitzige Debatten - Isaus Kritik an der 'areligiösen Glaubensform' Naturwissenschaft hat ja durchaus seine Berechtigung, er regt zum eigenständigen Denken an, zum Widerspruchsgeist. Ein großes Plus. Ob er sich bewusst auch selbst zum Ziel kritischer Reflexion macht, vermag ich nicht zu beurteilen.
Abseits dieses ideologischen Hickhacks bleibt ein Roman aus krampfhaft ineinander verschachtelten Versatzstücken, die einfach nicht passen wollen - die Interpretationen der Seriendiebstähle wirken an den Haaren herbeigezogen, die Thrillerelemente vermögen in keiner Phase Spannung zu generieren, und die auf der Buchrückseite vollmundig angekündigte Innenschau in das Gefühlsleben eines Hermaphroditen - wie hätte sie gelingen sollen? Und dann noch eine Spitze gegen den Machbarkeitswahn im Allgemeinen und die Gentechnik im Besonderen - gut und schön, aber einfach unpassend und viel zu viel des Guten.
Ein kontroverser, zur Debatte animierender, aber letztendlich gescheiterter Versuch. Und einfach mühsam zu lesen.
Ralf Isau: Galerie der Lügen. Ehrenwirth, Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 637 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Die Siedler von Catan
Nun ja, der Einstieg in dieses Buch nach dem bekannten und beliebten gleichnamigen Spiel gestaltet sich als durchaus spannend: Candamir lebt im heutigen Skandinavien um das Jahr 900. Durch verschiedene Umstände sehen er und seine Dorfgenossen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und nach dem geheimnisvollen Land zu suchen, das einer zufällig entdeckt hat. Nach unsäglichen Strapazen landen sie auf einer unbekannten Insel und bauen dort eine neue Existenz auf. Jedoch entpuppt sich das vorgebliche Paradies als brüchige Idylle... Teilweise gut durchdacht, mit pfiffigen Wendungen und interessanten Ideen, wie und warum die AuswanderInnen tauschen und verkaufen.
Je länger aber die Handlung voranschreitet, desto mühsamer und vorhersehbarer gestaltet sich die ganze Angelegenheit. Außerdem nervt es mich unglaublich, wenn gerade bei einer geschilderten Neubesiedelung immer nur die Männer die Entscheidungsträger, die Aktiven sind und alles aus ihrer Sicht dargestellt wird. Des weiteren finde ich die Darstellung des (obligaten) Mönchs unglaubwürdig und zu flach. Ich mag Horror in jeder Form, aber bei den geschilderten Grausamkeiten ist mir teilweise übel geworden. Muss es denn sein, in jedem Detail einer Vergewaltigung zu schwelgen? Hat die Autorin so etwas nötig, um sich als genauso "hart" wie die männlichen Kollegen zu profilieren? Mich stößt das auf jeden Fall mehr als ab. Auf gar keinen Fall ein Jugend- oder gar Kinderbuch, auch wenn Klappentext und Einband das suggerieren! (Anne Artner)
Rebecca Gablé: Die Siedler von Catan. Lübbe, München 2005. Tb., 796 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,25

Krokodil im Nacken
Deutsch-deutsche Zeitgeschichte, Innensicht auf die DDR, Biographie - ein authentisches Panorama der Zeit von 1943 bis 1973.
Aus der Sicht vom 'Manne', Manfred Lenz, der in den späten Kriegstagen zur Welt kommt und in den Trümmern eines Berlins aufwächst, das eines Tages plötzlich ummauert ist, erleben wir die Geburt der 'bananenlosen Republik', können nachfühlen wie das allgegenwärtige Misstrauen sich in die Herzen pflanzt, wie der Freiheitsdrang in Manne übermächtig wird: Sein Krokodil, das ihn antreibt, nicht zum Angepassten zu werden. Denn ist nicht jeder, der nichts tut, ein Geschenk für das System?
Die Folgen erfahren wir gleich zu Beginn: Manfred Lenz und seine Frau Hannah werden wegen versuchter Republikflucht in 'Verwahrung' genommen, ihre beiden Kinder in Heime gesteckt. Vernehmungen, Psychoterror, Scheinverhandlungen und immer wieder Unverständnis: Was hat einer wie der Lenz, dem es doch so gut geht im Arbeiter- und Bauernstaat, bloß gegen unsere sozialistische Gemeinschaft?
Kordon lässt uns den Gestank nach Angst und Verzweiflung riechen, er lässt uns Kohlenstaub atmen, braune Brühe trinken und mit den anderen Häftlingen "BU - CHEN - WALD" skandieren als Protest gegen die unmenschliche Behandlung im Gefängnis.
Aufschlussreiche Lektüre, die durch Emotionalität viel zum Verständnis beiträgt, die immer ganz nah an den Menschen bleibt und so den Gegensatz zum 'Big Brother' umso krasser erscheinen lässt. Unbedingt lesenswert, auch für interessierte Jugendliche ab 12 zu empfehlen: Die Arbeit wurde 2003 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und war für den Deutschen Buchpreis nominiert. Jetzt als Taschenbuch.
Klaus Kordon: Krokodil im Nacken. dtv, München 2005. Tb., 796 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,30

Der Hüter der Finsternis
Umschlag und Rückentext wirken einladend-düster - und wirklich versinkt man nach kürzester Zeit in die neblige Schauerlichkeit der schottischen Hauptstadt Edinburgh. Morde passieren...
Von nun an wird alles mehr und mehr zum Problem: Da ist der ermittelnde Inspektor, der auf den ersten Blick trottelig wie Clouseau und auf den zweiten einfach deplatziert wirkt; der Metaphysiker McKnight, der sich mit seinem Freund, dem Friedhofswärter, in die Mordfälle auf seine Art verbeißt: in elendslangen, verschlungenen Diskursen, die an die rhetorischen Höhenflüge altgriechischer Philosophen gemahnen, alles in allem aber bloß zähe Lesehürden ohne erkennbaren Raumgewinn darstellen. Und natürlich die rätselhafte, bisweilen schizophren anmutende junge Frau. Seite für Seite wird das Geschehen undurchschaubarer, werden mystisch-übersinnliche Erklärungen herangezogen bis man sich am Ende eines vorgeblich streng logischen Pfades plötzlich in der Hölle selbst befindet.
So recht zusammenpassen will in diesem Debütroman kaum etwas - für einen historischen Krimi ist die Angelegenheit viel zu sehr von Mystery der unerklärtesten Art verbrämt. Für einen Fantasy-Roman ist zu viel Logik und Metaphysik im Spiel. Eine versuchte philosophische Abhandlung erstickt im allzu dichten Fiktionssumpf. Die Figuren bleiben ungreifbar, der Handlungsfaden wird mit jeder Seite beliebiger. Letztendlich hat das Zu-Ende-Lesen in mir nur noch Ärger ob der vielen vergeudeten Stunden ausgelöst. Atmosphärisch dicht, ja, aber auch mühsam, unausgegoren und voll intellektueller Selbstgefälligkeit.
Anthony O´Neill: Der Hüter der Finsternis. edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2005. Geb., 441 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Rheines Gold
Ein weiterer geschichtlicher Hochgenuss von der eleganten Meisterin des historischen Krimis, diesmal in der seltener besuchten römischen Epoche angesiedelt! Dieses Werk habe ich innerhalb von zwei Tagen "gefressen", verfügt es doch über eine spannende Handlung und lebhaft und pointiert gezeichnete Charaktere. Jedes Kapitel wird durch ein Ovidzitat eingeleitet - wunderbar.
Kurze Inhaltsangabe: Aurelia Rufina führt eine Therme im Köln des 2. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Neben den alltäglichen Sorgen (Ärger mit dem Ädilen, schwierige MitarbeiterInnen, lästiger Schwiegervater) leidet Rufina noch sehr darunter, dass ihr Mann Maurus vor ein paar Monaten im Wald von Wölfen angefallen worden ist. Außerdem scheint es, dass ihr Mann über ein zweites, geheimnisvolles Leben verfügt hat. War er wirklich der Tölpel, als den ihn sein eigener Vater immer wieder hingestellt hat? Rufina mag sich einfach nicht mit dem Offensichtlichen zufrieden geben und macht ihrem Spitznamen "Füchschen" (Rufina bedeutet "die Rote") alle Ehre: Sie stöbert und schnüffelt so lange, bis sie die wirklich Bösen auf sich aufmerksam gemacht hat. Jedoch haben diese einen großen Fehler begangen: ihre Jagdbeute entpuppt sich als sehr gewitzt - und die Herren der Wälder, die Germanen, haben schließlich auch noch eigene Pläne...
Gut gefallen haben mir die geschilderte Solidarität der Frauen untereinander und welche heilsamen Auswirkungen diese haben kann; ebenso wie die Veränderungen, welche die Protagonisten durchlaufen, mir als gut beobachtet und realistisch erscheinen. Spritzig, unterhaltsam, pfiffig, auch wenn das kriminalistische Element vielleicht ein wenig zu kurz kommt. (Anne Artner)
Andrea Schacht: Rheines Gold. Roman. Blanvalet, München 2005. Tb., 450 S.
bei amazon kaufen: EUR 12,36

Ein Sturm wird kommen von Mitternacht
Diese apokalyptisch anmutende Prophezeiung, die wie ein Orakel bedeutungsschwer über dem gesamten Roman schwebt, erfüllt sich immer wieder in den verheerenden Kriegszügen der Hunnen während der wirren Zeit der Völkerwanderung und ist bereits am Anfang der Erzählung schreckliche Wahrheit geworden.
Man findet sich ins Worms des 5. Jahrhunderts zurück versetzt, wo nach einem furchtbaren Gemetzel zwischen den siegreichen Hunnen und den Burgundern die zehnjährige Goldrun eine der wenigen Überlebenden ist. Zu ihrem maßlosen Entsetzen wird sie wie viele andere junge Frauen als Sklavin ins beängstigend fremd anmutende Hunnenreich verschleppt, vermag aber dort mit der Zeit aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Pferden eine hohe Position am Hof Attilas zu erringen. Auch eine berührende Liebesgeschichte, vorerst unerfüllbar, gehört dazu. Goldruns Lebensweg sowie einzelne Schicksale im Umkreis des hunnischen Königsordus (besonders dramatisch: der Bruderkonflikt zwischen Attila und Bleda) entwickelt der Autor meisterhaft und überaus packend vor dem Hintergrund des unaufhaltsamen Vordringens der brutalen hunnischen Horden samt ihrer Verbündeten ins zerfallende, zunehmend in Bedrängnis geratende Römische Reich.
Die schillernden Schauplätze der Intrigen und Kämpfe wechseln zwischen den verschiedensten politischen Machtzentren der Zeit. Faszinierend lebendig werden die Figuren vor dem inneren Auge, dargestellt in Röhrigs wunderbar klarer, bilderreicher, oft poetisch anmutender Sprache, sei es die des Schamanen Ajarbas, des wahnsinnigen Kaisers Valentinian, des furchtbaren Zwerges Zerkon oder die des listigen Attila selbst, der in seinem grausamen Macht- und Lebensrausch beängstigend greifbar wird.
Röhrigs Roman ist ein Meisterwerk, aufwändig recherchiert, sprachgewaltig und nichts beschönigend (man möchte sich oft die Nase zuhalten vor dem Gestank, den Blick abwenden angesichts all der Gewalt), fesselnd, ungemein bildend (wer weiß schon, dass der römische Hof zu dieser Zeit in Ravenna war? Das beschriebene, wunderbare Mausoleum der Galla Placida gibt es übrigens noch heute!), mit Bildern, die sich ins Gedächtnis brennen - 6 von 5 möglichen Sternen! Gabriela Heidegger
Tilman Röhrig: Ein Sturm wird kommen von Mitternacht. Gustav Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 701 S.
bei amazon kaufen: EUR 25,65

Narrenturm
Die Wöd is a Narrnhaus… Der polnische Literaturkritiker und Autor Andrzej Sapkowski hat sich aufgemacht, dies wortgewaltig und bilderreich zu belegen. Zeit und Ort der Handlung: Schlesien, frühes 15. Jahrhundert. Der Held, sprich Obernarr der Geschichte: Reinmar von Bielau, ein junger Medikus, angelernter Magier und selbst ernannter Frauenexperte mit beachtlichen amourösen Erfolgen. Mit Folgen: Gleich zu Beginn muss Reinmar, oder Reynevan, wie er auch genannt wird, eine wilde Flucht ergreifen, vom dampfenden Laken direkt aufs dampfende Ross. Mit jedem Schritt, den er hastig zurücklegt, erhöht sich scheints die Zahl seiner Feinde und Verfolger, und das in einer Zeit in der sowieso jeder gegen jeden Krieg führt. Die alles entscheidende Frage etwa, ob die Kommunion aus Hostie oder Hostie und Wein zu bestehen hat, bringt ganze Bastionen des Dogmatismus gegeneinander auf. Bluttriefend, Schädel spaltend, sengend, brennend und mordend im Namen der jeweils einzigen Wahrheit…
Wenn´s nicht so schrecklich aussichtslos wär, man könnte direkt darüber lachen. Diesen homerisch-amüsierten Standpunkt nimmt Sapkowski überzeugend ein, auch seine deftigen Schilderungen voll pulsierendem Leben vermitteln ein greifbares Bild, sprich Schlachtengemälde. Von Leserfreundlichkeit scheint der Literaturkritiker indes wenig zu halten: Der Verzicht auf Anführungszeichen zur Kennzeichnung direkter Rede ist einfach nur lästig ohne erkennbaren Gewinn. Die überreichlich eingestreuten Zitate in lateinischer, althochdeutscher, polnischer, mittelenglischer… Sprache geben zwar ein beredtes Zeugnis der Belesenheit des Autors ab, erfordern aber das ständige Blättern zu den Übersetzungen am Ende des Bandes. Und dann die Flut an - für Deutschsprachige unaussprechlichen und unmerkbaren - Namen… Was hat gegen ein Glossar oder Organigramm der komplizierten Verflechtungen gesprochen - zumal die wiedergegebenen historischen Fakten so manche Geschichtsstunde ersetzen könnten?
Wirklich blendend geschriebene Verzopftheit, wirklich komische intellektuelle Verstiegenheit, wirklich seltsame, wilde Mixtur aus schwejkscher Posse, magischer Fantasy und historischem Mantel- und Degenroman. Ein Buch für Kritiker und Leute, die schon alles gelesen haben.
Andrzej Sapkowski: Narrenturm. dtv, München 2005. Tb., 730 S.
bei amazon kaufen: EUR 15,45

Der Duft des Kaffees
Mächtig gepuscht wird Gerhard J. Rekels dritter Roman, der am "Tag des Kaffees" (1. Oktober) erscheint - in Österreich. Deutschland muss ein bisschen länger auf die Kaffeeverschwörungsstory warten. Es gibt sogar eine eigene Website: www.derduftdeskaffees.de.
Rekels kaffeeduftende Geschichte, die kein Thriller ist wie am Rückentext behauptet wird, zieht dennoch sofort in den Bann: eine Anschlagserie mit vergiftetem Kaffee - wem nützt es, wem schadet es, wer steckt dahinter?
Auch der Espressofetischist Hans Brioni ist betroffen - sein Sohn hatte seine Warnungen vor dem gräulichen Kaffee eines großindustriellen Anbieters in den Wind geschlagen und liegt nun mit Herzflimmern im Spital. Andererseits verkauft der streitsüchtige Kleinkaffeeröster so viel Kaffee wie noch nie - und eine Entschleunigung durch Kaffeeentzug entspräche genau seiner Vorstellung. Wie auch jener des Vereins zur Verlangsamung der Zeit. Brioni wittert eine Verschwörung - und ist zugleich selbst tatverdächtig, verfolgt nicht nur von Agathe, der im Praktikantinnendasein stecken gebliebenen Fernsehjournalistin.
Was macht Kaffee eigentlich? Ist er wirklich ein den Geist beflügelndes, zu revolutionären Ideen und Taten anstachelndes Göttergeschenk? Und was geschieht dann mit einer Gesellschaft auf Entzug - Rückkehr ins Phlegma?
Rekel rollt seine Geschichte auf und nützt vielfach die Gelegenheit, uns mit originellen, historisch belegten und/oder wissenschaftlich untermauerten Einsichten in das Wesen des Aufklärungsgetränkes zu versorgen. Leichtfüßige, locker lesbare Prosa, eine gelungene Fact-Fiction-Mixtur, eine launige Kulturgeschichte - und trotzdem kann ich mich den allgemeinen Lobeshymnen nicht wirklich anschließen. Für meinen Geschmack hält das Buch das selbst gewählte, fulminante Anfangstempo nicht durch, es verflacht dem Ende zu; die Geschichte wird fahrig, kleine logische Fehler schleichen sich ein, es wirkt zuletzt kaffeenervös und auf Termin gearbeitet - was ausgesprochen schade ist, weil es den guten Gesamteindruck empfindlich stört. Und die Frage, warum wohl der Kaffee in österreichischen Köpfen offenbar keine revolutionäre Energie auszulösen imstande war, wird weder gestellt noch beantwortet...
Gerhard J. Rekel: Der Duft des Kaffees. Die Geschichte einer Verschwörung. dtv, München 2005. Tb., 260 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,40

Der Nobelpreis
Was wäre wenn... sich herausstellte, dass der ehrenvollste und angesehenste Wissenschaftspreis der Welt käuflich ist? Und dieser Umstand auch noch publik würde? Genau dies geschieht - ein Mitglied des Nobelpreis-Stimmgremiums soll bestochen werden, lehnt ab - und sieht sich plötzlich mit der Entführung seiner Tochter konfrontiert.
Sein letzter Trumpf bin ich...
Worauf läuft das alles hinaus, fragte ich mich des öfteren bei der Lektüre von Eschbachs jüngstem Wurf. Routiniert in Szene gesetzt, vermag der Text durchaus zu fesseln, wobei er nicht an die Qualität von Eine Billion Dollar und nicht an den Spannungsgehalt von Das Jesus-Video heranreicht, aber nichtsdestotrotz großen Lesespaß bereitet. Dass irgendetwas faul ist, merkt man bald, und die so geweckte Neugier treibt durch das Buch, das in typischer Eschbach-Manier mit angenehm klarer, schnörkelloser und bodenständiger Sprache und dazu einer gehörigen Portion Witz aufzuwarten versteht.
Was letztlich herauskommt, wird hier natürlich nicht verraten, hebt aber Der Nobelpreis aus Eschbachs angestammten Literaturgattungen, Science Fiction und/oder Thriller, deutlich heraus und lässt den ganzen Text in einem neuen, überraschenden Licht erscheinen. Auf der Metatext-Ebene wird das Unterste nach oben gekehrt; und auch wenn mich die Ausführung nicht restlos überzeugt hat, ein hochinteressanter und dabei stets sehr kurzweiliger Versuch.
Andreas Eschbach: Der Nobelpreis. Roman, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 555 S.
bei amazon kaufen: EUR 23,60

Die Kastellanin
Hier einmal ein Fall, bei dem sich das Nachfolgebuch als noch spannender als der Erstling (siehe unten) entpuppt! Marie und ihr Ehemann Michel leben nun schon seit 10 Jahren glücklich auf der Burg. Aber als Lehensmann eines Pfalzgrafen sind leider auch gewisse Pflichten zu erfüllen: Als der Graf zur Musterung aufruft, um gegen die Hussiten zu ziehen, folgt Michel seinem Befehl. Michel zeichnet sich als sehr geschickter Befehlshaber aus und rettet dem Kaiser das Leben, womit er sich ein Reichsritterpatent verdient hat. Jedoch wetzen seine Feinde schon ihre Messer und lassen ihn nach einem Ausfall kaltblütig zurück. Marie erfährt erst Monate später von seinem vermeintlichem Tod. Aber sie will sich nicht damit abfinden und geht wieder mal auf Wanderschaft, jedoch diesmal als Marketenderin. Denn sie weiß ganz gewiss, dass ihr Liebster noch lebt...
Die Autorin zeichnet ein Bild der Hussitenkriege im Böhmischen Königreich, das mir wirklich tief empfundenen Respekt abnötigt. Zu meinen Studienzeiten musste ich mich ja auch ausgiebig mit diesen sogenannten "Religionskriegen" beschäftigen. Ich habe mich während des Lesens des öfteren bei dem Gedanken "ja, so könnte es gewesen sein..." ertappt. Besonders schön sind der Autorin auch die Charakteristika der handelnden Personen gelungen: Egal, ob es um die alterwürdige Marketenderin Eva mit dem losen Mundwerk, den heimlichen Kalixtenanhänger Graf Sokolny, den ungeduldigen Kaiser Sigismund oder die Burgherrin Marie geht: packend geschildert, liebevoll gezeichnet, so spannend, dass das Aufstehen am nächsten Morgen zum Schreckgespenst mutiert - einfach klasse! Mein Mann hat mich ab der Mitte des Buches schon umschlichen wie eine Katze den Rahmtopf - denn auch er wollte wissen, wie`s mit Marie weiter geht, als Die Wanderhure hatte er sie schon kennen gelernt... (Anne Artner)

Iny Lorentz: Die Kastellanin. Roman. Knaur, München, 2005, geb., 580 S.
bei amazon kaufen: EUR 17,40

Die Wanderhure
Ein packend erzähltes Sittenbild des Spätmittelalters; die geschilderten Intrigen gleichen in ihrer Bösartigkeit denen der Dei` Medici oder der Borghias: Marie lebt in Konstanz 1410 wohlbehütet und soll bald verheiratet werden. Aber ihr Zukünftiger fädelt eine Kabale ein, die Marie nicht nur ihres ganzen Vermögens beraubt, sondern sie auch noch mit der ganzen Härte des Gesetzes bestrafen lässt. Marie wird von dem brennenden Wunsch nach Rache aufrecht gehalten und da sie jung und ansehnlich ist, schlägt sie sich bald als Wanderhure durchs Leben. Überall treffen sie Ablehnung und Verachtung; das Überleben gestaltet sich mehr als nur schwierig, besonders ohne festen Wohnsitz im Winter... Mir imponiert die Lebendigkeit der Charaktere, denn Marie entwickelt sich trotz der ihr zugefügten Grässlichkeiten zu einer lebensklugen, jungen Frau, die sehr wohl zwischen ihren damaligen Peinigern und anderen Menschen zu differenzieren weiß und trotzdem auch noch für Schwächere sorgen kann. Genau diese Fähigkeiten werden sich für sie noch als sehr nützlich erweisen... Bei einigen Szenen musste ich trotz Müdigkeit weiterlesen, denn als Marie und ihre Freundin Hiltrud einer Söldnertruppe mitten im Wald begegnen, musste ich an Homers Ausspruch denken, dass der Krieg den Menschen verdirbt. Ich glaube, jeder Mensch, ob weiblich oder männlich, war schon einmal in einer Situation auf Gedeih und Verderb der Willkür von Stärkeren ausgesetzt - und trotzdem haben mir die Schilderungen teilweise wegen ihrer Intensität den Atem verschlagen. ["Sin City" könnte hier noch was lernen!]. (Anne Artner)
Iny Lorentz: Die Wanderhure. Roman. Knaur, München 2005. Tb., 600 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,17

Die schöne Verräterin
Die Geschichte der "schönen Verräterin" Silvana, angesetzt im Italien des 13. Jahrhunderts, klingt abenteuerlich und spannend: Nach dem Verschwinden der Mutter von ihrem Vater, dem Conte Monteggiori, zu ihrem Schutz fast wie ein Knabe aufgezogen, wird sie als Folge des kompromittierenden Intrigenspiels eines Erzfeindes der Familie vom Vater der toskanischen Burg verwiesen. Aufgenommen von ihrer Tante in Lucca lernt Silvana ein völlig neues Leben in Schönheit und Sinnenfreude kennen. Erneut wird sie jedoch in ein Netz aus Intrigen und Lügen eingesponnen, das mit der dunklen Vergangenheit ihrer Mutter zusammenhängt und gegen das auch der junge Edelmann Tiziano, Silvanas große Liebe, machtlos zu sein scheint.
Obwohl die flüssig-leichte Sprache der Autorin und das historische Ambiente für den Roman sprechen, schränken doch die unausgegorenen, skizzenhaft bleibenden Charaktere (Silvana wirkt eher launisch, arrogant und manipulativ als "temperamentvoll") , der nicht überzeugende Handlungsbogen (allzu leicht gelingt der Heldin fast jede Finte, viele Entwicklungen wirken unlogisch) das Lesevergnügen ein.
Insgesamt nur knapp durchschnittlich. (Gabriela Heidegger)
Rena Monte: Die schöne Verräterin. Moments, Erftstadt 2005. Geb., 368 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,30
Kommentar einer Leserin

Drop City
T.C. Boyle schafft es immer wieder, dass ich eines seiner Bücher in die Hand nehme. Er ist ein meisterhafter Zeichner und Beobachter des großen Tiergartens, der sich Menschheit nennt. Seine HeldInnen können selten aus ihrer Haut heraus und fallen unwillkürlich auf die Nase, wenn sie es einmal doch versuchen. Manchmal mag ich diese Berechenbarkeit.
Auch Drop City enthält reichlich Stoff für Freaks, schräge Vögel beiderlei Geschlechts und Schilderungen der Freuden des Landlebens - erzählt wird von einer Hippie-Kommune im Kalifornien der 70er und wie viel Organisation gelebte Freiheit wirklich braucht.
Als die Baubehörde das Grundstück räumen lässt, müssen sich die "Bräute" und "Freaks" ein neues Zuhause suchen. Also schnappen sie sich einen ausrangierten Schulbus und begeben sich auf die lange Reise nach Alaska. Ihre Ahnungslosigkeit wird nur noch von ihrem ständigen Geldmangel übertroffen. Die Realität sieht dann so aus: Zu Halloween (Ende Oktober) fällt das Thermometer schon auf unter -20 Grad, der Hüttenkoller und die Filzläuse machen sich breit...
Gut gefallen hat mir auch, dass der Autor mit kritischen Augen auf die so genannte "Freie Liebe" schaut. Entweder frau war verklemmt / spießig oder sie hatte sich gefälligst für sexuelle Dinge zur Verfügung zu stellen, egal, ob sie Lust dazu hatte oder nicht. Hippie-Alltag fern von verklärtem Kitsch, im harten cultural clash mit der rustikalen Landbevölkerung Alaskas... (Anne Artner)
T.C. Boyle: Drop City. Roman, dtv, München 2005. Tb., 600 S.
bei amazon kaufen: EUR 11,33

Die Königin von Jerusalem
Ein farbenprächtiger Historienroman, detailreich, mit Eleganz und Eloquenz erzählt:
Melisendis Eltern sind sowohl mit dem armenischen als auch mit dem französischen Herrscherhaus sehr nahe verwandt, was sie zu einer Prinzessin macht. Als Älteste lernt sie recht schnell, dass das Leben besonders für Prinzessinnen viele Verpflichtungen, ja sogar Entbehrungen bereit hält. In den Kreuzfahrerstaaten des 12. Jahrhunderts entwickelt sie sich zu einer fähigen, geschickten Herrscherin. Bildschön ist sie außerdem auch noch - ja, fast schon heiligenhafte Züge sind an ihr zu erkennen. Doch ist sie auch nur ein Mensch - und das zeigt sich besonders dann, wenn es um Herzensangelegenheiten geht. In dieser Hinsicht entwickelte sich das Buch für mich immer mehr zu einem Problem: Melisendis verliebt sich in ihren Cousin Balian. Selbstverständlich dürfen sie nicht heiraten. Ihre Treffen sind immer etwas ganz Besonderes, dem Alltag Enthobenes. Jedoch erweisen sich beide Liebende als immer wieder grundlos eifersüchtig, kleinlich und richtiggehend rachsüchtig. So verhalten sich keine reifen Liebenden! Wenn mir das als die "wahre, große" Liebe verkauft wird, werde ich echt sauer. Ich befürchte, die Autorin wusste selbst nicht so richtig, warum gerade die Liebesbeziehung zwischen Melisendis und Balian so außergewöhnlich sein soll - dem Roman als Ganzes hat das leider alles andere als gut getan. Große Gefühle ja gerne, aber mit mehr Substanz und Wahrhaftigkeit, bitte!
Fazit: Für Herz-Schmerz-LiteraturfreundInnen, die außerdem noch ein wenig über das Leben in den Kreuzfahrerstaaten erfahren möchten. Anne Artner
Eve Rudschies: Die Königin von Jerusalem. Historischer Roman. Aera, Erfstadt 2005. Geb., 480 S.
bei amazon kaufen: EUR 21,-

Der Kreis der Dämmerung
Wahrlich monumental, was der nach wie vor unter Wert gehandelte deutsche Autor hier vollbracht hat: In vier jetzt neu als Taschenbuch aufgelegten Bänden erzählt er die Geschichte des "Jahrhundertkinds" David, dem Überlieferungen zufolge exakt 100 Jahre zur Verfügung stehen, um der perfidesten und gewaltigsten Verschwörung der Menschheitsgeschichte entgegen zu treten - den Machenschaften des supergeheimen Kreis der Dämmerung. Diese Bruderschaft unter der Führung eines anscheinend unsterblichen Bösen hat sich nichts weniger vorgenommen, als die Menschen so gegeneinander aufzubringen und moralisch abzustumpfen, dass sie sich endgültig selbst vernichtet - und damit den Weg frei macht für eine "bessere" Welt einer "edleren" Rasse.
Für mich ein überaus glaubwürdiger Aufhänger, schließlich hat sich die Menschheit ja noch nie mit mehr Effizienz als Lemmingherde aufgeführt wie in den vergangenen 100 Jahren. Isau nützt seinen mit Fantasy angereicherten Rahmen zu einer akkurat recherchierten Parforcejagd durch die Geschichte des 20. Jhds. - noch nie war (Zeit)geschichte so interessant zu lesen. Die Westfront, die verrückten 20er, die Weltwirtschaftskrise, Hitlers Weg zu Macht...
Wie bei Isau üblich ist der Erzählton locker-ironisch, packt aber an den richtigen Stellen ordentlich zu. Der Text wird, wie alle Arbeiten Isaus vor 2003, als Jugendbuch gehandelt, ist meiner Meinung nach aber ein absolut erwachsenentauglicher, beeindruckender Fact-Fiction-Thriller-Drama-Fantasy-Mix und auch für Jugendliche ab 14 zu empfehlen. Schade, dass der Autor sein selbst gewähltes Tempo in Band 3 nicht zu halten vermag - der einzige Grund dafür, dass es keine glatten 5 Sterne gibt.
Ralf Isau: Der Kreis der Dämmerung. Teil 1: Das Jahrhundertkind. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., ca. 750 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,20
Ralf Isau: Der Kreis der Dämmerung. Teil 2: Der Wahrheitsfinder. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., ca. 800 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,20
Ralf Isau: Der Kreis der Dämmerung. Teil 3: Der weiße Wanderer. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., ca. 500 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,20
Ralf Isau: Der Kreis der Dämmerung. Teil 4: Der unsichtbare Freund. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., ca. 500 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,20

Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe
Statt Mund und Nase klafft ihm ein hässliches Loch im Gesicht. Er ist taub und stumm, hat nutzlose Stummelarme, einen völlig verwachsenen Zwergenkörper und einen Pelz am Rücken. Hercule Barfuss, der Hurensohn, dürfte eigentlich gar nicht leben, doch er tut es - dank eines unbeugsamen Lebenswillens, einem enormen Herz und seiner besonderen Gabe: Hercule kann Gedanken lesen.
In derselben Nacht wird noch ein anderes Hurenkind geboren, ein Mädchen, und es wird Hercules Objekt einer ungeheuerlichen Liebe werden. Doch bis die beiden soweit sind, ihre Liebe zu leben, werden viele Jahre vergehen, in denen Hercule all den Ekel, den Freaks wie er bei den "Normalen" auslösen, spüren wird - direkt in den Köpfen der Menschen, ungefiltert, gnadenlos, hässlich. Wie Wenige sind doch in der Lage, die wahre Monstrosität - jene des Herzens - zu erkennen und zu fürchten, wie es rechtens wäre. So viel Hass bleibt auch in Hercule nicht ohne Folgen, und es fehlt nicht viel und er wird zu jener Ausgeburt der Hölle, für den ihn alle halten - alle, außer seiner einzigen, seiner großen Liebe, dem Mädchen Henriette.
In barocker, metaphernreicher und verwinkelter Sprache erzählt Vallgren seine ungeheuerliche Geschichte, eine brueghelsche Bilderreise durch Klöster und Irrenhäuser, Freak-Shows und Bordelle, in der das menschliche Grauen in gänzlich neuartigen Facetten beschworen wird. Und dennoch ist der Roman letztlich eine Ode an das Leben und die Liebe, tragisch, schmerzvoll, unerbittlich, voll quälender Sehnsucht und allzu kurzen Momenten des Glücks. Literarisch hoch stehend, anspruchsvoll, lesenswert - aber besser nicht am Strand.
Carl-Johan Vallgren: Geschichte einer ungeheuerlichen Liebe. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2004. Geb., 377 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,40

Fedora - Im Harem des Prinzen
Fedora ist eine stolze, rothaarige Byzantinerin, die vor einer Zwangsehe flüchtet - und am Sklavenmarkt von Bagdad landet. Der Sohn des Wesirs kauft sie, verurteilt sie nach ihrer Weigerung aber sofort zum Tod, vor dem sie Ahmed, der Prinz aus dem Märchen, bewahrt.
Ahmed erteilt von nun an Lektionen, um Fedora in die Kunst der Liebe einzuführen, doch bis sie bereit ist, ihn als "Gebieter ihres Herzens" anzuerkennen bedarf es eines wahrlich ausgedehnten Vorspiels...
Besagtes Lektionen-Vorspiel ist wirklich reizvoll, ansonsten hat der Roman weder in erotischer noch sonstiger Hinsicht viel zu bieten. Die Sexszenen sind überwiegend konventioneller Art und arm an Originalität; die spärliche Rahmenhandlung ist offensichtlich Mittel zum Zweck, doch scheint sich niemand an den teils absurden Widersprüchen zu stoßen.
Die Sehnsucht nach der hier so ausführlich beschriebenen völligen Hingabe in selbstloser, kompromissloser Liebe dürfte weit verbreitet sein, denn das erotische Märchen "von Frauen für Frauen" kommt beim eigentlichen Zielpublikum sehr gut an - glatte 5 Sterne bei amazon, unter den 1.000 bestverkauften Titeln; Sprache und Lektorat sind denn auch durchschnittlich in Ordnung. Meine Suche nach wirklich ansprechenden erotischen Inhalten geht allerdings weiter...
Mona Vara: Fedora - Im Harem des Prinzen. Plaisir d´Amour, Lautertal 2005. Tb., 197 S.
bei amazon kaufen: EUR 16,38

Die Giftköchin
Linnea Ravaska, Witwe eines Oberst, führt ein bescheidenes Leben in einem einsam gelegenen Häuschen in der weiteren Umgebung Helsinkis. Der allmonatliche Tiefpunkt ihres Daseins ist der Tag der Rentenauszahlung - welcher unveränderlich mit dem Besuch ihres Neffen und seiner Kumpane verbunden ist. Diese erpressen die alte Frau, nehmen ihr Geld, versaufen es, prügeln und randalieren durch die Gegend, vorzugsweise in einem eigens dafür gestohlenen Auto. Dann aber hat Linnea endgültig genug: Sie beschließt, ihre Menschenwürde zurückzuerlangen. Mit allen Mitteln…
Herrlich boshaft-skurriles Kriminalstück aus der Feder des schrägsten Autors Finnlands, voll mit resigniert-lakonisch vorgetragenen Irrwitzigkeiten, wie es nur ein waschechter Finne zustande bringen kann. Pures Textkabarett, das Paasilinna in unerschütterlicher Gelassenheit zu Papier bringt: "Sirkka Issakainen konstatierte, daß es sich auf der Welt gut leben ließe, wenn die Männer nicht Säufer und Verrückte wären. Andererseits würde es dann Leuten wie ihr, den Psychologen also, an Arbeit mangeln."
Die jetzt erschienene Taschenbuchausgabe des ´98 erstmals in Deutsch erschienen Textes wurde in alter Rechtschreibung belassen. Eines der Allerbesten Paasilinnas.
Arto Paasilinna: Die Giftköchin. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. TB, 209 S.
bei amazon kaufen: EUR 5,15

Das letzte Geheimnis
Die Hypnerotomachia Poliphili, das vielleicht rätselhafteste Buch der Welt, entstanden in der Hochblüte der Renaissance, seltener als die Gutenberg-Bibel und seit 500 Jahren Gegenstand von Spekulationen, zieht vier befreundete Studenten in ihren Bann. Kann ihnen gelingen, woran Generationen von Forschern gescheitert sind - dem Text sein Geheimnis zu entreißen? Als plötzlich ein Mord auf dem Campus geschieht wird klar: dieses Buch ist lebensgefährlich…
Wieder einmal zeigt sich bei diesem Erstling eines studentischen Autorenduos, wie vernichtend die Wirkung allzu großer Vorschusslorbeeren sein kann - Dan Brown meets Umberto Eco, das ultimative Rätselbuch, unglaublich intelligent lauteten die us-amerikanischen Kritikerhymnen. Für mich ist die Arbeit zuvorderst einmal unausgegoren - fabelhafte Formulierungen kämpfen durch ein Dickicht intellektuell überhöhter Redundanz um Aufmerksamkeit, der Spannungsbogen ist über weite Strecken so flach wie ein adriatischer Sandstrand, die Sogwirkung des Textes mit den Arbeiten Dan Browns zu vergleichen eine vorsätzliche Irreführung.
Mit Umberto Eco kommt man hingegen der Sache näher - auch er neigt dazu, mit seinen intellektuellen Vorzügen großzügig um sich zu werfen, extrem kopflastig zu sein; Literatur als Marsch durch die Wüste: Wer nicht mitkommt, bleibt eben auf der Strecke. Wer der aphoristischen Blüte vor dem gepflegten Garten allemal den Vorzug gibt, mag sich trotz zahlreicher Längen und dramaturgischer Verwinkelungen im letzten Geheimnis lohnende Leseerlebnisse abholen können, und seien es nur Einblicke in das für uns völlig exotische Campusleben an einem us-amerikanischen College. Eine gute, spannende, rätselhafte Geschichte weiß dieser Roman nicht zu erzählen.
Ian Caldwell, Dustin Thomason: Das letzte Geheimnis. Roman, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 443 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Die Bruderschaft der Runen
Eine Kriminalgeschichte um Sir Walter Scott voller Gruselmomente, die auch die soziale Lage der Schotten unter der englischen Herrschaft im 19. Jhd. thematisiert. Das Kunststück, die Figur von Scott mit dem sagenhaften Kreis um Robert Bannock aus dem 13. Jahrhundert zusammenzuspannen, ist nicht schlecht geglückt, das Buch enthält auch durchaus spannende Momente - jedoch habe ich während der Lektüre bemerken müssen, dass meine Geduld mit der Handlung sich immer mehr erschöpft hat. Vielleicht liegt es daran, dass der Autor die ganze Zeit über versucht, spannend zu schreiben, anstatt dass er es einfach tut. An manchen Stellen des Buches entwickelt sich dieses "So-tun-als-ob" wirklich zu inhaltlichen und logischen Problemen. Kurz gesagt, der berühmte "rote Faden" ist nicht durchgehend vorhanden, was ich doppelt schade finde, denn in den historischen Bereichen erscheinen mir die Schilderungen durchaus zutreffend, gut recherchiert und packend erzählt. Die zarten romantischen Bande zwischen der jungen Lady Mary of Egton und dem Neffen von Sir Scott, Quentin, gleiten wiederum ins Klischeèhafte ab. Scheinbar wollte der Autor zuviel auf einmal - und darunter hat das Werk als Ganzes gelitten.
Fazit: Für eingefleischte Fans von Walter Scott und Menschen, die mehr über die schottische Ausbeutung und Repression seitens des Empire wissen wollen. Anne Artner
Michael Peinkofer: Die Bruderschaft der Runen. Historischer Roman. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005 .TB, 668 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,17

Die Schleier der Salome
Tja, wieder ein Roman um den Beginn unserer Zeitrechnung, im heutigen Palästina spielend. Mir ist schleierhaft (im wahrsten Sinn des Wortes!), warum dieses Werk und dieser Autor so hochgejubelt werden. Die historischen Fakten sind zwar gut recherchiert, die Charaktere nicht ungeschickt gezeichnet, und die Königshöfe müssen ja ein IntrigantInnenstadel sondergleichen gewesen sein - das alles nehme ich dem Autor sofort ab. Was mich aber nervt, sind die Darstellungen der engstirnigen religiösen Führer. Auch wenn damals die Hasmodäer (streng orthodoxe, ja, fanatische Juden) an der Macht waren - ich lasse mir nicht weismachen, dass wirklich alle in diesem Fahrwasser unterwegs waren! Auf ca. Seite 100 habe ich mich während des Lesens beim Gähnen ertappt, obwohl mir doch historische Schmöker ein Leselieblingsfutter sind. Und wie viel Platz und Zeit hier für so vorhersehbare Dinge vergeudet wird! Natürlich entpuppt sich z.B. Herodias als kaltherzige Frau, die kein Interesse an ihrer Tochter zeigt - Klischeè, Klischeè und damit nein danke. Die Großartigkeit dieses Werk ist für mich - im Gegensatz zu anderen Meinungen - weder zu erkennen noch nachzuvollziehen.
Fazit: Für Menschen, die willig den Empfehlungen gewisser LiteraturexpertInnen folgen und alle, die sich auch noch langweilen möchten. Anne Artner
Eric Waltz: Die Schleier der Salome. Roman. Blanvalet, München 2005. TB, 700 S.
bei amazon kaufen: EUR 12,36

Der Rattenzauber
Eine gut strukturierte Neuinterpretation der Sage aus Hameln liegt hier vor.
Robert von Thalstein, der jüngste Ritter am Hof des Herzogs von Braunschweig, wird mit einer sehr schwierigen Mission betraut: Er soll den Fall der verschwundenen Kinder neu aufrollen. Jedoch erscheinen die Einwohner von Hameln wenig hilfreich, ja sogar feindselig ihm gegenüber aufzutreten und egal, wohin Robert seine Schritte lenkt, scheinen eher mehr Fragen aufzutauchen als beantwortet zu werden...
Während des Lesens habe ich mich öfter bei dem Gedanken ertappt: "Ja, so könnte es gewesen sein..." Dem Autor gelingt es mit Sachkenntnis und Leichtigkeit, die Lebenswelt des späten 13. Jahrhunderts plastisch werden zu lassen und die Leserschaft mit etlichen verblüffenden Wendungen, Finten und sonstigen Tricks auf gleich ein Dutzend falsche Fährten zu locken. Ebenfalls positiv vermerken kann ich, dass der Autor eine Geschichte erzählt, die durchaus nicht immer schön ist, jedoch jegliches Moralisieren vermeidet. Weiters gefällt es mir, dass sich immer mehr die [religionswissenschaftlich richtigere] Deutung durchsetzt, wie sich das Christentum in Europa ausgebreitet hat und schließlich die älteren Religionen verdrängt hat. Betroffen zurückgelassen hat mich wieder einmal mehr die Einsicht, wie wenig manchen Menschen das Leben ihrer Mitmenschen wert ist... Fazit: eine beklemmende Geschichte, gut erzählt und mit vielen detailreichen Elementen. Anne Artner
(Anm.: Von anderen Rezensenten wurde beim Rattenzauber ein derart hoher Gruselfaktor festgestellt, dass die Einordnung als historischer Roman fragwürdig erscheint.)
Kai Meyer: Der Rattenzauber. Historischer Roman. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2005. TB, 365 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,14


Die Rache des Kreuzfahrers
James Patterson war mir vor dieser Lektüre als knallharter Krimi- und Thrillerschriftsteller ein Begriff und obwohl ich seinen Stil schon aus z. B. Kiss the girls [Denn zum Küssen sind sie da] kenne und schätze, hat mich die Glaubwürdigkeit seiner Figuren sehr angenehm überrascht: Der Unfreie Hugo de Luc, ein Gasthausbesitzer aus einer kleinen französischen Ortschaft, schließt sich im Jahre 1096 den Kreuzfahrern an. Nach unsäglichen Qualen und Mühen trifft er Jahre später wieder zu Hause ein. Problematisch für Hugo und die Menschen um ihn herum entwickelt sich, dass sowohl sein Lehensherr wie auch dessen Feind hinter einer Reliquie her sind, die Hugo mitgebracht haben soll. Hugos geliebte Frau Sophie wird entführt und die einzige Möglichkeit, für sie die Freiheit zu gewinnen, besteht darin, dass er sich an den Hof des Entführers begibt. Hugo hat in seiner Jugend von den Fahrenden so etliche Tricks gelernt und verbirgt sowohl seine Gefühle als auch seine Identität unter der Narrenuniform. Immer wieder kreuzen Menschen seinen Weg, die sich als unerwartete Helfer in der Not entpuppen. Bis Hugo selbst das Geheimnis lüften kann, stehen ihm und seinen Freunden noch einige saftige Überraschungen bevor...
Mit Verve, einfühlsamem Stil und außerordentlichem Geschick zeichnet der Autor hier ein Bild von der bedrückenden Lebenssituation der Unfreien, die ihren Lehensherren teilweise weniger galten als Tiere. Auch beweist der Autor seine Sachkenntnis der Narrenauftritte in den Schilderungen von Hugos Kunststücken.
Fazit: ein ideales Werk, um etwas über eine Bevölkerungsschicht in Europa zu lernen, die die Adeligen und deren Leben finanziert haben. Perfekte Urlaubslektüre! Anne Artner
James Patterson & Andrew Gross: Die Rache des Kreuzfahrers. Historischer Roman. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 460 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Twisted City
Jason Starr bezeichnet sich selbst als Experte für American Football, Baseball, Pferderennen und Glücksspiel. Der Höhepunkt seiner Karriere bestand im Verkaufen unzerreißbarer Strumpfhosen. Und außerdem ist er in Brooklyn geboren und hat die Stadt nie verlassen.
Wenn so ein Mann schreibt, muss das ironisch sein, schwarz, genüsslich in den verkorksten Lebensgeschichten seiner Protagonisten wühlend. NYC-Stories voller kaputtem Egoismus, verzweifelt aufrecht erhaltenen Siegergesichtern, abgebrühter Eiseskälte angesichts von Dealern, Perversen, Besessenen und Arbeitskollegen. Dass der Leser angesichts derartiger Anhäufungen menschlicher Abgründe dennoch nicht umhin kommt, das Ganze irgendwo auch erheiternd zu finden, ist Mr. Starrs ganz besondere Qualität.
In Twisted City, dem 5. Starr-Psychothriller-New York-Roman im Diogenes-Verlag und leider dem ersten, den ich in die Finger bekommen habe, ist der Held wieder ein "Mann im freien Fall" (laut Kölnischer Rundschau die Spezialität des Autors): David Miller, vom Wall Street Journal zum Manhatten Business abgestiegener Techno-Wirtschaftsjournalist. Die Frage, die sich ihm stellt: Was tun, wenn dich ein Junkie mit dem gestohlenen Foto deiner gerade verstorbenen Lieblingsschwester erpresst? David Miller tut das Dümmste, was man tun kann: Er gibt nach. Von da an geht´s bergab...
Jason Starr: Twisted City. Diogenes, Zürich 2005. Geb., 331 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Hotel Iris
Mari ist 17 und arbeitet im Hotel ihrer Mutter. Als sie Zeugin einer Szene zwischen einem älteren Gast und einer unwilligen Prostituierten wird, erfährt sie etwas über die Geheimnisse ihrer eigenen Lust: Der Befehlston des Mannes, die Art wie er "Schweig, Hure!" sagt, geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Eine verbotene, geheim gehaltene, von der Gesellschaft geächtete Liebe des Schmerzes, der Demütigung und der Lust an der Selbstqual hebt an, eine Beziehung ohne Zukunft.
Natürlich hat diesen kleinen Roman eine Frau geschrieben und ihn gemäß ihrer Herkunft irgendwo in Japan angesiedelt; von Bedeutung insofern als dass Japan für extremere Formen des SM und Bondage bekannt ist. Der Text ist karg wie die Einrichtung "des Mannes", der nie einen Namen erhält; so fallen auch die Beschreibungen "intimer" (SM)-Szenen nüchtern und beinahe teilnahmslos aus. Erotisch ist das nicht, ebenso fehlt eine hinreichende Erklärung für Maris aufopfernde Zuneigung zu dem alten Mann, es gibt keine nennenswerte Handlung… Und dennoch: In ihrer kunstlosen Kunst geht von der Novelle ein Hauch der Verstörung aus, der sich unmerklich in die untersten Bewusstseinsschichten des Lesers schleicht. Das starre Korsett der japanischen Gesellschaft konterkariert mit dem gewalttätigen Ausbrechen daraus, der körperlich gemachte Schmerz als Ausdruck eines allgegenwärtigen, körperlosen und unfassbaren Schmerzes…
Yôko Ogawa: Hotel Iris. dtv, München 2005. TB, 223 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,27

Böses Mädchen
Blanche, bleich und blass wie ihr Name, existiert nicht: Sie wird nicht wahrgenommen und schon gar nicht geliebt. Ganz anders Christa: Sie strahlt, sie steht im Mittelpunkt. So kann Blanche ihr Glück nicht fassen, als sich Christa ausgerechnet sie zur Freundin nimmt. Bald aber kommen ernsthafte Zweifel bei der 16-Jährigen auf: Hinter der strahlenden Fassade, mit der Christa Blanches Eltern um den Finger wickelt und sich in ihr geheiligtes Privatleben mischt, entdeckt sie die (Originaltitel) "Antéchrista"; gekommen zu zerstören, nicht zu erretten, als junger Mensch bereits unfähig, sich anders zu definieren als über die Ausübung von Macht über andere. Blanche bleibt nur eine Möglichkeit: Sie muss das Lügengebilde der geliebten Feindin aufdecken.
Boshaft-naiv, entlarvend komisch, brillant formuliert - Nothombs Qualitäten sind alle vertreten. Dennoch hat mich die Geschichte aus der Perspektive einer introvertierten 16-Jährigen nicht in der Weise gepackt, wie es andere Titel der Autorin vermochten. Das mag am allzu großen Unterschied der Lebenswelten der Protagonistin und des Rezensenten liegen oder auch daran, dass es Nothomb meiner Ansicht nach nicht in gewohnter Stringenz gelungen ist, ihre psychologische Vivisektion (in diesem Fall: der Lüge) zu vollziehen. Für Nothomb-Einsteiger nur bei Nähe zum Thema zu empfehlen.
Amélie Nothomb: Böses Mädchen. Diogenes, Zürich 2005. Geb., 139 S.
bei amazon kaufen: EUR 18,43

Die Tage des Raben
Alienor von Sassenberg hofft, mit ihrer Familie in England im Jahre 1067 endlich ein bisschen Frieden zu finden. Denn der Normannenkönig Guilleaume hat ihren Mann Erik vor Jahren zum Ritter geschlagen und Erik hofft, wieder bei ihm in den Dienst treten zu können. Doch auf ihrer Reise zu Guilleaume erwarten Alienor und ihr Haushalt ungeahnte Schrecken, denn Guilleaume hat auf seinem Eroberungsfeldzug vor allem das Ziel verfolgt, den Menschen durch Grausamkeit vor Augen zu führen, was ihnen bei fehlender Kooperation mit seinen Männern blüht.
In gewohnter Manier lastet ein großer Teil an Verantwortung wieder auf Alienors Schultern. Aber sie findet Unterstützung und Freunde an unvermuteten Orten, erfährt die wahre Lebensgeschichte ihrer Mutter und macht sich schlussendlich auf, ihren Mann bei König Guilleaume (= Wilhelm der Eroberer) auszulösen.
Im Finale der Waldgräfin-Trilogie hat die Autorin wieder zur Fabulierfreude des ersten Teils zurückgefunden, denn der zweite Teil, Freyas Töchter hat mich leider nicht besonders überzeugt. Es spielt keine Rolle, ob die Frage des sich in Europa langsam ausbreitenden Christentums diskutiert wird, die Herrscherpolitik der Normannen oder die Bauernschläue der einfachen Menschen: Die Thesen der Autorin wirken schlüssig und nachvollziehbar. Besonders gut gelungen finde ich die Mélange von Religionspraxen, Riten, Sprachen und Lebensrealitäten - etwas, das meiner Meinung nach in der sonstigen Diskussion der damaligen Zeit eher untergeht. Anne Artner
Dagmar Trodler: Die Tage des Raben. Historischer Roman. Blanvalet, München 2005, Geb., 500 S.
bei amazon kaufen: EUR 23,58

Die Schreckenskammer
Die Geschichte nimmt ihren Ausgangspunkt mit der Festnahme von Gilles de Rais, dem Lordkanzler von Frankreich, zweitreichstem Mann im Königreich sowie Kampfgefährte von Jeanne D `Arc. Als Berichterstatterin über den folgenden Prozess und sein voriges Leben fungiert seine ehemalige Amme, Guillemette la Drappière, die sich nach dem Tod ihres Mannes in ein Kloster zurückgezogen hat. Da ich mich immer schon für vergangene Zeiten und deren Persönlichkeiten interessiert habe, würde ich die Sichtweise sowohl auf die Persönlichkeit des Gilles de Rais als auch auf den Prozess als realistisch einschätzen. Sie stellt eine hermeneutische Annäherung dar, die ich durchaus würdigen kann - nach dem Motto: "so könnte es gewesen sein..."
Im zweiten Handlungsstrang begleitet die Leserschaft Detective Lany Dunbar im Los Angeles der Jetztzeit bei ihren Ermittlungen, die das Verschwinden von männlichen Jugendlichen im Alter von 10 bis 14 betreffen. Relativ bald hat Lany ein Muster und auch ein Täterprofil erstellt. Aber wie sie das zustande bringt - das ist weibliche Intuition, gepaart mit intelligenten und zielgerichteten Überlegungen; auch in der Wahl ihres "Gehilfen", der als beratender Psychologe mitarbeitet, beweist Lany ihre gute Nase. Besonders ihre Kapitel konnte ich kaum aus der Hand legen.
Ein weiteres Plus stellt jeglicher Verzicht auf moralische Verweise und Instanzen dar; wenn Lany betroffen ist, dann spricht ihr eigenes Muttersein aus ihr.
Genial verbindet die Autorin die verschiedenen Zeit- und Erlebensstränge, denn was Gilles de Rais und der moderne Entführer gemeinsam haben, erschließt sich erst nach und nach... Anne Artner
Ann Benson: Die Schreckenskammer. Blanvalet, München 2005. Geb. , 575 S.
bei amazon kaufen: EUR 23,59

Das Buch von Eden
Unscheinbar und krank wirkt es, das Pflänzchen, das die Novizin Favola mit ihrem Leben hütet. Die Hoffnungen, die sich daran knüpfen, sind hingegen enorm: Die Lumina genannte Pflanze soll die letzte Überlebende des Gartens Eden sein - und der Versuch, sie wieder an ihren Ursprungsort zurückzubringen, ein neues Paradies auf Erden schaffen. Machtgier deutscher Kirchenfürsten steht diesem Unterfangen entgegen: sie schrecken auch vor Mord und Folter nicht zurück, um das "Paradies" auf eigenem Grund und Boden zu verwirklichen. Eine abenteuerliche Jagd beginnt in der Eifel und führt in den Orient - und ist auch ein Wettlauf mit der Zeit, denn Hüterin und Pflanze sind zum Sterben krank...
"Kai Meyer auf Bestsellerkurs", Kai Meyer schreibt "das historische Epos für das neue Jahrtausend" (Klappentext), "einfach zum Verschlingen" - die Vorschusslorbeeren, die Kritikermeinung und die Publikumsreaktionen decken sich. Gänzlich kann ich in den Chor der Euphorie jedoch nicht einstimmen: Zwar ist der Roman wirklich hervorragend gemacht - sprich spitze geschrieben, gekonnt aufgebaut, spannungs- und bilderreich - und also tatsächlich ein Lesevergnügen, jedoch hat mich die Grundlage gestört. Ein historischer Roman, der auf der Existenz einer Pflanze aus dem mythischen Garten Gottes beruht? Die Protagonisten glauben es eigentlich selber nicht, haben ihre eigenen Motive für die Teilnahme an einem halsbrecherischen Unterfangen. Der ganz und gar magische Grundstein der Handlung fügt sich meines Erachtens nicht in den ansonsten klassisch recherchierten und geschriebenen historischen Roman ein. Ohne diesen - niemals aufgelösten - Widerspruch könnte Meyers Opus durchaus in eine Reihe mit dem Klassiker des Genres gestellt werden, ja überträfe diesen sogar an Dichte und Spannung: Ken Folletts Die Säulen der Erde. So bleibt ein wirklich guter Schmöker - und ein irgendwie unbefriedigender Nachgeschmack.
Kai Meyer: Das Buch von Eden. Historischer Roman. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach 2004. Geb., 826 S.
bei amazon kaufen: EUR 25,65

Im Jenseits ist die Hölle los
"Mein Tod kam für mich völlig überraschend." Arto Paasilinna verliert keine Zeit, wenn es ums Jenseits geht. Mit obigem Satz beginnt er seine Geschichte aus der Sicht eines frisch Verstorbenen. Seinem Ansatz zufolge gibt es weder Himmel noch Hölle, keinen Gott und keinen Teufel und auch keine Wiedergeburt - je nach Gedankenkraft als Lebender existieren die Geister der Verstorbenen einfach weiter, unterschiedlich lang: je dümmer desto eher lösen sie sich endgültig auf.
So nehmen die Toten Anteil am Dasein der Lebenden - interessante Einblicke von maximaler Wahrhaftigkeit ergeben sich z.B. aus ihrer Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Die Einschränkung dabei: "Die meisten der lebenden, durchschnittlichen Finnen schien überhaupt keine Hirntätigkeit zu besitzen." Zum Glück gibt es jede Menge toter Persönlichkeiten: Papst Pius, ein 9.000 Jahre alter Schamane mit einem Faible für Pornofilme und Jesus, der endlich auch einmal in Helsinki eine Ansprache hält.
Der 25 Jahre alte Text des Fachmannes für schräge Eigenwilligkeit vereint alle Qualitäten des Kultautors: skurril-witzig, respektlos-pointiert und mit Pragmatismus im Angesicht des Wahnsinns gesegnet. Die Story selbst ist allerdings schwach und endet abrupt, der Plot dient lediglich als Rahmen für die Gesellschaftssatire und weist kaum eigenständige dramatische Höhepunkte auf. Sieht man von Paasilinnas im Grunde deprimierender Sicht des Todes ab, hält der Text jedoch erhebliches, erheiternd-erhellendes Lesevergnügen bereit.
Arto Paasilinna: Im Jenseits ist die Hölle los. edition Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. Geb., 219 S.
bei amazon kaufen: EUR 18,54

Das zärtliche Alphabet des Don Júbilo
Weil Doña Jesusa so sehr lachen musste, dass ihre Fruchtblase zerplatzte, kam Júbilo, als 12. Kind eine routinierte Geburt, inmitten der fröhlichsten Festgesellschaft lachend zur Welt. Von klein auf erkannte er sein einzigartiges Talent: Botschaften, feinste Schwingungen aufzufangen und zu verstehen, so dass er stets die wahren Wünsche der Menschen hinter den Worten herauszuhören verstand. Júbilo wird Vermittler - Telegraphist zum Wohle der Menschheit. Er findet die Liebe seines Lebens, wird Vater, hat überall Freunde - und muss dennoch seinen Lebensabend ans Bett gefesselt und unfähig zu sprechen verbringen. Denn auch jemand wie Júbilo ist nicht vor Schicksalsschlägen gefeit - und seine Gabe ist nicht nur einmal ein Fluch.
Die Autorin des Welterfolgs Bittersüße Schokolade legt nach: Liebevoll, poetisch, witzig, sinnlich und erfüllt von romantischer Weisheit wie in ihrem Bestseller werden auch die Abenteuer des Don Júbilo geschildert. So nebenbei geht es um das Selbstverständnis der Mexikaner, die vorgeblich so stolz darauf sind, ein Mischvolk zu sein, und dabei so große Schwierigkeiten haben, ihr indianisches Erbe, die Traditionen und das Wissen der Maya, zu bewahren. Zeitgeschichte, Politik und die ewig zerrenden, polaren Kräfte in der Gesellschaft wie im Leben jedes Einzelnen bilden den Hintergrund einer im besten lateinamerikanischen Wortsinn zauberhaften Erzählung: erfüllt von der Magie des Lebens.
Laura Esquivel: Das zärtliche Alphabet des Don Júbilo. BLT, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 251 S. (Hc 2002)
bei amazon kaufen: EUR 8,15

Das Werk der Teufelin
Auch die Fortsetzung von Der dunkle Spiegel überrascht mit profundem Detailwissen über das Leben der "kleinen" Leute in einer deutschen Stadt im Hochmittelalter, einer sympathischen Heldin namens Almut, die ganz und gar nicht auf den Mund gefallen ist, sowie einer rasanten Geschichte. Almut bleibt diesmal aber wirklich nichts erspart. Egal, ob sie kurzfristig die Leitung der Schwesternschaft übernehmen muss, weil die Oberin unter Mordverdacht steht, ein Plätzchen für einen entsprungenen Novizen finden soll oder ihre Schwestern von unerwarteten Seiten kennen lernt, immer wieder erweist sie sich als kecke, lebenslustige und -kluge Frau. Die Sprüche aus dem biblischen Buch von Jesus Sirach werden vielleicht nicht alle LeserInnen derartig (wie mich) entzücken, haben aber als Wortgefechtsbestandteile zwischen Almut und Pater Ivo auf alle Fälle ihren ganz eigenen Reiz.
Besonders hübsch finde ich den leichtfüßigen Erzählton, der nebenbei auch noch schlau macht - quasi Vitamine und naschen zugleich. Faszinierend, wie gut Andrea Schacht hier ihr Handwerk verrichtet und meiner Meinung nach sollte sie dabei bleiben; ihre Ring-Geschichten (Bernsteinring, Siegelring, Lilienring) sind im krassen Gegensatz dazu an Peinlichkeit und Überflüssigkeit kaum noch zu überbieten. Anne Artner
Andrea Schacht: Das Werk der Teufelin. Roman. Blanvalet, München 2004. Geb., 382 S.
bei amazon kaufen: EUR 17,40

Wir sind das Salz von Florenz
Das Haus der de´ Medici hat den Ruf von Florenz als eine Weltstadt des Handels, der Schönen Künste und der Dekadenz mitbegründet.
Aus dem Blickpunkt dreier Hauptpersonen schaut der Autor auf das Florenz des 15. Jahrhunderts: Lorenzo de` Medici, genannt "Il Magnificio", der trotz persönlicher Hässlichkeit die Schönen Künste liebt und fördert; Laodomia, eine schöne Bürgersfrau, die sich gegen ihren Onkel behauptet und ihr eigenes Geschäft aufbaut; und der fanatische Mönch Fratre Girolamo Savonarola (hingerichtet 1498), der eine zeitlang Florenz beherrscht und mit Hilfe von Elitetruppen die Macht in Forenz an sich reißen kann.
Noch besser als die Figur des Lorenzo de` Medici (1449-1492) gelingt dem Autor aber die Beschreibung des Fratre. Beim Lesen dieser Beschreibungen wurde mir ganz anders, denn seine Methoden zur Machterlangung unterscheiden sich nicht wirklich von denen einer Diktatur. Der Autor nimmt sich ohne Zweifel Macchiavellis Werk "Il Principe" zum Vorbild - aber eben nicht so sehr für die Familie der de` Medici, sondern für die Kirchenmänner und besonders für den Fratre. Das hat mir gefallen und imponiert, obwohl es mir in der Seele wehtut, auf welche Weise Gottes Wort von seinen angeblichen Dienern korrumpiert, benutzt und missbraucht wurde. Aber die Gesetze der Macht sind eben nur sich selbst und keinesfalls anderen verpflichtet. Anne Artner
Tilman Röhrig: Wir sind das Salz von Florenz. Historischer Roman. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2004. TB, 895 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,20

Kafka am Strand
Der 15-Jährige flüchtet - vor seinem Vater, seinen Zwängen, einer düsteren Prophezeiung; macht sich auf die große Sinnsuche und das Entdecken der Liebe. Nakata andererseits, der mit Katzen spricht und seit einem mysteriösen Unfall weder lesen noch schreiben kann, weiß nie was er machen soll - bevor es bereits geschieht. Die beiden Handlungsstränge verwickeln sich im Lauf der Zeit ineinander; heraus kommt dabei allerdings herzlich wenig.
Philosophie-Blasen, wirre Fantastik, langatmige Alltagsbeschreibungen, ins Nichts verlaufende Ereignisse - so regnet es z.B. einmal Fische und Blutegel. Ohne Erklärung, ohne Folgen.
Die besten Seiten dieses Romans sind jene, in denen Nakata auftritt, ein schwejkischer Charakter von zenbuddhistischer Gelassenheit; seine Kommentare sind auch die einzigen Stellen, die Spuren von Humor erkennen lassen. Das insgesamt immer mehr ins Surreale abgleitende Geschehen erweckt hingegen vor allem den Eindruck, der Autor habe rücksichtslose Esoterik-Selbstbefriedigung betrieben, ohne sich über den Inhalt seiner Worte größer Gedanken zu machen - oder vor lauter Gedanken machen völlig vergessen, dass ein Roman so was wie einen roten Faden haben sollte. Wer Murakami, der ja als Kultautor japanisch gefärbter Sinn- und Wahrheitssuchender gilt, bereits kennt und mag, wird wohl auch mit diesem "ungewöhnlichsten Entwicklungs- und Liebesroman" (Klappentext) seine Freude haben; andere seien vor Brachial-Haiku á la "Schlafende Eidechsen im Mondschein, vom Himmel ein Regen kleiner Fische" auf mehr als 600 Seiten gewarnt...
Haruki Murakami: Kafka am Strand. Dumont, 3. Aufl., Köln 2004. Geb., 637 S.
bei amazon kaufen: EUR 25,60

Wächter des Kreuzes
Dottoressa Ottavia Salina, ehrsame Ordensschwester und Schriftkundige im Dienst des Vatikans, erhält einen hochbrisanten Auftrag: Sie soll die Narbentätowierungen auf der Leiche eines jungen Äthiopiers erklären, bei dem kurz davor entwendete Kreuzreliquien gefunden wurden. Die Spur weist auf eine geheime Bruderschaft hin, zu der nur ein Weg führt: die 7 lebensgefährlichen Prüfungen zu bestehen, aus der deren Aufnahmeritus besteht. Gemeinsam mit einem Hauptmann der Schweizer Garde und einem ägyptischen Wissenschaftler macht Ottavia sich auf, den Weg zu beschreiten, nicht ahnend dass ihr Leben durch die Initiation nie mehr dasselbe sein wird. Dantes "Göttliche Komödie" entpuppt sich als Reiseführer ins "irdische Paradies"…
In Asensis zweitem auf deutsch erschienenen Roman nach Iacobus bleibt die Spanierin ihrer Linie treu: Wieder mischt sie gekonnt historische Fakten mit abenteuerlichen Details, die den Protagonisten alles an detektivischem Spürsinn, klassischer Bildung, Mut und Ausdauer abverlangen. Die Nonchalance, mit der sie dabei naturwissenschaftliche Unglaublichkeiten behandelt, hätte einem Indiana Jones zur Ehre gereicht. Das reichliche Augenzwinkern, mit dem der Text serviert wird, lässt den begierig weiterblätternden Leser jedoch über so manche Ungereimtheit gerne hinwegsehen. Feiner Schmökerstoff für Erleuchtung im Lehnstuhl Suchende, der nicht ganz die Qualität des Iacobus erreicht, diesen dafür in den Verkaufszahlen klar übertrifft.
Matilde Asensi: Wächter des Kreuzes. dtv, München 2004. TB, 639 S.
bei amazon kaufen: EUR 15,—

Der Mann aus Zelary
Der Auftrag scheint einfach: Unauffällig in ein Haus gehen, an einer bestimmten Tür einen Brief abgeben, bei einem anderen Ausgang und verkleidet wieder hinaus. Doch im Jahre 1942 im Protektorat Böhmen/Mähren ist nichts einfach, lauert die Gestapo überall - unversehens befindet sich die junge Ärztin auf der Flucht in die Provinz, nimmt den Namen Hana an und muss sich verheiraten. Der für sie gewählte Mann aus Zelary: ein bärenstarker, wortkarger Tölpel, den sie in den Monaten zuvor als Patienten betreute. Verunstaltet ist er, ungebildet, und er führt Hana in sein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Ihre Welt bricht buchstäblich zusammen, alles was ihr wichtig war hat hier keinen Wert mehr… schicksalsergeben wartet sie in ihrer schlichten Hütte auf den Tag, an dem ihr Mann, ein Fremder, sein wahres, gewalttätiges Gesicht zeigt.
Poetische Liebesgeschichte abseits rosaroter Klischees, in anmutiger Sprache gehalten. Wunderbar anrührend erzählt Frau Legatova (Pseudonym einer 1919 geborenen, in Brno lebenden Autorin) - umso nahe gehender, da ihr eigenes Leben als Vorbild herhalten konnte: Im Kommunismus galt sie als "politisch unzuverlässig" und wurde von Dorfschule zu Dorfschule gereicht - im Gepäck ihre Promotion in Tschechisch, Deutsch, Physik und Mathematik.
Die Konventionen hinterfragende, das Innere nach außen kehrende Romanze lieferte die Vorlage für den gleichnamigen Film, der 2004 für den Auslandsoscar nominiert wurde.
Kveta Legátová: Der Mann aus Zelary. dtv premium, München 2004. TB, 156 S.
bei amazon kaufen: EUR 12,40

Der Herr der Unruhe
Wer kennt das nicht: Computer spinnen, Autos springen aus unerfindlichen Gründen nicht an, ein Schloss klemmt gerade wenn man es besonders eilig hat… Gibt es den "Geist in der Maschine", dann muss dieser auch beeinflussbar sein. Genau diese Gabe dichtet Ralf Isau Nico an, einem anfangs 12, am Ende 25-jährigen Uhrmacher(gesellen). Als "der Leblosen Liebling" vollbringt Nico Wundertaten - getrieben vom Wunsch, sich am Mörder seines Vaters zu rächen. Bloß ist der ein lokaler Obercapo und mit Faschisten wie Nazis gleichermaßen verbandelt. Dass Nico Jude ist macht die Geschichte beileibe nicht einfacher… Und dann ist da noch die bildhübsche Laura, in die er sich auf den ersten Blick verliebt. Sie ist ausgerechnet die Tochter seines Erzfeindes.
Unterhaltung mit Tiefgang möchte Ralf Isau produzieren, und bisweilen gelingt ihm dies in seinem neuesten Roman durchaus. Das historische Schicksal der Juden in Italien und Österreich, die Rolle der Kirche - überaus ernste Themen bilden den Hintergrund für eine abenteuerliche, magisch angehauchte Geschichte mit einer gehörigen Portion Romantik. Isau versteht es zu fesseln und für seine Figuren einzunehmen, er bietet gute Unterhaltung, er versteht sein Handwerk - der Tiefgang fällt indes häufig einem Jugendbuch-Tonfall zum Opfer, der an sich nicht stört, in diesem konkreten Fall aber unpassend wirkt: Der Herr der Unruhe ist als "erwachsene" Belletristik konzipiert. Lesenswert, aber sicher nicht Isaus Meisterstück.
Ralf Isau: Der Herr der Unruhe. Ehrenwirth, Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. Geb., 509 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Die Zypressen von Cordoba
Am Hof von Cordoba regiert der maurische Kalif ar-Rahman III. Auf der Suche nach einem vertrauenswürdigen Arzt gerät er an den Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Da´ud, der endlich nach Jahrhunderten das Geheimnis des Großen Theriak lüften soll. Ist Da´ud der Aufgabe gewachsen, ist der Weg zu Ansehen und Ruhm geebnet; versagt er, droht er zwischen den Mühlsteinen der Macht zerrieben zu werden…
So hebt ein historischer Roman an, der das Schicksal einer hochrangigen jüdischen Familie durch drei Generationen verfolgt. Deren nach außen zur Schau getragene Bescheidenheit als Überlebensprinzip hat sich auch die Autorin zu eigen gemacht - die Geschehnisse sind zurückhaltend geschildert, wirkliche Aufregung ist selten. Zum wirklich gelungenen Schmöker fehlt es am Feuer, zum historisch interessanten Text an Authentizität, zur philosophischen Abhandlung an Antworten auf die zahlreich eingestreuten Sinn-des-Lebens-Fragen, zum Lesegenuss einfach an der Spannung. Es bleibt ein glanzlos geschriebener, lauwarmer Gesellschafts- und Familienroman, der zufällig im Spanien des 10. Jhds. angesiedelt ist. Nur für Fans dieses Genres, denen zu viel Spannung gar nicht recht ist.
Yaël Guiladi: Die Zypressen von Cordoba. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 475 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,20

Vorstandssitzung im Paradies
Ein Charterflugzeug muss notlanden, fast alle Passagiere können sich jedoch auf einen tropischen Sandstrand mit Dschungel im Hintergrund retten. Der Ich-Erzähler, ein finnischer Journalist, und die Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern und Waldarbeiter kämpfen ums Überleben; nach einiger Zeit erkennen sie jedoch mehr und mehr, dass sie eigentlich im Paradies gelandet sind. Sie leben nach sozialistischen Prinzipien der Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Besitzlosigkeit, ergötzen sich an der freien Liebe und der Morgentoilette in Form eines Sprungs ins warme Meer. So sind dann beileibe nicht alle erfreut, als doch noch Rettung naht…
Arto Paasilinna gilt als "Meister aberwitziger Komik" und hat bereits über 40 Titel veröffentlicht. Ich kann nur zu diesem einen Stellung nehmen: Vorstandssitzung im Paradies greift eine beliebte Frage auf - wie entwickelt sich eine Gesellschaft frei von Zwängen, äußeren Einflüssen usw? Leider fällt dem Autor zu dieser Frage nicht allzuviel ein. Die "aberwitzige Komik" der eher unterdurchschnittlichen, wenig bildhaften und sehr spröden Schreibe ist mir ebenfalls entgangen (oder war zu finnisch-lakonisch, um mir aufzufallen); die dem Titel nach zu erwartende Persiflage auf Bürokratie und Amtsschimmelei unterbleibt vollständig; gesellschaftskritische Ansätze oder wenigstens Seitenhiebe auf unser durchorganisiertes Dasein sind so spärlich gesät und so schaumgebremst, dass es einfach nur schade ist. Was an diesem Text am meisten auffällt ist das, was nicht drinsteht…
Arto Paasilinna: Vorstandssitzung im Paradies. BLT, Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 175 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,20

Die Schlangenprinzessin
Während der Lektüre habe ich mich nur geärgert: Da wird eine Autorin hoch gepusht und in einem Atemzug mit Isabel Allende oder Gabriel García Márquez genannt, doch was mir hier als "anspruchsvolle Literatur" verkauft wird, gleicht im Prinzip einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung mit tragischem Touch bzw. fast schon einer Sozialpornographie.
Die Autorin gefällt sich scheinbar in der Rolle der distanziert schildernden Beobachterin — jedoch entlarvt sie sich durch ihre mysteriösen Andeutungen. Andeutungen schön und gut, aber was sollen Andeutungen, die welche bleiben?
Besonders störend habe ich die Selbstverständlichkeit empfunden, mit der die Sexualität der Hauptfigur, einer Frau namens Blue, geschildert wird und wie ihr schlichtweg alle Männer verfallen. Der Rest der Geschichte bringt auch nicht mehr Fleisch auf die Knochen: Die tragische Kindheit eines Kriegsreporters (selbstverständlich verfällt auch er Blues Reizen) in den Appalachen und die religiösen Verirrungen, denen sowohl er als auch Blue ausgesetzt sind; die völlig lieblos geschilderte Lebensgeschichte von Blues Ehemann, einem Juden, der in den 20er Jahren in Paris eine glühende Nationalsozialistin heiratet; die Wanderungen des Erweckungspredigers, den Blue durch eine Schlange tötet und der sich als Vater des Kriegsreporters entpuppt...
Die Schlangenprinzessin eignet sich meiner Meinung nach perfekt als ein Geschenk für böse Schwiegermütter, Ex-PartnerInnen oder emotional übergriffige Verwandte beiderlei Geschlechts. (Anne Artner)
Gina B. Nahai: Die Schlangenprinzessin. Roman. Lübbe, Bergisch-Gladbach, 2004. Geb., 360 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,70

Hausaufgaben
Joachim Linde, Mittelschullehrer für Deutsch, hat familiäre Probleme; über Jahre haben sie sich entwickelt und an diesem Wochenende ballen sie sich zusammen und zwingen ihn dazu, endlich die Karten auf den Tisch zu legen, "peinlichstes Privatleben" vor seiner versammelten Kollegenschaft auszubreiten.
Seine Tochter ist 6 Monate nach einem Selbstmordversuch zu ihrem Freund nach Mailand abgezogen, seine depressive Frau muss die Tage in einer psychiatrischen Klinik verbringen, sein Sohn hat einen schweren Autounfall - und all diese Ereignisse lassen sich auf einen Moment der Unachtsamkeit Lindes zurückführen, als er in Gedanken ein Tabu übertrat und sein Kind als Frau betrachtete.
Arjounis dichter Roman befasst sich mit privaten und historischen Schuldzuweisungen, mit der Unmöglichkeit, eine Wahrheit zu finden, mit den katastrophalen Folgen verabsäumter Kommunikation. Zwischen der Tatsächlichkeit von Gedanken und der Unwirklichkeit des Tatsächlichen wird Linde beim Versuch, mit sich und der Welt im Reinen zu bleiben, beinahe zerrieben. Präzision im Angesicht der Unwägbarkeit zeichnet seine neueste Arbeit, wie gewohnt von hoher literarischer Qualität, aus. Des Deutschtürken ausgeprägten Sinn für Humor lässt sie - verständlicherweise, dennoch leider - vermissen. Der "intelligenten Unterhaltung", für die Arjounis bisherige Bücher standen, ist das Augenzwinkern abhanden gekommen. Lesen Sie es trotzdem.
Jakob Arjouni: Hausaufgaben. Roman, Diogenes, Zürich 2004. Geb., 188 S.
bei amazon kaufen: EUR 18,40

Eine unmoralische Wette
Priss und Diva, beide Mitte 30, attraktiv und aufgeschlossen, nehmen an einem Treck durch das Buschland Neuseelands teil. Priss will Diva davon abbringen, in den häuslichen Stand der Ehe einzutreten und ihr noch einmal zeigen, wie lustvoll das Leben ohne Bindungen oder Verpflichtungen sein kann. Sie schlägt vor, sich als Wochenziel vorzunehmen, mit jedem der Teilnehmenden Sex zu haben…
Juliet Hastings ist auf das Schreiben erotischer Literatur spezialisiert. Sie versteht ihr Handwerk durchaus - so manche Schlampigkeit in diesem Billig-Taschenbuch ist nicht ihr, sondern dem deutschsprachigen Lektorat zuzuschreiben. So ist dem Sex-Treck auf anregende Weise zu folgen - eine obszöne Comedy mit detaillierter Beschreibung im Genitalbereich. Im Grunde einfach ein Porno, schafft es Hastings am Ende sogar noch, eine dezente - und durchaus moralische - Message abzuliefern, mit der sie vor allem auch zeigt, dass sie das Ganze selbst nicht allzu ernst nimmt. Wers mag…
Juliet Hastings: Eine unmoralische Wette. Erotischer Roman. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 286 S.
bei amazon kaufen: EUR 7,10

Das Meer der Lügen
Eine gute Möglichkeit, in die Arbeit Diana Gabaldons einzusteigen: Mit ihrer Lügengeschichte beginnt sie nämlich einen neuen Zyklus, der von ihrer berühmten Highlandsaga lediglich eine der wichtigsten Nebenfiguren, Lord John Grey, mitnimmt; wobei mich die Bezugnahmen der Autorin auf die Figuren, die anderen LeserInnen aus anderen Werken wohl bekannt sein dürften, nicht irritiert, sondern eher meine Neugier angesprochen haben, was sich denn nun hinter der großen Highlandsaga verbergen mag. Eine Bemerkung dazu: Es ist, LeserInnen-Kommentaren zufolge, etwas völlig Anderes als das vorliegende Buch; Gabaldon-Fans zeigten sich durchaus irritiert.
Es gelingt der Autorin jedenfalls, sowohl die Charaktere mit Leben zu erfüllen als auch die Spannung, wer denn nun die Intrigenfäden in der Hand hält und wie diese Fäden zusammenlaufen, zu halten. Hier hat sie ordentliche, solide Krimiarbeit in einer historischen Epoche - nebenbei auch ordentlich recherchiert - geleistet. Ihre Fabulierfreude erweist sich ebenfalls als Gewinn für die LeserInnen.
Als etwas störend habe ich aber die "versteckten" Hinweise auf Lord Johns sexuelle Orientierung einerseits als auch die Einsichten in Lord Johns Gedanken erlebt. Wenn schon aus Lord Johns Perspektive geschildert wird, dann bitte ausführlicher und ohne "versteckte" Hinweise. Dann wäre es auch unnötig, den Einsichten der anderen Romanfiguren soviel Raum zu widmen.
Gewiss eine gute Ferienlektüre von einer verlässlichen Vertreterin der schreibenden Zunft - und für Freunde historischer Kriminalromane schon fast ein Muss. Anne Artner
Diana Gabaldon: Das Meer der Lügen. Ein Lord John Roman. Blanvalet, München 2003. Geb., 416 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,50

La Cucina Siciliana oder Rosas Erwachen
Rosas Erwachen beginnt mit dem Tod: Dem Tod ihres einzigen Geliebten, der in Begleichung einer Ehrschuld vom eigenen Vater aufgeschlitzt wird. Ihrem eigenen Tod in Form des Verlassens ihres Heimatdorfes (nachdem sie ein Jahr lang vergeblich versucht hat, ihren Kummer in Kochexzessen, denen der gesamte Hühnerstall und alle Schweine und alles Ersparte zum Opfer fielen, zu ersticken). Rosa zieht nach Palermo, wird Bibliothekarin und lebt die nächsten 25 Jahre als alternde Jungfer. Bis der Engländer in ihr Leben tritt - und Rosa erwacht. Rosa, die Vollblutfrau, die üppige Leckerei, der lebende Beweis für den Spruch von der Liebe, die durch den Magen geht.
Lily Priors Debutroman (dem weitere Rosa-Abenteuer folgten), neu als Taschenbuch erschienen, ist prall erzählt, sinnlich-kulinarisch und locker und leicht zu lesen. Freundliche Unterhaltungslektüre, mit Augenzwinkern zur Übertreibung neigend. Die britische Autorin mit dem Faible für italienische Lebensart lässt kaum ein Sizilien- oder Mafia-Klischee aus, um es nicht nonchalant auf die Spitze zu treiben. In Nebensätzen werden Ereignisse wie die Ermordung des Stiefvaters durch einen analen Flinteneinschuss abgehandelt, die Toten werden traditionell am Küchentisch aufgebahrt, was den Ausdruck "Leichenschmaus" in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt… Schade nur, dass sich Lily Prior durch ihre sprunghafte Erzählweise und einen einfach zu unstrukturierten Aufbau um jede Gelegenheit bringt, auch spannend zu sein. Ein lesbarer Aperitiv, wie geschaffen für müßige Siesta-Stunden in einer sanft schaukelnden Hängematte.
Lily Prior: La Cucina Italiana oder Rosas Erwachen. blt, Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 254 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,20

Die Archäologin
Erika kehrt als frisch gebackene Archäologin in ihr Heimatdorf zurück: Kirchwald, Marchfeld, in nächster Nähe zur tschechoslowakischen Grenze. Eine Ahnung drängt sie dazu, an ihrem geheimen Platz aus Kindertagen zu graben, und sie entdeckt die 3.000 Jahre alten Spuren einer Familientragödie. Viel später wird sie einmal sagen: "Es war, als hätte ich mich selber ausgegraben."
Erika ist besessen von ihrer Arbeit, doch in Wahrheit auf der Suche nach Heilung einer Wunde, die tief in der Vergangenheit geschlagen worden ist. Doch alles im Leben wiederholt sich… im Guten - wie im Schlechten?
Thomas Wollinger liefert einen faszinierenden Erstlingsroman ab: In zutiefst österreichischer Färbung von Land und Leuten und natürlich Sprache gelingt es ihm, ganz nah an den Kern der Dinge heranzukommen. Völlige Distanzlosigkeit zum Geschehen erreichen seine Schilderungen, sodass er, den Leser im sicheren Griff wissend, mit unseren Emotionen zu spielen vermag wie ein abgebrühter Bestsellerautor. Die Parforcejagd durch die Zeit fördert, Schicht um Schicht, Bruchstücke der allzu gerne begrabenen Geschichte zu Tage. Und Erikas persönliche Historie ist mit allem untrennbar verwoben - ihre Jagd nach der Vergangenheit wird zur Jagd nach ihr selbst, nach Erlösung aus einer früheren Existenz.
Thomas Wollinger: Die Archäologin. btb, Random House, München 2004. TB, 287 S.
bei amazon kaufen: EUR 8,80

Lemonas Geschichte
Am Tag vor ihrer Hinrichtung findet sich für Lemona endlich jemand, dem sie ihre Geschichte erzählen will. Aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, "geschieht" ihr ihr Leben, eine Abfolge von Begegnungen mit Menschen, die sich ihr aus Eigennutz nähern. Ihre Schönheit macht sie zu einem vor allem von Männern begehrten Objekt - in ihrer Lebensrückschau muss sie erkennen, dass fast alle nicht sie, sondern lediglich ein Bild von ihr verehrten, solange es ihren Zwecken dienlich war.
Ken Saro-Wiwa, die nigerianische Stimme der Freiheit, wurde 1994 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet und für den Friedensnobelpreis nominiert - im Jahr nach seiner Hinrichtung durch das diktatorische Regime seiner Heimat. In bester Absicht versuchte er, selbst in der Todeszelle sitzend, anhand des Lebensweges einer nigerianischen Frau ein zeitgeschichtliches Sittenbild des zentralafrikanischen Staates zu entwerfen. Aufbauend auf der fragwürdigen Prämisse eines Mannes, der die Stimme einer Frau wiedergibt, vermag der Text jedoch keinen wirklich starken Eindruck zu hinterlassen. Sprachliche Raffinesse fehlt ihm fast vollständig. Ob als anrührend schlicht oder rührend banal erlebt, ist sicher Geschmacksfrage; der Mangel an lebendiger Schilderung und Bildhaftigkeit des Ausdrucks ist jedoch für einen Roman ein objektives Manko. Blutarm.
Ken Saro-Wiwa: Lemonas Geschichte. dtv, München 2004. 217 S.
bei amazon kaufen: EUR 9,80

Harry Potter und der Orden des Phönix
Hatten wir das nicht bereits? Tatsächlich unterscheidet sich die prächtige Hardcover-Ausgabe, die der Hamburger Erfolgsverlag dieser Tage auf den Markt bringt, inhaltlich um keinen Beistrich von der im November 2003 erschienenen deutschen Original-version. Lediglich die "erwachsene" Umschlaggestaltung (Schutzhülle), die ausgewählten Kommentare (FAZ, Stephen King), das Lesebändchen und der noch ein wenig höhere Preis kennzeichnen das Buch als so genannte "Belletristik"-Ausgabe. Da gerade der 5. Band der Reihe auch wirklich Lektüre für Erwachsene darstellt, ist die Aufmachung insgesamt stimmiger. Wie auch immer - wo Rowling draufsteht, ist Potter drin. Wenn es also noch nicht geschehen ist: lesen!
Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix. Carlsen, Hamburg 2004. 1024 S.
bei amazon kaufen: EUR 32,90

Böse Träume
Imogen hat panische Angst vor Büchern - und ausgerechnet die manische Leseratte Melinda soll sie in ihren ersten Tagen an der neuen Schule freundschaftlich begleiten. An Imogen ist aber noch weit mehr seltsam - sie wird von einfach allen gemieden. Die neugierige Melinda kommt bald hinter ihr Geheimnis - Imogen hat Visionen. Berührt sie ein Foto, sieht sie Bilder aus der Zukunft des abgebildeten Menschen; berührt sie ein Buch, durchlebt sie alle darin geschilderten Schrecknisse hautnah am eigenen Leib. Eine "Gabe" nennt sie es. Melinda sieht darin nichts als einen Fluch - und beschließt zu handeln…
Anne Fines "fein" erzähltes Schuldrama mit sanfter Fantasy-Würzung trifft überzeugend den jugendlich-unbeschwerten Tonfall ihrer Protagonistin. Leichte, jedoch niemals seichte Lektüre ohne unnötig beschwerenden Tiefgang, die unterhält und auch die (vorzugsweise weibliche) Leserschaft im Alter von Melinda und Imogen (15) ansprechen sollte.
Anne Fine: Böse Träume. Diogenes, Zürich 2004. 148 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,30

Kosmetik des Bösen
"Das heißt, wenn es Ihnen Spaß gemacht hätte, sie zu ermorden, hätten Sie keine Gewissensbisse."
"So bin ich nun mal."
Der Dialog zwischen dem Geschäftsreisenden Jérôme Angust und einem überaus aufdringlichen und spitzfindigen, wildfremden Mann, der sich als der Holländer Textor Texel vorstellt, offenbart Abgründe von Schuld und Sühne. Denn was Angust mit aller Gewalt zu vertuschen sucht, genau damit brüstet sich Texel: gemordet und vergewaltigt habe er, aus Liebe getötet "wie wir alle töten, was wir lieben". Konventionelle Moralvorstellungen kümmern den Mann keine Sekunde lang, doch auch seine Vorstellungen von Vergeltung scheinen der pure Irrsinn zu sein…
Amélie Nothomb serviert uns diesmal ein Feuerwerk pointierter Dialoge, in denen die reine Bosheit im schmucksten Gewand auftritt. Schräg und teuflisch witzig ist es, wenn unsere bürgerlichen Moralvorstellungen mit eleganter Nonchalance hinweggefegt werden; der dunklen Seite mangelt es nicht an Eloquenz noch Begeisterung. Geht Ihnen das auf die Nerven? Dann ist es genau richtig…
Amélie Nothomb: Kosmetik des Bösen. Diogenes, Zürich 2004. 106 S.
bei amazon kaufen: EUR 17,40

Der dunkle Spiegel
Dieser Kriminalroman entführt uns in die aufregende Welt des Mittelalters, wobei nicht zu überlesen ist, dass die Autorin sowohl über ein fundiertes Wissen der mittelalterlichen Stadt Köln verfügt als es auch schafft, ein lebendiges, fabulierfreudiges Bild des damaligen Lebens für die LeserInnen zu zeichnen, geht es nun um Alchemie, die Beschreibung einer Messe oder eines Patrizierhaushaltes, Kräuterkunde oder die Schilderungen der Gebete.
Die Hauptperson, eine neugierige und selbstbewusste BegineEin klosterähnliches Zusammenleben von unverheirateten Frauen, die sich selbst erhalten. Sie gehorchen einer "Meisterin" und dürfen später sehr wohl heiraten, wenn sie es möchten. namens Almut, wird gleich zu Beginn ein Opfer ihrer Schlagfertigkeit: Sie führt ein erbittertes Streitgespräch während der Heiligen Messe mit einem frauenfeindlichen Mönch.
Am Anfang steht ein Mord am Lehrling eines reichen Weinhändlers, der dummerweise scheinbar durch einen Hustensaft der Beginen zu Tode gekommen ist. Almut kämpft bald auf zwei Fronten: sie muss beweisen, dass der Hustensaft ungefährlich gewesen ist und sie muss sich selbst und ihre Mitschwestern vor den Vorwürfen der Inquisition retten. So nimmt es nicht Wunder, dass Almut bei allem Witz und Schlagfertigkeit bis zur überraschenden Auflösung des Krimirätsels mehrmals in Gefahr an Leib und Leben gerät.
Glücklicherweise lässt dieser Mittelalter-Krimi die Schwere, die man manchmal bei historischen Romanen finden kann und jede Gefühlsduselei, die leider manche Frauenromane auszeichnen, weit hinter sich. Mit Freude und Leichtigkeit zu lesen, eignet sich Der schwarze Spiegel wunderbar für einen gemütlichen Leseabend oder als Bettlektüre. Anne Artner
Andrea Schacht: Der dunkle Spiegel. Blanvalet, München 2003. 368 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,50

Die Waldgräfin
Nicht der perfekte Titel, den Dagmar Trodler ihrem Debütroman angedeihen ließ. Denn was an Heimatromanidylle denken lässt ist alles andere als das: Die titelgebende Heldin ist Alienor von Sassenberg, die eigenwillige Tochter eines kleinen Freigrafen. Wir schreiben das Jahr 1066 und befinden uns in der Nähe von Köln. Mit Alienor werden wir uns klamme Finger vor dem Webstuhl holen, denn der Winter ist hart, Fensterscheiben gibt es nicht und die faulen Mägde haben schon wieder das Feuer ausgehen lassen.
Als ihr gestrenger Vater von der erfolgreichen Jagd zurückkehrt liegt mitten unter den Kadavern ein halbtot geschlagener, gefesselter Mann - ein Wilderer, wie ihr gesagt wird. Der schweigsame, groß gewachsene Fremde aber birgt ein weit größeres Geheimnis… und vielleicht ist es am Ende er, der Alienor dazu verhilft, aus dem engen Korsett des Frauseins im Mittelalter ausbrechen zu können?
Ein fesselnder historischer Roman, der sich intensiv der weiblichen Seite der Geschichte zuwendet. Ich-Erzählerin Alienor lässt uns die Rolle der Frau (in dieser Zeit) beinahe am eigenen Leib nachfühlen - zumal sie selbst heftig dagegen aufbegehrt. Gut recherchiert, detailgetreu, packend erzählt aus einer unverbrauchten Perspektive, hat Trodlers erster Roman alles Nötige, was zum Erfolg im boomenden Historienmarkt nötig scheint. Erfreulich, dass der Titel tatsächlich seiner Qualität entsprechend aufgenommen (gekauft und gelesen) worden ist. Der Verlag revanchierte sich mit der vorliegenden Sonderausgabe, die Autorin mit der Fortsetzung.
Dagmar Trodler: Die Waldgräfin. Sonderausgabe, Blanvalet, München 2003. Geb., 608 S.
bei amazon kaufen: EUR 12,40

Freyas Töchter
Nahtlos in jeder Hinsicht setzt dieser Roman da fort, wo die Waldgräfin endete - erfreulicherweise auch was die Qualität der Schilderung betrifft. In punkto Spannung und Dichte bleiben Freyas Töchter vielleicht eine Spur zurück, damit immer noch eindeutig auf der Überholspur am Markt. Ihr Studium der Geschichte trägt natürlich auch hier schöne Früchte, hinzu kommt - da uns die Ereignisse ins Land der Schweden verschlagen -, dass die Autorin ihre Kenntnisse der skandinavischen Philologie und Kultur voll einbringen kann. Die Abenteuer um Alienor "mit dem tapferen Herzen", wie sie nun genannt wird, sind wunderbar plastisch geschildert, detail- und kenntnisreich. Besonders gefallen hat mir die Konfrontation des herandrängenden Christentums mit den alten, nordischen Göttern.
Wem die Waldgräfin zugesagt hat, wird auch an dieser Fortsetzung seine helle Freude haben - und aller Voraussicht nach auch an der Fortsetzung der Fortsetzung, die derzeit in Arbeit ist und uns womöglich nach England bringen könnte…
Dagmar Trodler: Freyas Töchter. Blanvalet, München 2003. 511 S.
bei amazon kaufen: EUR 23,50

Lila, Lila
David lebt in den Tag hinein, macht kleine Geschäfte und kellnert - eine Herr-Lehmann-Existenz abzüglich der Exzesse. Bis er Marie trifft. Doch um die Literaturstudentin für sich zu gewinnen, braucht es einen kleinen Betrug: David findet ein Manuskript in einem alten Möbelstück, gibt sich als Autor aus. Maries Herz fliegt ihm zu, doch das kleine losgetretene Steinchen löst unaufhaltsam eine Lawine an Konsequenzen aus.
Martin Suter schafft mit schlichter Eleganz leserfreundliche Literatur, die am Boden bleibt. In Lila, Lila beschreibt er, wie eine Geschichte zur Wirklichkeit wird, wie ein Fundament aus Lüge unweigerlich zusammenbrechen muss. Ein wenig Liebesgeschichte, eine Prise Kriminalstory, ein Schlag Literatur über Literatur und ein paar politisch korrekt bleibende Seitenhiebe auf die Literaturszene hinterlassen schlussendlich aber nur ein lauwarmes Gefühl. Die Schlichtheit im positiven Sinn wird stellenweise als mangelnde Brillanz empfunden, vor allem aber überzeugt der Plot im Ganzen nicht restlos. Vieles ist allzu vorhersehbar, manch eine Wendung hingegen trägt den Geruch der Beliebigkeit mit sich. Angenehm, aber keinesfalls ein Must.
Martin Suter: Lila, Lila. Roman, geb. Diogenes, Zürich 2004. 346 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,60

Tipps: Best of Romane

de Winter: MalibuGrünberg: PhantomschmerzRathbone: KönigMankell: Antilope

Der letzte englische König
"Der König furzt. Der König stirbt." Julian Rathbone ist in seiner Wortwahl wahrlich nicht zimperlich, versteht es die - nicht selten überaus unerfreulichen - Dinge beim Namen zu nennen. Nicht zimperlich war auch die Politik zu jener Zeit, die Jahre vor der berühmten Schlacht bei Hastings, durch die Wilhelm, Herzog der Normandie, größenwahnsinniger Bastard, analfixierter Choleriker, 1066 zum König von England wurde.
Sein Gegner nach dem Ableben Eduard des Bekenners war Harold, der letzte englische König. In Rückblenden erfahren wir die Vorgeschichte der Schlacht bei Hastings, zumeist aus der Sicht eines der engsten Vertrauten Harolds: Walt hatte das schlimmste Verbrechen begangen, er hatte seinen Herrn in der Schlacht überlebt. Als er 4 Jahre nach der Niederlage nach England zurückkehrt, steht er vor den rauchenden Trümmern seiner Existenz.
Politik, ein schmutziges Geschäft einst und jetzt. Intrige, Verrat, falsche Eide, Mord und Krieg standen (stehen) auf der Tagesordnung. Ein überaus intelligenter Roman voll drastischer Plastizität, inhaltlich historisch, in der Sprache modern. Die kompliziert verflochtenen Machtgefüge bleiben schwer durchschaubar, das Aufeinanderprallen unvereinbarer Welten wird hingegen mehr als deutlich vor Augen geführt.
Julian Rathbone: Der letzte englische König, dtv premium, TB, München 2003, 418 S., EUR 15,42
Bei amazon kaufen: EUR 15,50

Die rote Antilope
Abseits des Krimis heißt das zweite große Thema des schwedischen Erfolgsautors Afrika (Mankell lebt die meiste Zeit in Mosambik). Das Verhältnis der Menschen, Rassenproblematik, Kampf der Kulturen - gewichtige, ernste Themen sind es zumeist, die Mankell aus der intimen Kenntnis beider Welten heraus aufgreift. So auch in Die rote Antilope, der Geschichte eines kleinen Jungen, der - in guter Absicht - aus der Kalahariwüste nach Schweden verpflanzt wird und sich dort buchstäblich nach seiner Heimat zu Tode sehnt.
"Ich hatte über mich selbst geschrieben, ohne es zu merken", rechnet Mankell die "Antilope" zu seinen persönlichsten Arbeiten. Heimweh und Einsamkeit bestimmen den tief traurigen Grundton einer Geschichte, die gleichwohl unbedingt gelesen werden will. Wie bei kaum einem Zweiten beherrscht Klarheit die mankellsche Sprache: Präzise werden die Innen- und Außenwelten seziert, bloßgelegt die unüberbrückbaren Gräben, geschlagen durch Ablehnung, Unwissenheit oder schiere Teilnahmslosigkeit. Und mag die Fiktion auch ans Ende des 19. Jhds. verlegt worden sein und manche Handlungen aus heutiger Sicht längst überwunden scheinen - der Ungeist der Selbstüberhöhung und Fremdverachtung weht ungebremst...
Henning Mankell, Die rote Antilope. dtv, TB, München 2003, 380 S.
Bei amazon kaufen: EUR 10,30

Malibu
Wir werden der Trauer eines Vaters teilhaftig, schnuppern im Haifischbecken des Hollywood-Business, verfolgen gewagte (meta)physische Spekulationen und erahnen geheimdienstliche Machenschaften - Leon de Winters jüngstes Opus gilt als sein kühnster Roman, packt er doch Stoff für drei Geschichten, Themen aus vier verschiedenen Genres in ein einziges Buch. An einem solchen Vorhaben kann man nur scheitern - oder wahre Meisterschaft beweisen.
Dem jüdisch-niederländischen Schriftsteller ist zweiteres rundum gelungen: Malibu ist exzellent geschrieben, plastisch, glaubhaft, skurril und bis zum Würgegefühl im Hals bewegend; Malibu ist fesselnd und nicht zuletzt dank der ungeheuerlichen Plotwendungen im besten Wortsinn unterhaltend; und Malibu ist in höchstem Maße intelligent, weil mit Akribie recherchiert.
Aber noch mehr: de Winter reflektiert, durchaus kritisch, über esoterisches Grundwissen ("Alles hängt mit allem zusammen"), und verpasst, fast ohne dass wir es merken, seiner Reflexion eine Metaebene; solcherart wird die Spekulation über Metaphysik selbst zur Metaphysik, zum eindrucksvollen Beleg für die Richtigkeit der Behauptung. Zugleich wird uns klar, dass wir trotzdem nichts wissen - zu komplex sind die Zusammenhänge für den kleinen menschlichen Geist. Wir können suchen, auch finden, das Alles wird nie unsere Sache sein. Der Mensch ist, in einem absoluten Sinne, zum Scheitern verurteilt; Malibu zeigt uns, wie wir dies mit Grandezza zu Stande bringen können, ohne dabei jemals das Augenzwinkern zu verlieren. Ein wunderbares Buch.
Leon de Winter: Malibu. Roman, geb., Diogenes, Zürich 2003. 417 S.
Bei amazon kaufen: EUR 23,60

Phantomschmerz
Leben besteht aus der Suche nach der richtigen Wortwahl; was nicht zu formulieren ist, existiert nicht. Wenigstens für Robert Mehlmann, den Schriftsteller und Lebemann, der zwischen 3 Frauen dem Dasein hinterher hechelt, das er zugleich selbst zu inszenieren versucht. Der letztlich daran scheitert, dass das Wort einfach nicht zum Fleisch werden wollte: es schmerzt, ohne wirklich zu sein.
Die Lebensbetrachtungen des hochstaplerischen Selbstdarstellers verdichten sich zu einer Geschichte über Lüge und Wahrheit, in der die Liebe in ihr Gegenteil verkehrt wird. In der wir reichlich mit des Menschen allerliebster Ware beliefert werden: Betrug. Arnon Grünberg, der Jungstar der niederländischen Literatur, war noch nie so unterhaltend wie hier. Ein wenig an John Irving gemahnt seine Liebe fürs Detail zu ungunsten der Handlung; wird man aber, wie in diesem Buch, fortlaufend mit denkwürdigen Sätzen konfrontiert und/oder in den belachenswerten Strudel einer wahnsinnigen Existenz gezogen, wird deutlich, dass das "Was" schon längst keine wesentliche Frage mehr darstellt. Nur das "Wie" entscheidet, und über Sinn und Unsinn sollen die Spießer befinden.

Arnon Grünberg, Phantomschmerz. Diogenes, geb., Zürich 2003, 380 S.
Bei amazon kaufen: EUR 23,60

 

Senden Sie hier Ihre Kommentare und Anregungen zu diesen Kritiken