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Neuerscheinungen: Sachbuch - und was SIE davon halten

Intelligentes Leben im Universum
Marcus Chown, Physiker und einer der renommiertesten britischen Wissenschaftsautoren, ist vor bald zehn Jahren angetreten, den Menschen die vermutlich per definitionem unverständliche Welt der Atome und Quanten zumindest näher zu bringen. Der Erfolg seiner beiden ersten Bücher (ganz unten auf dieser Seite) ermöglichte es ihm, zum "Schriftsteller" zu werden. Als solcher sitzt er den Großteil seines Lebens in einer Studierstube und denkt nach. Das Problem dabei: Je länger er das macht, desto weiter entfernt er sich von der anfänglichen Einfachheit. Seine Bücher werden immer dicker, und der für mich nachlassenden Verständlichkeit setzt er explodierende Glossare und Anhänge entgegen; das neueste in Deutsch erschienene Werk kommt auf fast 60 Seiten Kleingedrucktes.
Sicher: Auch dieses Mal sind wahre Sternschnuppen enthalten – etwa die Aussage, dass ein Haufen Bananen ebensogut als planetare Wärmequelle herhalten würde wie irgendwas, einfach weil es eine grundlegende Eigenschaft von Materie ist, sich aufzuheizen, solange nur genug davon auf engstem Raum zusammenkommt; übrigens auch der Grund dafür, warum wir nicht im Erdboden versinken: Die Atome leisten Widerstand gegen das Zusammengepresst-Werden.
Insgesamt bleibt aber der Eindruck einer entropischen Rosinensammlung, die auf halbem Weg zum Kuchen stecken geblieben ist. Und wie sehr man sich wenigstens ab und an eine Grafik wünschen würde, irgendeine alles viel besser und einprägsamer erklärende Illustration, bestimmt den Tenor der meisten Leserrezensionen.
Marcus Chown: Intelligentes Leben im Universum. Was wir im Alltag über Physik lernen können. dtv premium, München 2010. Tb., 315 S.

Der Fall
Patriarchat, Gier, Krieg, hierarchisches Denken, Einsamkeit – das Leben ist Leiden, postulierte Buddha, und Steve Taylor pflichtet ihm darin unter Heranziehung unzähliger (anthropologischer) Belege bei. Doch übersteigertes Ich-Bewusstsein, Egoismus und Einzelkämpfertum sind seiner Meinung nach keinesfalls biologische Grundkonstanten des Lebens, sondern das Ergebnis des "Falls": Von der Wüstenbildung im Raum Sahara und Naher Osten ("Saharasia") zum Überlebenskampf gezwungen, ereilte die lokale Bevölkerung vor rund 6.000 Jahren die "Ego-Explosion". Statt wie bisher überwiegend im All-Einen zu sein, gegenwärtig, genügsam und in dauerhafter, empathischer Verbindung mit der Umwelt, konzentrierten sich die Bewusstseinsenergien auf den eigenen Vorteil, das eigene Überleben, das Ego. Diese Menschen machten rasante (kriegs)technische Fortschritte, was sie in Verbindung mit gesteigerter Aggressivität und insbesondere bei Männern so gut wie nicht mehr vorhandenem Einfühlungsvermögen in die Lage versetzte, zu "des Menschen Wolf" zu werden. Das neue Konzept war systemintern gedacht ein voller "Erfolg" und verbreitete sich im Laufe von Jahrtausenden auf dem ganzen Planeten; mit wenigen indigenen Ausnahmen sind heute alle Menschen in ihren Egos abgekapselt, geschlagen mit dem lebenslangen Fluch, sich nicht als Teil des Ganzen wahrnehmen zu können.
Der Fall ist jedoch nicht aussichtslos: eine Gegenbewegung hat längst eingesetzt, wenn sie sich auf der Makroebene auch beileibe noch nicht durchzusetzen vermag. Taylor mahnt die Wiedereinbeziehung der spirituellen Dimension an, eine Aufgabe, der sich nur jeder für sich stellen kann. Er verortet bei der Menschheit eine Evolution des Bewusstseins, eine Steigerung der Bewusstseinsenergie, dank der es uns möglich wäre, in die Einheit zurückzufinden, ohne den vor allem in technischer Hinsicht sehr vorteilhaften Entwicklungen seit der Ego-Explosion abschwören zu müssen.
Der Text ist hervorragend recherchiert, lesefreundlich aufbereitet, un-esoterisch in der Diktion und in seinen Schlussfolgerungen erfreulich klar. Taylor macht keine falschen Hoffnungen: Wir haben es in der Hand, aber einfach wird die Sache sicher nicht. Und die Zeit spricht gegen uns. Umso wichtiger wäre es, dass dieses besondere Werk von vielen Menschen wahr- und seine Botschaft zu Herz und Hirn genommen wird.
Steve Taylor: Der Fall: Vom Goldenen Zeitalter über 6000 Jahre Niedergang zu einem neuen Bewusstsein. Sphinx, 2009. Geb., 576 S.

Das Universum und das ewige Leben
Was ist hinter dem Universum? Woher kommt die Alltagswelt? Werden wir jemals ET im Universum finden? Kann das Leben endlos fortbestehen?
In gewohnter Manier stellt Marcus Chown Fragen, deren Antworten er in den neuesten Erkenntnissen und Spekulationen der Quantenphysik zu finden hofft. Dieses Mal nähert er sich nichts weniger als der Frage aller Fragen - der nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Sie wissen schon. Es gibt sogar eine Zahl als Antwort darauf, aber es ist nicht 42. Dabei geht es leider nicht ganz so unterhaltsam und bei weitem nicht so verständlich zu wie in seinen bisherigen Büchern. Irgendwie aber auch kein Wunder, wenn der Versuch unternommen wird, dem Sinn des Lebens mit theoretischer Physik auf die Spur zu kommen – so tief waren die Verstrickungen von Physik, Metaphysik und Religionswissenschaft jedenfalls sicher noch nie. Mythen haben es wohl an sich, unklar zu sein – selbst wenn sie aus der fernen Zukunft stammen.
Dabei gibt es sehr einfach, ja völlig banal klingende Fragen, auf die wir auch noch keine Antwort kennen, z.B.: Warum ist ein volles Einkaufssackerl eigentlich schwer? Hat übrigens mit dem ständig brodelnden Quantenvakuum zu tun und ganz sicher nichts mit der Gravitation; die ist nämlich eine Erfindung von Einstein, damit seine Gleichungen funktionieren. Als Kraft gibt es sie nicht. Aber das wussten Sie ja sicher schon.
Streckenweise faszinierender, streckenweise allzu abgehobener Stoff, den bis zum Ende zu lesen aber der Mühe wert ist. Die zweite Hälfte ist besser als die erste, und das große Finale sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen: Besteht der Sinn des Lebens darin, Gott zu erschaffen?
Marcus Chown: Das Universum und das ewige Leben. Neue Antworten auf elementare Fragen. dtv, München 2009. Tb., 319 S.

Gräber selbst gestalten
Wer Gräber als Gedenkstätten und Ort der Erinnerung begreift, muss sich mit der Frage der Pflege auseinandersetzen. Die bequemste, aber auch teuerste Methode ist, diese Aufgabe den Friedhofsgärtnern zu übertragen. Deren professionelle Erledigung allerdings jede persönliche Note außer Acht lässt.
Wer es aber, wie der Untertitel besagt, individuell – stilvoll – pflegeleicht selbst machen will, ist gut beraten, sich vorab mit den wichtigsten Informationen zu versorgen: Welche Fragen sollte ich mir stellen? Was schreibt die Friedhofsordnung vor? Welche Lage wird das Grab haben? Welche Pflanzen passen zu dieser Lage und zueinander? Was drücke ich mit bestimmten Pflanzen aus? Welcher Pflegeaufwand erwartet mich?
Die beiden kunsthistorisch wie gärtnerisch bewanderten Autorinnen geben auf all diese Fragen bündige Antworten. Der schmale, schön und würdig gestaltete Band kommt dabei stets zügig auf den Punkt; und da es sich um einen Ratgeber für die Praxis handelt, enthält die ganze zweite Hälfte des Buches Gestaltungs- und Pflanzbeispiele.
Der einzige, leider erhebliche Nachteil besteht im teils viel zu geringen Kontrast von Schrift und unterlegter Farbe: dunkelgrüne Schrift heller grün hinterlegt macht das Lesen zur rasch ermüdenden Angelegenheit. Bedenkt man, dass die Zielgruppe für dieses Buch überwiegend der älteren Generation angehören dürfte, ist dieser grafische Lapsus doppelt bedauerlich.
Hier hätte sich, geschätzter avBUCH-Verlag, ein wenig Kommunikation zwischen der Grafik- und der Textabteilung als überaus nützlich erweisen können; und einen Stern mehr eingebracht.
Ulrike Müller-Kaspar/Manuela Prinz: Gräber selbst gestalten. Individuell – stilvoll – pflegeleicht. avBUCH, Wien 2008. Broschiert, 96 S.

Wunder sind da, um vollbracht zu werdenDas große Handbuch der Wunder
Die wunderbare Kraft der Gedanken; Wunder sind da, um vollbracht zu werden; Wunder haben viel mit Glauben, aber rein gar nichts mit einer bestimmten Religion zu tun; wir leben in einem geistigen Universum und können selbst bestimmen; ein Buch, das Mut macht und hoffen lässt.
Für die katholische Kirche sind dokumentierte Wunder(heilungen) die Voraussetzung für eine Heiligsprechung; ein bürokratischer Akt, der in diesem Buch natürlich Thema ist. Daraus aber ein Wundermonopol abzuleiten ist völlig verfehlt. Eine der zentralen Aussagen des Wunderbuchs lautet: Wunder sind für alle da, von den Anhängern der Jungfrau Maria bis zu Wissenschaftlern auf der Suche nach der Weltformel.
Was ist nun überhaupt ein Wunder? Magie, reiner Aberglaube oder ein sichtbarer Ausdruck für wahren Glauben? Und wer vollbringt all diese Wunder? Könnte das – jeder von uns sein?
Das Buch bringt Ihnen die verschiedenen Wunder-Begriffe näher und erzählt von Wunderdingen,
-wesen, -orten und -heilungen; kritisch wird auf die „Bestellungen beim Universum“ eingegangen. Es schlägt eine Brücke von der ganz normalen Magie der Wunder zur unfassbaren Realität der Quantenphysik und findet erstaunliche Gemeinsamkeiten. Die Kraft der Gedanken ist überall…
Soweit das Factsheet zu diesem Titel, in dem auch noch zu lesen ist: Der Autor "ist überzeugt, dass jeder Einzelne dank der Kraft der Gedanken Einfluss nimmt. Diesen Prozess zu ergründen und den Glauben daran zu stärken ist die Absicht seines Buches."
Sie fragen sich vielleicht, warum an dieser Stelle zwei Cover zu sehen sind; das liegt daran, dass es mir ein besonderes Anliegen war, gerade eine einseitige katholische Sichtweise zu vermeiden bzw. zu überwinden. Da ich in punkto Titelgebung und Covergestaltung aber nicht gefragt wurde und die Verantwortlichen sich offenbar nicht die Mühe gemacht haben, in das Buch hineinzulesen, kam etwas heraus, was für meinen Geschmack meinem Buch nicht gerecht wird. Weil aber sehr viel Herzblut in diese Arbeit geflossen ist habe ich einen Freund und Grafiker um ein neues Cover gebeten und bei der Gelegenheit auch gleich den Titel geändert (Wunder sind da, um vollbracht zu werden, siehe Bild rechts oben; bei Interesse an diesem Schutzumschlag bitte Mail an mich).
Gerade eben (30.12.2008) hat mich eine Lesermail erreicht, in der Herr Alois Moick schreibt: Inhaltlich hab ich interessante Einsichten gewonnen - und vor allem auch neuen Eifer, ein besserer Mensch zu werden. Denn ich hab bemerkt, welch guter Kern in Ihnen steckt und wie viel Gutes Sie offenbar tun, obwohl Sie die Liebe Christi in Fülle noch nicht erfahren haben - da sollte ich als Katholik nicht nachhinken.
Helmuth Santler: Das große Handbuch der Wunder. Wenn der Glaube Berge versetzt. tosa, Wien 2007. Geb., 320 S.

Heilige Orte der Welt
Prächtig, prächtig. Dieser großformatige, überreich bebilderte und mit ausführlichen Texten versehene Band nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den majestätischen, mysteriösen, geheimnisumwobenen... Orten auf diesem Planeten. Er versteht sich selbst als "spiritueller Reiseführer".
Nicht alle, aber viele der ganzseitigen Fotos sind überwältigend schön; die Texte wirken mitunter unkritisch und etwas wahllos, bemühen sich aber angesichts der enormen Vielfalt an Informationen doch recht erfolgreich darum, einen jeweils ganz brauchbaren Eindruck zu vermitteln. Schlägt der Tonfall zu sehr ins esoterisch-mysthische um, ist allerdings die Peinlichkeit nicht weit. Die im besten Fall rührend naiven "Tipps für Reisende" hätte man sich großteils sparen können - wie auch die jeweils darunter angesiedelten Lagepläne, die einem Kinderatlas entsprungen scheinen.
Fazit: Keinesfalls perfekter, aber alles in allem gelungener Band, mit dem (spirituell interessierte) Reiselustige, die zum Daheimbleiben gezwungen sind, sicher ganz gut getröstet werden können - zumal man wirklich viel Buch fürs Geld bekommt.
Carlos Allende, Francis Amalfi, Teo Gómez: Heilige Orte der Welt. Die schönsten spirituellen Plätze. tosa im Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2008. Geb., 222 S.

Das kosmische Kamasutra
"Lenden-Legenden", "Sofa-Spreizer", "Flugstimulatur" und "Vögelperspektive" – klingt nicht gerade kosmisch, aber dafür so, als hätte der "Sex and the City"-Scriptschreiber nicht mehr an sich halten können und endlich der vielen Theorie die Praxis folgen lassen.
77 der tollsten Stellungen, um das Sexleben von Oh ja! in Oh mein Gott! zu verwandeln werden vollmundig versprochen, und beim Blättern wird man nicht enttäuscht: dezente gezeichnete Abbildungen, superfreche Texte, die absolut direkt auf den G-Punkt kommen. Sicher, etliche Positionen sind was für die Turnolympiasiegerin im Erotik-Clinch mit Mr. Universum, aber andererseits können ja bereits winzige Veränderungen zu ungeahnten Liebeshöhepunkten führen... Und da sowieso niemand Punkte für die Ausführung vergibt, lässt sich das Ganze ohne Druck genießen: Hauptsache ihr findet es beide geil.
Erfrischender und anregender Beitrag zur Steigerung des partnerschaftlichen Erlebnisgehalts; nicht zu ernst genommen und auch besser nicht ideologisch analysiert kann er ein knallbuntes sexy Mitbringsel sein und ab und an seine Wirkung tun.
Das kosmische Kamasutra. tosa im Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2008. Geb., 176 S.

Die Eibe in neuem Licht
Was für ein schönes, informatives Buch! Mit verblüffender Akribie wurden Materialien über diese ganz besondere, "unsterbliche" Baumart zusammengetragen – bis hin zu so kuriosen Aufnahmen wie jene von der großen Eibe, die vor fast hundert Jahren quer durch Frankfurt transportiert wurde.
Über 300 großformatige, reich bebilderte Hochglanzseiten über einen Baum? In der Tat, und allein die wundervollen Aufnahmen der letzten uralten Eiben, u.a. des ältesten Baumes Europas, rechtfertigen die Anschaffung. Lebende Geschichte spricht aus diesen Bildern, ergreifende Naturmystik belebt sie.
Die Eibe wird aus jedem erdenklichen Blickwinkel betrachtet: Botanisch, kulturgeschichtlich, pharmazeutisch, mythologisch. Der pflanzenkundliche Teil hat mich als Laien überfordert, was auch mit dem einzigen Kritikpunkt an diesem prächtigen Werk zusammenhängen mag: Der Autor ist überaus kundig, versteht aber leider nicht sehr viel davon, sein Wissen in Sätze zu verpacken, die man leicht und gerne liest. Sein Stil ist in diesem Zusammenhang vermutlich am treffendsten mit dem Wort "hölzern" beschrieben.
Fred Hageneder: Die Eibe in neuem Licht. Eine Monographie der Gattung Taxus. Neue Erde, Saarbrücken 2007. Geb., 320 S.

Geheime Schriften des Christentums
Der Buchtitel missfällt, weil er ähnlich klingt, wie schon zu viele andere, von denen sich dieser Autor aber wohltuend abhebt. Eigentlich sollte jeder, der sich mit der Bibel befasst, dieses Buch gelesen haben. Nur dann wird verständlich, warum aus den vielen christlichen Schriften vor und während der Bibel-Entstehung nur jene kanonisiert wurden, die wir schließlich auch heute noch in den verschiedenen Kirchen-Büchern namens Bibel finden. Alles andere nennt man Apokryphen oder Häresie, teils weil es der Kirche nicht ins Konzept passt, teils weil es doch zu starker Tobak für die Gefühle sensibler Gemüter ist.
Dabei sind ALLE alt-christlichen Überlieferungen ihrer Zeit gemäß Erzählungen, Legenden, Konstrukte, Kopien von Kopien, Übersetzungen von Übersetzungen mit einem Wahrheitsgehalt von vorstellbar bis unsinnig. Aber was davon glaubhaft, ja glaubenspflichtig ist, dass bestimmt die (allein-selig-machende) Kirche.
Dem setzt der Verfasser Schriften gegenüber, die nicht mehr, aber auch nicht weniger Wahrheiten enthalten, als die Bibeltexte. Obwohl auch sie zum Verständnis komplexer Zusammenhänge gehören, werden sie von den Kirchen unterschiedlich verschwiegen oder verboten, weil sie den denkenden Lesern oder Zuhörern automatisch Fragen aufdrängen, die im Sinne der Kirchen schwer oder gar nicht zu beantworten sind.
Über die Jahrhunderte hat sich nun das Allgemeinwissen der Menschen gigantisch vervielfacht. Das führt den Verfasser auf der letzten Seite seiner analytischen Ausarbeitung zu der entscheidenden Frage für die Zukunft unserer Kirchen: "Eine neue Bibel?"
Man darf gespannt sein, wie der Papst in seinem nächsten Buch darauf reagiert - wenn überhaupt. Denn nun steht aktuell im Raum die Feststellung in diesem Buch, "Jesus hat gelebt und gelehrt;" aber leider ist unbekannt, wer es überlieferte und was davon wahr und erwiesen oder eben nur glaubenspflichtig ist. Das Buch macht abschließend Hoffnung, wenn auch Geduld fordernd mit dem Satz: "Aber die Mühlen der Konfessionen arbeiten langsamer als alles andere auf der Welt." (Joachim Woerner, amazon-Rezension)
Helmuth Santler: Geheime Schriften des Christentums. tosa, Wien 2007. Geb., 316 S.

Das große Buch der Engel
Dieses Buch lebt zweifellos von seinen wunderbaren Bildern, die von der Auswahl und Zusammenstellung wirklich großartig eingesetzt worden sind. Ikonen und William Blakes Kupferstiche, die englischen Romantiker und mittelalterliche Handschriften, Weihnachtsengel und Todesengel - ein Panoptikum der Kunstgeschichte.
Was das Textmaterial betrifft, entpuppt sich allerdings meine Profession als Fachtheologin als Hindernis: Wird doch den apokryphen Texten viel Platz eingeräumt und zwar mit dem fadenscheinigen Argument, dass in den „offiziellen“ Texten der Hebräischen und Griechischen Bibel kaum Informationen über die Himmelsboten zu finden seien. Mit ein bisschen Konkordanzwälzen hätte dieses Problem leicht aus der Welt geschafft werden können! Denn durch das Unterlassen erweckt der Autor den Eindruck, dass die „offiziellen“ Texte der Bibel kaum Interesse an den Engeln hätten. Schade, hier wäre gewiss viel mehr möglich gewesen. (Anne Artner)
Nigel Suckling: Das große Buch der Engel. Area, Erfstadt, 2007. Geb., 90 S.

Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft
Seit rund 400 Jahren wird in Europa Tabak geraucht; in dieser Zeit machte das Laster um den blauen Dunst eine wechselvolle Geschichte durch mit buchstäblichen allen Höhen und Tiefen - es war sowohl Allheilmittel als auch bei Todesstrafe verboten, sowohl verklärtes Gedankentreibmittel als auch untrügliches Zeichen für das Wirken des Satans.
Im Zeitalter der um sich greifenden Rauchverbote sind Tabak, Nikotin und Zigarette zu Staatsfeinden geworden und zu den Verursachern von Millionen Todesfällen erklärt worden. Imre von der Heydts leidenschaftliches Plädoyer macht sich auf eine Brechtsche Suche: "Wes Geistes Kind" steckt hinter der zunehmend hysterisch und irrational werdenden Rauch(er)verteufelung? Er entlarvt eine puritanische, in letzter Konsequenz lebens-=lustfeindliche Gesinnung, deren angebeteter Gott die Gesundheit ist und deren Methoden autoritäre, verordnungssüchtige, ja faschistoide Züge angenommen haben. Im Zweifel dient die sakrosankte Wissenschaft und ihr getreues Helferlein, die Statistik, zur Untermauerung und Legitimierung von Maßnahmen, die nur noch als grotesk bezeichnet werden können: So wird in Kalifornien und Texas zwar noch eine Henkersmahlzeit vor der Vollstreckung des Todesurteils serviert, die Zigarette danach aber verweigert. Dass "wissenschaftliche" Befunde nach Belieben zurechtgebogen bzw. zurechtinterpretiert werden, braucht einen da wirklich nicht mehr zu wundern. Wie sonst wäre es möglich, dass sich die Zahl der so genannten "Rauchertoten" von 1989 bis 2002 nahezu verdreifacht hat, obwohl die Zahl der Raucher in diesem Zeitraum im Rückgang begriffen war?
Imre von der Heydt liefert eine fundierte, spitzzüngig formulierte und sehr polemische Analyse der gegenwärtigen geistigen Befindlichkeiten anhand des Umgangs der Gesellschaft mit etwas materiell-existenziell betrachtet Nutzlosem, aber Lustvollem, und steigert sich in eine philosophische Schreibwut, die in der gloriosen Mystifizierung der Zigarette mündet. Schon wirklich ein bisschen dick, am Ende, aber in Zeiten allgegenwärtiger Polarisierung letztlich nicht dicker als der Auftrag der Gegenseite.
Ein leidenschaftliches, faktenreiches Buch für den intellektuellen Raucher, mit hohem Genussmittelanteil. Empfehlung!
Imre van der Heydt: Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft. DuMont, Köln 2005. Geb., 256 S.

Die deutsche Rechtschreibung
Was denn, schon wieder? Die 23. Auflage war gerade mal ein Jahr alt, als die per 1. August 2005 "verbindliche" neue Rechtschreibung eine Kurskorrektur erfahren musste - die viel belächelte (vielbelächelte) Reform der Reform der Reform. Die Duden-Redaktion betrachtet die nunmehr seit 1. August 2006 gültigen Regeln neuerlich als "verbindlich" und die Neuregelung der Orthografie (Orthographie) als "abgeschlossen". Bitte, wer auch immer zuständig ist, lass es so sein... Immerhin steht auf der Banderole ja: "Rechtschreibung Stand 2006". Besonders endgültig klingt das ja nicht gerade.
Zur Ehrenrettung der traditionsreichen Sprachwächter, die sich auch von mir die eine oder andere spöttische Bemerkung gefallen lassen mussten, sei hier gesagt: Der allerneueste Duden ist nicht nur - selbstverständlich - der umfangreichste aller Zeiten, mit 130.000 Stichwörtern und 3.000 Neueinträgen, sondern auch der übersichtlichste und beststrukturierte. Erstmals dient Vierfarbdruck als Orientierungshilfe, erstmals gibt es die Duden-Empfehlungen. Diese raten in den recht zahlreich gewordenen Fällen, die unterschiedliche Schreibweisen gestatten, zur vom Duden bevorzugten (siehe obige Beispiele - in Klammern die alternativ mögliche, amtlich korrekte, von der Duden-Redaktion aber nicht empfohlene Schreibweise).
Der Punkt für mich dabei ist, dass sich die Empfehlungen weitestgehend mit meinem Sprachempfinden decken - endlich kann ich meine potenziellen (potentiellen) Aggressionen im Gedanken an die neue Rechtschreibung überwinden und in vielen Fällen wieder wie früher schreiben. Den Delfin (Delphin) hätten sie sich zwar meiner Meinung nach sparen können, dennoch wird es Ihnen nicht leidtun, den aktuellsten Rechtschreibduden in Ihr Bücherregal zu stellen.
Duden 1: Die deutsche Rechtschreibung. Das umfassende Standardwerk auf der Grundlage der neuen amtlichen Regeln. 24. Auflage, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2006. Geb., 1.216 S.

Woher kommt das schwarze Schaf?
Die ganz und gar erstaunliche, überraschende, überaus lange oder bisweilen auch enttäuschend banale Geschichte tausender Wörter und Redewendungen, in einer Hybridform zwischen etymologischem Lexikon und Anekdotensammlung zusammengestellt.
Da gibt es so mancherlei Kurioses zu entdecken: "Abkratzen" war z.B. einst ganz und gar nicht tödlich, sondern beschrieb nur die Verabschiedung per höfisch-höflichem Kratzfuß. Oder wer hätte sich gedacht, dass das so modern englisch klingenden "Doping" sich von einer holländischen Soße in ein berauschendes Zulu-Getränk verwandelte und in diesem Sinn von Engländern entlehnt wurde?
Kurzweilig und weit über die bloße Wortgeschichte hinausgehend werden auch Themen wie deutsche Wörter in anderen Sprachen (ruckusacku (jap.), le zugzwang (franz.), wanderlust (engl.)), die Herkunft von manchen Markennamen (Lego: Leg (dän. lege) godt (dän. gut); wer weiß ob der Ferrari auch als deutsches Auto Kult geworden wäre - schließlich hieße er in diesem Fall schlicht Schmidt...) oder scheinbar englische Wörter behandelt: Handy (mobile phone), Smoking (dinner-jacket od. tuxedo).
Eine erfrischende Sammlung für Sprach- und Wortinteressierte, die leider mit einem gehörigen Punkteabzug bedacht werden muss: Wenn schon eine thematische Ordnung gewählt wird, hätte man doch zumindest ein alphabetisches Stichwortverzeichnis anhängen können; so hat man aus der sprachgeschichtlichen Feinkostabteilung einen unübersichtlichen Flohmarkt gemacht.
Wolfgang Seidel: Woher kommt das schwarze Schaf? Was hinter unseren Wörtern steckt. dtv, München 2006. Tb., 254 S.

50 Vorschläge für eine gerechtere Welt
"Gegen Konzernmacht und Kapitalismus", so der Untertitel, richtet sich das Werk des Globalisierungskritikers und Attac-Mitbegründers Christian Felber. Wie der Titel schon andeutet warten zwischen den mehr als 300 Buchseiten jedoch nicht nur kritische Anmerkungen, sondern 50 ganz konkrete Alternativen.
Ein ehrenvolles Anliegen also, das Herr Felber hier vertritt, und er bemüht sich redlich um Konstruktivität und Seriosität. So sehr, dass von einem "flammenden Plädoyer", wie es die Rückseite verspricht, absolut keine Rede sein kann. Der Text ist emotionslos und finanz- und ökonomietheoretisch gehalten: "Betriebsklimabonus statt Stock Options" lautet z.B. Vorschlag Nr. 10.
Keine Sorge: Sie erfahren in diesem Kapitel sicher, worum es geht; stellen Sie sich allerdings darauf ein, entweder über dieses Thema bereits umfassend informiert zu sein oder wieder einmal das Gefühl zu bekommen, von vagen Ahnungen umflort zu werden. Tobinsteuer? Schon mal gehört, ja, sicher eine gute Sache. Shareholdervalue brechen? Na wenns der Attac-Mitbegründer für nötig befindet...
Zwischenzeitlich lassen dann Forderungen wie "20 Stunden Woche" oder "Grundsicherung: Null Armut!" oder "Umfassende Entschuldung" aufhorchen. Der zentrale Satz zum Geist dieser Arbeit ist jedoch im Vorwort zu lesen: "Hier geht es um weiter reichende Vorhaben." 50 Vorschläge... ist ein politisches Manifest, eine für die außerhalb der ideologischen Denkstuben weitestgehende untaugliche Analyse, die wenigstens bei mir ein resignatives Gefühl hinterlassen hat: Wir wissen jetzt seit - wie vielen? - Jahren, dass wir erneuerbare Energieträger benötigen. Und seit wie vielen Jahren frisst die Atomenergieforschung 8 von 10 Subventionskuchenstücken? Wird das Flugbenzin nicht besteuert? Lässt das 3-Liter-Auto auf sich warten? Mal von der erwähnten Tobinsteuer (Besteuerung von Devisenspekulationen) ganz zu schweigen, Herrn Tobins Vorschlag stammt aus den frühen 70ern, der Mann ist mittlerweile verstorben...
Ich hoffe, ich erlebe noch die Umsetzung des einen oder anderen felberschen Vorschlags; angesichts der Trägheit der Politik und deren unendlicher Feigheit im Umgang mit der Hochfinanz - bis hin zur selbstverschuldeten Entmachtung - hege ich allerdings meine Zweifel. Und bin ansonsten außen vor: Wer nicht mindestens Bundeskanzler ist, kann bei diesen Themen allenfalls mitreden - und sonst nichts. Also kaufe ich weiterhin fair, gut und bio ein, so weit es möglich ist - mit dem Fahrrad, selbstverständlich.
Christian Felber: 50 Vorschläge für eine gerechtere Welt. Gegen Konzernmacht und Kapitalismus. Deuticke, Wien 2006. Tb., 335 S.

Gerichtsmedizin. Auf den Spuren des Verbrechens
Ein informatives Nachschlagewerk über forensische Medizin für alle, denen die ExpertInnen von CSI zu schnell vorgehen. Dass zahlreiche BeraterInnen z.B. vom FBI als GastautorInnen mitgemischt haben, hat zum Gelingen beigetragen.
Interessant, mit Beispielen aus der Verbrechensgeschichte garniert und leicht verständlich sowie ohne den Appetit verderbende Einzelheiten geschrieben. Ein weiteres Plus findet sich meiner Meinung nach in den Schilderungen, wie die Polizei und die verschiedenen Behörden (vor allem in den USA) am Tatort vorgehen. Besonders gut gefallen haben mir die Gesichtsrekonstruktionen und wie die verschiedenen Todesarten der Opfer festgestellt werden können sowie das Profiling und die Ballistik. Mein Interesse an der Gerichtsmedizin wurde definitiv weiter angeheizt.
Fazit: Gut geeignet als Einstieg in die Thematik, auch für jugendliche Spürnasen ab 12. (Anne Artner, Red.)
Richard Platt: Gerichtsmedizin. Auf den Spuren des Verbrechens, Area, Erftstadt 2006. Geb., 144 S.

Sexualität im Mittelalter
Ein wirklich schönes Werk, gut geschrieben, bestens recherchiert und angenehm zu lesen. Ich interessiere mich sehr für "das Mittelalter" (dieses als ganze Epoche betrachtet gibt es nämlich ebenso wenig wie "die Postmoderne") und ich habe viel durch die Lektüre dazugelernt. Ein Wermutstropfen existiert allerdings auch, welcher aber dem untersuchten Gegenstand immanent ist und keinesfalls an der Autorin liegt: Das Maß der Sexualität ist im Mittelalter der Mann. Dementsprechend gibt es sehr wenige "authentische" Berichte darüber, wie Frauen ihre Sexualität in dieser Zeit erlebt haben, welche Wünsche, Bedürfnisse oder Ängste für sie damit verbunden waren. Auch wenn in den verschiedenen Geschichten oder Fabeln Frauen zu Wort kommen, darf man beim Lesen nicht vergessen, dass diese Geschichten von Männern verfasst worden sind und also auch männliche Projektionen oder / und nicht verbalisierte Wünsche oder Ängste der Männer hier eingearbeitet worden sind. Diese Erkenntnis ist ebenso wichtig wie der Blick auf das unterschiedliche Körperbewusstsein, welches damals vorgeherrscht hat.
Ein weiteres Plus besteht meiner Meinung in der respektvollen Sprache, die bei zeitweiliger Derbheit dennoch weder zu wissenschaftlich noch zu ordinär verwendet wird. (Anne Artner)
Ruth Mazo Karras: Sexualität im Mittelalter. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2006. Geb., 349 S.

Warum Gott doch würfelt
"Über 'schizophrene Atome' und andere Merkwürdigkeiten aus der Quantenwelt" informiert der bekannte Autor bestens lesbar aufbereiteter Sachbücher aus den fantastischen Welten der modernen Physik. Aber nicht nur - der Bogen spannt sich von den ganz kleinen zu den ganz großen Dingen um begreiflich zu machen, wonach die Physik sucht: die Quantengravitationstheorie, die, einer Quadratur des Kreises gleich, die Einsteinsche Relativitätstheorie und die aus sämtlichen Fugen (des kleinen menschlichen Denkens) geratene Quantenwelt in ihrer ganzen Unbestimmbarkeit miteinander in Einklang bringen soll.
Ganz so überzeugend einprägsam wie seine bisherigen Arbeiten fand ich dieses Buch nicht - was aber auch unmöglich scheint, schließlich erklären selbst höchstrangige Wissenschaftler die Quantenphysik letztendlich für unverstehbar. Und auch Einsteins "spezielle" oder gar die "allgemeine" Relativitätstheorie sind mit unserer Alltagserfahrung nicht eben einfach in Einklang zu bringen. Tröstende Worte des großen Meisters selbst: "Das auf dieser Welt am schwierigsten zu verstehende sind die Einkommenssteuergesetze."
Keine leichte Lektüre also, aber wie gewohnt stellenweise überaus verblüffend, von erleichternden Scherzen begleitet und mit einem interessanten Nebeneffekt, der zumindest bei mir hervorragend wirkt: Es zeigt uns die Unfasslichkeit des Lebens und lehrt uns, die eigene Wichtigkeit nicht gar so hoch einzuschätzen.
Marcus Chown: Warum Gott doch würfelt. dtv, München 2005. Tb., 210 S.,
bei amazon kaufen: EUR 15,50

Das Buch der Engel
"O Mensch, lerne zu tanzen, denn sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen" (Augustinus). Solche Weisheiten finden sich unter anderem im Engelbuch der Bandinis. Wie auch ihre anderen Werke, Das Buch der Zwerge und Das Buch der Elfen und Feen, besticht dieses Buch mit fundiertem, in einfachen Worten dargelegtem Fachwissen, dessen ich mich als Theologin [und damit vom Fach] keinesfalls schämen müsste! Ich habe mich des Öfteren beim Schmunzeln ertappt, weil ich manche Dinge über Engel doch im Lauf der Zeit in abgelegenere Gedächtnisregionen umgeschichtet hatte...
Gekrönt wird dieses lustvolle Wissensauffrischen mit wunderbaren Bildern sowie durchaus kritischen Überlegungen und Anfragen an z. B. das Engelswerk der Katholischen Kirche, welches überall Dämonen zu erblicken vermeint. Auch esoterisch angehauchte Profitgier wird thematisiert. Ich persönlich finde es höchst faszinierend, was sich in uns Menschen an Vielfältigem abspielt... Mit einem Wort, ein kurzweiliges, manchmal nachdenklich stimmendes Buch, der Gattung "Vitamine und naschen" für alle, die ihre (Fach)kenntnisse auffrischen möchten und für Menschen, die an das Wunderbare glauben oder dies lernen möchten. (Anne Artner)
Ditte und Giovanni Bandini: Das Buch der Engel. dtv premium, München 2005. Tb., 260 S.
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Das Lexikon für Österreich
150.000 Stichwörter in 20 Bänden á 544 Seiten, 6.500 Abbildungen, 2.000 Grafiken und Tabellen - allein die nackten Zahlen beeindrucken bereits, und tatsächlich leistet das Lexikon zum heimischen Jubiläumsjahr alles, was von einem ausgezeichneten Konversationslexikon erwartet werden darf. Hinzu kommt der spezielle Faktor Österreich: "Blitzlichter" genannte redaktionelle Beiträge zu ausgewählten Österreich-Themen (rd. 200 an der Zahl) sowie eine durchgehende "Austrifizierung" der Stichwortliste: spezieller Österreichbezug bei Einträgen, in Biografien, Bildern, Tabellen und Daten.
Für das Gemeinschaftsprojekt von Brockhaus AG, Duden-Verlag und ORF-Redaktion wurden natürlich auch exzessiv die Rundfunkarchive durchforstet. Dabei konnte so mancher Originalton-Schatz geborgen werden, zur Freude der Redaktion und bald auch der Ö-Lexikon-Besitzenden, denn wo sonst könnte man legendäre Club 2-Diskussionen oder Mundl-Szenen nachlesen?
Mit Sicherheit der bibliophilste und informativste Beitrag zum Jubiläumsjahr 2005, eine Zierde für jeden Bücherschrank, ein haptisches, buchsinnliches Vergnügen. Und das alles zu einem wohlfeilen Preis: Zugreifen!
Einzelpreis der Bände: 12,50 Euro
Paketpreis: 189,- Euro zzgl. Versandkosten (17,1 Euro bzw. 7,1 Euro bei Einmalzahlung); der Versand erfolgt monatlich in Vier-Buch-Paketen ab dem 25. Oktober
Bestellmöglichkeiten: www.das-lexikon.at od. Hotline 0800-1234 04 04

Familiennamen. Herkunft und Bedeutung
Während die Bedeutung eines Namens wie Fleischer, Selcher oder Metzger eindeutig ist - der erste Träger dieses Namens war professioneller Tiertöter und -zerleger, je nach Region auch Fleischhauer (-hacker, -mann) oder gar Metzler oder Schlachter genannt - ist z.B. Veit(h) als Ableitung des Heiligennamens Vitus nicht unmittelbar zu erkennen, besonders wenn durch Umlautungen daraus Feix, Vitt, Fiethen oder gar Fix geworden ist.
Die Chance, eine Erklärung für seinen Namen zu bekommen ist groß - immerhin verzeichnet die komplett überarbeitete 2. Auflage des Duden-Namenlexikons 20.000 Namen, darunter die 10.000 häufigsten in Deutschland, und durch Ableitungen (Sand=Sant=Sand(t)(l)er=Sand(t)ner) vervielfacht sich die Anzahl noch; Enttäuschungen sind dennoch nicht zu vermeiden - die Anzahl an Familiennamen in Deutschland wird auf 500.000 geschätzt.
Sehr geschickt aufgebaut, führt das Verzeichnis von einem historischen Abriss zur Entstehung der heutigen Form von Familiennamen über das Familiennamenlexikon und ein internationales Prominentennamenverzeichnis bis hin zu einem "rückläufigen Gesamtverzeichnis der behandelten Familiennamen (nach ihren Endungen)" - sehr hilfreich beim Finden von Zusammenhängen wie z.B. Holz-, Punt-, Spar-, Horn-, Fügen-, Fiegen-, Sieben-, Ball-, Roth-, Bund- und Handschuh…
Einziger Wermutstropfen aus österreichischer Sicht ist wieder einmal die Marginalisierung der heimischen Namenslandschaft (gleiches gilt für die Schweiz); so findet sich zwar die originelle Erklärung von "Prohaska" (Spaziergang), nicht aber Krankl oder z.B. Lanner, beide offenbar auch nicht prominent genug um Eingang in das internationale Verzeichnis zu finden.
Rosa und Volker Kohlheim: Duden. Familiennamen. Herkunft und Bedeutung von 20.000 Nachnamen. Dudenverlag, Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 2005. Geb., 960 S.
bei amazon kaufen: EUR 25,70

Die Buddhas der Zukunft
"Sanfte Präzision" wird diesem Werk attestiert, und tatsächlich hatte ich, ein Laie was Buddhismus betrifft, beim Lesen stets das Gefühl, in guten Händen zu sein: Keinerlei Anmaßung, keine Spur von Dogmatismus, aber auch keine selbstdemütigende (falsche) Bescheidenheit oder gar Furcht, die Dinge beim Namen zu nennen.
Marcel Geisser ist seit über 30 Jahren ein Wegbeschreiter, seit 1994 als (von Thich Nhat Hanh) autorisierter Zen-Meister. Fern jedes (ideologischen) Egoismus schlägt er einen Weg der Mitte vor, einen wahrhaft "authentischen Buddhismus für den Westen". Eine lesbare Meditation, die den Geist anregt und konzentriert, eine gleichermaßen intellektuelle wie mitfühlende Motivation, sich auf den Weg der Überwindung von Gier, Aversion und Verblendung zu machen.
Marcel Geisser: Die Buddhas der Zukunft. Kösel, München 2003. Geb., 298 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,60

Sepp Holzers Permakultur
Ein Ratgeber, ein Denkanstoß, ein gänzlich neues Konzept: Sepp Holzer hat zusammengeschrieben, was ihm 40 Jahre alternative Landwirtschaft an Erfahrung eingebracht haben. Mit einem Wort gesagt: Es funktioniert; es funktioniert sogar ausgezeichnet.
Holzer entlarvt viele Produkte und Verfahrensweisen der Baumarkt- und Agrarmultis schonungslos als naturfeindlich - sie nützen nur dem Hersteller/ Verkäufer, nicht aber dem Kunden und schon gar nicht der Gesundheit von Mensch und Umwelt. Was er aber vor allem tut, überschrieb ein privater amazon-Rezensent sehr treffend mit: Lieber ein Licht entzünden, als über die Dunkelheit jammern.
Seine Methode spricht für sich selbst, vorgetragen mit der Überzeugungskraft echten Wissens.
Respekt und die Erkenntnis von Zusammenhängen sind der Schlüssel. Holzer stellt in seinem Buch ausschließlich arbeitsextensive Methoden vor: die Natur macht ihre Sache vollkommen, wenn mensch sie nur lässt. Man muss lediglich mit ihr und nicht gegen sie arbeiten. Ein Praxisbuch, das hoffnungsvoll stimmt.
Sepp Holzers Permakultur. Praktische Anwendung für Garten, Obst und Landwirtschaft. Leopold-Stocker-Verlag, Graz 2004. Geb., 304 S.
bei amazon kaufen: EUR 19,90

Der Agrar-Rebell
Der "Dickschädel und Querdenker von großem Format" (Bernd Lötsch, Direktor des Wr. Naturhistorischen Museums, über Sepp Holzer) steht längst für einen völlig neuen Zugang zur Landwirtschaft, für ein geschicktes Nützen ökologischer Beziehungen, Mikroklimata und Kreisläufe - und für größtmögliche Effizienz. Denn auch wenn es wie ein Märchen klingt, es ist nichts als wahr: Sepp Holzer erzielt maximale (und für unmöglich gehaltene) Ergebnisse mit minimalem und vor allem absolut umweltschonendem Aufwand. Seine Methode eignet sich sogar zum Wiederaufbau von von "konventioneller Landwirtschaft" vernichteten Böden.
In diesem in die 7. Auflage gekommenen Longseller erzählt Holzer über seine Arbeit, aber auch sehr viel darüber, wie es überhaupt so weit kommen konnte und weshalb ein Dickschädel unumgänglich ist, um sich gegen (behördliche, ideologische) Windmühlen behaupten zu können...
Sepp Holzer: Der Agrar-Rebell. Leopold-Stocker-Verlag, 7. Aufl., Graz 2003. Geb., 240 S.
bei amazon kaufen: EUR 19,90

Duden: Das Fremdwörterbuch
Der Duden feiert: 125 Jahre neue deutsche Spracheinheit. Der neue neue Rechtschreibduden kam bereits im Herbst 2004 heraus (an der Reform der Reform der Reform wird derzeit gearbeitet), jetzt kommen schön der Reihe nach die nächsten Aktualisierungen. Herausragend unter diesen: die 8. Auflage des Fremdwörterbuchs.
Dieser ist - selbstverständlich - so stark wie nie zuvor: 55.000 Stichwörter, davon 2.000 neu, 400.000 Angaben zu Bedeutung, Aussprache, Grammatik, Herkunft, Schreibvarianten und Worttrennungen. In perfekter Übersichtlichkeit layoutiert, mit Infokästen zu Wortbildungselementen versehen und auch als Software für sämtliche Plattformen inklusive Linux und Handhelds erhältlich, präsentiert sich der Fremdwörterduden als genau das, was ein Nachschlagewerk sein soll: besonders nützlich. Wer ein einschlägiges Lexikon benötigt, wird sich mit dem neuen Fremdwörterduden bestens versorgt fühlen.
Duden: Das Fremdwörterbuch. Band 5. Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005. Geb., 1.104 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,61

Duden: Das Wörterbuch der Abkürzungen
Klein, rasch zur Hand und überaus praktisch: viele, mehr als 10.000 neue Abkürzungen und Kurzworte fanden Eingang in die 5. Auflage des Duden-Abkürzungswörterbuchs. Mag sein, dass dieses kleine Lexikon nicht im selben Maße ein Fundament an verlässlicher Korrektheit bildet, wie man es von den Duden-Standardwerken gewöhnt ist; tatsächlich steht z.B. CD-Rom in diesem Band, obwohl natürlich CD-ROM die richtige Schreibweise ist. Konsultieren Sie also im Zweifelsfall den Rechtschreibduden - die Bedeutung der Buchstabenkombinationen erfahren Sie jedenfalls in diesem Taschenbuch am schnellsten. Puristisch auf den Endzweck ausgelegt, mit nützlichen Verzeichnissen (Domain-Länderkürzel, Landes- und Währungscodes udgl.) versehen, um wenig Geld zu erwerben: afaics irl von größtem Nutzwert. cg!
Duden: Das Wörterbuch der Abkürzungen. Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2005. Tb., 480 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,25

Duden: Die Grammatik
Auch der "Aufbau der deutschen Gegenwartssprache vom Laut über das Wort und den Satz bis hin zum Text und (Anm.: neu) zu den Merkmalen der gesprochenen Sprache" verdiente es, im Jubiläumsjahr einer gänzlichen Neubetrachtung unterzogen zu werden. Beschämt ergreife ich ein 850 Seiten schmales Bändchen in meinem Bücherregal und lege es in den Ausschusskorb: Der Grammatikduden in der 5. Auflage (1995) hat endgültig ausgedient. Wir halten bei Auflage 7, angeschwollen auf mächtige 1.343 Seiten: ein Buch, ein Klotz.
Was ist da geschehen? In nur zehn Jahren fielen der Dudenredaktion nicht weniger als 500 neue Seiten zur deutschen Grammatik ein, die nie zuvor Geschriebenes enthalten?
Die Frage drängt sich auf: Wäre weniger mehr gewesen? Meine Antwort: ja. Denn selbstverständlich behandelt der Grammatikduden jedes nur erdenkliche Thema, belegt, erläutert, bringt Beispiele, ist 100 % kompetent und fundiert - aber eigentlich nur für Berufsfetischisten der deutschen Sprache noch einsetzbar. Schnelle Antworten auf konkrete Fragen im Sinne eines Nachschlagewerks werden Sie im Grammatikduden trotz des umfangreichen Registers nicht finden; auch deshalb, weil der sichere Umgang mit Pronominaladverbien und Pseudoaktanten die Voraussetzung dafür ist, sich im Systemdickicht zurechtzufinden.
Fazit: Wer es (das ist, nebenbei bemerkt, der Pseudoaktant) schon weiß, nimmt sich mit dem neuen Grammatikduden eine Bibliothek der sprachlichen Systematik in einem Band ins Haus; wessen Perfektionsgrad aber 90 % noch nicht erreicht hat und wer zudem nicht bereit ist, metasprachliches Know-How zu atmen, wird von diesem Werk einfach erschlagen. Praxisnäher ist z.B. der Schülerduden Grammatik; und der hätte ja eigentlich in diesem Wälzer durchaus auch noch Platz gehabt.
Duden: Die Grammatik. Band 4. Leipzig, Mannheim, Wien, Zürich 2005. Geb., 1.343 S.
bei amazon kaufen: EUR 22,61

Die fabelhafte Welt der Leichen
Wenn sich jemand der heiklen Thematik, was alles mit sterblichen Überresten von Menschen (noch immer) durchgeführt werden kann, nähert, dann bedarf es viel Fingerspitzengefühls und einer feinabgestimmten Sprache. Beides ist der Autorin geglückt - und zwar auf eine Art und Weise, dass ich neben der Lektüre eine üppig belegte Salamipizza verdrücken konnte, ohne irgendwelche Schwierigkeiten. Hier war mir besonders das Kapitel über die Ärzte, welche richtig verzweifelt nach dem Sitz der Seele im Menschen gesucht haben, ein Hochgenuss. Außerdem entbehrt das Ganze ja auch nicht einer gewissen Faszination: Denn gerade beim Thema Verkehrssicherheit lassen sich die Unfalleffekte nun einmal am besten mit Verstorbenen darstellen... Oder nach einem Flugzeugabsturz können die Verletzungen der Gestorbenen Aufschluss darüber erteilen, was sich genau zugetragen hat.
Auch gefällt mir die Achtung gegenüber den Angehörigen und den Verstorbenen, die aus jeder Zeile implizit und explizit spricht. Nach der Lektüre habe ich beschlossen, einen Rundum- Gesundheitscheck in den nächsten Monaten zu veranlassen, damit meine Organe - falls ich einen jähen Hirntod erleiden sollte - noch möglichst vielen anderen Menschen ihr Leben verlängern können.
Fazit: ein schönes Buch, das Mut macht und den Abschied erleichtern kann. Außerdem eine respektvolle Auseinandersetzung mit dem Ungewissen, dem letzten Geheimnis, das uns alle eines Tages besucht. (Anne Artner)
Mary Roach: Die fabelhafte Welt der Leichen. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005. Geb., 350 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Keine Posaunen vor Jericho
Die beiden Autoren haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Ohne verstaubte Belehrungen wollen sie die Entstehungsgeschichte der Bücher der Hebräischen Bibel [= des Alten Testamentes] nachzeichnen. Die Hebräische Bibel berichtet von der Geschichte des Volkes Israel und seines Gottes JHWH [der Gottesname wird in der wissenschaftlichen Literatur so geschrieben] durch die Jahrhunderte hindurch.
Als Fachtheologin komme ich während des Lesens nicht umhin, den beiden zu gratulieren. Historisch bestens recherchiert, gut formuliert, mit akribischer und dennoch nicht fadisierender Liebe zum Detail haben die beiden die Entstehungsgeschichte wie einen historischen Krimi aufbereitet. Meiner Meinung nach haben sie das auf eine Art und Weise dargestellt, die es auch bibelfesten und -treuen Menschen ermöglicht, sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen. Darin liegt eine weitere Stärke des Buches: Die Autoren wollen sich mit den Überlieferungen kritisch konfrontieren, aber weder belehren noch in irgendeiner Weise den Sinn für das Wunderbare, der sich wie ein roter Faden durch die Bücher der Hebräischen Bibel zieht, leugnen oder herabwürdigen. Wenn ein Thema nun durch verschiedenste Erwartungen, Wünsche, Ängste und Emotionen so aufgeladen ist, kann unter Umständen Polemik seitens der Autoren entstehen. Sehr positiv werte ich, dass die Autoren genau das vermeiden konnten!
Fazit: Ein gelungenes Werk für ExpertInnen aller Konfessionen, die ihre Einleitungsgeschichtekenntnisse auffrischen wollen sowie für alle, die sich dafür interessieren. Anne Artner
Israel Finkelstein, Neil A. Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. dtv, München 2004. TB, 381 S.
bei amazon kaufen: EUR 10,30

NaturKunstNatur
Arbeit mit und in der Natur, Natur-Kunst-Natur, die Kunst in der Natur zu Tage fördern, die Natur der Kunst offen legen… Was der in Bayern gebürtige Nils-Udo seit seinem 1972 gefällten Entschluss, die Malerei zugunsten von Naturkunst aufzugeben, zuwege gebracht hat lässt den Betrachter aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Der Künstler, seine Arbeit und die Natur wurden zu einer untrennbaren Einheit: "Als Teil der Natur lebte und arbeitete ich fortan tagtäglich in ihrem Rhythmus, unter ihren Bedingungen. Ich war mit mir im Reinen."
Ob Bambus-Kreise, Wassernest, Blütenschlangen oder mit Bärlauchblättern kunstvoll grün gefärbter Schnee: Der jetzt erschienene Prachtbildband zeigt sie alle, ist eine unnachahmliche Werkschau aus mehr als 30 Jahren. Der Text bleibt nobel zurückhaltend, beschränkt sich meist auf kurze Kommentare des Künstlers, der seine Arbeiten auch selbst fotografisch dokumentiert, oder gar die von Ausstellungen gewohnten "technischen" Angaben. Bei Nils-Udo liest sich dies allerdings anders: OHNE TITEL. Sanddüne, Pampasgras. Namibia, 2000.
Wenn Kunst die Bezeichnung spirituell verdient, dann jene von Nils-Udo. Die Umsetzung ist auf das Würdigste gelungen: Besser lässt sich seine Arbeit im Medium Buch nicht präsentieren.
Nils-Udo: Natur-Kunst-Natur. Flammarion, München 2005. Großformat, reich und durchwegs farbig illustriert, geb. 160 S.
bei amazon kaufen: EUR 41,10

Die Wasserstoff-Wende
Henning Boetius, Germanist, Physiker und Autor erfolgreicher Romane, hat seinen Beitrag zur Lage der weltweiten Energiewirtschaft abgeliefert - und mich damit herb enttäuscht. Die Hälfte des schmalen Bandes benötigt Boetius für die Grundlagen, wobei er von der Dreieinigkeit von Energie, Kraft und Arbeit bis zu Erg und Dyn nichts auslässt, mag es auch im Weiteren keinerlei Rolle mehr spielen. Über weite Strecken ist der Text im abgehobenen Bemühen um wissenschaftliche Exaktheit ärgerlich akademisch bis hin zur schlimmsten Sünde elfenbeintürmener Gelehrsamkeit: Wir haben bereits gesagt…
Solcherart belehrt und mit Fachjargon von adiabatischen Prozessen über Steamreforming bis MCFC, PAFC und PEFC zugedeckt, wirken die stellenweise eingestreuten flapsigen Versuche, die Dinge in greifbare Zusammenhänge zu rücken, weniger befreiend als unfreiwillig komisch bis peinlich.
Ein Sachbuch, zu dessen Verständnis ein Vorstudium erforderlich ist, wird nicht gebraucht; hätte ich dieses Vorstudium absolviert, hätte ich aus Boetius Abhandlung wohl kaum Neues erfahren. So habe ich kaum Neues erfahren, weil sich der Text erfolgreich gegen die Rezeption durch den interessierten Laien sperrt.
Henning Boetius: Die Wasserstoffwende. Eine neue Form der Energieversorgung. dtv premium, München 2005. TB, 139 S. EUR 12,-

Donner, Wind und Berg
"Die acht chinesischen Persönlichkeitstypen und das Geheimnis männlicher Potenz", so der weit aussagekräftigere Untertitel des Werkes: In einer Mischung aus TCM, I Ging und der Geschichte des weisen Schamanen Ge Hong klassifizieren die Autorinnen die "Yang Ones" und geben esoterisch-medizinische Ratschläge um aus ihnen ganze Kerle zu machen, die ihren Mann möglichst lange stehen. Erfrischend kurzweilig geschrieben, leider reichlich unstrukturiert: Aussagen, die man(n) nur unterschreiben kann ("Der Schamane setzt seine Ziele selbst. Wenn er sich dafür entscheidet, er selbst zu sein, wird er Stärke, Magie und erotische Ausstrahlung verkörpern.") werden unterschiedlos neben bekannt Nebuloses (I Ging) und hoffnungslos Engstirniges ("Unter uns Jungs, Dope haut euch das Nierenyang so zusammen, dass schon einfaches Pissen zur Kraftanstrengung wird. Oder?") gestellt; wer zu welchem Persönlichkeitstyp gehört lässt sich wegen des Fehlens von übersichtlichen Klassifikationsschemata nicht mit Sicherheit sagen, aber schließlich geht es ja auch um den Wandel und nix is fix... für meinen Geschmack zu sehr in der fernöstlichen Tradition verharrend.
Christine Li, Ulja Krautwald: Donner, Wind und Berg. Scherz, Frankfurt/Main 2004. Geb., 304 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,47

Das Zwergenbuch
Das Autorenpaar verfolgt sein Erfolgskonzept wie im Elfenbuch weiter: Eine Zusammenstellung von Sagen und Märchen, wobei hier der deutschsprachige Raum als Hauptquelle - oder -bezugspunkt gelten darf.
Ähnlich wie bei den Elfen ergeben sich bei der Untersuchung von Zwergen schon bei der Begriffsdefinition Probleme, jedoch haben die Autoren sich darauf geeinigt, dass Zwerge als solche Wesen zu definieren sind, die über eine besondere Nähe zum Erdboden verfügen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Wesen nun ihre Wohnungen innerhalb der Erde aufgeschlagen haben oder ob sich ihre Schätze dort befinden.
Besonders gut haben mir die Querverweise zu Tolkien und zur Edda gefallen, denn obwohl ich ein glühender HdR-Fan und eine Liebhaberin der nordischen Sagen bin, war mir vorher nicht so richtig klar, dass Tolkien ja wirklich viel aus dem Schatz der Edda geschöpft hatte...
Auch das Phänomen und die wechselvolle Geschichte der Gartenzwerge werden genauer beleuchtet, inklusive der "Gartenzwergbefreiungsfront" aus Frankreich, die in den 90er Jahren ihr Unwesen trieb. Der Humor kommt also in diesem Buch nicht zu kurz.
Ein zusätzlicher Pluspunkt besteht meiner Meinung nach in der durchaus kritischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Esoterik- und New Age-Bewegungen und wie sich diese mit den Zwergen auseinander setzen.
Das Buch ist sehr sorgfältig recherchiert worden und liest sich leicht und angenehm.
Fazit: Ein Werk für ZwergenliebhaberInnen und solche, die es noch werden möchten. Anne Artner
Ditte und Giovanni Bandini: Das Zwergenbuch. dtv, München 2004, TB, 238 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,95

Duden, deutsche Rechtschreibung
Bibel des Sprachimperialismus oder Hort des deutschen Sprachschatzes? Wie auch immer Sie zum Duden stehen - er ist und bleibt "das Standardwerk zu allen Fragen der Rechtschreibung" und wer immer sich professionell mit deutsch-schweiz-österreichischer Sprache befasst, kommt schwerlich darum herum, die jeweils aktuellste Ausgabe in der Handbibliothek zu haben. Wie viele das sind, zeigt der momentane Verkaufsrang bei amazon: 5.
Die aktuellste Ausgabe, das ist die 23., in (nach wie vor hervorgehobener) neuer Rechtschreibung samt den aktuellen Regelergänzungen — am 1. August 2005 wirds ja amtlich. Wiederum ist der Duden um etliche Neuwörter erweitert worden — mit insgesamt 125.000 Stichwörtern der dickste Duden den es je gab. Und der übersichtlichste dank einiger wirklich guter Layout-Ideen.
Im Spannungsfeld von notwendiger und praktischer Vereinheitlichung und amtsschimmelnder i-Tüpfelei wird auch dieser Duden reichlich Anlass zum Nachschlagen, Staunen und Wundern bieten. "Zach" darf ein Fleisch heute schon sein, orthografisch jedenfalls, und Österreichs Fußballer dürften ungestraft von sich behaupt, "nix" mehr zu verlieren zu haben — alles ugs. selbstverständlich; aber es steht drin.
"Nettwerken" werde ich hingegen vermutlich vergeblich nachschlagen; das kommt dann in der 24. Auflage. Aber Sie können schon mal danach googeln...
Der Duden, Bd. 1. Die deutsche Rechtschreibung. Duden-Verlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich 2004. Geb., 1.000 S.
bei amazon kaufen: Teuro (!) 20,70

Der Kamasutra-Ratgeber
Sexualität als eines von vier Lebenszielen (neben Moral, Reichtum und Erlösung) - eine Sicht der Dinge, die die Schaffung der "Aphorismen über Sexualität" (wörtliche Übersetzung von Kamasutra) erst ermöglichte.
Vanamali Gunturu, promoviert in Philosophie indischer wie westlicher Prägung, arbeitet den 1.800 Jahre alten Text auf eine neue Weise auf: Eine Gruppe Rat suchender Personen besucht Tag für Tag den Liebestempel in Benares. Sie stellen ihre Fragen an Vatsayana, der vor 1800 Jahren das Kamastura verfasst hatte und dessen Geist jeden Abend den Körper des Tempelpriesters ergreift. Derart wird der vollständige Text in Form einer Erzählung wiedergegeben. Und darin geht es keinesfalls nur um akrobatische Körperstellungen - ein Vorurteil, mit dem der Autor bereits in der Einleitung abrechnet.
Das Buch hätte durchaus noch seinen Teil an kritischem, sinnenfrohem Lektorat vertragen - Wiederholungen und altertümlich-professoral anmutende Wendungen stören mitunter den Lesefluss. Die ungemein tief gehenden Kenntnisse des Autors was den ideengeschichtlichen Hintergrund des Kamasutra betrifft machen die Arbeit trotzdem zu einer bereichernden: Erotik und Sexualität, eingebettet in eine indisch geprägte Kulturgeschichte der Sinne und der Liebeskunst.
Vanamali Gunturu: Der Kamasutra-Ratgeber. Sex, Lust und die Kunst der Verführung. atmosphären, München 2004. Geb., 275 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Ich Mensch
Anselm Spring gilt als moderner Jäger und Sammler - mit der Kamera. Sein Leben lang jagte und sammelte er Fragmente, um sie zu einem, seinem Bild der großen Welt zusammenzufügen. So tragen frühere Bücher von ihm (über 70 hat er veröffentlicht) Titel wie Holz oder Stein oder auch Mythos Schwan. Auf dem Berg im Süden von Utah, wo Anselm Spring seine Zelte aufgeschlagen hat, kann er sich heute den Luxus leisten, "das Gesamtkunstwerk Leben" zu verwirklichen - in künstlerischer Form. Dazu gehören neben der Fotografie für ihn auch die Musik, das Schreiben, Malen und die Landschaftsgestaltung und Gartenpflege.
Die gesammelten Fragmente, mithin der Versuch des einen, seinen Weltbilds in einem Band, ergeben Ich Mensch. Wunderschöne Aufnahmen an der Grenzlinie von Ordnung und Chaos, Struktur und Wahllosigkeit, Kuriositäten voller Humor und Ironie, künstlich, natürlich, prachtvoll vollbracht. Die Weltensplitter, den Rausch der Farben und Formen, ergänzt Spring, der radikale Denker und Visionär, mit besinnlichen, spirituell suchenden, Welt und Mensch hinterfragenden und kommentierenden Essays - mit einem verblüffenden Schluss: Mithilfe von Erkenntnissen aus der Genforschung wird eine Brücke zu einer großen christlichen Verheißung geschlagen - der Zeugung und Geburt aus Gott.
Ich, Mensch ist sehr persönlich und eine Personale, ein Buch als Retrospektive und tragbare Ausstellung. Wie in einer Ausstellung lässt sich das Werk auch sinnlich oder intellektuell erleben - oder so, wie es gemacht wurde: mit dem ganzen Wesen.
Anselm Spring: Ich Mensch. atmosphären, München 2004. 23 x 28 cm, 237 Farbfotos, geb., 288 S.
bei amazon kaufen: EUR 49,40

Das Buch der Elfen und Feen
Das Anliegen der beiden Autoren, die sich auch schon ausführlicher mit Drachen, den himmlischen Heerscharen, Hexen und dem Aberglauben beschäftigt haben, ist der Versuch, "geschichtliche" Fakten mit Sagen und Märchen aus aller Welt in Einklang zu bringen.
Ihr — auch schön bebildertes — Werk über die Elfen liest sich leichtfüßig und unterstreicht einerseits den Einfluss, den die Vorstellungen der "Unirdischen" auf FantasykünstlerInnen (MalerInnen, DichterInnen etc.) gewonnen haben, andererseits illustriert es, dass die Vorstellungen einer beseelten Natur für viele Menschen rund um den Globus zu einer Verbindung werden und geworden sind.
Einen besonders wichtigen Platz in der Darstellung nimmt Island ein, das über eigene Elfenbeauftragte verfügt, die Sorge zu tragen haben, dass nicht genau an einem Elfenplatz z.B. ein neuer Parkplatz errichtet wird.
Auch betonen die beiden Autoren die Rolle des Christentums, das zu gewissen Zeiten sehr kritisch die Märchen und Sagen beäugte und teilweise auch Elemente aus diesen dämonisiert hat. Hier haben die Autoren in punkto Recherchen ihre "Hausaufgaben" ordentlich erledigt.
Am Beispiel dieses Buches lässt sich gut vor Augen führen, dass unser mensch-liches Rezeptionspotential der Welt um uns herum in seinen Ausdrucksformen begrenzt ist und immer wieder neue Blüten an Variationen treibt.
Kurz und gut, dieses Werk verschafft einen profunden Einblick in die Welt der Sagen und Märchen über "das schöne Volk" aus aller Welt. Anne Artner
Ditte und Giovanni Bandini: Das Buch der Elfen und Feen, dtv, München 2003. 280 S.
bei amazon kaufen: EUR 15,50

Das Lexikon der Orakel
"Der Mensch als einziges Tier, das weiß, dass es sterben wird, habe die Sehnsucht, über den eigenen Tod hinaus zu schauen", wird der Zukunftsforscher Matthias Horx zitiert. Auch ihm ist in diesem Überblick über die Vielzahl divinatorischer Methoden, prominenter Zunftvertreter, mythologischer Protagonisten und sonstig Bedeutsamem zur Kunst der Weissagung ein lexikalischer Kurzartikel gewidmet.
Die Texte sind wohl recherchiert, liefern Anleitungen zu den gängigsten Orakelmethoden, erlauben sich aber durchaus auch einmal ein Augenzwinkern, wenn exotische Praktiken wie das Hühnerorakel (Alektryomantie) zur Sprache kommen: Dabei werden den Hühnern codierte Getreidekörner vorgeworfen und aus ihrem Fressverhalten darf geschlossen werden…
Warum auch nicht? "Sind die Beteiligten gut auf ihre Gefühlsebene abgestimmt und haben sie falsche Vorstellungen loslassen können, vermag vom Prinzip her jedes noch so simple Orakel eine brauchbare Antwort zu liefern." Dieser kosmisch-naturgesetzlichen Ausgangsbasis verdankt der Band seinen grundlegenden Respekt, der in Kombination mit der erwähnten humorvollen Skepsis eine überaus informative, gelungene und zum Schmökern einladende Kombination ergibt.
Wolfgang Bauer, Clemens Zerling: Das Lexikon der Orakel. Ein Blick in die Zukunft. atmosphären, München 2004. Geb., 312 S.
bei amazon kaufen: EUR 25,60

Pilze zu jeder Jahreszeit
Gehört hat man vielleicht schon davon: Pilze im Jänner und überhaupt bei jeder Witterung. In Zusammenarbeit von Elisabeth Mayer, im Leopold Stocker Verlag bereits mit den Titeln Die besten Wildfrucht-Rezepte und Wildfrüchte, -gemüse, -kräuter als Kennerin der heimischen, kulinarisch verwertbaren Botanik hervorgetreten, und dem Pilzexperten und -fotografen Werner Klien liegt nunmehr ein Praxisbuch vor, mit dem sich sofort in medias res gehen lässt — soll heißen, der Pilzjagd zum Zwecke der Zubereitung schmackhafter Gerichte sind keine jahreszeitlichen Grenzen mehr gesetzt.
Der schmale Band kann als Bestimmungsbuch, Pilzsachbuch und Kochbuch gelten und schafft es, auf nur 144 Seiten all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. In bewährter Manier nach dem Kalenderverlauf angeordnet wird Speisepilz für Speisepilz beschrieben, gezeigt und Vorschläge für die Zubereitung und/oder Konservierung gemacht. Die Vielzahl an Informationen — bis hin zur Pilzzucht im eigenen Garten — ist erfreulich übersichtlich und leicht zugänglich aufbereitet worden. Man merkt auch diesem Band die Liebe der Autorin zur Sache an — angereichert noch von den profunden Kenntnissen und der nicht minder großen Begeisterung ihres Mitautors. Eine runde Sache.
Elisabeth Mayer, Werner Klien: Pilze zu jeder Jahreszeit. Finden - Erkennen - Zubereiten. Leopold Stocker Verlag, Graz 2004. 144 S.
bei amazon kaufen: EUR 15,80

Große Düfte für kleine Nasen
Der Sinn für Düfte ist so subtil wie machtvoll; in einer Zeit der viel zitierten Reizüberflutung bleibt er gegenüber "Augenweiden" und "Ohrenschmäusen" medial dennoch deutlich im Hintertreffen. Zwar feiern Duftöle in Aromalampen vielerorts eine Renaissance, die "klassische" Form des bewussten, rituellen Umgangs mit Düften, die Räucherung, gilt es jedoch für die Allermeisten erst wieder zu entdecken - erst recht, wenn es um Kinder geht, denen so "Anriechiges" wie ein Räucherritual offenbar kaum zumutbar ist.
Der schmale Band liefert einen leicht fassbaren Einstieg in die Thematik, wie der richtige Duft zur richtigen Zeit die kindliche Entwicklung begleiten und unterstützen kann. Er geht auf den rituellen Charakter von Räucherungen ein, befasst sich mit den Beziehungen von Geruch und Gesundheit und entwirft nachvollziehbare Szenarien für einen kindlich-spielerischen Zugang zur (hierorts größtenteils vergessenen) Welt des Rituals. Praxisnahe Tipps vom Räucherkegel selbst gemacht bis zur Präsentation einzelner, kindgerechter Duftnoten runden das einfach gehaltene Handbuch ab. Lieb, nett und nützlich.
Heidi Velten/Bruno Walter: Große Düfte für kleine Nasen. Räucherrituale, Dufterlebnisse und Gesundheitstipps für Kinder. Kösel, München 2003. 109 S.
bei amazon kaufen: EUR 15,40

Lexikon der Tiersymbolik
Metaphorische Bezüge zur Tierwelt sind in den menschlichen Lebenswelten allgegenwärtig: in Darstellungen auf mittelalterlichen Kirchen, in der Heraldik, in Fabeln und insbesondere in der Sprache, die vor Ausdrücken wie "aalglatt", "Bienenfleiß", "Sündenbock" usw. nur so strotzt.
In Einzelartikeln von "Aal" bis "Zikade" stellen die Autoren die ausgewählten, symbolkräftigen Tiere vor: mit Bezug auf die Mythen verschiedener Kulturkreise, in vergleichender Religionsbetrachtung, tiefenpsychologisch, volkskundlich. Die Texte sind prägnant, fundiert und stecken im Einzelnen voller interessanter und für viele sicherlich neuer Details. Der umfassende Anspruch, Tiere als Symbole, Spiegel, Lehrmeister, Vorzeichen und mythische Ahnen zu präsentieren, kann in der Kürze der Einzeldarstellungen natürlich keineswegs erfüllt werden - als Lexikon liefert der Band jedoch überaus handliche, bibliographisch kenntlich gemachte Einstiegs-Bausteine, die einer allfälligen tiefer gehenden Beschäftigung mit dem Thema sehr dienlich sein können.
Clemens Zerling/Wolfgang Bauer: Lexikon der Tiersymbolik. Mythologie - Religion - Psychologie. Kösel-Verlag, München 2003. 351 S.
bei amazon kaufen: EUR 26,70

Hanf als Medizin
Fundiert, gut lesbar und praxisorientiert war Hanf in der Medizin bereits 1997, als es als TB im Karl Haug-Verlag erschien. Seither ist viel geschehen: Dronabinol (synthetisches THC, Hauptwirkstoff der Cannabispflanze) wurde verschreibbar, sowohl in Österreich als auch in Deutschland gibt es je einen Menschen, dem der Hanfkonsum aus therapeutischen Gründen gestattet wurde, ein Spray auf der Basis natürlichen Cannabis steht in Großbritannien vor der Zulassung, Holland vertreibt medizinisches Marihuana über die Apotheken… und auch die Forschung hat keineswegs Halt gemacht, sondern sich im Gegenteil verstärkt darum bemüht, sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten der grünen Kraft zu untersuchen anstatt weiterhin Argumente der Verunglimpfung zu konstruieren.
Dr. Grotenhermen, Pionier der Hanfmedizin, hat den erklärenden Teil (geschichtliche Hintergründe, Chemie, Wirkungsweise, "Beipackzettel", Tipps zur Einnahme und Dosierung) der Erstauflage überarbeitet und ein sehr breites Kapitel überwiegend neu hinzugefügt: Beinahe die Hälfte des Buches widmet sich den Krankheiten und Symptomen, bei denen Cannabis und Cannabinoide wertvolle Linderung versprechen.
Der sachliche Tonfall ist geblieben - es ist erfrischend, zu diesem Thema zwischen hass- und angstverzerrter Propaganda und verklärter Beweihräucherung eine Stimme zu vernehmen, die die (überwältigenden) Fakten für sich selbst sprechen lässt. Diese umfassen erfreulicherweise auch wirklich (mutige) praxisbezogene Tipps: "Professor Brenneisen hat als optimale Decarboxylierungs-Bedingungen (Anm.: Umwandlung der in der Pflanze vorliegenden, unwirksamen THC-Säure in aktives THC) eine fünfminütige Erhitzung (Anm.: in Öl) bei 200 bis 210 Grad ermittelt."
Ein perfektes Sachbuch: Klar, präzise, umfassend und kompetent.
Dr. med. Franjo Grotenhermen: Hanf als Medizin. Ein praktischer Ratgeber zur Anwendung von Cannabis und Dronabinol. AT-Verlag, Baden und München 2004. Geb., 190 S.
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Unterwegs in die nächste Dimension
Clemens Kuby vollzog einst eine bis heute der Schulmedizin unerklärliche Geistheilung an sich selbst - er setzte seinen zertrümmerten Lendenwirbel wieder in Stand und entging der feststehenden Diagnose "Rollstuhl bis ans Lebensende".
Der Filmemacher (sein Film Unterwegs in die nächste Dimension, der dem gleichnamigen Buch voranging, läuft derzeit noch in manchen heimischen Kinos) begab sich sodann auf eine lange Reise von der Materie zum Geist - beginnend mit dem Alten Ladakh, um ein sich selbst gegebenes Versprechen einzulösen. Sein Weg zu Schamanen und Geistheilern rund um den Erdball widerspiegelt den schmerzhaften Erkenntnisweg, der dem Westen bevorsteht - die Anerkennung des Primates des Geistes über die Materie, die Überwindung rein linksdenkenden Rationalismus, die Akzeptanz der Macht der "Information". Kuby ist, bei aller Aufgeschlossenheit für das Neue, als Westler aufgewachsen und damit zum "ungläubigen Thomas" verurteilt. Gut für uns, denn solcherart ist gewährleistet, dass kein selbsternannter Guru uns dogmatisch Esoterik predigt, sondern wir einen gangbaren Weg "in die nächste Dimension" vorgezeichnet bekommen. Kuby entmystifiziert den Schamanismus, nur um ihn erst dadurch wirklich verstehbar und glaubhaft zu machen: Schamanen bieten uns - wie alle - eine in der Ausprägung unterschiedliche Illusion (oder, wertfreier ausgedrückt, ein "Vehikel") mit dem gemeinsamen Ziel, Selbstheilungskräfte zu wecken: "Wirklichkeit ist das was wirkt."
Dazu ist das Buch auch noch gut geschrieben, direkt und greifbar, scheut sich in keiner Phase vor kritischen Bemerkungen (unter Einbeziehung einer politischen Dimension) und darf daher mit großem Respekt vor der Leistung des Autors als wahrlich erhellende Lektüre bezeichnet werden: es verblüfft, lässt begreifen und, das wichtigste, regt vehement dazu an, an sich selbst und seine Potentiale zu glauben.
Clemens Kuby: Unterwegs in die nächste Dimension. Meine Reise zu Heilern und Schamanen. Kösel, München 2003. 339 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,50

Bauen mit Stroh
Es entwickelt sich rasant, ist hundertfach bewährt, wirkt immer noch exotisch, führt immer noch ein Nischendasein: Bauen mit Stroh(ballen). Zuverlässige Informationen aus erster Hand sind - insbesondere im deutschsprachigen Raum - schwer zu bekommen. Das im Jahr 2000 erstmals erschienene ökobuch Bauen mit Stroh wurde daher zu einem verlässlichen Dauerseller, der nunmehr seine völlig überarbeitete Neuauflage erlebt.
Mit diesem Buch erhalten Sie exakt das, was Sie brauchen: Einen prägnanten, den netzwerkenden Geist der Strohbauer widerspiegelnden Wegweiser in die spannende Welt der Ballenschlichterei. Grundlegend-historisches steht am Anfang, es folgen schlüssige Antworten auf die Stroh-FAQs (Feuer, Insekten, Feuchtigkeit sowie Bauphysik, Dämmung), ein Exkurs zur Bautechnik (Wandsysteme, die uralte enge Verbindung von Stroh und Lehm usw.) sowie abschließende, farbig illustrierte Kommentare ausgewählter Vertreter des internationalen Strohballenbaus. Als weitere Recherchehilfe dienen ein Literaturverzeichnis und eine sehr reichhaltige Linkliste.
Der beste (deutschsprachige) Einstieg in das Thema ist um drei Jahre Entwicklung im Strohballenbau besser geworden.
Herbert und Astrid Gruber: Bauen mit Stroh. TB, ökobuch FAKTUM, 2., völlig überarb. Aufl. Freiburg 2003. Zahlreiche s/w- und Farbillustrationen. 112 S.
bei amazon kaufen: EUR 14,90

Tipps: Best of Sachbuch

Devlin: Mathe-Gen Tiere & Drogen Chown: Suche nach AtomenChown: UniversumNeues Schwarzbuch Markenfirmen

Das Mathe-Gen
Das "Wissenschaftsbuch des Jahres" 2002 trägt den Untertitel: "Wie sich das mathematische Denken entwickelt + Warum Sie Zahlen ruhig vergessen können". Devlin stellt die Hypothese auf, dass "mathematisches Denken" (in strenger Abgrenzung zum Rechnen) auf exakt denselben Grundlagen der Gehirnentwicklung basiert wie die Ausbildung einer vollwertigen Sprache. Das (metaphorische) "Mathe-Gen" und das "Sprach-Gen" sind ein und dasselbe.
Devlin gelingt es, bei seinen argumentatorischen Höhenflügen durch die vollkommene Welt der Abstraktion stets die Bodenhaftung zu bewahren - getreu seiner Erkenntnis, dass die Probleme vieler mit Mathematik ausschließlich mit dem Grad an Abstraktion der Materie zu tun haben. Auf dem langen, nie langweiligen logischen Weg erfahren wir, worum es bei Mathematik eigentlich geht (um Muster und Beziehungen) und vor allem wie das menschliche Denken im heutigen Sinn entstanden sein könnte. Devlin leitet daraus aktuelle Schlüsse ab: Mathematik zu betreiben (nicht Rechenaufgaben lösen, sondern den Hintergrund verstehen) ist für den Geist das perfekte Training - es dient der Ausbildung der seit jeher wichtigsten Überlebenstechnik des Menschen, der Anpassungsfähigkeit an wechselnde Verhältnisse.
Das Buch ist natürlich präzise und logisch aufgebaut, präsentiert eine lückenlose Argumentationskette und vermag der ganzen Sache auch noch einiges an Witz abzugewinnen. Empfehlenswert.

Keith Devlin: Das Mathe-Gen. TB, dtv, München 2003, 372 S.
Bei amazon kaufen: EUR 9,80

Liebestolle Katzen und berauschte Kühe
Drogengebrauch ist bei Tieren weit verbreitet: Ziegen raufen sich regelrecht um die besten Plätze für Psilocybe-Pilze, Katzen berauschen sich an der für sie höchst aphrodisischen Katzenminze, Schnecken lässt sich in zweifacher Hinsicht eine Alkoholfalle stellen - zum einen fallen sie selbst hinein, zum anderen lockt ein Becher mit Wein die Igel an.
Samorinis Hypothese: Der Einsatz der Droge erlaubt, starre Verhaltens- und Denkschemata aufzubrechen und neue Einsichten zu vermitteln - die für die Arterhaltung entscheidende Fähigkeit zur Weiterentwicklung wird dadurch gefördert.
Das "Phänomen Droge" ist, so der Schluss, ein natürliches, das "Problem Droge" hingegen kulturell bedingt - wiederum bei Mensch und Tier. Bei Kühen wurde z.B. das exzessive Fressen von "locoweed" beobachtet. Damit wird eine ganze Gruppe von Wiesenkräutern bezeichnet, auf die sich die Wiederkäuer mit pathologischer Begeisterung stürzen. Sie verweigern, einmal auf den Geschmack gekommen, jede andere Nahrung, sondern sich von der Gruppe ab und verhungern im Extremfall im selbstgewählten Rausch. Beobachtet wurde dieses Verhalten allerdings nur bei unnatürlichen Massenhaltungen und scheint somit eine tierische Reaktion auf die vom Menschen verursachten "unkuhischen" Lebensbedingungen zu sein.
Eine schmale, geradezu amüsant zu lesende und dabei sehr fundierte Abhandlung über ein kaum bearbeitetes Feld - deren Aussagekraft gegen die vorherrschende Drogenmoral gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
Giorgio Samorini: Liebestolle Katzen und berauschte Kühe. Vom Drogenkonsum der Tiere. AT-Verlag, geb., Aarau 2002. 119 S.
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Die Suche nach dem Ursprung der Atome
Es ist gut möglich, dass Teile von Ihnen an die 14 Mrd. Jahre alt sind - und ganz sicher ist, dass wir alle aus den Produkten stellarer Atomschmieden bestehen. So nebenbei haben Kernphysik und Astronomie den materiellen Beweis für die gemeinsame Abkunft der Menschheit erbracht. Und, wenn auch theoretisch, den uralten alchemistischen Traum von der Verwandlung unedler in edle Materialien erfüllt.
Es wird selbstverständlich ein Traum bleiben - die Bedingungen, unter denen im Universum Gold entsteht, sind von derart Dimensionen sprengender Gewalt, dass bestenfalls die menschliche Kleinheit und daher dringend angezeigte Demut deutlich werden. Sicher nicht die geringste Leistung dieses spannenden Stückes Wissenschaftsgeschichte, das sich über weite Strecken sehr erfolgreich um Verstehbarkeit und Nachvollziehbarkeit bemüht. Nicht umsonst ist der Begleiter auf dem Weg von den Atomen zu den Sternen und zurück Physiker und Journalist in einer Person.
Marcus Chown: Die Suche nach dem Ursprung der Atome. Wie und von wem das Universum entziffert wurde. TB, dtv premium, München 2002, 315 S.
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Das Universum nebenan
Auf ihrem Weg durchs Universum schiebt die winzige blaue Kugel, die wir Erde nennen, tonnenweise kosmischen Schmutz beiseite; nur dass dieser "Schmutz", als den ihn Astronomen stets betrachtet haben, ohne weiteres auch Keime des Lebens sein könnten. Auch der Begriff "Universum" selbst greift viel zu kurz, denn das scheinbar Allumfassende ist offenbar gleichfalls nur Bruchteil eines noch viel größeren … Ganzen? Sind schwarze Löcher in Wahrheit Geburtsorte neuer Universen? Gibt es Planeten zwischen den Sternen, unauffindbar in den schwarzen Tiefen des Alls verborgen - und dennoch Träger von Leben? Gewagte, aber durchaus plausibel argumentierte Spekulationen versammelt der populäre Wissenschaftsautor Chown zu einer Parforcejagd an die Grenzen menschlichen Fassungsvermögens. Ob sie reine Science Fiction bleiben werden oder revolutionäre neue Ansätze darstellen, wird die Zukunft erweisen. Die zwangsweise Annäherung von mythologischer Erkenntnis und harter Wissenschaft setzt sich jedenfalls fort, auch wenn selbst ein Quantenpopulist vom Schlage Chowns sorgfältig jeden Hinweis darauf vermeidet. Eines zumindest scheint klar: Das Universum hält noch einige Überraschungen für uns bereit …
Marcus Chown: Das Universum nebenan. dtv premium, TB, München 2003, 233 S.
Bei amazon kaufen: EUR 15,50

Das neue Schwarzbuch Markenfirmen
"Dieses Buch wird Sie wütend machen", prophezeiten die Autoren im September 2001, als das Schwarzbuch Markenfirmen erstmals veröffentlicht wurde. In der erweiterten und aktualisierten Form gibt es noch mehr Facts, noch mehr Gründe, diese Reaktion wahr werden zu lassen.
Werner und Heiss gehen vom allgemeinen Beklemmungsgefühl ob des Zustands der (wirtschaftlichen) Welt aus und belegen Seite um Seite im grauenerregenden Detail, warum die Machenschaften der Multis sämtliche zivilisatorisch-menschenrechtlichen "Errungenschaften" zu zynischen Worthülsen verkommen lassen. Ausbeutung, Kinderarbeit, Sklaverei, 364 Arbeitstage zu 16 Stunden täglich, Umweltzerstörung, Menschenvergiftung, Zusammenarbeit mit tödlich repressiven Regimes… Es gibt kein Verbrechen bis hin zum Mord, das nicht direkt oder indirekt mit der hierzulande so heilen Konsumwelt in Verbindung zu bringen wäre.
Was tun? Auch auf diese Frage wird der Versuch einer Antwort gegeben - vom ethisch-ökologischen Konsum bis zu Engagement in Anti-Globalisierungsnetzwerken und Briefen an die Zuständigen Ihrer Lieblingsfirma (Namen und Adressen im Buch) reicht die Palette. Dennoch: Mich hat dieses Buch nicht wütend gemacht, sondern nur im Detail überaus vielfach belegt, warum ich schon vorher wütend war - und gute Gründe angeben kann, in Depressionen zu verfallen. Denn wenn eines deutlich wird: Auskommen kann den Multis hierzulande niemand.
Das Buch ist allerdings auch sein eigenes Heilmittel: Es hat sich 100.000-mal verkauft, es quillt über vor vernetzenden (Internet)-Kontaktadressen, es spart nicht mit Beispielen erfolgreichen Sich-Auflehnens; (Gegen)-Bewegung ist möglich - mag sie auch von unerbittlicher Langsamkeit geprägt sein.
Eine ungemein wichtige Publikation, die speziell Jugendlichen - den Konsumenten der nächsten Generation und Zielgruppe Nr. 1 sämtlicher Marketingstrategen - nahe gebracht werden sollte.
Klaus Werner, Hans Weiss: Das neue Schwarzbuch Markenfirmen. Die Machenschaften der Weltkonzerne. Deuticke, Wien 2003. TB, 408 S.
bei amazon kaufen: EUR 20,46

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