Neuerscheinungen: Krimi und Thriller - und
was SIE davon halten

Hydra 
Eine kryptisch-bedrohliche Email landet im Postfach von Beate Rehbein, die besser unter ihrem Autorinnennamen Bea Furrer bekannt ist. Von "elf Häuptern des Zufalls" ist darin die Rede, vom "kalt werden" und vom "Bösen". Der Auftakt zu einer Mordserie, die sowohl vom Zufall als auch akribischer Vorbereitung und detailbesessener Inszenierung geprägt ist – und in der Beate die Rolle als Stimme des Killers zugedacht ist.
In einer gnadenlosen Welt glaubt ein hochintelligenter Verlierer, ein Zeichen setzen zu müssen: Alle stehen potenziell am Rande des Abgrunds, wen es endgültig erwischt ist reiner Zufall. Als spirituellen Wegweiser für sein Werk hat er sich Friedrich Schiller auserkoren. Heraus kommt ein überaus ambitionierter Psychothriller, der zumindest mich aber nie so richtig packen konnte. Auf der Gratwanderung zwischen komplex und kompliziert ist er auf der falschen Seite gelandet, und das Aufkommen echter Spannung verhindert die nötige Schnörkellosigkeit in den entscheidenden Momenten. Die Charaktere empfand ich als aufgesetzt und geschraubt. Weniger wäre mehr gewesen.
Chris Marten: Hydra. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Geb., 733 S.
 Das verlorene Symbol 
Der Feuchttraum jedes Buchverlags, der nicht Harry Potter im Programm hat, heißt Dan Brown, und selbiger hat 5 Jahre nach Sakrileg wieder geliefert. In einer beispiellosen Selbstvernichtungsaktion der Übersetzerbranche wurde das 750-Seiten-Teil von einem Kollegium in 3 Wochen durchpflügt, um pünktlich zum Beginn der Frankfurter Buchmesse 2009 am Start zu sein.
Wars das wert? Bedingt. Der neue Dan Brown ist alles andere als neu – getreulich dem Erfolgsschema Robert Langdon, Symbolologe + Rätselrallye + Cliffhanger in Serie + abartig böser Bösewicht + weiblicher Aufputz (schlank, schön, klug, reich) folgend, stellt Das verlorene Symbol vor allem eins dar: Teil 3 der Serie.
Das Ganze ist ein Fanal für die Geisteskraft, die physikalisch messbar und damit naturwissenschaftlich beweisbar geworden sein soll (angeführte wissenschaftliche Fakten entsprechen den Tatsachen, wird eingangs behauptet). Das ist der eine, riesengroße Pluspunkt der Angelegenheit. Der darum herum gestrickte, durchaus spannend abgefasste Thriller hinterlässt aus mancherlei Gründen einen schalen Nachgeschmack: Mr. Langdon hat sich schlichtweg abgenutzt; der Schema-F-Aufbau nervt; der Bösewicht ist echt schön böse, umso bedauerlicher wie der Showdown komplett in den Sand gesetzt wird; der Freimaurerei werden so lange Rosen gestreut, bis man daran zu ersticken glaubt; und last but not least wirkt alles zusammen wie ein gewaltiger Kniefall vor der katholischen Kirche: Ich habe euch mit Illuminati getriezt, mit Sakrileg einen Dolchstoß versetzt, höchste Zeit für etwas Balsam auf die Wunden. Und von wegen etwas.
Ein gut geschriebenes Sachbuch rund um die behaupteten noetischen Erkenntnisse wäre die perfekte Form gewesen, ohne das viele thrillerhafte Beiwerk, das im 3. Aufzug selten ohne spürbare Mühsal daherkommt. Immerhin: So erreicht die Sache natürlich 1.000mal mehr Menschen, bloß – ob viele davon die "Fakten" als solche akzeptieren werden, so ganz ohne Belege?
Dan Brown: Das verlorene Symbol. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Geb., 764 S.
Limit 
Frank Schätzing kann es sich erlauben, ein Monster von einem Buch, 1.300 eng bedruckte Seiten, abzulassen – er wird trotzdem gelesen. Er kann es sich erlauben, dem Leser eine Unmenge an Fakten aufs Auge zu drücken, weil dieser seit dem Schwarm weiß: der Mann ist ein Meister der Recherche, nebst vielem anderen sind seine Bücher auch perfektes Edutainment. Außerdem versteht er es, hoch spannende Stories mit Action und Hintergrund zu verweben und Nahzukunftsszenarien zu entwickeln, die utopisch genug sind, um exotisch zu faszinieren, und faktisch genug begründet, um sehr glaubhaft zu wirken.
In Limit, dessen brisante Ausgangslage sich um das Ende des Öl- und den Beginn des Helium-3-Zeitalters samt Abbau am Mond und Erdlieferung per Highest-Tech-Fahrstuhl dreht, finden sich all diese Qualitäten überreichlich. Und damit ist auch schon die größte Schwäche des Buches benannt: Es gibt einfach von allem zu viel.
Die Sache lässt sich über 400 Seiten ausufernd mäandernd und mäßig spannend an, überzeugt über 600 Seiten mit auch psychologisch fein ausgelotetem Tiefgang und wachsender Spannung, um dann über die finalen 300 Seiten zu einem Reißer durchschnittlicher Qualität zu kippen, der weder plotmäßig noch in den actionreichen Details wirklich der Burner ist, für den er sich hält. Das alles ist stets wohl formuliert, wenn sich auch Schätzing mitunter am Limit zur Selbstverliebtheit in seine ultracoole Diktion bewegt.
Um 500 Seiten gekürzt und um etliche "auch interessante" Randdetails entschlackt könnte das Buch seine Science Fiction weitaus kompakter und damit besser erzählen. Die letztlich misslungene Auflösung bliebe als Problem bestehen: Es ist so offensichtlich, dass, als Schätzing seinem brillant detektivischen Helden endlich die eine entsprechende Einsicht zugesteht, auf die man als Leser wenigstens 100 Seiten zuvor auch schon gekommen ist, dieser sich als "blöder, blinder Idiot" beschimpft. Und dann gibt es noch eine zweite Enthüllung, die auch keine ist, womit das schwergewichtige Werk als Thrillermarathon leider im entscheidenden Moment versagt.
Ich habe es trotz alledem gerne, schnell und mit Gewinn gelesen, denn wie gesagt: überreichlich. Auch an faszinierenden Charakteren, verblüffenden Fakten, Real-Space-Impressionen jenseits von Star Wars, ordentlich krachenden Kampfszenen und Verfolgungsjagden, Zeitgeschichtslektionen, China-Innenschauen und und und. Nur: der perfekte Schätzing wurde bereits geschrieben. Eine Neuauflage ist es nicht geworden. Dennoch gebührt dem Autor größter Respekt angesichts dieser vollbrachten Leistung.
Frank Schätzing: Limit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. Geb., 1.326 S.
 Stalking 
Andy ist jung, eingebildet und unter Zugzwang: Nach drei Dates mit Katie hat er noch immer nicht eingelocht... Und auch sonst zeigt sich das Frischfleisch, dem er übereifrig nachstellt, nicht allzu willig.
Katie ist jung, schlank, schön, fit und viel zu schüchtern, um zu ihrem Gefühlen zu stehen und auch mal nein zu sagen.
Peter liebt Katie. Und romantische Filme. Er hat für ihre gemeinsame Zukunft ein Apartment um 1 Million Dollar gekauft, einen Verlobungsring besorgt und überhaupt alles geplant. Angefangen mit dem Job im Sportstudio, in dem Katie trainiert: Zwar sind sie schon seit Jahren ein Paar, nur weiß Katie nichts davon. Das wird Peter ändern, egal was es kostet oder wer sich ihm in den Weg stellt.
Jason Starr erweist sich einmal mehr als Meister des Schreckens (deshalb heißt es ja auch "starr vor Schreck"). Alles wirkt auf den ersten Blick harmlos
und alltäglich, doch dann gewährt er uns Innenschauen und wir müssen erkennen: Nichts ist so, wie es scheint. Alles ist so, wie der Mensch beschließt, dass es zu sein hat.
Die Mittel, um Peters wahnsinniges Logikgebäude vor dem Einsturz zu bewahren, werden immer drastischer. Katie wird von Angstranken umschlungen, kann im Würgegriff der Panik kaum noch atmen. Und Andy? Nun, irgendwann ist Katie froh, das Arschloch los zu sein. Aber musste es gleich eine so endgültige Trennung sein?
Subtiler, raffinierter Psychothrill mit meisterlich gezeichneten Figuren und pulsbeschleunigender Spannung – die Panikattacke als Taschenbuch. Sind Sie sicher, dass Ihre Wohnungstür versperrt ist...?
Jason Starr: Stalking. Diogenes, Zürich 2009. Tb., 524 S.
 Das Erbe des Bösen 
Erik Narva, ein erfolgreicher Genforscher, verliert seinen Vater aus den Augen, der sich aus ihm unerklärlichen Gründen auf eine Reise nach Berlin begeben hatte und dort spurlos verschwand. Da die Behörden ihm nicht helfen, begibt er sich selbst auf die Suche und dringt immer tiefer in die Geheimnisse ein, die sein Vater und seine Mutter über Jahrzehnte vor ihm und der Welt verborgen gehalten hatten. Doch es kommt noch viel schlimmer: Das Erbe seiner Eltern aus der Nazizeit wirkt auf traumatische Art in die Gegenwart weiter und bringt ihn und seine Familie in Lebensgefahr. Und Erik ist gezwungen, auch die Zweischneidigkeit seiner eigenen Forschungen anzuerkennen...
Ilkka Remes, Finnlands Nr. 1-Thrillerautor von Weltrang, hat sich mit diesem Buch endgültig in die Riege der Topautoren geschrieben. Nachdem seine Reihe um den TERA-Agenten Timo Nortamo mit Fortdauer ein wenig schwächelte und das deutschsprachige Publikum zwischenzeitlich mit Übersetzungen von "Jugend"werken bei Laune gehalten werden sollte, liegt nun mit Das Erbe des Bösen das definitiv beste Buch Remes vor: hoch brisante Rechercheergebnisse, eine wendungsreiche, actiongeladene Story und ein ebenso komplexer wie makellos ausgeführter Plot ergeben einen wirklich spannend Fakten-Thriller, der Zeitgeschichte zum Puls beschleunigenden Erlebnis macht und die Welt in einen neuen Blickwinkel rückt. Ausgangspunkt von Remes Arbeit war eine für uns alle gültige Einsicht: Die grauenvollen Menschenversuche, die Mengele & Co. unter der Schirmherrschaft der Nazis durchführten, erbrachten in ihrer Bedeutung nicht zu überschätzende Erkenntnisse, die z.B. in der Aeronautik die noch heute gültigen Sicherheitsstandards maßgeblich mitbestimmten.
Ein erschütterndes Dilemma: Hier die jede menschliche Würde bespuckenden Versuche, dort die daraus gewonnenen Erkenntnisse – sollte man sich ihrer nicht gerade deshalb bedienen, weil sie unter Erbringung unvorstellbarer Opfer entstanden? Wie aber steht es um die Wissenschaftler, die sie durchführten? Für die USA z.B. keine Frage: Im Rahmen der Operation Paperclip wurden hunderte Naziwissenschaftlicher in die Staaten geholt; die Truppe um Wernherr von Braun machte das Raumfahrtprogramm überhaupt erst möglich...
Ilkka Remes: Das Erbe des Bösen. dtv, München 2008. Tb., 522 S.
 Gnosis 
Empathie – die Fähigkeit, in hohem Maß die Gefühle anderer zu erspüren. In Fawers zweitem Wurf dient wie schon in Null ein Grenzbereich menschlicher Denkleistung als Bühne für eine hoch spannende, wissenschaftlich überzeugend recherchierte und stilsicher präsentierte Thrillerstory.
Als faszinierendes Bühnenbild dient die Idee, die Wahrnehmung der Superempathiker, den Protagonisten der Geschichte, sei synergistisch – sie
riechen, sehen oder hören Gefühle. Das Handlungsmomentum entstammt dem einen Schritt weiter, den Fawer auch in seinem zweiten Buch geht: Was, wenn Gefühle nicht nur im Detail gelesen werden können – sondern auch projiziert? Kein Wunder, dass ultrageheime und nahezu omnipotente Kräfte hinter den potenziellen Super-Manipulatoren her sind. Die böse Organisation mag um des Effektes willen ein wenig gar plakativ ausgefallen sein, aber das ist auch schon der einzige kleine Makel an dieser souveränen Arbeit, den man, gefesselt von der Geschichte, Fawer nur allzu gerne nachsieht. "Science driven, action packed" – mit dem Erscheinen der günstigen Taschenbuchausgabe sollte kein (Wissenschafts- bzw. Science-Fiction)-Thrillerfan noch länger zögern.
Adam Fawer: Gnosis. Rowohlt, Hamburg 2008. 716 S.
2012 - Das Ende aller Zeiten 
Hm. Das Buch stellt den Rezensenten vor eine Herausforderung. Ich fand es über mehr als 300 Seiten so mühsam zu lesen, dass ich schon aufgeben wollte – und dann wurde es so spannend, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Die Maya-Exotik ist vielfach überhaupt nicht nachvollziehbar, schlicht unverständlich, aber dann doch wieder so faszinierend andersartig... Die unzähligen, den Schreibstil prägenden Anspielungen auf kulturelle Versatzstücke wirken oft überheblich, da man entweder genau auf dem Niveau des Autors ist oder schlichtweg nichts kapiert – wobei zweiteres auch damit zusammenhängt, dass die US-Trivialkultur, die D'Amatos Bezugsrahmen darstellt, eben nicht unsere ist. Häufig zünden sie aber auch und vermitteln dann Botschaft, Klang und Farbe in maximaler Verdichtung. Die sehr technischen Ausführungen bis hin zu einer Seite voller
Gleichungen der höheren Mathematik lassen wohl 99% der Leserschaft dumm aussehen und unterstreichen insofern die Arroganz des Autors; andererseits liefert der Mann das plausibelste Szenario für eine Zeitreise, das je entworfen wurde. Dabei ist er nicht einmal in der Lage, das absolut zentrale Element der Geschichte – das "Opferspiel", ein Orakelspiel der Maya – irgendwie vom Spielablauf her wirklich nachvollziehbar zu machen, sprich genug Regeln zu erklären, um wenigstens die Simpelvariante des Ganzen verständlich zu machen. Last but not least bedient er sich in der zeitgeistigen Authentizitäts-Schublade: der Text ist in nicht unerheblichem Ausmaß in den Originalsprachen gehalten. Wobei die Cholan-(Maya)-Teile immerhin beinahe gänzlich übersetzt werden; von den spanischen Versatzstücken lässt sich das nicht behaupten. Meine Spanischkenntnisse reichten für ca. 85% davon...
So wurde ich auf fast 900 Seiten regelrecht gebeutelt – zwischen Faszination, Genervtheit, Ärger, Bewunderung, lähmender Langeweile und elektrisierender Spannung. Um dann nach einem insgesamt knapp positiven Resumee feststellen zu müssen: Ende des 1. Buches. Also wirklich – noch so eine Schwarte? Oder gar zwei? Man kann echt alles übertreiben.
Brian D'Amato: 2012 - Das Ende aller Zeiten. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 896 S.
 Schilf 
„Die Scheinwerfer eines Autos reißen eine Handvoll Bäume an sich und schleudern sie gleich darauf zurück in die Dunkelheit.“ In Juli Zehs Universum gelten die Gesetze von Zeit und Raum nicht; nur die Bildhaftigkeit und Emotionalität des
treffsicheren Ausdrucks. Besonders pikant, wenn der Protagonist des Romans ein Physiker ist, der gerade darum ringt, das Wesen von Raum und Zeit zu ergründen...
Anspruchsvoll, sprachgewaltig, mitreißend – noch nie war (Meta)-Physik so spannend, kaum jemals ein Krimi so philosophisch. Auch Juli Zehs populärstes Buch wird, wohl aufgrund ihrer ganz eigenen Sprache, von vielen geliebt und manchen gehasst; sich darauf einzulassen, ist eine überaus lohnende Notwendigkeit.
Juli Zeh: Schilf. btb, 2009. Tb., 380 S.
 Hochzeitsflug 
Der finnische Spannungsautor Ilkka Remes schreibt schon deutlich länger, als er im deutschsprachigen Raum wahrgenommen wird. Mit den Erfolgen der letzten Jahre werden jetzt auch die Frühwerke ausgegraben und dem mitteleuropäischen Publikum näher gebracht. Ein solches ist Hochzeitsflug aus dem Jahr 2000.
Darin verschwindet ein Flugzeug vom Radar, taucht Tage später als Wrack weit ab vom Kurs wieder auf und birgt ein Rätsel: keine einzige Leiche kann geborgen werden.
Ein deutscher Medizinwissenschaftler, dessen Verlobte an Bord gewesen war, macht sich auf eigene Faust daran, mehr zu erfahren – offizielle Informationen werden offenbar bewusst zurückgehalten. Schon bald gerät der Hobbyagent buchstäblich ins Kreuzfeuer der Mächtigen. Man will Spuren verwischen und ihn zum Sündenbock stempeln. Bloß: wofür?
Remes Frühwerk sorgt für ordentlich Spannung auf der Basis eines reichlich paranoiden, aber durchaus vorstellbaren Plots. Der Bogen ist gut gelungen, nur das Finale holpert leider sehr, was natürlich den Gesamteindruck deutlich verschlechtert. Insgesamt bekommt der versierte Thrillerleser gehobene Durchschnittskost vorgesetzt, wobei ich die meisten Punkte für die originelle Grundidee vergebe, die meisten Abzüge für die finale Ausführung.
Ilkka Remes: Hochzeitsflug. dtv, München 209. Tb., 444 S.
 Das Prometheus-Mosaik 
Ein Moment, der ein Leben grundlegend verändern kann: Sie erblicken Ihr Bild in der Zeitung. Nur dass nicht Sie darauf abgebildet sind, sondern jemand, der Ihnen so gleicht wie ein Ei dem anderen. Genau das passiert dem Chirurgen Theo Lassing. Die Folgen sind dramatisch: Stück für Stück muss er erkennen, dass alles, was er über sich, sein Leben und das seiner Mutter zu wissen glaubte, lediglich der Vertuschung eines Geheimnisses diente, von dem die Welt unter keinen Umständen erfahren darf...
Der hoch gelobte Thriller entpuppt sich leider als Dutzendware. Der Autor hält sich strikt an ein Erfolg versprechende Thrillerrezept, erheischt Spannung mit jeder Zeile, bedient sich inflationär der Kursivsetzung und zögert die Enthüllung Seite um Seite hinaus. Nur wirkt das alles aufgesetzt und abgespult, vermag sprachlich nicht zu begeistern und erzeugt trotz oder gerade wegen des krampfhaften Bemühens keinen unbezwingbaren Sog, sondern bestenfalls eine sanfte Strömung. Auch deshalb, weil das so aufwändig gehütete Geheimnis nach und nach verwässert wird – man denkt sich eigentlich von Anfang an sowas und wird nie wirklich "erwischt" oder überrascht. Ein Buch für Rucksacktouristen, die ein Tauschobjekt in der Jugendherberge brauchen.
Timothy Stahl: Das Prometheus-Mosaik. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2009. Tb., 394 S.
 Die Ruhe des Stärkeren 
Der Ausverkauf der lukrativen kroatischen Küste wird im ganz großen Stil betrieben: billig erwerben, mittels Bestechung/Erpressung/Gewalt zu Bauland umwidmen lassen und schon lassen faktorielle Gewinnmargen skrupellose Geschäftemacher jubeln.
Einer davon hat es für den Geschmack einer offenbar radikal nationalistischen Gruppierung eindeutig zu weit getrieben, und ausgerechnet anlässlich des symbolträchtigen Augenblicks der Erweiterung der Schengen-Zone und damit dem Fall der über Jahrhunderte umstrittenen Grenzen zwischen Österreich, Slowenien und Italien werden die Morddrohungen gegen ihn immer konkreter.
Laurenti, der mit den monumentalen Sicherheitsvorkehrungen rund um dieses politische Großereignis allein mehr als genug zu tun hätte, steckt bald mitten drin in den Machenschaften der Hochfinanz; immerhin zeigt sich auf seiner Ebene, dass grenzübergreifende Zusammenarbeit nicht nur ein leeres Schlagwort sein muss.
Das Erfolgsrezept von Veit Heinichen ist die richtige Mischung der Zutaten: hochaktuelle politische Bezüge auf der Basis guter Recherchen, spannende Krimiplots und mittlerweile längst vertraut gewordene Figuren vor dem Hintergrund des offenbar unendlich ergiebigen Triestiner Hinterlandes im Grenzland dreier Kulturkreise.
Fall sechs bietet weniger Krimispannung als der diesbezüglich unüberbietbare Vorgänger, dafür ist er politisch besonders aktuell und brisant. Und was die Qualität insgesamt betrifft, so hält sie der Autor unverändert auf höchstem Niveau. Das besondere Gimmick dieses Mal: illegale, extrem brutale Hundekämpfe.
Veit Heinichen: Die Ruhe des Stärkeren. Zsolnay, Wien 2009. Geb., 318 S.
 Kreuzigers Tod 
Aua. Nach einigen Seiten dieses Erstlings eines in Thailand lebenden Tirolers mit juristischer, sinologischer und journalistischer Vergangenheit drängte sich mir die folgende Formulierung auf: So österreichisch, dass es weh tut (und nicht: dass es schmerzt). Peter Oberdorfer seziert die sturschädelige, verbissene, verknöcherte Gesellschaft in einem Tiroler Bergdorf der frühen 70er Jahre mit grausamer Unerbittlichkeit und brillanter Beschreibungsgabe. Die braune Vergangenheit, das Unausgesprochene, die verhärteten Fronten, der Neurosendünger, der katholische Dauerschuldspruch – all dies wird fühlbar und sichtbar, es würgt und ist trotz alledem auf eine verzweifelte, düstere Art auch komisch.
Aufgehängt ist all dies an den Ermittlungen des Ortspolizisten und Ich-Erzählers im Fall Kreuziger. Der Titelheld hat in diesem Roman nichts zu sagen, weil eine Axt in seinem Schädel steckt; gleich von Anfang an. Die anderen reden grundsätzlich so wenig wie möglich, was allerdings den Wahrheitsgehalt der kargen Aussagen keinesfalls per se steigert. Selbst die ca. 7 Liter Schnaps, die im Verlaufe der Geschehnisse schätzungsweise vernichtet werden, können gegen die eisenharten psychischen Verkrustungen wenig bis nichts ausrichten.
Auch der Wachmann hat es nicht leicht: Nach kaum 20 Jahren im Dorf ist er natürlich noch ein Fremder. Außerdem schwirren ihm kafkaeske Vorgesetzte mit Allmachtsphantasien um die Ohren, die die Gelegenheit zur Rache mit Freuden ergreifen. Herr Dorfpolizist hat nämlich Jahre zuvor das schlimmste aller Verbrechen begangen: Er hat nach oben gespuckt. Dass die Spucke einem dann zwangsläufig selber ins Gesicht fällt, hätte er eigentlich wissen sollen. Und dass die kratzbuckeligsten, untertänigsten Mitarbeiter nicht unbedingt die loyalsten sein müssen, auch. (Wobei der schwer nachvollziehbare Wandel der Figur des Engel vom faktisch illiteraten Dorftrottel zum effizienten Handlanger der Staatsgewalt für mich die einzige gröbere Schwäche des Romans darstellt.)
Jedenfalls: So sieht er aus, der Bodensatz der Generation der heute 40-Jährigen. Aus der Sicht von Peter Oberdorfer zumindest. Oder aus der Sicht von Menschen, die nicht über den eigenen Bergesrand hinauszublicken vermögen. Für die Talschluss ein anderes Wort für Weltende ist. Und wie schon eingangs gesagt: So österreichisch, dass es weh tut.
Schreiben Sie weiter, Herr Oberdorfer.
Peter Oberdorfer: Kreuzigers Tod. dtv, München 2008. Tb., 272 S.

Frostnacht 
Der Bub, dessen Leiche am eisigen Boden festgefroren gefunden wird, war noch keine zehn Jahre alt, als er sein vorzeitiges Ende fand. Der zweite Umstand, der diesen Fall zu etwas Besonderem macht: Seine Mutter stammt aus Thailand.
Das Ermittlertrio um Erlendur macht sich einmal mehr (konkret: zum siebenten Mal) auf, die Abgründe isländischer Befindlichkeiten auszuloten, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Und darf sich letztendlich, so viel sei verraten, in einem bestätigt fühlen: der typisch isländische Mord bleibt schlampig, sinnlos und unnötig.
Der routinierte Serienkrimi vermag leider nicht so recht zu überzeugen; blickte man in Arnaldurs Erlendur-Romanen bisher tief in die düstere isländische Seele, bleibt die Geschichte
diesmal seltsam distanziert, fast teilnahmslos. Vermochte der Autor in seinen anderen Büchern die Krimihandlung stets in ein hochinteressantes, (historisches) Psychogramm einer Nation einzubauen, wirken die Problemfelder rund um das Thema Rassismus diesmal konstruiert und irrelevant. Erlendurs Lieblings-Besessenheit, vermisste Personen, wird zum einen erneut durchgekaut, ohne neue Perspektiven abzugeben, zum anderen für eine wohl als Spannungselement hinzugebastelte Nebenhandlung regelrecht missbraucht – allzu platt werden hier falsche Spuren ausgelegt.
Schade, aber als Resümee bleibt nur zu sagen: Die Erlendur-Krimireihe ist erschöpft, die Figuren ausgelaugt. Lieber Arnaldur, lass dir etwas neues einfallen.
Arnaldur Indriðason:
Frostnacht. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2007. Geb., 395 S.
 Dark River: Das Duell der Traveler
Nach erheblicher Wartezeit geht der Überwachungsstaat-Paranoia-Thriller des unter Pseudonym schreibenden, außerhalb des Rasters lebenden Autors also weiter. Mehr perfide Überwachungstechnik, mehr letzte Widerstandsnester gegen einen (fast) alles beherrschenden Gegner und vor allem viel mehr Kampf, Blut, Tod und Sterben.
Im Stile moderner Hollywood-Actionreißer wird laserzielfernrohrgesteuert erschossen, kaltblütig niedergemetzelt, erbarmungslos verfolgt und zur Strecke gebracht. Selbst Sympathieträger müssen reihenweise dran glauben, wohl in einem vehementen Ringen um Glaubwürdigkeit und zur noch mehr polarisierten Darstellung des ultimativ Bösen in Gestalt der Bruderschaft.
Gesellschaftskritische Elemente sind durchaus vorhanden, vermögen sich aber in dieser Stakkato-Action der blutrünstigsten Sorte kaum noch zu behaupten; auf feinsinnigere Töne sonstiger Art wartet man vergebens. Falls man überhaupt wartet – denn wer auf die Bourne Identität steht oder das neue Image der Bond-Filme begrüßt, wird mit diesem Buch zufrieden stellende, kurzweilige Unterhaltung bekommen. Ich hätte mir, um im Bild zu bleiben, etwas mehr Staatsfeind Nr. 1 gewünscht und finde, obwohl durchaus ein Freund von actiongeladenen Spannungsreißern, dass es 30% weniger Tote auch getan hätten. So kann ich mir die bissige Frage nicht verkneifen, ob der Autor vielleicht deshalb so viele Figuren sterben ließ, damit er sich das eine oder andere Mal die langwierige und häufig mühevolle Ausarbeitung ihres Charakters ersparen konnte?
John Twelve Hawks: Dark River: Das Duell der Traveler. Page & Turner/Goldmann, München 2008. Geb., 443 S.
 Paloma 
Die SF-Krimireihe um den Lokalisierungsspezialisten Miles Flint geht in die fünfte Runde, und da dieses Mal das SF-Element praktisch nur als Setting eine Rolle spielt, der Roman als Krimi aber ausgezeichnet funktioniert, habe ich ihn in dieser Rubrik untergebracht.
Auch in anderer Hinsicht fällt der neueste Wurf aus der Reihe: Wie der Titel Kennern der Serie bereits verrät, geht es um Miles Mentorin und Lehrmeisterin als Lokalisierungsspezialist, die allerdings keine aktive Rolle spielt: Sie wird gleich zum Auftakt ermordet. Im Zuge der Aufarbeitung ihres Vermächtnisses erfährt Flint vieles, was ihn zu einer Revision seines allzu makellosen Bildes von Paloma zwingt.
Doch die Sünden der Vergangenheit wiegen so schwer, dass sie bis in die Gegenwart dramatische Auswirkungen haben. Die Ermittlungen führen in die höchsten Kreise von Armstrong.
Sehr gekonnt verwebt Rusch die einzelnen Handlungsstränge und führt sie fugenlos zu einem überzeugenden und stimmigen Abschluss. Die Story ist spannend, wohl durchdacht und gehört zu den besten der Reihe, auch wenn manche Fans sich daran stoßen, dass Flint sich dieses Mal nicht im unmittelbaren Zentrum der eigentlichen Ermittlungsarbeit wiederfindet.
Der Roman gilt als und ist in sich abgeschlossen, würde aber wegen der vielen Bezüge auf bisher Geschehenes auf Neueinsteiger in die Reihe kaum die in ihm steckende Wirkung entfalten. Zumindest den Auftaktroman Die Verschollenen sollten Sie sich zuvor zu Gemüte geführt haben.
Kristin Kathryn Rusch: Paloma. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2008. Tb., 463 S.
 Grabesstimmen 
Charlaine Harris hat eine neue Serienheldin: Nach der gedankenlesenden Kellnerin Sookie Stackhouse in Harris skurril-romantischen, vom Publikum begeistert aufgenommenen Vampirromanen ist nun Harper Connelly am Zug. Auch sie hat es mit einer Art Telepathie, allerdings empfängt sie gedankliche Botschaften von Menschen nur unter einer ganz speziellen Bedingung: Wenn sie eine Leiche sind.
Harper hat dieses Talent und die Fähigkeit, mittels ihres sechsten Sinns Leichen an den unmöglichsten Orten aufzuspüren, zu ihrem Beruf gemacht; gemeinsam mit ihrem Bruder zieht sie durch die USA, findet Leichen und klärt mysteriöse Todesfälle.
Auch ihr Auftrag in einer Kleinstadt in Arkansas unterscheidet sich zunächst nicht von der üblichen Routine. Als Harper jedoch verkündet, an der angeblichen Mord-Selbstmord-Geschichte eines Teenager-Pärchens sei nichts dran, weil in Wahrheit beide ermordet worden waren, gerät sie in einen Strudel von Ereignissen, die sie gefährlich nahe an den Zustand ihrer Klientel heranführen...
Wollte man Harris neues Werk kulinarisch beschreiben, wäre es wohl ein Routine-Lunch in der Mittagspause – ohne wirkliche Fehler, aber auch ohne echte Brillanz. Ein literarischer Konsumartikel, der niemanden vor den Kopf stößt, niemanden wirklich langweilt und niemanden wirklich begeistert.
Charlaine Harris: Grabesstimmen. dtv, München 2008. Tb., 288 S.
 Das süße Lied des Todes 
Peinlich: Inspectora Delicado wird die Dienstpistole geklaut. Von einem kleinen Mädchen, während sie am Klo sitzt. Und dann sterben auch noch Menschen, erschossen mit ihrer Glock. Die reichlich zähen Ermittlungen führen ins Kinderprostitutionsmilieu... Wahrlich genug, um Petra Delicado gründlich am Sinn ihres Daseins im allgemeinen und ihres Berufes im speziellen (ver)zweifeln zu lassen. Wie günstig, dass genau in dieser Situation ein richtig toller Mann auftaucht und ihr den Glauben an die Liebe zurückgibt.
Die spanische Kultkrimireihe geht in die 7. Runde; es kann sein, dass ich das Buch zur falschen Zeit gelesen habe, aber entgegen den überwiegend sehr positiven Lesermeinungen konnte ich nicht umhin, ordentliche Abnützungserscheinungen festzustellen. Die Scharmützel der Protagonisten sind immer noch geistreich, wirken aber dennoch auch ein wenig bemüht. Die Krimihandlung verläuft so schleppend, dass sich zumindest bei mir wenig Spannung eingestellt hat; auch gelingt es der Autorin meines Erachtens kaum, die tiefe Erschütterung aufgrund der speziell grausamen und unappetitlichen Umstände nachfühlbar zu machen. Frühere Arbeiten haben mich mehr überzeugt.
Alicia Giménez-Bartlett: Das süde Lied des Todes. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2008. Geb., 393 S.
 Totentanz 
Zum fünften Mal führt Veit Heinichen zu den dunkleren Seiten von Triest, dieser Stadt am Schnittpunkt dreier Welten, Tor zum Osten, Umschlagplatz für (illegale) Waren aller Art. Die hochklassigen Kriminalromane um Commissario Proteo Laurenti haben sich stets durch einen fundiert recherchierten, hochpolitisch brisanten Hintergrund ausgezeichnet, auf dem der Autor mit einigem Augenzwinkern und viel Gespür für Lokalkolorit seine Figuren zu Werke gehen ließ. Dies alles gilt auch für den Totentanz, Heinichens bisher unterhaltsamstes und in mancher Hinsicht bestes Buch. Er würzt diesen Band nämlich mit einer gehörigen Prise Spannungsliteratur, mit
Thrillerelementen im Weltklasse-Format, und nützt den mittlerweile eingetretenen Serien-Effekt bezüglich der Figuren überaus gekonnt aus: alte Erzfeinde tauchen wieder auf. Ein neuer Charakter, die schlagkräftige Zwergenpolizistin Pina, bringt frischen Wind, und alles wird mit so viel treffsicherem, spöttisch-schwarzem Humor serviert wie noch nie zuvor. Ich zitiere den ersten Satz: "Es war das Jahr, in dem die Deutschen einen Papst nach Rom schickten, um sich an den Italienern für Trappatoni zu rächen." Dieser Einstieg bedeutete für mich: Liebe auf den ersten Blick. Und das schönste daran: Diese Qualität wird bis zur letzten Zeile gehalten. Allen Liebhabern gehobener Kriminalliteratur wärmstens zu empfehlen.
Veit Heinichen: Totentanz. Zsolnay, Wien 2007. Geb., 316 S.
 Die Geiseln 
Der geschätzte Thrillerautor nimmt sich hier einer der Globalisierung würdigen Thematik an: wegen des Kriegs am Balkan und dem damit verbundenen Genozid sind etliche Menschen aus Ex-Jugoslawien nach Skandinavien geflüchtet. Nicht alle aber führen dort ein ruhiges Leben: zum Staatsempfang am finnischen Nationalfeiertag gelingt es dem Serben Vasa, sich mit seinen Komplizen zu verschanzen und die gesamte Staatsspitze als Geiseln zu nehmen. Der TERA-Ermittler Timo Nortamo setzt sich für Verhandlungen mit den Geiselnehmern ein, erkennt aber zu seinem Leidwesen recht
bald, dass er ein Gesetz nach dem anderen brechen muss, um das Überleben der Geiseln zu garantieren. Die Forderung nach dem Rohstoff für die Tamiflu-Impfung gegen die Vogelgrippe stellt für Timo noch das geringste Problem dar...
Einfühlsame Charakterstudien, mit Verve und Tempo erzählt, immer im Wissen, dass der Krieg am Balkan die Menschen dort wirklich alles, einschließlich ihrer Würde, gekostet hat – ein Thriller in gewohnt rasanter Manier, solide, glaubwürdig und bedenkenswert und dabei exzellentes Futter für die exzessive Leseratte. Wärmste Empfehlung für LiebhaberInnen des Genres von 14-99.
(Anne Artner)
Ilkka Remes: Die Geiseln. dtv, München 2007. Tb., 446 S.
 Kalte Angst 
Ein spannender, solide geschriebener Thriller, obwohl die übersinnlichen Vorgänge mit für mein Gefühl ziemlicher Blauäugigkeit geschildert werden. Als Erklärung für zahlreiche Morde eine Art von Besessenheit über Raum und Zeit hinweg anzunehmen, halte ich für recht kühn. Oder gar, dass die amerikanischen Geheimdienste eine Art Sondereinheit besitzen, in der parapsychologisch Begabte tätig sind. Der Witz bei diesem Buch ist aber, dass es trotz dieser Holprigkeiten spannend und packend geschrieben ist. Die Theorien der Autorin über psychische Erkrankungen finde ich wirklich gut — beweisen sie doch wieder einmal, dass unsere Seele ein weites Land ist, in dem die verschiedensten Dinge Platz finden.
In diesem Zusammenhang sei an die Autorin Janet Frame (An Angel At My Table) erinnert, die sich jahrzehntelang in psychiatrischer Behandlung befand und deren einziges Symptom ihre übergroße Empfindsamkeit war...
Die Story: Diana befindet sich auf einem Malworkshop in einem Hotel, in dem schon seit der Erbauung immer wieder mysteriöse Mordfälle geschehen sind. Sie ahnt nicht, dass sie beobachtet wird — sowohl von einer parapsychologisch ausgebildeten Sondereinheit als auch von ganz anderen Kräften. Beide Seiten wollen Diana für ihre Zwecke nutzen. Wird ihr das Entkommen gelingen?
(Anne Artner)
Kay Hooper: Kalte Angst. Weltbild 2006. Geb., 366 S.

Die Loge der Unschuldigen 
Wenn ein ehemaliger Leiter eines Morddezernats beginnt, Krimis zu schreiben, die noch dazu in derselben Stadt spielen, in der er Polizist war, darf man sich natürlich gespannt fragen, wie viel Fakt Eingang in die Fiktion gefunden hat. Angeblich soll es, so lange es um Namen, Taten und Handlungen geht, gar nichts sein. Man kann sich vorstellen, dass florentinische Ordnungshüter das anders erlesen.
Fakt ist jedenfalls, dass Michele Giuttari, der Sizilianer, der die Mafia bekämpft hat und ab 1995 oberster Mordaufklärer in Florenz war, einen Serienkrimi-Kommissar geschaffen hat, der aus Sizilien stammt, in Florenz das Morddezernat leitet und den Vornamen Michele trägt...
Jetzt aber zum Buch selbst: Giuttaris Stärken liegen, wie sich denken lässt, im Insiderwissen um Ermittlungsmethoden und Zusammenhänge beim organisierten Verbrechen sowie bei der Entwicklung des komplexen Plots;
seine Schreibe ist gut, aber nicht brillant, sondern eher sachlich und ein wenig nüchtern.
Für Freunde des anspruchsvollen Kriminalromans mit hohem Faktanteil sowie an der dunklen Seite von Florenz und Umgebung Interessierte sind die Giuttari-Krimis sicherlich einen Versuch wert; nach Die Signatur liegt mit diesem Band der zweite Fall von Commissario Michele Ferrara vor, ein dritter (Das Monster von Florenz ) ist anfang dieses Jahres erschienen, weitere sind in Vorbereitung.
Michele Giuttari: Die Loge der Unschuldigen. BLT, Bergisch-Gladbach 2007. Tb., 444 S.

Der stille Herr Genardy 
Herr Genardy hat es nicht leicht. Auf einen bloßen Verdacht hin musste er seine Arbeit aufgeben; er war lange arbeitslos, geriet in finanzielle Schwierigkeiten. Jetzt ist er Hilfsarbeiter und es geht gerade so; wenigstens kann er, der höfliche, korrekte, umgängliche und zurückhaltende Gentleman, sich endlich wieder ein Auto leisten, um seine Fahrten zu unternehmen. Er liebt doch Kinder, kleine Mädchen, so sehr; und sie fassen auch immer rasch Zutrauen zu ihm. Er will ihnen nichts Böses. Eine kleine Tablette nur, schon schlafen sie...
Sigrid hat es auch nicht leicht. Ihr Franz ist zwar schon fünf Jahre tot, aber was er mit ihr gemacht hat, wenn er ihr "nicht weh tun wollte", schmerzt noch immer. Und dann ihre Vorahnungen, nach denen stets jemand gestorben ist. Sie war ja schon als Kind "unmöglich" gewesen, meint ihre Mutter. Sigrid hat eine achtjährige Tochter, Nicole. Die mehr von ihrer Mieterin erzogen wird als von ihr selbst. Aber die gute Frau Humperts zieht aus und ein neuer Mieter wird gebraucht. Ein korrekter, umgänglicher, höflicher Mensch...
Petra Hammesfahr versucht gar nicht erst, das Unsagbare beim Namen zu nennen. Sie schreibt in diesem Roman aus dem Jahr 1993 lieber über die Innenwelten ihrer Protagonisten und macht so umso deutlicher, welch Wahnsinn hinter Masken und Fassaden lauern kann. Gerade weil alles so normal ist, stellen sich die Nackenhaare beim Lesen auf. Gruselige Psycho-Hochspannung garantiert - da seien einige kleinere kriminaltechnische Mängel gerne verziehen.
Petra Hammesfahr: Der stille Herr Genardy. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2006. Tb., 334 S.
 Boten der Finsternis 
Die delikate Petra hat in ihrem dritten Fall die größte Mühe, nicht vollständig auszurasten: Die fingerdicken, madenartigen Fleischstücke in Formalin, die ihr eines Tages per Post zugestellt werden, sind zweifelsfrei abgeschnittene Penisse. Aber wo sind die dazu gehörigen Leichen? Gibt es die überhaupt? Wer amputiert den Stolz eines jeden Mannes - mit dessen Einverständnis?
Fragen über Fragen und mit jedem Penis werden es mehr... Dann führt eine Spur nach Russland und erstmals kommt so etwas wie Licht in die Sache.
Die Inspectora Petra Delicado ist mit bisher fünf Fällen das erfolgreichste Produkt der spanischen Autorin Alicia Giménez-Bartlett. Wie Fall drei im Vergleich zu anderen abschneidet, kann ich nicht beurteilen. Dieser Krimi wirkt jedenfalls tadellos recherchiert, besticht durch einen ganz eigenständigen, sympathisch-ironischen Tonfall (der eine Menge seiner Wirkung aus der Tatsache zieht, dass ausgerechnet im Macho-Land Spanien eine Frau die Chefin ist) und vermag mit Fortdauer ein gehöriges Spannungspotenzial aufzubauen, das sich in einem bestens ausgeführten, sehr befriedigenden Showdown entlädt. Für Freunde des gehobenen Krimis jederzeit einen Versuch wert.
Alicia Giménez-Bartlett: Boten der Finsternis. Petra Delicado löst ihren dritten Fall. BLT, Bergisch-Gladbach 2005. Tb., 268 S.
 Höllensturz 
Zwei Frauen werden im Norden Finnlands ermordet; beide waren Angehörige der Laestadianer, einer ultrakonservativen christlichen Sekte. Kurz nachdem die Profilerin Johanna Vahtera mit den Ermittlungen beauftragt wird, stirbt die dritte Frau, wie die anderen Teil einer verschworenen Gemeinschaft, die sich die Schwestern Zions nennt. Saara, die vierte im Bunde, wird im Nahen Osten entführt; die Bibelforscherin hatte
eine Entdeckung gemacht, die offenbar wie ein Zündfunke im Nahostkonflikt wirkt.
Während Vahtera in Finnland auf der Jagd nach der "Ratte" ist, schaltet sich Timo Nortamo in den Entführungsfall ein.
Neues von Finnlands meistgelesenem Autor - wie gewohnt legt Ilkka Remes einen komplexen, bestens recherchierten Thriller vor, der einmal mehr sein Gespür für die Themen zeigt, die die Welt bewegen. Diesmal steht das christliche Fundament auf dem Prüfstand und mit ihm auch die Grundlage des Staates Israel...
Ilkka Remes: Höllensturz. dtv, München 2006. Tb., 459 S.
 Tribut 
David, ein kampfsportgestählter Versicherungsdetektiv, und Susan, eine us-amerikanische Expertin für Mythen und Legenden, geraten in diesem Mystery-Thrill an ein uraltes chinesisches Schmuckstück, dem übernatürliche Kräfte innewohnen. Gefährlich wird es, als sich Angehörige eines okkulten Geheimordens um das Stück zu streiten beginnen und
die Beiden Menschen mit Superkräften entgegentreten müssen.
Eine dank diverser skurriler Typen mit britisch unterkühltem Humor ausgestattete Mischung aus Highlander und Marvel Comics im straighten Business-Kostüm. Die garantierte Hochspannung hat sich bei mir nicht eingestellt, immerhin ist der Text kurzweilig und flott zu lesen. Zwischendurch-Lesefutter der gehobenen Bauart, mit einem für mich zu flachen dramatischen Bogen und einem unbefriedigenden Schluss.
Robert Finn: Tribut. dtv, München 2007. Tb., 413 S.
 Ausgebrannt 
Ein Thema von brennender Aktualität, eine von der Gewissheit der Katastrophe und der unbeugsamen Hoffnung auf die menschliche Chance getragene Grundhaltung, perfekte Recherche, faktenreich, komplex und dabei den Leser stets hautnah am Geschehen belassend - diese Tugenden zeichneten Andreas Eschbach bei seinen größten Würfen immer aus. Und sie gelten auch für sein neuestes Werk, das sich mit seinem bisherigen Meisterstück, Eine Billion Dollar, in eine strahlende Reihe stellt.
Das Ende des Ölzeitalters, jedenfalls in der gegenwärtig betriebenen Form, bei der der Großteil des wertvollen Rohstoffs einfach verheizt wird, ist gewiss; dennoch agiert die Menschheit, als gebe es kein Morgen. Und das wiederum ist exakt die Folge der arroganten Verschwendungssucht, die die an der Pipeline hängenden Industrienationen an den Tag legen - das Leben auf Pump, auf Kosten anderer, endet.
Wie sehr unser gewohntes Dasein am Öl hängt, war Ihnen nicht bewusst; lesen Sie Eschbach, wenn Sie mir nicht glauben. Wie schnell das Weltwirtschaftssystem in sich zusammenstürzen kann, welch tönerne Füße dieses so gewaltige, monströse Gebilde beinahe tragen, wird erschreckend deutlich.
Wahrlich eine Apokalypse (=Offenbarung), die hier geschildert wird - verpackt in eine wie gewohnt schnörkellos erzählte, spannende Story, die trotz mehrfacher Zeit- und Handlungsebenen nie Gefahr läuft, den Faden zu verlieren. Hier ist jedes Stück am richtigen Platz. Maestro Eschbach, besten Dank.
Andreas Eschbach: Ausgebrannt. Lübbe, Bergisch-Gladbach 2007. Geb., 752 S.

Tödliche Intrige 
Der Erfinder von Kommissar Erlendur auf Abwegen: Ein Psychothriller
um eine isländische Femme fatale namens Betty. Was ist
der Mensch bereit, für Reichtum zu tun?
Arnaldur Indriðason hat sich mit diesem Ausflug keinen
Gefallen getan - für mich sein eindeutig schwächstes
Buch. Die grundsätzlichen Handlungsabläufe bergen
keinerlei Überraschungen; dass das "Schreckliche",
auf das alles zusteuert, ein Mord sein würde, steht von
der ersten Seite an außer Frage und raubt dem einigermaßen
geeichten Thrillerleser natürlich keine Sekunde seines
Schlafes. Der Stil lässt die von den Erlendur-Krimis
so lieb gewonnenen detailreichen Charakterzeichnungen mit
Tiefgang vermissen, die plumpe Wiederholung von irrationaler
Sehnsucht macht diese noch lange nicht nacherlebbar.
Andererseits hält dieser wenig spannende "Thriller"
immerhin ein echtes Aha-Erlebnis bereit, bei dem es um die
Wahrnehmung und die festgefahrenen Denkmuster des Lesers geht.
Wenn Sie überprüfen wollen, ob Sie dem Autor genauso
auf den Leim gehen wie ich, lesen Sie zumindest das halbe
Buch.
Arnaldur Indriðason: Tödliche Intrige. Bastei-Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2005. Tb., 270 S.

Scheintot

Was für ein böses und damit wundervolles Buch! Ich
konnte es erst aus der Hand legen, nachdem ich es "gefressen"
hatte. Gespickt mit kenntnisreichen Details über Gerichtsmedizin,
Polizeiarbeit und angewandter Psychologie, verquirlt mit Details
aus dem Mädchenhandelsgeschäft, zur Vollendung gebracht
durch wiederholte "kicks and thrills" spinnt die
Autorin einen Erzählfaden, der Patterson, Harris und
die anderen "bösen Jungs" aus dem Thrillergeschäft
mehr als alt aussehen lässt. Die Story: Die Pathologin
Maura bekommt eine Wasserleiche auf den Tisch gelegt. Als
sie mit der Autopsie beginnen möchte, bemerkt sie zu
ihrem Entsetzen, dass die junge Frau noch lebt! Sie wird daraufhin
in ein Krankenzimmer gebracht. Inzwischen macht sich die hochschwangere
Polizistin Jane, mit der Maura gut befreundet ist, auf den
Weg in die Röntgenstation im selben Krankenhaus. Die
Scheintote setzt sich gegen einen Unbekannten zur Wehr, der
sie erschießen möchte, entwindet einem Wachbeamten
die Waffe, verbarrikadiert sich in der Röntgenstation
und hält die dort Anwesenden als Geiseln fest. Gesprächsangebote
seitens eines Vermittlerteams werden von der Scheintoten strikt
verweigert. Für Maura und Janes Ehemann Gabriel beginnt
ein nerven zerfetzender Wettlauf gegen die Zeit - denn die
Medien könnten jede Sekunde berichten, dass eine Polizistin
sich unter den Geiseln befindet...
Die Auflösung schwächelt ein wenig - hier wäre
meiner Meinung nach viel mehr drinnen gewesen. Aber ansonsten
ein perfekter Sonntagnachmittagsthriller für LiebhaberInnen
von 16-99. Lesen! (Anne Artner)
Tess Gerritsen: Scheintot. Limes, München 2006.
Geb., 416 S.

Die
Bibelverschwörung 
Die Tonbibel ist es, um die sich alles dreht - so auch der
Originaltitel. Die Tonbibel ist die Schöpfungsgeschichte,
wie sie Abraham einem Schreiber diktierte, der sie in Keilschrift
auf Tontafeln verewigte. Alle jagen ihr nach und stehen unter
ungeheurem Zeitdruck: Es ist der Vorabend des us-amerikanischen
Einmarsches in den Irak, in dem dieser unschätzbare Fund
vermutet wird.
Der Thriller ist wie ein misslungener Eintopf: us-kritische
Töne und das Thema des skrupellosen Ausverkaufs von Kulturerbe
reichen bei weitem nicht, es braucht auch noch eine weit in
die Vergangenheit reichende schreckliche Geschichte, Rachedurst,
einen Priester in moralischem Multilemma, jede Menge korrupte
Militärs und zwei bis drei Auftragskiller. Das viele
Personal ist ein Grund, warum der Thriller bis zuletzt nie
in Fahrt kommen will; ein zweiter, gewichtigerer ist die schlichtweg
furchtbar schlechte Schreibe, die das personifizierte Böse
etwa so beschreibt: Er sah aus wie das personifizierte Böse.
Dialoge schleppen sich dahin, Handlungsmotivationen bleiben
im Dunkeln - wüsste man es nicht besser, man würde
hinter diesem sehr schwachen Buch einen unterdurchschnittlichen
Erstversuch von jemandem vermuten, der das Kochbuch für
Thriller verkehrt herum gelesen hat. Das ist keineswegs der
Fall - Julia Navarro wird als die Frau, die in Spanien Dan
Brown entthronte, vermarktet. Dan Brown braucht sich nach
diesem Machwerk jedenfalls über seine Verkäufe in
Spanien keine Sorgen mehr zu machen.
Julia Navarro: Die Bibelverschwörung. Limes, München
2006. Geb., 650 S.

Mortifer 
Ein solider, packender Thriller mit allen möglichen technischen
Spielchen und einem gut gelungenen menschlichen Element. Obwohl
das nun der dritte Band des Mutter-Tochter-Autorinnenteams
ist, handelte es sich für mich um einen Erstkontakt -
und hier liegt eine weitere Stärke des Buches: Es fiel
mir nicht schwer, mich zurecht zu finden, auch wenn ich keine
der Figuren zuvor gekannt hatte (Anm.: Erschienen sind
bisher Spiel
unter Freunden und Der
Köder).
Die Story: Die FBI-Agentin Sharon und ihre softwarekundigen
Freundinnen Annie und Grace machen auf der Fahrt zu einem
Auftrag einen ungeplanten Zwischenstopp -und befinden sich
plötzlich in einem Alptraum: Eine bestens ausgerüstete
Privatarmee hat eine ganze Ortschaft im ländlichen Wisconsin
ausgelöscht, um ein neues Nervengas zu testen. Gefangen
in der Einsamkeit der Wälder und ohne Möglichkeiten,
sich ihren Freunden zu Hause bemerkbar zu machen, beginnt
ein rasanter Wettlauf mit der Zeit: Denn es existieren noch
zwei voneinander unabhängige Nervengasquellen....
Wie das Trio von ihren Freunden und Geschäftspartnern
wieder gefunden wird, das ist die wirkliche Meisterleistung
dieses Werkes! Und leider allzu realistisch gestalten sich
die Beschreibungen, wie abhängig wir alle heute von der
Technik bereits geworden sind... Harte Kost. (Anne Artner)
P. J. Tracy: Mortifer. Rowohlt Tb, Reinbeck bei Hamburg
2006.Tb., 390 S.

Das Hiroshima-Tor 
Der finnische Star unter den Thrillerautoren schickt einmal
mehr Timo Nortamo auf eine Parforcejagd, während der
er sich bald allein im Wettstreit mit den Geheimdiensten der
Supermächte USA und China wieder findet. Ein tödliches
Rennen hebt an - um den Besitz von etwas, das es gar nicht
geben dürfte... Dazu mischt Remes noch ein wenig innerfinnische
Konspiration und Schmutzwäsche-Waschen auf höchster
Ebene. Paranoia, Technik und Action vermengen sich zu einem
rasanten, jederzeit glaubwürdigen Plot; eine überzeugende,
handwerklich ausgefeilte Arbeit, angetrieben von einem wahrhaft
erschütternden Treibstoff. Im direkten Vergleich gebe
ich der Ewigen Nacht knapp den Vorzug,
aber Das Hiroshima-Tor verdient ein ebenso großes
Publikum.
Ilkka Remes: Das Hiroshima-Tor. dtv premium, München
2006. Tb., 439 S.

Im Bruchteil der Sekunde 
Sean King ist Personenschützer im Dienst des Secret Service
und macht den einzigen Fehler, den er auf keinen Fall begehen
darf: Er ist unaufmerksam - für eine Sekunde. Diese genügt,
um seinen Schutzbefohlenen, einen Präsidentschaftskandidaten,
sterben zu lassen. Kings Karriere ist zu Ende.
Acht Jahre später sieht sich eine junge, brillante Agentin
vor einem ähnlichen Problem - ihre Schutzperson wird
entführt. Zwischen den beiden Fällen scheint es
Parallelen zu geben - und King erhält eine zweite Chance.
Baldacci liefert einen klassischen Genrethriller im Agentenmilieu,
plakativ, handwerklich völlig in Ordnung, passabel spannend
und in keiner Weise besonders originell oder herausragend,
aber ein verlässlicher Griff, wenn einem diese Spielart
der spannenden Unterhaltungslektüre liegt. Solide.
David Baldacci: Im Bruchteil der Sekunde. Bastei Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2006. Tb., 508 S.

Im Auftrag seiner Majestät 
"Auf halbem Weg zwischen Fisch und Nachspeise, als Supple
eben mit einer weiteren endlosen Geschichte beginnen wollte,
tat ich das einzig Anständige und erschoss ihn."
Lucifer Box, Dandy vom sorgsam gelegten Scheitel bis zur kessen
Sohle, kann eben nicht anders - die Welt besteht aus Charmeuren
und Langweilern, und letztere verdienen es nicht existent
zu sein... Nun, ganz so ist es nicht - Box arbeitet im Geheimen
für den Secret Service und hatte lediglich einen ganz
gewöhnlichen Auftragsmord zu erledigen. Der Auftakt zu
einem 1907 angesiedelten Verschwörungsthriller, der sich
genussvoll im aristokratisch glänzenden Schleim suhlt
und jedes Bonmot zum Besten gibt, mag es auch über Leichen
gehen. Makaberes, lasterhaftes, unsagbar frech-arrogantes
Debütwerk, nach dessen Lektüre man sich sofort wünscht:
mehr davon.
Mark Gatliss: Im Auftrag seiner Majestät. Ein
Dandy ermittelt. Blanvalet, München 2006. Tb., 347 S.

Schattenturm 
Wow! Wie oft haben Sie am Umschlag eines Thrillers schon gelesen,
er würde Ihnen den Schlaf rauben? Und wie oft ist es
geschehen? Eben. Dieses Mal dürfen Sie es getrost wörtlich
nehmen.
Den Anfang bildet eine Entführung - bzw. deren katastrophales
Ende. Hauptbeteiligter ist der NYPD-Officer Joe Lucchesi,
der sich nach dem traumatischen Erlebnis vom Dienst freistellen
lässt und sich mit seiner Frau und seinem Sohn in einem
verschlafenen Nest in Irland niederlässt. Die Idylle
ist perfekt - bis ein Mord geschieht. Joe hat sich einen unversöhnlichen,
zu jeder Gewalt bereiten Feind gemacht, der sein Glück
zerstören will. Nichts als abartiger Hass treibt ihn
an
Große, nahezu perfekt durchkonstruierte Spannungsliteratur
- und dies von einer Debütantin. Die Schreibe in Bruchstücken
erfordert den aufmerksamen Leser, belohnt aber mit fesselnder
Gegenwärtigkeit und einem atemberaubenden Hetzjagdgefühl.
Das Geschehen ist nichts für schwache Nerven - brutal,
pervers, krank. Trotz aller Plakativität (man könnte
auch Filmtauglichkeit sagen) verliert sich die irische Autorin
aber nie in ihrem Text, sondern seziert das Grauen und die
Akteure mit der Abgebrühtheit einer Gerichtsmedizinerin;
der Leser zappelt hilflos in ihrem Netz, irgendwo tief im
Hinterkopf die schwache Hoffnung, es könne sich doch
noch alles zum Guten wenden
Thrillerempfehlung 2006!
Alex Barclay: Schattenturm. Lübbe, Bergisch-Gladbach
2006. Geb., 380 S.
Das schwarze Blut 
Ein ordentlicher, origineller und verstörender Thriller
von einem der Experten für knallharten Lesestoff. Zum
Schluss hin beginnt das Werk etwas zu schwächeln, aber
das ist ohne weiteres in Kauf zu nehmen bzw. wird das schon
fast zu einem Markenzeichen des Autors. Die Story: Der Tiefseetaucher
Jacques Reverdi wird nach einem Mord in Malaysia ums Haar
von der aufgebrachten Bevölkerung gelyncht. Ihm werden
weitere Morde zur Last gelegt, aber aus Mangel an Beweisen
kann keine Anklage erhoben werden. In Paris sucht der Journalist
Mark Dupeyrat nach einer "heißen" Story und
verwickelt Reverdi in einen Briefkontakt, indem er den Charakter
einer jungen Frau erfindet. Mark legt ein Foto einer flüchtigen
Bekannten, Khadidscha, einem Brief bei. Reverdi ist bald Feuer
und Flamme und schickt seine Brieffreundin "Elisabeth"
auf eine Schnitzeljagd der etwas anderen Art quer durch Südostasien.
Je mehr sich Mark als "Elisabeth" dem Ziel nähert,
desto mehr Einfühlungsvermögen über die Motive
und Handlungen von Reverdi erfährt Mark. Zurück
in Paris bricht Mark jeglichen Kontakt mit Reverdi ab - jedoch
ist Khadidscha in der Zwischenzeit der Durchbruch als Model
gelungen und ihr Konterfei ziert weltweit jede Plakatwand.
Und dann erfährt Mark aus den Nachrichten, dass Reverdi
die Flucht gelungen ist...
Faszinierend, wie der Autor mit den ethischen Grundsätzen
der JournalistInnen umgeht und diese beleuchtet. Ich gestehe,
ich habe mich durch dieses Werk im Eilzugstempo "gefressen".
(Anne Artner)
Jean-Christophe Grangè: Das schwarze Blut. Ehrenwirth,
Bergisch Gladbach 2006. Geb., 540 S.
Die
Lauscherin im Beichtstuhl 
Mit viel Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen für
das Element des Wunderbaren geschrieben, das laut der verstorbenen
Marion Zimmer Bradley die gute Fantasy auszeichnet - leichtfüßig
und wirklich schön. Die Story: die Katze Mirza verliert
recht unvermutet ihr schönes Plätzchen nach dem
Tod ihrer Herrin. Sie wird in ein Kloster gebracht und soll
dort in der Bibliothek die Mäuse dezimieren, die den
wertvollen Schriften schon eine Menge Schaden zugefügt
haben. Ihr neues Herrchen kümmert sich sehr gut um Mirza
und sie entwickelt Muttergefühle für den großen
Menschen - hüpft doch sein Herz wie verrückt in
seiner Brust, wenn er sich aufregt... Mirza bemerkt recht
bald, dass auch der grobe Gärtnerbursche etwas zu verbergen
scheint. Und welche Geheimnisse hüten wohl der Maler
und seine ebenso tüchtige Schwester? Mirza verzweifelt
an den dummen Menschen, denn diese erschweren ihr ihre detektivischen
Bemühungen immer wieder. Aber was soll Katze von diesen
Wesen auch erwarten: in der Nacht sehen sie kaum die Hand
vor Augen und ihr Geruchsinn ist fast nicht mehr vorhanden...
Wie Mirza die verschiedenen Rätsel löst, ist ein
wahres Plädoyer für die gemeine Hauskatze.
Angenehme, leichte Unterhaltung für Katzenfreunde. (Anne
Artner)
Andrea Schacht: Die Lauscherin im Beichtstuhl. Eine
Klosterkatze ermittelt. Blanvalet, München 2006. Tb.,
477 S.
 Hard
Feelings 
Jason Starr ist ein Markenzeichen: düstere, beklemmende
Psychothriller, angesiedelt in der brodelnden Urbanität
New Yorks, mit männlichen Protagonisten, die etwas Entscheidendes
oder gleich eine ganze Menge falsch machen.
Starr versteht es den Leser rasch in den Sog seiner Geschichten
zu ziehen - so auch in Hard Feelings, jetzt als Diogenes
Taschenbuch erhältlich.
Richard Segal arbeitet als Verkäufer für Computernetzwerke;
seine private wie berufliche Lage ist äußerst angespannt.
Da begegnet er Michael Rudnick, und ein traumatisierender
Abschnitt seiner Kindertage drängt mit Macht hervor...
Am Ende der Seite für Seite packenderen Story lässt
uns Jason Starr vor Schreck zurück
- nomen est omen, wie es scheint.
Jason Starr: Hard Feelings. Diogenes Taschenbuch, Zürich
2005. 299 S.
Das
Ikarus-Gen 
Ärger beim Lesen ist leider vorprogrammiert, denn zwar
versteht der Autor die lebendige Inszenierung der Charaktere,
aber die Story bleibt nichtsdestotrotz flach, vorhersehbar
und trivial: Max und ihre Geschwister aus dem Buch Der
Tag, an dem der Wind dich trägt müssen laut
Gerichtsbeschluss bei ihren biologischen Eltern leben und
sich also voneinander trennen. Die Kinder versuchen mit aller
Kraft, sich anzupassen und ein "normales" Leben
zu führen - was sich aber als schwierig gestaltet, denn
sie besitzen riesige, funktionstüchtige Flügel.
Die Presse und andere Interessenten sind ihnen dauernd auf
den Fersen - und Dr. Ethan Kane, ein meisterhafter Chirurg
und Stammzellenforscher, ebenfalls...
FreundInnen von Verschwörungstheorien werden ihre wahre
Freude an diesem Machwerk haben - wenn Patterson auch dem
Genre absolut nichts Neues abgewinnen kann. Der Autor, an
sich ein guter Handwerker, ist bekannt und beliebt als knallharter
Thrillerlieferant. Spannung will sich hier aber nicht einstellen,
nur das große Gähnen. Der Massen-(Mist)-Produktionszwang,
eine der "Segnungen" des Kapitalismus, hat Patterson
zu Ausflügen in die Geschichte bzw. in diesem Fall in
die Fantasy verführt, die er sich einfach hätte
sparen können.
Fazit: Große Gefühle, trivial ausgeführt,
aufgeblasen zu einer Geschichte, die auch in drei Seiten hätte
erzählt werden können. (Anne Artner)
James Patterson: Das Ikarus-Gen. Ehrenwirth (Lübbe),
München 2006. Geb., 384S.
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Des
Teufels Werk 
Leider gestaltet sich das neue Werk der Autorin bei weitem
nicht so spannend und gut, wie der Klappentext der Leserschaft
weismachen will. Ziemlich oft habe ich mich fast schon beim
Gähnen ertappt - denn in der Vergangenheit Bestseller
produziert zu haben, reicht nicht aus, um bei diesem Buch
zu überzeugen. Die Story: Die Kriegsberichterstatterin
Connie gerät im Zuge ihrer Recherchen in Bagdad in das
Blickfeld eines Frauenhassers. Weil Connie diesen verdächtigt,
am Tod mehrerer junger Prostituierter in Sierra Leone mitbeteiligt
gewesen zu sein, versucht sie, mehr über diesen Mann
zu erfahren. In Bagdad spitzt sich die Lage für alle
ausländischen Menschen zu - und Connie wird entführt,
jedoch ohne Lösegeldforderungen drei Tage später
wieder freigelassen. Zurück in England sucht sie sich
schwerst traumatisiert ein Versteck auf dem Land. Jedoch bleibt
der Peiniger ihr auf der Spur. Wem kann sie noch vertrauen?
Zu meiner Ermüdung haben die zahlreichen Verwicklungen,
denen Connie an ihrem Zufluchtsort ausgesetzt ist, weiter
beigetragen. Relativ bald zeichnet sich nämlich die Lösung
des Rätsels um ihre Vermieterin ab - doch die Autorin
scheint so selbstverliebt zu sein und den LeserInnen so wenig
Kombinationsvermögen zuzutrauen, dass hier eine Verzögerungstaktik
nach der anderen aufgefahren wird. Und dann dieser sozialer
Touch - nein, der hat mich diesmal wirklich nur noch geärgert.
Fazit: für mich ein schwerfälliger und so gesehen
"angeblicher" Thriller. In der Walters-Lesergemeinde
wurde die Arbeit hingegen mit Begeisterung aufgenommen. Offenbar
für Fans. (Anne Artner)
Minette Walters: Des Teufels Werk. Goldmann, München
2006. Geb., 480 S.
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Du
bist zu schnell 
Rasant, dicht, durchdacht, atmosphärisch, eindrucksvoll
- was an Superlativen zu einem Prosatext möglich ist,
wurde über Drvenkars Psychothriller gesagt. Die enorme
Dichtheit des Textes und die Fähigkeit des Autors, die
scheinbar banalsten Dinge mit Bedeutung aufzuladen, heben
dieses Buch tatsächlich aus der Masse an Geschriebenem
weit heraus. Obwohl die Sprache einfach ist, handelt es sich
um einen anspruchsvollen Text - ein Konzentrat eben.
Die Story, abwechselnd aus drei verschiedenen Ich-Perspektiven
erzählt, dreht sich um die psychotische Val, die, hat
sie einmal "die Tür" geöffnet, mit den
"Schnellen" konfrontiert wird - Wesen, die sich
derart rasch bewegen, dass nur Val sie in ihrem besonderen
Zustand überhaupt sehen kann. Eine reine Halluzination
also? Wie kann es dann sein, dass Menschen sterben? Ist womöglich
ihr Freund einer von ihnen?
Drvenkar spielt gekonnt mit wechselnden Interpretationsmöglichkeiten
und baut gehörig Spannung auf; sein Psychothrill ist
einer im engeren Wortsinn - ein Thriller der Psyche und zugleich
ein Psychogramm einer verletzlichen Frauenseele. "Nur"
4 Sterne gibt es von meiner Seite aus rein subjektiven Gründen:
Der Prosa mangelt es für meinen Geschmack an Raffinesse
des Wortes - und da der Text, aller Mystery-Szenerie zum Trotz,
in der Realität bleibt, endet er wie er enden muss. Was
dann natürlich keine Überraschung ist.
Zoran Drvenkar: Du bist zu schnell. dtv, München
2005. 296 S.
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Todes
Hauch 
Und noch einmal Indriðason bzw. Erlendur: Todes Hauch,
der vierte Fall mit dem zu typisch isländischen Depressionen
neigenden Ermittler, hat viel mit dem neuesten Werk, Kälte
Zone (siehe unten), gemein. Auch hier wird per Zufall
ein seit Jahrzehnten vergrabenes Skelett entdeckt und Erlendurs
kriminalistischer Spürsinn ist bis zum letzten gefordert,
um eine lange zurück liegende Tragödie aufzuklären.
Eingeschoben werden diese Ereignisse erzählt, als Geschichte
in der Geschichte, bis die beiden Handlungsstränge zuletzt
nahtlos und absolut schlüssig verwoben werden.
Privat geht es Erlendur schlechter als in irgendeinem anderen
Buch: Eva Lind liegt im Koma und der Kommissar im grauen Rentneroutfit
kommt nicht umhin, seiner Exfrau zu begegnen, deren Hass auf
ihn frisch wie am ersten Tag ist.
Arnaldur hat ein unnachahmliches Gespür für Zwischentöne,
seine Krimis sind nie plakativ sondern versetzen den Leser
stets in die Situation, viele Seiten eines Geschehens betrachten
zu können. Häufig werden Untaten nur allzu verständlich,
möchte man dem "Mörder" am liebsten die
Hand führen, so sehr hat uns sein oder ihr Motiv überzeugt.
Was natürlich auch an Arnaldurs hervorragender Stilsicherheit
liegt, die bei aller nordischen Kühle tief liegende Emotionen
nacherlebbar zu machen versteht.
Waren die Menschen Söhne noch geradezu
sensationsheischend (und dabei nichtsdestotrotz höchstwertige
Krimikost), werden Arnaldurs Geschichten von Buch zu Buch
schlichter und zugleich tiefer gehend, ergreifender und menschlicher.
Ein außergewöhnlicher Autor, völlig zurecht
als bisher einziger zweimal mit dem "Nordic Crime Novel's
Award" ausgezeichnet (für Nordermoor
und eben Todeshauch). Denn bei aller literarischen
Qualität vergisst Arnaldur nie darauf, eine spannende,
raffiniert aufgebaute Story zu erzählen, die auch alle
Zutaten für den eingefleischten Lesekriminalisten enthält.
Arnaldur Indriðason: Todes Hauch. Bastei
Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. Tb., 365 S.
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Kälte
Zone 
Der Wasserspiegel eines Sees sinkt um mehrere Meter, ein Skelett
wird freigelegt - angebunden an einen Abhörsender russischer
Bauart. Erlendur ist in seinem Element: es geht um eine seit
mehr als 30 Jahren vermisste Person, erste Hinweise deuten
in die Zeit des Kalten Krieges. Hat es überhaupt isländische
Spione gegeben?
Erlendurs sechster Fall ist vielleicht nicht der spektakulärste,
erreicht aber eine emotionale Dichte wie keiner zuvor und
ist dramaturgisch ungemein geschickt aufgebaut. Arnaldur bringt
uns die hintergründige Figur Erlendur ein weiteres Stück
näher und vergönnt seinem Kommissar in diesem Buch
sogar ein paar Sonnenstrahlen und lange Zeit vermisstes privates
Glück. Mit der ihm eigenen Akribie und Hartnäckigkeit
geht Erlendur an die Sache heran - bis zur tragischen Auflösung,
die von am Leben und der Unmenschlichkeit des Systems im real
existierenden Sozialismus der DDR gescheiterten Existenzen
spricht. Arnaldurs bisher bestes Buch.
Arnaldur Indriðason: Kälte Zone. edition Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2005. Geb., 413 S.
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Als
wär's der Teufel selbst 
Robert Fairfax, der umherziehende Gelehrte mit ausgeprägtem
Spürsinn, macht auf dem Weg zu seinem neuen Auftrag einen
grausigen Fund: eine umgestürzte Postkutsche und drei
erschossene Menschen. Sein Dienstgeber, der örtliche
Friedensrichter, gibt ihm freie Hand, und Fairfax macht sich
an die Ermittlungen.
Klassisch gestrickter historischer Kriminalroman, angesiedelt
im Norden Englands (der Heimat der Autorin) Mitte des 18.
Jahrhunderts. Mit viel Gespür für Stimmungen, pointierten
Dialogen, viel britischem Understatement und unterkühlter
Ironie geht die Autorin zu Werke und liefert mit Fairfax'
zweitem Fall erneut ein zum Tüfteln einladendes Rätselspiel
ab, das von der einschlägigen Fangemeinde begeistert
aufgenommen wurde.
Hannah March: Als wär's der Teufel selbst. dtv,
München 2005. Tb., 382 S.
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Null.

Ein Mensch wie David Caine ist ausgesprochen unwahrscheinlich,
aber bei einem Sample von 6 Milliarden - der Erdbevölkerung
- ist es noch viel unwahrscheinlicher, dass es ihn nicht gibt.
Das Gesetz der großen Zahl.
David Caine ist Experte für Wahrscheinlichkeitsrechnung
und kann wie der 'Rain Man' die unmöglichsten Kalkulationen
im Kopf durchführen; sein Talent führt ihn mindestens
einmal zu oft an den Pokertisch. Caine ist spielsüchtig
und verliert, durch einen epileptischen Anfall zur falschesten
Zeit und ein äußerst unwahrscheinliches Ereignis,
einen Haufen Geld. Besonders dumm, dass das Geld der russischen
Mafia gehörte.
Die losgetretene Ereigniskette macht die lebensbedrohlichen
russischen Methoden der Geldwiederbeschaffung jedoch bald
zu Caines geringsten aller Probleme. Die Situation wäre
ausweglos, wenn ein neues Medikament gegen seine Epilepsie
nicht Wirkung zeigen würde: Seine Anfälle verwandeln
sich - in Zukunftsvisionen. Und mehr: Caine kann Szenarien
durchspielen und eine Wahl zwischen Ereignisketten treffen.
Er kann den Lauf der Dinge beeinflussen.
Null. ist für mich der (Wissenschafts)-Thriller
des Jahres 2005. Komplexe Überlegungen zu der Möglichkeit,
das immerwährende und zeitlose kollektive Unbewusste
anzusprechen um zu Informationen über mögliche
Ereignisse zu gelangen erfahren in der Schilderung rasanter
Agentenaction ihre praktische Umsetzung. Viel Hochinteressantes
wird vermittelt: die Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung,
das für die Story notwendige zur Funktion der unterschiedlichen
menschlichen Gehirnwellen; abenteuerlich zwingende Argumentationen
verbinden C. G. Jung mit der Quantenphysik, Philosophie mit
Naturwissenschaft.
Fawer bleibt dabei stets auf Kurs - es gibt Verfolgungen,
Schießereien, geld- und/oder machtgierige Hintergrundfiguren,
skrupellose Söldner; einen paranoiden Plot, einen schizophrenen
Zwillingsbruder, eine knallharte Agentin. Für spannende
Action ist gesorgt; die mehr theoretischen Anteile sind fugenlos
in die Story eingebettet und sprechen in ihrer Leichtigkeit
von echtem Verständnis. Fawer spielt mit Realitäten
- virtuos und überraschend und immer nachvollziehbar.
Ein Minimum an Interesse für Wissenschaft im Allgemeinen
und Mathematik im Besonderen vorausgesetzt eine uneingeschränkte
Kauf- und Leseempfehlung.
Adam Fawer: Null. Kindler, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
2005. Geb., 580 S.
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Die
Frau mit dem roten Herzen 
Wieder lockt das riesige Land China mit seinen uralten kulturellen
und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten aller Art. Auch
der Nachfolgeband von Tod einer roten Heldin besticht
durch genaue Kenntnisse des chinesischen politischen Machtapparates,
wie die Menschen mit den immer knapper werdenden Ressourcen
haushalten (müssen) und dass der Kapitalismus sich auch
als eine Religion entwickeln kann...
Oberinspektor Chen möchte nur in Ruhe seinen Lieblingspark
in aller Früh genießen, jedoch meldet ihm der Parkwächter
einen Leichenfund. Die Umstände lassen kaum einen anderen
Schlusszu: hier handelt es sich um einen Triaden- Mord. Chen
versucht, sich des Falles anzunehmen, bekommt aber von ganz
oben die Weisung, die erste internationale Zusammenarbeit
zwischen den U.S. Marshals und der chinesischen Polizei im
Kampf gegen Menschenschmuggel und -handel anzubahnen. Dummerweise
entpuppt sich Chens Kollege als eine attraktive, junge Frau
namens Catherine, die ihr Unidiplom in Sinologie erworben
hat und ganz begeistert von der Vorstellung ist, China endlich
von einer ganz neuen Seite kennen zu lernen. Also trabt Chen
neben ihr her, die ihn zu illegalen, weil in Schwarzhandel
verwickelten Märkten führt und sich auch sonst als
nicht so pflegeleicht erweist, wie Chens Vorgesetzte das gerne
sehen würden. Alleine diese Schilderungen haben mich
erheitert.
Garniert wird dieses Werk auch wieder mit ausgesuchten Zitaten
der großen chinesischen Poeten aus allen Jahrhunderten,
was ein weiteres Plus in meinen Augen darstellt; stellenweise
als Ganzes um Klassen besser als sein Vorgänger. Wer
jedoch einen in erster Linie spannenden Krimi erhofft, wird
von Xiaolong kaum bedient - die kulturelle Betrachtung, die
ruhige Exotik stehen im Vordergrund, wie auch im bereits erschienenen
dritten Teil. (Anne Artner, red.
bearb.)
Qiu Xiaolong: Die Frau mit dem roten Herzen. Ein Fall
für Oberinspektor Chen. Kriminalroman. dtv Verlag, München
2005. Tb., 380 S.
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Götterdämmerung
Neil LaHaye, Journalist und Buchautor, hat sich mit seinem
letzten Projekt ins US-patriotische Abseits begeben. Mit einer
Arbeit über die Anfänge von AIDS will er seine letzte
Chance ergreifen, doch die Recherchen geraten außer
Kontrolle: Immer wieder taucht der Name Victor Sanchez auf,
der sich als Vorzeige-Wissenschaftler kubanischer Abstammung
25 Jahre zuvor für den Nobelpreis empfahl - und plötzlich
spurlos verschwand. Hatte er bereits frühzeitig ein AIDS-Mittel
gefunden, zu frühzeitig für den Geschmack der profitgierigen
Pharmaindustrie? Und wie kann es sein, dass er eine Tochter
hat, obwohl seine Frau nachweislich keine Kinder bekommen
konnte? Neil entwickelt immer paranoidere Verschwörungstheorien,
wird vom Jäger zum Gejagten, verliert die letzten Reste
seiner Glaubwürdigkeit - und kann doch nur fassungslos
die furchtbare Wahrheit anerkennen, die so ganz anders aussieht
als irgendjemand ahnen konnte.
Tanja Kinkel veröffentlicht seit 1991 und machte sich
bislang v.a. mit historischen Romanen einen Namen; ihr Wechsel
ins Fach des Wissenschaftsthrillers ist eine unbedingte Erfreulichkeit
für alle Fans dieses Genres. Geschickt vermengt sie Fakten
und wissenschaftliche Möglichkeiten mit Spekulationen
zu einem ebenso Furcht erregenden wie erschreckend realistischen
Szenario, in dem die Menschheit einmal mehr an der Kippe zur
Selbstzerstörung steht. Pointierte Dialoge, geschliffene,
treffsicher eingesetzte Sprache, überzeugende Schilderungen
und Charakterzeichnungen, ein bruchlos durchgezogener Spannungsbogen
bis zum finalen Plot-Twist - dieses Buch macht alles richtig
und spielt in derselben Liga wie Michael Crichton oder der
kürzlich dem deutschsprachigen Publikum präsentierte
Finne Ilka Remes (siehe unten).
Tanja Kinkel: Götterdämmerung. Knaur, München
2005. Tb., 537 S.
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Ewige
Nacht 
Der ökomilitante Globalisierungsgegner Ralf Denk arbeitet
auf seinen größten Coup hin - mit dem Ziel, die
Ursache allen weltweiten Übels zu beseitigen.
Timo Nortamo, schwergewichtiger finnischer Beitrag zur international
vernetzten TERA (Agentur zur Bekämpfung von Terrorismus,
Extremismus und Radikalismus), kann noch keinesfalls die großen
Zusammenhänge überblicken, als er bereits sehr persönlich
in die Sache involviert ist - sein neugieriger 14-jähriger
Sohn Aaro hatte sich ein Stück zu weit aus dem Fenster
gehängt.
Die größte Bedrohung der Menschheit ist Wirklichkeit
geworden
Ilka Remes ist ein versierter finnischer Thrillerautor, der
mit bisher 8 Spannungsromanen ebenso oft die Spitze der Bestsellerlisten
erreichte. Ewige Nacht ist seine erste Publikation auf Deutsch.
Hochspannungsliteratur mit allem was dazu gehört: ein
erschreckend realistisches und dabei doch noch nie da gewesenes
Katastrophenszenario, fundiertes Wissen um technische Abläufe
und politische Zusammenhänge, Puls beschleunigende, geradlinige
Schreibe bis hin zum Showdown, bei dem ich mich ertappte wie
ein Besessener über die Zeilen zu fetzen in dem Versuch,
das Lesetempo der Geschwindigkeit des Geschehens anzupassen
Die Würze jedes modernen Thrillers sind die zahlreich
eingestreuten Fakten; Remes versorgt uns damit aus zwei Richtungen:
Ökologie und Kolonialgeschichte, Belgien und Kongo um
genau zu sein. Da kann ich Ihnen ein kräftiges Würgen
im Hals beinahe garantieren
Auch ein zweites Kriterium für einen Thriller auf der
Höhe der Zeit erfüllt der Text: Die schlichten,
schwarz-weißen Gut-Böse-Schemata funktionieren
nicht mehr, welcher Zweck welche Mittel heiligt ist so einfach
nicht zu beantworten.
Ewige Nacht scheint, den finnischen Kritikerreaktionen zufolge,
selbst aus dem Oeuvre von Remes noch herauszuragen, in Finnland
ist auch bereits ein zweiter Roman mit Timo Nortamo erschienen.
Ich hoffe, der deutschsprachige Respons auf diesen "Erstling"
ist dazu angetan, dtv zu weiteren Übersetzungen anzuregen,
mein Hunger nach Ilka Remes ist jedenfalls geweckt.
Ilka Remes: Ewige Nacht. dtv, München 2005. Tb.,
419 S.
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Des
Todes dunkler Bruder 
Ein mehr als gelungenes Debüt! Mit bitterbösem Humor
werden die so genannten Normalitäten unseres täglichen
Lebens betrachtet. Erzähler Dexter verfügt über
keine eigenen Gefühle, ist jedoch ein geschickter Imitator
derselben. Sein Adoptivvater hat gemeinsam mit ihm den "Code
Harry" aufgestellt: I. Verhalte dich so wie die anderen.
II. Falle auf gar keinen Fall auf. III. Hinterlasse den Tatort
immer makellos... Denn Dexter hat ein etwas ausgefalleneres
Hobby: Er jagt und tötet nach sorgfältigsten Recherchen
Menschen - aber nur die, die es verdient haben, so z.B. eine
Pflegeschwester, die gerne etwas zuviel Schmerzmittel verabreicht...
Alles scheint sich recht gut für Dexter zu entwickeln,
dann geschieht ein Mord, der ihm Bewunderung und fast ein
wenig Neid abringt. Wie sich herausstellt, bleibt es nicht
bei diesem einen. Dexter wird hin und hergerissen zwischen
seinen eigenen Nachforschungen und dem Wunsch, seiner Adoptivschwester
Deborah (ebenfalls ein Cop) bei der Aufklärung zu helfen.
Je länger die Suche dauert, desto unsicherer wird Dexter
über die Mörderidentität. Denn es könnte
seine eigene sein...
Selten wurden Soziopathie oder Mordgelüste mit mehr Ironie
und Sarkasmus erzählt. Mir gefällt auch Dexters
Bewusstsein für seine Taten. Er beschönigt nichts
und hat durch seine eigene Klugheit und die Liebe seines Adoptivvaters
einen Weg gefunden, möglichst wenig Schaden für
die anderen anzurichten. Ich habe teilweise wirklich ob der
Absurditäten, mit denen der gefühllose Dexter von
seiner Umgebung konfrontiert wird, Tränen gelacht.
Fazit: Für alle, die sich gerne in Herz und Hirn eines
sehr intelligenten Serienkillers umschauen möchten. (Anne
Artner)
Jeff Lindsay: Des Todes dunkler Bruder. Knaur, München
2005. Tb, 340 S.
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Schwarz
auf Rot 
Oberinspektor Chens dritter Fall: In einem shikumen-Haus
in Shanghai wird eine während der Kulturrevolution als
Dissidentin gebrandmarkte Frau ermordet aufgefunden. Sie hatte
einen verfemten Dichter geliebt und darüber später
sogar ein Buch herausgebracht...
Die literarischen Implikationen des (politischen?) Falles
kommen dem Gedichte schreibenden Oberinspektor gerade recht.
So kann er wertvolle Hinweise geben, denn an sich hat sein
Mann, Hauptwachtmeister Yu, die Ermittlungen übernommen:
Chen ist im Urlaub und arbeitet an einer lukrativen Übersetzung.
Parteisekretär Li, aller beider oberster Boss, drängt
wie immer auf rasche Aufklärung - der Fall könnte
politische Dimensionen haben und einmal mehr ist das Ansehen
des neuen Chinas bedroht...
Auch in seinem dritten Fall gestattet uns Qiu Xiaolong tiefe
Einblicke in eine sehr fremde Kultur, macht das China der
90er Jahre lebendig, lässt die ungeheuren gesellschaftlichen
Spannungen im Wandel von Mao bis zum eindringenden Kapitalismus
nachvollziehbar werden. Die Geschichte wird dabei so verklemmt
und steif erzählt, wie das Leben im totalen Überwachungsstaat
offenbar gewesen ist - jeder kontrolliert(e) jede(n), jeder
eingenommene Standpunkt konnte zu jeder Stunde für klassenfeindlich
erklärt werden. Der Schatten der vollkommenen Entmenschlichung,
genannt Kulturrevolution, liegt noch immer über dem Land.
Während sich Xiaolong also um gesellschaftspolitisch-historische
Erhellung verdient macht, bleibt der Kriminalroman, der ein
westliches Publikum fesseln soll, fast vollständig auf
der Strecke. Der Text ist über weite Strecken interessant,
eher wie ein Sachbuch zu lesen - jedoch in keinem Moment auch
nur im Ansatz spannend. Zwar würde die Aufklärung
(oder Nicht-Aufklärung) eines nicht-politischen Mordfalles
auch in der chinesischen Realität keine Rolle spielen,
aber dem Leser das Gefühl zu vermitteln, der Aufhänger
der ganzen Geschichte sei eine vernachlässigbare Nebensächlichkeit,
ist aus Sicht des Krimilesers einfach schlechte Arbeit.
Qiu Xiaolong: Schwarz auf Rot. Roman, Zsolnay, Wien
2005. Geb., 301 S.
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Mercurius

Gute, kenntnisreiche Durchschnittsware auf den ersten Blick
aus der historischen Krimiecke, jedoch hat die Geschichte
eine ganz eigenwillige Dynamik entwickelt, wobei die Autorin
nicht nur einmal die Leserschaft so geschickt auf eine falsche
Fährte lockt, dass dadurch einige Durststrecken nicht
mehr so arg ins Gewicht fallen. Kurze Synopsis: In Köln
wird 1414 eine Wasserleiche aus dem Fluss gefischt, die ein
Medaillon der Pariser Artistenfakultät um den Hals trägt.
Die Obrigkeit der Stadt ist voll damit beschäftigt, zwischen
den immer verfeindeteren Positionen des Nominalismus und des
Realismus zu vermitteln, aber ein Student erkennt an dem Medaillon
und einer Narbe den Pariser Magister Alexandre Palut. Die
Magistri Lombardi und Steiner nehmen sich des Falls an und
befinden sich bald in einem totentanzähnlichen Reigen.
Das Verwirrspiel spitzt sich zu und Lombardi und Steiner müssen
zu ihrem Erschrecken erkennen, dass sie selbst sich weder
soweit aus dem Nominalistenstreit herausnehmen noch so ohne
weiteres den Fall lösen können. Ihre Freundschaft
scheint an einen toten Punkt angelangt zu sein und Lombardi
liebäugelt schon mit einem Posten in Heidelberg, als
die Wende erfolgt...
Das klassische "Buddy"- Konzept geht auch in diesem
Werk auf. Obwohl ich mich auch im Mittelalter halbwegs auskenne,
ziehe ich den Hut vor der Autorin, denn so wie sie Wissen
vermittelt, geht das à la "Vitamine und naschen".
Fazit: Solide, spannungs- und wissensreiche Lektüre für
LiebhaberInnen der "schönen Leich`". (Anne
Artner)
Claudia Groß: Mercurius. Roman, dtv, München
2005. Tb., 340 S.
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Der
Dante-Club 
Momentan wird der Buchmarkt von Dan-Brown-Klonen
überschwemmt. Hierbei handelt es sich um ein weiteres
Exemplar, das sich mit Dantes Divina Comedia und deren
erster Übersetzung ins Englische beschäftigt: Boston,
Harvard-University, 1865. Mathilde Assensi
hat in dem Roman Wächter des Kreuzes um vieles
bessere Arbeit mit Dante geleistet! Aber vielleicht hat sich
der Autor einfach ein bisschen zu viel vorgenommen, was schade
ist, denn die Thrillerhandlung wird gut erzählt. Ich
habe während des Lesens immer wieder aufsteigenden Ärger
unterdrücken müssen, denn selbstverständlich
stellt sich die Collegeleitung den Übersetzern in den
Weg, weil Dantes Werk einfach nicht in den Lehrplan passt.
Auch die langatmigen Ausschweifungen und biographischen Einblicke
in das Innenleben der Übersetzer habe ich als unnötig
erlebt.
Die Übersetzer begeben sich auf die Jagd nach einem kaltblütigen
Mörder, der mit ausgeklügelter Grausamkeit die ganze
Stadt Boston in Angst und Schrecken versetzt. Nach dem zweiten
Mord an einem Kirchenmann gibt es für die Übersetzer
keinen Zweifel mehr: Der Mörder inszeniert seine Untaten
nach den Gesängen von Dantes "Inferno", welches
die Übersetzer gerade erst ins Englische übertragen.
Wie sich das auflöst, mit allen Thrillerverwicklungen,
das ist wirklich brillant durchdacht und gestaltet. Denn der
Verdächtigenkreis scheint hier von Anfang an sehr begrenzt
oder sehr weit gefasst zu sein...
Fazit: Durchschnittliche Thrillerkost für Einsteiger,
geschichtlich Interessierte, die einen kleinen Einblick in
die Zeit des 19. Jahrhunderts in Amerika gewinnen möchten
und alle DanteliebhaberInnen. Anne Artner
Matthew Pearl: Der Dante-Club. Thriller. dtv, München
2005. Tb., 530 S.
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Der
Außenseiter 
Ebenso wie in einem anderen Werk der Autorin, Die Schandmaske,
bin ich auch hier von ihrer virtuosen Erzählstrategie
durchaus angetan und es fiel mir schwer, ihr aktuelles Werk
aus der Hand zu legen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
1. Den Aufhänger der Geschichte bildet eine Rechtsentscheidung,
die eindeutig nach einem Justizirrtum klingt bzw. etliche
äußerst fragwürdige Details ans Tagenslicht
bringt, was in der Leserschaft gewiss den eigenen Spürhund
auf die Fährte ansetzt [bei mir war es so!]. 2. Die Spannungen
zwischen den beiden Menschen, die den Fall untersuchen und
zu einer Neuaufrollung beitragen möchten und wie die
zwei damit umgehen - eine "klassische" Buddygeschichte:
der jüngere Dunkelhäutige mit Faible für die
Oper und die ältere Weiße mit Sitz im Gemeinderat.
3. Die miteinander verwinkelten, verstrickten Gefühlsbindungen
zwischen den ehemaligen Hauptakteuren und wie diese sich noch
immer auswirken. 4. Die Gewissheit, dass es sich hier nicht
um eine/n einzelne /n TäterIn gehandelt haben kann, verstärkt
sich im Lauf der Lektüre und lockt wahrscheinlich nicht
nur einen aus der Leserschaft mit augenzwinkernder Schläue
auf mehr als eine falsche Fährte. 5. Die Verwendung von
Briefen, E-Mails und Gedächtnisprotokollen lockert das
Buch recht auf und lässt während des Lesens die
Spannung ansteigen.
Fazit: Für alle KrimifreundInnen und LiebhaberInnen subtiler
Spannungsliteratur sowie für alle, die sich für
die Abläufe zwischen TäterInnen und Opfer interessieren.
Gehört in den Koffer jeder / s Bibliophilen! (Anne
Artner)
Minette Walters: Der Außenseiter. Roman. Goldmann
Verlag, München 2005. Geb., 512 S.
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Der
Abgrund 
Endlich wieder mal ein Thriller, den ich atemlos in einem
durch gelesen habe! Die Story gleicht auf den ersten Blick
vielen anderen Verschwörungsszenarien, die momentan den
Buchmarkt überschwemmen: Ein Elitesoldat überlebt
einen Hinterhalt, in dem alle seine Teamkollegen ums Leben
kommen. Die Obersten verhalten sich eher zögerlich, die
Behörde fährt die übliche Vogel-Strauß-Politik
und die Öffentlichkeit würde den Überlebenden
am liebsten verwursten. Immer wieder ermöglicht der Autor
Einsichten in die von ihm kunstvoll zum Leben erweckten Personen,
die subtil, nachvollziehbar und raffiniert ausgearbeitet sind.
So mutiert der Elitesoldat zu einem intelligenten, einfühlsamen
Zeitgenossen, dessen Toleranzschwelle für physische und
psychische Belastungen aller Art einfach um vieles höher
liegt als für andere. Oder einer der Gangster erscheint
als jemand, der sich um seine Familie sorgt und zu deren Schutz
zu großen persönlichen Opfern bereit ist.
Besonders reizvoll habe ich gefunden, dass der Autor sowohl
die "Guten" als auch die "Bösen"
als Menschen skizziert, denen der Preis für ihr bisheriges
Vorleben bewusst ist - und sie zahlen alle auf die eine oder
andere Weise. Kombiniert ist das mit einer rasanten Story,
die zwar von keinem Dan Brown verfasst wurde, trotzdem aber
Suchtfaktor besitzt.
Fazit: Für Technik- und Waffenfreaks beider Geschlechter,
LiebhaberInnen von Suspense-Thrillern und alle, die nach dem
Motto leben: "Schatzi, nur weil ich paranoid bin, heißt
das noch lange nicht, dass ich nicht recht habe!" Anne
Artner
David Baldacci: Der Abgrund. Roman. Bastei Lübbe,
Bergisch Gladbach 2005. TB, 640 S.
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Dämon

Warum versucht eigentlich alle Welt, so wie Dan Brown zu schreiben?
Hier wieder ein Exemplar, das mich an den Spruch erinnert:
"Gut gemeint ist das Gegenteil von gut."
Tiefseetaucher entdecken im Jahre 2008 ein amerikanisches
Marinewrack, in dem sich neben gut erhaltenen, luftabgeschlossenen
Räumen auch noch ein Dämon befindet. Dieser gelangt
in die Vereinigten Staaten und richtet dort ein Blutbad nach
dem anderen an. Als die Polizei den Fall untersucht, stellt
sich heraus, dass der Dämon und die drei Polizisten alte
Bekannte sind, die einander durch die Jahrhunderte verfolgt
haben...
Es ist fast schon komisch, mit welchem Bierernst der Autor
hier Fiktion und Fakten zusammenmischt - und wie lächerlich
das Ergebnis aussieht. Egal, ob die Tempelritter, Paläontologie,
Archäologie, der Krieg in Bosnien 1996 oder der II. Weltkrieg
Material liefern, die Story entpuppt sich weder als packend
noch interessant. Außerdem erinnert mich das Buch an
einen furchtbar schlechten Hollywoodfilm namens Dämon,
der ebenso die Ausweglosigkeit der Protagonisten wie auch
andere Details aus diesem Buch thematisiert.
Ebenfalls ein Rätsel stellen für mich diese Lobeshymnen
dar, mit denen viele dieser Machwerke bedacht werden. Denn
dieses Buch ist einfach nur schlecht, kann aber durchaus als
abschreckendes Beispiel dienen, wie solch ein Thriller eben
nicht aussehen sollte. Anne Artner
Matthew Delaney: Dämon. Thriller. Lübbe,
Bergisch Gladbach 2005. TB, 765 S.
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Furor
Christian Raabe, ein bedeutender Hirnforscher und Leiter eines
Institutes zur Erforschung der menschlichen Erinnerung, stirbt
unter mysteriösen Umständen. Ein unerklärliches
Massaker deutscher Soldaten an sudanesischer Zivilbevölkerung
wird untersucht. Irgendwo scheint es einen Zusammenhang zu
geben - und Sebastian, der Sohn von Raabe, stolpert mit studentischer
Neugier und der Hilfe seiner Freunde in Ermittlungen und Situationen,
denen er kaum gewachsen scheint
Das Gedächtnis des Menschen - kann es maschinell erfasst
werden, manipuliert werden? Was ist aus den CIA-Versuchen
der 60er Jahre geworden, bei denen mit psychoaktiven Substanzen
an Menschen experimentiert wurde - ohne deren Wissen und Zustimmung?
Markus von Drach, Biologie, Politik-Redakteur und Wissenschaftsjournalist,
hat in klassischer Fact-Fiction-Manier á la Michael
Crichton brisante Informationen genommen, sie weitergesponnen
und eine schnörkellos aufgebaute Thrillerstory drum herum
gewebt. Der Tonfall ist jugendlich-professionell, der Witz
schnodderig, das Ende ein Showdown wie er im (Dreh)-Buch steht.
Solide Empfehlung.
Markus C. Schulte von Drach: Furor. dtv, München
2005. TB, 358 S.
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Der
Tod wirft lange Schatten 
"Ich empfinde den Krimiroman als adäquates Mittel,
um unsere Gesellschaft abzubilden", hat Veit Heinichen
einmal über seinen Schreibimpuls gesagt. Getreu diesem
Antrieb sind seine Proteo-Laurenti-Krimis stets weit mehr
als das Aufspüren gewöhnlicher Verbrechen: Vergangenheit
und Gegenwart Triests spielen in die Fälle hinein. Und
die geradezu absurd verworrene Geschichte der nordadriatischen
Hafenstadt sorgt dafür, dass Heinichen die Verschwörungstheorien
um Waffenschieber, Drogen- und Menschenhändler, Geheimlogen,
Malteserorden, Cosa Nostra usw. nicht ausgehen; nur dass sich
seine "Theorien" eher wie wohl fundierte Zeitungsmeldungen
mit zeithistorischem Hintergrund lesen.
In seinem 4. Fall läuft der Autor zur bisherigen Höchstform
auf, verbindet den Witz der beiden ersten und den bitteren
Zynismus des dritten Bandes zu einer hoch explosiven, plastisch
erzählten Mischung. Seine Figuren werden immer noch greifbarer,
während er es sich bereits in feinen Dosierungen erlauben
kann, mit ihnen mehr als bisher zu spielen. Den zahlreichen
Handlungsfäden in einem nicht notwendigerweise chronologischen
Netz ist allerdings nicht immer ganz einfach zu folgen; vieles
in und über Triest wird auch nach diesem Werk ungeklärt
bleiben...
Der Tod
ist erneut ein (gefährlich) gründlich
recherchiertes, hoch komplexes Zeitbild des (organisierten)
Verbrechens geworden, abgebildet auf "zufällig"
verwobenen, persönlichen Schicksalen, und natürlich
mit dem unverwechselbaren triestinischen Flair gewürzt.
Die "Specials" diesmal: organisiertes Taubstummen-Betteln,
eine anarchistische Tierschützervereinigung namens "Rinderwahn"
("Mucca Pazza"), eine Menge hitzebedingte hormonelle
Maiverirrungen und vollkommen undurchsichtige Einmischungen
des Geheimdiensts...
Veit Heinichen: Der Tod wirft lange Schatten. Zsolnay,
Wien 2005. Geb., 358 S.
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Engelsstimme
Morgen kommt der Weihnachtsmann
nicht so in einem Hotel
in Reykjavik, denn der Portier, der alljährlich auch
den rot gewandeten Vollbartträger gab, wird ermordet
aufgefunden - im Weihnachtsmannkostüm, mit heruntergelassener
Hose und Kondom über dem Schwanz.
Kommissar Erlendur übernimmt die Ermittlungen; alsbald
beschließt er, gleich im Hotel zu übernachten,
zumal ihn nichts in die Einsamkeit seiner Wohnung zieht. Die
Nachforschungen führen tief in die Vergangenheit, rühren
auch an seiner eigenen, verschütteten, tragischen Geschichte.
Erlendurs vierter Fall nach Nordermoor, Menschensöhne
und Todeshauch: beige Strickweste, traurige Augen,
existenzielle Müdigkeit - der Antiheld schlechthin, und
doch findet eine winzige Öffnung statt, ja, Erlendur
kommt tatsächlich mit einer Frau ins Gespräch. Nicht
mehr absurd deprimierende, sondern normale isländische
Tristesse prägt die Atmosphäre, und sogar ein oder
zwei Lacher gehen sich aus. Ein ordentlich gemachter, passabel
spannender, wie gewohnt dicht und psychologisch fundiert geschriebener
Island-Krimi, für den der Autor allerdings kaum den dritten
Nordic Crime Novels Award en suite erhalten dürfte:
ein Hauch Routine ist deutlich zu spüren.
Arnaldur Indriðason: Engelsstimme. edition lübbe,
Bergisch-Gladbach 2004. Geb., 379 S.
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Crush
- Gier 
Auch in ihrem jüngsten Roman erzählt Sandra
Brown von einer jungen Frau, die zwischen ihren schlechten
Erfahrungen in der Vergangenheit und nun gleich zwei Verehrern
hin- und hergerissen wird. Bei Lozada handelt es sich um einen
eiskalten Profigangster und -killer. Dieser ist Dr. Rennie
Newton bei einem Geschworenenprozess wenige Wochen zuvor begegnet.
Seit dem ersten Blick hat Lozada beschlossen, Rennie für
sich zu erobern - koste es, was es wolle. Für den Ex-Cop
Wick steht anfangs fest, dass er Rennie nicht leiden kann
und außerdem hat sie sich bei den Untersuchungen zum
Mordfall ihres Krankenhauskollegen recht merkwürdig verhalten.
So hat sie z.B. verschwiegen, dass sowohl ihr Kollege als
auch sie selbst sich für den Posten der Abteilungsleitung
beworben hatten...
Obwohl die Handlung recht vorhersehbar erzählt wird,
gefällt mir die Konsequenz, mit der die Autorin die beiden
Seiten der Leidenschaft herausarbeitet: Denn für Lozada
ist es völlig klar, dass Rennie ebenso wie er empfindet,
ohne dass er sich vielleicht der Mühe unterzogen hätte,
ihre Meinung dazu einzuholen. Damit unterscheidet Lozada sich
nicht wirklich von anderen Männern, deren Ego auf keinen
Fall die Wünsche einer Frau tolerieren würde. Wer
jemals mit irgend einer Spielart von Gewalt konfrontiert gewesen
ist, weiß, wie entwürdigend die Opferrolle sein
kann. Wick hingegen unterzieht sich dem Prozess, Rennie möglichst
vielseitig kennen zu lernen. Sein Interesse bedeutet für
ihn selbst ein Spielen mit dem Feuer, denn je länger
er ermittelt, desto mehr fühlt er sich zu Rennie hingezogen...
Fazit: Solide ausgearbeitet, mit lebendigen Charakteren und
dem gewohnt sinnlichen Unterton. Anne Artner
Sandra Brown: Crush - Gier. Roman. Blanvalet, München
2005. Geb., 450 S.
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Keltengrab

Die mumifizierte Moorleiche, die in der Nähe der prähistorischen
Kultstätte Newgrange ausgegraben wird, gibt Rätsel
auf: Augen, Ohren und Lippen wurden gewaltsam entfernt, die
Kehle durchschnitten, doch noch im Tod hält sie einen
Gegenstand umklammert; die Leiche des Säuglings neben
ihr erinnert nur entfernt an ein menschliches Wesen
Illaun Bowe, Archäologin, geht der Sache nach - und fürchtet
bald zurecht um ihr Leben, denn Morde nach dem Moorleichen-Muster
geschehen, die irische Politik scheint verwickelt und ein
nahe gelegenes Nonnenkloster rückt immer näher ins
Zentrum der Aufmerksamkeit. Christliche und heidnische Kulte
haben sich vermischt
Leider ist der "neue Kelten-Thriller" von Patrick
Dunne lange nicht so spannend, wie die Thematik vermuten ließe.
Der Stil bleibt weitgehend hölzern, das Geschehen ist
überaus dialoglastig, zu offensichtlich werden Andeutungen
und falsche Fährten zum Zweck der künstlichen Spannungserzeugung
benutzt. Das Thema hätte die Chance auf einen historisch-mystisch-christlich-heidnischen
Kulturclashthriller geboten - geworden ist es eher ein wenig
mitreißender Ratekrimi, der an emotionaler Zurückhaltung
leidet.
Patrick Dunne: Keltengrab. Limes, München 2005.
Geb., 416 S.
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Komm,
schöner Tod 
Wie erklärt sich das Sterben einer - bis auf eine kürzliche
Schönheitsoperation - kerngesunden jungen Frau? Der Notarzt
tappt im Dunklen, ebenso der Chef der Krankenhauspathologie.
Innerhalb der Notaufnahme hingegen häufen sich die Stimmen,
dass der Notarzt, Dr. Monks, vielleicht mit einem Kunstfehlerprozess
rechnen muss.
Je mehr sich Dr. Monks mit dem Fall beschäftigt, desto
rätselhafter erscheint er: Jeder in der Schönheitsklinik
scheint sowohl über Motiv als auch Gelegenheit verfügt
zu haben, vom Chef, Dr. D`Anton bis zum Hausmeister. Unterstützung
erhält er immerhin von einem ehemaligen Polizisten und
scheinbar auch von Dr. D´Antons Sekretärin. Bis
er das Rätsel lösen kann, hängt der bevorstehende
Kunstfehlerprozess wie ein Damoklesschwert über seiner
eigenen Karriere, erlebt er eine ausschweifende Party unter
nicht ganz freiwilliger Drogeneinwirkung mit und muss um sein
eigenes Leben fürchten.
Eindeutig ein Plus für dieses Buch: Der Autor verkneift
sich tunlichst jede Art von Wertung und auch die platte Phrase,
dass "es ja vornehmlich auf innere Schönheit ankommt".
Er stellt seine Figuren als Menschen dar, die für sich
ihre Wege entdeckt haben und beschreibt, wie sie leben und
sterben. Mir gefällt dieser Respekt vor den Haltungen
und Einstellungen.
Das medizinische Fachwissen wird vom Autor in einer Art aufbereitet,
die auch dem Laien entgegenkommt - ein weiterer Bonus für
dieses Werk.
Fazit: das ideale Buch für längere Anfahrtszeiten
in den Öffis. Anne Artner
Neil Mc Mahon: Komm, schöner Tod. Roman. Blanvalet,
München 2004. TB, 320 S.
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Das
Ritual 
Ich muss gestehen, dieses Buch ist mein Erstkontakt mit der
"Handyman Jack" genannten Romanfigur, die sich auf
allerlei illegale Tätigkeiten spezialisiert hat. Subtil
und geschickt spinnt der Autor die Leserschaft ein und schafft
es problemlos, Empathie, ja sogar Sympathie für die ProtagonistInnen
zu erzeugen, was vor allem an den lebhaften und plastischen
Charakteren liegt. Immer wieder spielt der Autor mit Schein
und Sein: um zuerst die neueste cash-cow am New-Age-Markt
darzustellen (Kontaktherstellung mit dem Totenreich) und um
dann zu beweisen, dass es sich bei den Medien und "ExpertInnen"
größtenteils um TrickbetrügerInnen handelt,
denen jedes Mittel recht ist.
"Handyman Jack" kennt aus eigener Erfahrung alle
Tricks der SpiritistInnen und reagiert daher zuerst mit einer
gewissen Skepsis, als er von einem namens Lyle um Hilfe gebeten
wird. Aber innerhalb von ein paar Tagen kommt Jack einem sehr
ehrgeizigen Spiritisten- und Betrügerehepaar auf die
Spur, wird auf einen mysteriösen Fall angesetzt, verhindert
eine Kindesentführung und wird Augenzeuge etlicher echten
Geistererscheinung. Als Vicky, die Tochter seiner Partnerin
Gia, entführt werden soll, reicht es Jack...
Leider gibt es meiner Meinung nach auch ein paar Mängel:
1. der obligatorische, klischeéhafte Pastor (Baptist
?), für den alles, was mit dem Jenseits zu tun hat, von
vorne herein Teufelswerk sein muss; 2. allerlei Andeutungen
über dunkle Zeiten, die über Jack und die ganze
Menschheit hereinbrechen werden, wobei nicht präzisiert
wird, warum oder wann diese auftreten werden und 3. verliert
sich der Autor auch bei der Schilderung der Geheimgesellschaft
zu sehr in Andeutungen. Andeutungen schön und gut, aber
nicht jeder Autor beherrscht diese so meisterhaft wie z.B.
Thomas Harris oder Steven King. Anne Artner
F. Paul Wilson: Das Ritual. Roman. Blanvalet, München
2005. TB, 672 S.
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Celinas
Tochter 
Sandra Brown bürgt für solide Krimispannung, gewürzt
mit dem Klassiker "die Dinge scheinen oberflächlich
einfach zu sein, entpuppen sich aber als meistens ganz anders".
Das stellt sich als ein gewisses Schema dar, stört mich
interessanterweise aber nicht weiter. Die Figuren sind in
solch einer Vielschichtigkeit gezeichnet, dass sowohl ihre
Handlungsmotive als auch ihre emotionale Beschaffenheiten
und Zustände während des Lesens mich immer wieder
neugierig werden lassen, wie sich sowohl die Handlung als
auch die Charaktere weiter entfalten werden.
In diesem Buch sucht eine erfolgreiche junge Rechtsanwältin
verzweifelt nach ihrer vor 25 Jahren ermordeten Mutter - und
zwar buchstäblich, denn je weiter ihre Recherchen sie
voran bringen, desto mehr muss sie zu ihrem eigenen Leidwesen
erkennen, dass sie einem Traumbild nachjagt, das in dieser
Form nie existiert hat. Noch dazu scheinen mehrere Personen
sowohl über Motiv(e) wie auch Gelegenheit(en) verfügt
zu haben, was den Kreis der Verdächtigen nicht unbedingt
verkleinert. Auch in diesem Buch erlebt die Hauptfigur die
sinnliche Wandlung zur Frau - aber Sandra Brown schafft immer
wieder das Kunststück, auch den Gefühlsreichtum,
der mit sexuellem Erwachen verbunden ist, zu skizzieren. Und
gerade das erlebe ich in der heutigen Zeit, in der die Sexualität
in materiell-oberflächlicher Allgegenwärtigkeit
präsent ist, als sehr wohltuend! Fazit: ein schönes,
spannendes Buch mit sehr lebendigen Figuren und etlichen,
durchaus unerwarteten Wendungen. Anne Artner
Sandra Brown: Celinas Tochter. Roman. Einmalige Sonderausgabe,
Blanvalet, München 2005, TB, 480 S.
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Der
Fluch des Schamanen 
Der Molekularbiologe Francis Harley, geistig am Grat zwischen
Genialität und exzentrischem Wahnsinn, steht kurz vor
einer bahnbrechenden Errungenschaft: dem Sieg über den
Krebs. Als er unerwartet stirbt, machen sich ein Journalist
und eine Wissenschaftlerin, Harleys designierter Nachfolger
und diverse von den mächtigen der Pharmaindustrie engagierten
Söldner auf, in den tiefsten venezolanischen Dschungel
vorzudringen. Ihre Jagd gilt dem perfekten Molekül, enthalten
im Gift riesiger Taranteln - und einander
Mystik-Horror-Thriller, dem einfach das gewisse Etwas fehlt,
um wirklich zu überzeugen. Er braucht zu lang, um in
Schwung zu kommen, kann sich stilistisch nicht immer vollends
behaupten, erzeugt keinen unwiderstehlichen Lesesog, wie von
einem entsprechend geschickt konstruierten Thriller zu erhoffen
ist. Und die thematisierte Skrupellosigkeit der Pharmafirmen,
die Lanze für das eigenständige Leben der Indios
wirken bemüht bis geradezu schaumgebremst. Knapp über
dem Durchschnitt.
Luis Miguel Ariza: Der Fluch des Schamanen. Blanvalet,
München 2005. TB, 442 S.
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Tod
auf der Warteliste 
Ein junger Rumäne macht sich auf den Weg nach Triest,
wo sein Zwillingsbruder ums Leben gekommen ist. Ein Mann,
nur mit einem Operationskittel bekleidet, springt vor die
Limousine des deutschen Kanzlers und wird überrollt.
Eine so genannte "Strohleiche", ein Corpus dem sämtliche
inneren Organe entnommen worden sind, lässt einen Schweizer
Journalisten einen Rachefeldzug beginnen
Proteo Laurenti beginnt erst spät, die Zusammenhänge
zu begreifen, die nach "La Salvia" weisen, einer
Beautyklinik, die noch in weit skrupellosere Machenschaften
verwickelt scheint: illegale Transplantationen inklusive der
Zuhilfenahme von Lebendspendern aus den ärmsten Ländern;
Noch-Lebend-Spendern
Der dritte Proteo-Laurenti-Krimi ist dichter, düsterer
und weit politischer als seine Vorgänger; was er an liebenswertem
Humor vermissen lässt wird durch ein Mehr an harten,
grausigen Tatsachen ersetzt. Nach einem etwas sperrigen Einstieg
entwickelt sich nichtsdestotrotz ein spannendes, beunruhigendes
Kriminalstück, das mit viel Liebe und einem guten Auge
fürs Detail und triestinischem Lokalkolorit aufwartet.
Es menschelt immer noch, wenn auch mitunter bitterer Zynismus
die bisherige norditalienische Leichtigkeit verdrängt.
Ein Roman, der, wie es der Klappentext so treffend verspricht,
"an die Nieren geht".
Veit Heinichen: Tod auf der Warteliste. dtv, München
2004. TB, 334 S.
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Digital
Fortress 
Der Alptraum der Geheimdienste scheint wahr geworden zu sein:
Einem japanischen Programmierer ist es gelungen, einen unbrechbaren
Code zu entwickeln; der geheim gehaltene Supercomputer TRANSLTR
der National Security Agency NSA ist nicht in der Lage, ihn
zu knacken. Der einzige Schlüssel ist ein Passwort, von
dem genau zwei Personen auf dem ganzen Planeten wissen. Die
nationale Sicherheit liegt in den Händen einer Kryptographin
und eines Universitätsprofessors, die sich auf die Jagd
nach dem Schlüssel machen. Ein Wettlauf mit der Zeit...
Dan Brown hat mit Illuminati und noch mehr mit Sakrileg
die Thrillerwelt auf den Kopf gestellt - ein neuer Meister
des Suspense, der in unnachahmlicher Weise brisante Fakten
und hirntreibende Rätsel mit einem ebenso stringenten
wie verschlungenen Plot zu perfekten Page-Turnern, Schweiß
treibenden Lesejagden vermengt. Doch bereits vor seinen Supererfolgen
verstand der Mann sein Handwerk - Digital Fortress
von 1998 ist sein Erstling, und mag er auch nicht gänzlich
an das Sakrileg heranreichen, so ist doch intelligente
und hervorragend recherchierte Hochspannung garantiert.
Irreführend die deutsche Ausgabe, die im Februr 2005
erscheinen wird und in Titel und Aufmachung an Illuminati
und Sakrileg gemahnt: Diabolus. Mit Kirche hat
dieser Technothriller jedoch absolut nichts zu tun. Lesen
Sie ihn auf englisch, ist auch wesentlich billiger.
Dan Brown: Digital Fortress. Saint Martins Press, New
York 2004. TB, 430 S.
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Dan Brown: Diabolus. Lübbe 2005. Geb., amazon
Schneller
als das Auge 
Der Illusionist McSyme hat ein lebenslanges Problem: die psychische
Verfassung von Ingrid, seiner Schwester und Assistentin, die
manisch-depressiv durchs Leben irrt, haltlos, menschenscheu.
So geht er freudig auf das Angebot des freundlichen Victor
Schneider ein, die junge Frau in eine Spezialklinik einzuweisen
- noch dazu, wo die Sonderbehandlung kostenlos erfolgen soll.
Doch als Ingrid eines Tages nicht mehr aufzufinden ist, erweist
sich McSymes Kenntnisstand selbst als einzige riesige Illusion
- und wer der Zauberkünstler ist, weiß niemand
so genau.
17 Jahre ist es her, dass Claude Cueni seine in hechelndem
Tempo abgespulte Geschichte schrieb, mit der er auf die verbotenen
Gehirnexperimente reagierte, die der CIA nachgewiesen werden
konnten. Zeit zum Atemholen, zum näher Ausfeilen so mancher
Entwicklung wäre manchmal wünschenswert, wird jedoch
nicht geboten; der Psycho-Thriller im engeren Wortsinn versetzt
in Stress, in einen Zustand der Unsicherheit. Literatur, die
wirkt, häufig auf unangenehme Art, und keineswegs ein
genüsslich zu lesender Spannungstext. Wenn so auch insgesamt
ein zwiespältiges Gefühl übrig bleibt: Qualität
ist der Arbeit nicht abzusprechen. Wofür auch spricht,
dass der Text vor 17 Jahren im Diogenes-Verlag erstmals in
deutscher Sprache herausgegeben worden ist.
Claude Cueni: Schneller als das Auge. Bastei-Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2004. TB, 222 S.
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Die
neununddreißig Stufen 
Richard Hannay hat sein Glück in Afrika gemacht und langweilt
sich seit einigen Monaten in London. Aus nicht nachvollziehbaren
Motiven vertraut sich ihm ein amerikanischer Agent an, der
kurz darauf mit einem Messer auf den Fußboden genagelt
aufgefunden wird. Und Hannay gerät unversehens in eine
wüste Verschwörung, bei der nicht weniger als ganz
England auf dem Spiel steht.
Der Thriller-Klassiker, der Hitchcock zu einem seiner ersten
Spielfilme inspirierte, enttäuscht auf der ganzen Linie.
Die leicht altertümlich wirkende Diktion mag noch als
drollig durchgehen, dass aber General (unglaublicher) Zufall
als einziger den Plot vorantreibt und dem Leser dabei laufend
Ereignisse präsentiert werden, die vollkommen aus der
Luft gegriffen sind, ist gerade für einen Thriller unverzeihlich.
Da läuft unser Held doch, auf wildester Flucht irgendwo
im schottischen Hochland-Nirgendwo, ausgerechnet dem Feind
direkt in die Arme
Wen störts, dass der in dieser
Gegend eigentlich überhaupt nichts zu tun hat? Mich zum
Beispiel.
Wenn Sie Lust haben, einmal etwas Älteres zu lesen, greifen
Sie zu Jules Verne.
John Buchan: Die neununddreißig Stufen. Diogenes,
Zürich 2004. TB, 240 S.
Ewiger
Schlaf 
scheint eine der wesentlichen Motivationen für
diesen Thriller gewesen zu sein. Jedenfalls braucht der bewährte
und populäre Spannungsautor Iles fast die Hälfte
des ganzen Buches, um die Kurzinhaltsangabe auf der Rückseite
zu erreichen - die ersten 100 Seiten davon in leider recht
lahmer Manier. Sollten Sie nach dieser Einleitung überhaupt
noch weiterlesen wollen - ersparen Sie sich auf alle Fälle
den Umschlagtext.
John Waters, Geologe, Ölquellenfinder, Ehemann und Vater,
wird mit den Geistern seiner Vergangenheit konfrontiert -
buchstäblich, denn wie es scheint ist in einer attraktiven
Immobilienmaklerin eine alte Liebe wieder erwacht. Eine Liebe,
die mit Wahnsinn einherging, mit Mord- und Selbstmordversuchen
- und die seit 10 Jahren tot ist. Oder doch nicht?
Mit der andeutungsweise erotischen Seelenwanderungs-Story,
in die uns der Autor hineinzuziehen versucht, habe ich weit
weniger Probleme als viele andere Rezensenten dieses Buches.
Ich fand die Arbeit sogar nach einem wie gesagt überlangen
Anlauf wirklich packend, handwerklich ist sowieso nichts auszusetzen.
Der Schluss allerdings enttäuscht tatsächlich und
vermittelt den Eindruck, Greg Iles musste einen Abgabetermin
einhalten und zauberte daher ein ebenso unerklärbares
wie unglaubhaftes Lösungskaninchen aus dem Zylinder.
Nu denn.
Greg Iles: Ewiger Schlaf. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach
2004. TB, 444 S.
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Tod
einer roten Heldin 
Dieses Buch ist ein Debüt und gleichzeitig ein Fest für
die Sinne: Egal, ob die Klassiker der chinesischen Poesie
zitiert werden, ob exotische Gerichte präsentiert werden
oder mit zwischen den Zeilen deutlich zu erkennen
feinem Spott über das kommunistische Regime in China
Anfang der Neunzigerjahre berichtet wird. Die Figuren wirken
derart lebensecht, dass ich mich öfters richtiggehend
vergewissern musste, dass ich von ihnen lese und ihnen nicht
gegenüber sitze...
Der Fund einer nackten Frauenleiche sorgt nicht nur bei der
Sondereinheit der Shanghaier Polizei für Aufregung: handelt
es sich bei dem Opfer doch um Guan Hongying, eine Modellarbeiterin.
Guan verkörpert alle Tugenden der kommunistischen Partei:
Sie arbeitet hart, widmet ihre gesamte Freizeit diversen Parteiveranstaltungen
und scheint ein Leben ohne FreundInnen oder gar Liebhaber
zu führen. Oberinspektor Chen tappt also einige Zeit
im Dunkeln, denn weder ein Motiv noch irgendein Hinweis auf
mögliche Täter scheinen zu existieren. Und dann
stolpert Chen im wahrsten Sinn des Wortes über einige
spektakuläre Fakten, wobei leider auch allzu schnell
die politische Komponente einzuberechnen ist. Chen verfügt
zwar nun über die Indizien, um den Täter festzunageln
und ihn förmlich anzuklagen, aber auch der Fallabschluss
gestaltet sich um einiges anders, als Chen sich das vorgestellt
hätte...
Durch dieses Buch habe ich richtig Lust bekommen, Shanghai
einen Besuch abzustatten und diese vor Leben pulsierende Metropole
mit eigenen Augen zu bewundern! Tod einer roten Heldin
stellt sich als perfekte Nachurlaubslektüre dar, um den
nächsten Urlaub zu planen. (Anne Artner)
Qiu Xiaolong: Tod einer roten Heldin. Kriminalroman.
dtv, München, 2004. TB, 464 S.
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Rosenrot
Mausetot 
Der vierte Fall des Washingtoner Detectives Alex Cross ist
sein bisher undurchschaubarster: ein wahnsinniger, hochintelligenter
und anscheinend allwissender Psychopath zieht eine Blutspur
sondergleichen durch die Stadt. Zu wissen, dass er als das
Superhirn auftritt, hilft den Ermittlungen nur wenig weiter
- und dann muss auch schon der erste der beteiligten FBI-Agenten
daran glauben und die Zeit wird knapp für Alex Cross
Patterson-Fans begeisterten sich mehrheitlich an diesem Buch
und lobten den Autor einmal mehr als Meister im Legen falscher
Fährten; ich fand die Auflösung überaus verworren
und letztlich dermaßen an den Haaren herbeigezogen,
dass nach dem Ende der Lektüre ein schaler Nachgeschmack
verblieb.
Im Roman wechseln Szenen voll privater Intimität und
echter Herzlichkeit mit knallharten Actionsequenzen ab, völlig
sinnentleerte Brutalität und abartige Grausamkeit wandelt
sich übergangslos in humorig-belanglose Familienszenen;
was abwechslungsreich sein will verkommt jedoch nicht selten
zum Stückwerk.
Patterson kann es vermutlich besser als in dieser vierten
Folge seines Reihenkrimis, der einen durchgängigen und
zwingenden Spannungsaufbau vermissen lässt. Ein Buch
mit einem leichten Geruch nach Fließband.
James Patterson: Rosenrot Mausetot. Bastei-Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2004. TB, 302 S.
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Das
Matthäusprojekt 
Solide, die Spannung steigernde Thrillerkost aus München
erwartet den / die LeserIn ab der ersten Seite: Das etwas
marode Pharmaunternehmen OLYMPP plant, Chipimplantate in menschlichen
Gehirnen einzusetzen. Diese sollen z.B. querschittgelähmten
Menschen das Gehen wieder ermöglichen. Dummerweise sitzt
in der Firma aber ein Maulwurf, der die Informationen u.a.
auch schon der französischen Regierung zugespielt hat
über kurz oder lang ist wirklich jeder hinter
den Projektdaten her und ein paar Morde, welche nur auf den
ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, sind zu beklagen...
Warum hasst der Chef von OLYMPP den hausinternen harmlosen
Hausmeister so sehr? Wer in der Führungsetage spinnt
gegen die anderen Intrigen?
Der Autor widmet seinen Figuren viel Raum und hat sowohl bei
der Darstellung der Fremdenlegion als auch bei der wissenschaftlichen
Recherche seine "Hausaufgaben" für mein Gefühl
ordentlich erledigt. Der Handlungsverlauf spart keineswegs
mit unvorhergesehenen Wendungen und schafft es durch die realistisch
gezeichneten Charaktere recht gut, die Spannung durch die
unterschiedlichen Motivationen der Figuren am Wachsen zu halten.
Als etwas störendes Klischeé selbst für einen
Thriller um pharmazeutische Produkte entpuppen sich die obligaten
Terroristen aus dem arabischsprachigen Raum aber auch
sie erleben einige recht unliebsame Überraschungen, denn
ihr Opfer entpuppt sich als um einiges zäher, taktisch
klüger und geschickter, als es ihnen lieb ist. Auch die
Beantwortung der alten Frage: Wer ist der Böse? gestaltet
sich als recht kurzweilig... (Anne Artner)
Boris von Smercek: Das Matthäusprojekt. Thriller.
Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 2004. TB, 349 S.
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Lauf,
Helin, lauf! 
Der Skandinavien-Krimi ist wieder um eine Figur reicher: Josef
Friedmann, Fotograf und Hobbydetektiv, Freund von Kriminalkommissar
Lindström, erzählt aus der Ich-Perspektive. Ein
Mädchen verschwindet, eine nackte Frauenleiche wird im
Kanal gefunden, eine obskure Wahrsagerin ist wie vom Erdboden
verschluckt
Im verschlafenen Eksemala herrscht bigotter
Fremden- und Schwulenhass, und dann weisen auch noch 25 Jahre
alte Zeitungsausschnitte auf einen längst vergangen,
mysteriösen Tod, der ein nie aufgeklärter Mord zu
sein scheint.
Ein bisschen viel auf einmal. Tandefelts eigentümlichem
Krimi fehlt es an dramatischer Zuspitzung, an den vielen Spuren
die in einen roten Faden münden. Überaus gelungen
ist der Text hingegen, betrachtet man ihn als Abfolge kleiner
Begebenheiten, als amüsante Bloßstellung von mal
liebenswerten, mal ekelhaften allzu menschlichen Eigenschaften.
Immerhin scheint in Schweden ausnahmsweise einmal die Sonne,
und im Laufe der Ereignisse findet Friedmann sogar auf geradezu
prickelnde Art aus seiner Depression (die ihm die Ereignisse
in Tandefelts Erstling eingebracht hat).
Ein Sittenbild, ein Wortgemälde im Großformat,
ironisch und originell, als Krimi und in punkto Spannung jedoch
Mittelmaß.
Henrik Tandefelt: Lauf, Helin, lauf! dtv premium, München
2004. TB, 437 S.
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Die
letzte Schöpfung 
Ethan Decker, Spezialagent im vorzeitigen Ruhestand, wird
von seiner Vergangenheit eingeholt: Eine Ex-Kollegin bittet
ihn um Hilfe für zwei Kinder, die von einer obskuren
Institution entflohen sind. Bald ist auch Deckers Ex wieder
mit im Spiel. Mehr und mehr gräuliche Details über
die wirkliche Rolle der Kinder in einem groß angelegten
medizinischen Experiment tauchen auf - und es wird immer verständlicher,
warum eine große Macht sie um wirklich jeden Preis zurück
haben will
Ein Reißer mit knapp überdurchschnittlicher Qualität.
Der Plot krankt an zwei entscheidenden Stellen an Unlogik,
die oberflächliche Figurenzeichnung ist nicht selten
klischeehaft, der Spannungsaufbau hätte eines literarischen
Liftings bedurft. Jede Menge Action und eine insgesamt passable
bis gute Schreibe sind auf der Habenseite zu verbuchen. Als
Urlaubs-Strandlektüre geht der Thriller allemal durch,
auch wenn er inhaltlich zum brisanten Thema Gentechnik recht
wenig beizutragen weiß.
Patricia Lewin: Die letzte Schöpfung. Bastei-Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2004. TB, 413 S.
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Ein
Gentleman für Mma Ramotswe 
Die erste Lady-Detektivin Botswanas ermittelt wieder: resolut,
traditionell gebaut und erzogen, setzt sie ihre Waffen ein
- Charme, Menschenkenntnis und afrikanische Schlauheit. Ein
Krimi im landläufigen Sinn - Mord, Totschlag und Ermittlungen
auf Leben und Tod - kommt dabei nicht heraus: Es geht um verschwundene
Söhne, untreue Ehefrauen, egoistische Männer, Waisenkinder
und das Glück und Unglück alter Automotoren. Letzteres,
weil Mma Ramotswe auf dem besten Weg ist, den besten aller
Männer zu heiraten, den Werkstattbesitzer und leidenschaftlichen
Mechaniker J. L. B. Matekoni.
Leichtfüßig, rührend und mit einer großen
Portion (philosophisch-ironischer) Verschmitztheit erzählt
der Roman vom botswanischen Alltag und wie er mit allgegenwärtiger
Anteilnahme bewältigt wird. Ein Feel-Good-Buch, das ein
durch und durch sympathisches Bild von Afrika zeichnet: Ungeachtet
einer Unzahl kleinerer und größerer Probleme schwebt
doch über allem ein Zusammenhalt, der in so vielen anderen
Gegenden der Welt vermisst werden muss. Würdevoll und
lächelnd.
Alexander McCall Smith: Ein Gentleman für Mma Ramotswe.
Der zweite Fall der "No. 1 Ladies´ Detective Agency".
Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004. TB, 238 S.
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Nordermoor

Sie haben geglaubt, Kommissar Wallander sei ein am Leben verzweifelnder,
grüblerischer und zu depressiven Stimmungen neigender
Kriminalbeamter? Was auch kein Wunder ist angesichts des so
gut wie immer schlechten Wetters in Südschweden? Dann
verabreichen Sie sich erst einmal Erlendur Sveinsson, seines
Zeichens Mordermittler bei der Polizei in Reykjavik.
"Das Ganze ist ein einziger verdammter Sumpf", wird
der Mann gleich zu Anfang zitiert. Der typisch isländische
Mordfall - schäbig, sinnlos und schlampig - der sich
als Ausgangspunkt zu Jahrzehnte zurückliegenden Verbrechen
entpuppt; der Kloakengestank, der weitere Leichen im Keller
vermuten lässt; die junge Braut, die von ihrer Hochzeit
flüchtet und "Er ist grauenvoll; was habe ich getan"
als Nachricht hinterlässt; Erlendurs eigene Tochter,
aufsässig, drogensüchtig und hoch verschuldet; die
Schmerzen in der Brust, sein völlig derangiertes Aussehen,
die Zeugin, die ihn als "miesen Bullen" beschimpft
noch bevor er überhaupt zu Wort kommt
Island, ein gesellschaftlicher Sonderfall in vielerlei Hinsicht,
versinkt im nasskalten Dauerregen und Erlendur stapft trübsinnig
durch das graue, grauenvolle Elend seiner Existenz und seiner
Fälle. Ein Island-Krimi: Selbstmord ist immer noch der
schnellste Ausweg. Gut durchdacht, spannend und stringent
und voller alltäglicher Verzweiflung. Die Figurenzeichnung
eine Spur zu oberflächlich, aber wer weiß? Noch
tiefere Einblicke in die Abgründe der isländischen
Seele wären vielleicht wirklich nicht mehr zu ertragen
Arnaldur Indridason: Nordermoor. Island-Krimi. Bastei-Lübbe,
Bergisch-Gladbach 2003. TB, 319 S.
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Der
Zorn 
Der erste, neu als Taschenbuch erschienene Roman eines bis
dato literarisch unbekannten, 36 Jahre alten Philosophieprofessors
aus Lyon sorgte 2002 für gehöriges Aufsehen: die
ultimative, allerletzte Warnung ist eigentlich keine Warnung
mehr. Ob wir stoisch bleiben, hysterisch kichern oder uns
die Haare raufen - der Bogen ist überspannt. Die Erde
muss sich gegen die Krankheit Menschheit zur Wehr setzen.
Anfangs spielen friedliebende Haustiere verrückt und
verbeißen sich in die Kehlen ihrer Besitzer; Obst und
Gemüse wird plötzlich giftig und unbekannte Viren
treten auf, die in 20 Minuten zum Tod führen. Die Erde
bebt
Das US-Militär reagiert systemimmanent, erklärt
China zum Urheber allen Übels und setzt die Bombe ein.
Doch der Krieg findet in uns selbst statt, denn die Erde lebt
und wir sind ein Teil von ihr. Ein aus seinen Grenzen gefallener,
von Angst getriebener, selbstzerstörerischer Teil, der
den gesamten Organismus bedroht
Marquet schuf einen apokalyptischen, spannend zu lesenden
Thriller, der mit seiner gut recherchierten Message nicht
hinter dem Berg hält: Kooperation, nicht Wettkampf ist
die treibende Kraft der Evolution. Und der Zusammenhang der
lateinischen Begriffe "humus" (Erde), "humanus"
(Mensch) und "humilitas" (Demut) wirft einen ganz
anderen Blick auf das Ganze als der unselige Bibelspruch "Macht
euch die Erde untertan!"
Der Zorn ist ein unbequemes Buch. Nicht nur, weil es
keinen Rückzieher macht, sondern in unbeirrbarer Konsequenz
bis zum Ende geht. Auch, weil es den Finger auf die Wahrheit
legt, eine Wahrheit die wie eine offene Wunde in uns schwärt.
Amüsant, wie sehr sich daran so mancher Hobbyrezensent
auf amazon stößt
amüsant und bezeichnend.
Wir wollen die Augen noch immer nicht öffnen. Die Blindheit
erhält sich selbst, die Lemminge sind der Menschheit
bloß einen Schritt voraus: sie lösen das Problem
der Selbstausrottung ohne den ganzen riesigen technischen
Aufwand...
Untergangs-Prophezeiungen sind gerade nicht in Mode; ein deutliches
Indiz für deren Bedeutung. Lesen!
Denis Marquet: Der Zorn. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach
2004. TB, 570 S.
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Mitternachtsfalken

Europa, 1941: Der Vormarsch der Nazi-Truppen scheint unaufhaltsam.
Der letzte, ernst zu nehmende Gegner ist England - und dessen
Bomberangriffe sind zum Selbstmordkommando verkommen, seit
die Deutschen offenbar immer schon vorher wissen, wo die britischen
Flugzeuge sind.
Auf einer kleinen Insel vor der dänischen Küste
stolpert indes Harald auf einem Militärstützpunkt
über eine seltsame Anlage, die der Luftraumüberwachung
dient
Ken Follett goes back to the roots: Wie schon in seinem Erstling,
dem Weltbestseller Die Nadel, und auch seinem bis dato
letzten Buch Die Leopardin befinden wir uns mitten
im 2. Weltkrieg auf der Suche nach der entscheidenden Information,
um Hitlerdeutschland endlich einen Gegenschlag versetzen zu
können. Werden und Vergehen ganzer Nationen hängt
am seidenen Faden, einzelne Menschen halten das Schicksal
der Welt in ihren Händen.
So weit, so dramatisch, so bekannt. Follett versteht ohne
Frage sein Handwerk und erzeugt auch in seinem jüngsten
Wurf gehörig Spannung - was umso verwunderlicher ist
angesichts der Vorhersehbarkeit der Handlung, der teils wirklich
zu klischeehaften Figuren und last but not least dem obligat-unglaubwürdigen
Showdown. Aber mit der Thriller-Konfektion Marke Follett ist
das eben so eine Sache - auch wenn er sich zum zigsten Mal
wiederholt, steht er immer noch deutlich über dem Durchschnitt.
Kunsthandwerk ist keine Kunst, aber allemal vergnüglich
zu konsumieren.
Ken Follett: Mitternachtsfalken. Gustav Lübbe
Verlag, Bergisch-Gladbach 2003. Geb., 543 S.
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Lügenmeer

Im Sog von Henning Mankell erlebt der Skandinavien-Krimi seit
einigen Jahren eine noch nie erlebte Blüte. Kjell Ola
Dahl reüssierte mit Schaufenstermord und Sommernachtstod
und legt nunmehr das dritte Abenteuer mit seinem Ermittlerduo
Gunnarstranda/Fröhlich vor. Für mich der Erstkontakt:
skandinavische Ermittler müssen anscheinend am Rande
des Zusammenbruchs stehen, jedenfalls hat Gunnarstranda ein
Lungenemphysem vorzuweisen, was ihn zwar nach jedem Stockwerk
halb verenden lässt vor Kurzatmigkeit, aber dennoch nicht
am Rauchen hindert. Außerdem hat er praktisch keine
Haare mehr am Kopf und, was weit schwerer wiegt, er verfügt
weder über den analytischen Verstand eines Wallander
noch über irgendeinen Anflug von Humor oder Gewitztheit.
Dazu eine sich dahinschleppende Handlung, die die ersten 150
Seiten mit endlos-unergiebigen Befragungen um eine Herointote
im Parkhaus und einen verschwundenen afrikanischen Jungwissenschaftler
füllt. Der ganzen Fadesse fehlt es an Tempo, die Figuren
bleiben ungreifbar, Spannung kommt nicht auf. Das reichlich
eingestreute Osloer Lokalkolorit bleibt in Dahls "Krimi"
farblos bis irritierend - einfach sehr, sehr schwach.
Kjell Ola Dahl: Lügenmeer. Ehrenwirth, Bergisch-Gladbach
2004. 350 S.
Das
Imperium der Wölfe 
Anna Heymes, eine junge Französin, leidet unter Anfällen
von partiellem Gedächtnisschwund: Sie erkennt ihren eigenen
Mann nicht mehr.
Paul Nertaux, der junge Polizist, wird auf eine Serie von
ultrabrutalen Morden an illegalen türkischen Arbeiterinnen
angesetzt. Er zieht einen Kollegen von einst hinzu, ein wahrer
Teufel in Polizistengestalt.
Natürlich gibt es eine Verbindung zwischen den beiden
Szenarien, mit Sicherheit ist diese eine Überraschung
Alles begann mit der Angst. Alles wird mit ihr enden.
Der in Frankreich als "König des Thrillers"
gehandelte Jean-Christophe Grangé hat erneut seine
liebsten Zutaten hervorgeholt und zu einem gräulich spannenden
Gericht verarbeitet: Psychopathische Bullen, Ritualisierung
der Gewalt, raffinierte Verschachtelung des Plots und ein
hoher Blutzoll unter den scheinbaren Helden der Geschichte.
Grangé pflegt einen höllisch barocken Schreibstil,
der einem die gewalttriefenden Details schmerzhaft direkt
vor Augen führt. Dabei verliert er nie den Bezug zu den
Fakten, die, gut recherchiert und reichlich eingestreut, für
den hohen Grad an Realismus und Glaubhaftigkeit der Story
sorgen. Einziger Abzug: Wie schon in den purpurnen Flüssen
konnte es Grangé am Ende nicht lassen, noch einen Showdown
anzuhängen, der den schalen Geruch der Aufgesetztheit
verbreitet. Bis auf diese paar letzten Seiten - ein harter
Thriller der Sonderklasse.
Jean-Christophe Grangé: Das Imperium der Wölfe.
Ehrenwirth, Verlagsgruppe Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004.
446 S.
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Tödliche
Absicht 
Personenschutz ist ein frustrierendes Geschäft: 99,9
% seiner Zeit verbringt man in banger Erwartung und ständiger
Konzentration auf vorwiegend nichts - und wenn es dann doch
geschieht, das Attentat, ist allen Bemühungen zum Trotz
dennoch keineswegs Sicherheit gewährleistet.
Die Truppe rund um M. E. Froelich, einer hochbegabten Agentin,
ist für den Schutz des Vizepräsidenten verantwortlich
- und hat allen Grund, sich noch mehr Sorgen als gewöhnlich
zu machen, denn eine Serie von Drohbriefen gelangt auf unerklärliche
Weise direkt ins Herz des Secret Service. Sie zieht Jack Reacher
hinzu, einen einsamen Wolf und Bruder ihres Ex-Liebhabers,
und verpflichtet ihn zu fingierten Attentaten auf den Politiker,
um die Lücken ihres Systems zu ergründen.
Lee Childs Krimis rund um Jack Reacher, den ehemaligen Spitzenermittler
bei der Militärpolizei, haben eine treue Fangemeinde,
die Serie in der mittlerweile 5. Runde wurde u.a. mit einem
Preis für Spannungsliteratur ausgezeichnet. Nun, das
mag gut und gerne für andere Reacher-Thriller gelten,
dieser hier ist gründlich missglückt. Bis auf die
letzten 50 Seiten geschieht vorwiegend so wenig, dass alles
nur keine Spannung aufkommt. Im Mikromillimeterbereich schleppt
sich die Handlung dahin - was, der einzige Pluspunkt der Geschichte,
den entnervenden Job der Leibwächter zwischen permanenter
Langeweile und Sekunden des totalen Adrenalins nachfühlbar
macht. Reacher selbst, die Unterkühlung in Person, ist
eine Art politisch korrekter Supermacho mit Hang zum Größenwahn
und fügt sich in seiner emotionalen Eiseskälte nahtlos
in ein Geschehen der grauen, gesichtslosen Figuren ein - Agent
Smith ist überall. Die Dialoge sind hölzern und
die klassischen Versuche, durch überraschende Wendungen
Verblüffung zu erzeugen, scheitern jämmerlich an
der Glaubhaftigkeit der Geschehnisse: Reacher, der Blitzkneißer,
ist scheints mit geradezu hellseherischen Fähigkeiten
gesegnet - und übersieht dennoch auf der Hand liegende
Tatsachen, bei denen der Leser sich über hunderte Seiten
fragt, wann die denn nun endlich zur Sprache kommen werden.
Auf der Dan Brownschen Spannungsskala erhält dieser lustlos
hingeschriebene Reißer 4/10. Enttäuschend.
Lee Child: Tödliche Absicht. Blanvalet, München
2003. Geb., 478 S.
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"Envy"
- ( Neid) 
Dieser Kriminalroman lässt hinter einige Fassaden blicken
und die Autorin betreibt sehr geschickt ein Spiel mit diversen
Vorurteilen und voreilig gefassten Meinungen.
Die New Yorker Lektorin Maris erhält ohne weitere Zusatz-informationen
ein Romanfragment zugesandt, dessen Zeilen sie sofort in den
Bann schlagen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten findet sie
schließlich heraus, dass der/ die VerfasserIn in Georgia
lebt. Sie begibt sich auf die Reise dorthin - nichtsahnend,
dass das Fragment ein Köder ist, der eine ganze Reihe
von Ereignissen in Bewegung setzt: So stolpert Maris von einer
Überraschung in die nächste, wobei sich manche als
für sie leider ziemlich hässlich entpuppen.
Die Charaktere erscheinen vielschichtig und ihre Beweggründe
sind während des Lesens gut nachzuvollziehen. Ein besonderes
Plus erhält dieser Krimi durch den sinnlichen Unterton,
der sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht. Genau das
fehlt anderen Werken: Unverblümt und vielschichtig, doch
ohne jemals derb zu werden, schildert die Autorin, wie Maris
ganzes Leben und auch ihre Sexualität völlig auf
den Kopf gestellt werden. Am Beginn von "Envy"
denkt und handelt Maris wie ein Mädchen - doch am Schluss
präsentiert sie sich als selbstbewusste Frau, die weiß,
wie sie ihr Leben und ihre Beziehungen gestalten möchte.
(Anne Artner)
Sandra Brown: "Envy" - (Neid). Blanvalet,
München 2004, 544 S.
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Sakrileg
Der Direktor des Louvre wird ermordet - und das mitten in
den Räumen der weltgrößten Kunstsammlung.
Seine letzten Gedanken gelten einem mächtigen, uralten
Geheimnis, das mit seinem Tod untergehen würde. Er muss
noch eine Botschaft übermitteln, während aus einem
Bauchschuss langsam das Leben aus ihm sickert.
Die symbolträchtige Form, in der der Mann sich zum Sterben
niederlegt, ist nicht der einzige Grund, warum der Symbolkundler
Robert Langdon auf den Plan gerufen wird: Der Harvard-Wissenschaftler
gilt als wichtigster Tatverdächtiger
Wie schon in seinem Bestseller Illuminati hebt eine
atemberaubende Schnitzeljagd an, die vor verblüffenden
symbolologischen Zusammenhängen, Bezügen und Enthüllungen
nur so wimmelt. Mit dabei: die 1099 gegründete und heute
noch existierende Geheimgesellschaft Prieuré de
Sion, die ultrakonservative katholische Sekte Opus
Dei, das französische Pendant zum FBI
Die Jagd
gilt dem christlichen Mythos schlechthin, wie wir irgendwann
erfahren - und worum es sich dabei eigentlich handelt. Perfekt
recherchiert serviert uns Dan Brown erneut eine Mischung aus
explosiven Fakten und spannungsgeladenem Thriller, und diesmal
geht es, was die Praktiken der katholischen Kirche betrifft,
endgültig ans Eingemachte. Verwunderlich, dass diese
(im Vergleich zu Illuminati noch kenntnisreichere,
dafür nicht ganz so ultraspannende) Enthüllungsstory
nicht ähnliche kirchliche Reaktionen hervorrief wie etwa
Scorseses Die letzte Versuchung Christi, ist sie doch
weitaus eher dazu geeignet, die mächtigste Religionsgemeinschaft
der Erde in ihren Grundfesten zu erschüttern
Dan Brown: Sakrileg. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach
2004. Hc., 605 S.
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Pelagia
und die weißen Hunde 
Wertvolle Hunde werden ermordet, zwei kopflose Leichen an
Land gespült - mit einem Schlag ist es um den so sorgfältig
gepflegten Frieden in der Provinz Sawolshk geschehen. Die
Ordensschwester Pelagia scheint die einzige zu sein, die eine
Verbindung zwischen den Verbrechen ahnt. Und während
rund um sie Intrigen gesponnen und weitere Gewalttaten verübt
werden, tastet sich das "Auge und Ohr" des Bischofs
Schritt für Schritt zur überraschenden Wahrheit
durch.
Boris Akunin ist in seiner russischen Heimat ein Krimistar,
dessen Serienheld Fandorin als "James Bond des
19. Jhd." Kultstatus erlangt hat. Nach 7 Fandorin-Krimis
wechselte er, ohne das 19. Jhd. zu verlassen, zu Schwester
Pelagia, deren erstes Abenteuer nun auch auf Deutsch vorliegt.
Mit feiner Klinge schafft er einen an Dostojewski gemahnenden,
beziehungsvollen Gesellschaftsroman, ohne in dessen ausufernde
Langatmigkeit zu verfallen. Wohldosiert mischt er Ironie und
gefahrvolle Ereignisse in sein Whodunit, in dessen Zentrum
mit der gewitzten Nonne Pelagia der wohl ungewöhnlichste
Detektiv der Krimigeschichte steht. Angenehm zu lesende, recht
spannende Krimiunterhaltung auf hohem literarischen Niveau,
die so nebenbei einiges an russischer Geschichte vermittelt.
Boris Akunin: Pelagia und die weißen Hunde. TB,
Goldmann, München 2003. 320 S.
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